ZG03112906 - 30.11.2003
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Gabriele Kuby: Harry Potter – „Mein Wille geschehe“ gegen „Dein Wille geschehe“?


Interview mit der Soziologin Gabriele Kuby, die in den Potter-Büchern viele Gefahren für Kinder und Jugendliche sieht


ROM, 29. November 2003 (ZENIT.org-http://www.pur-magazin.de).- Die fünfte Harry-Potter-Welle überzieht derzeit Deutschland. Und alle machen mit - Harry Potter: Ein internationales Zeitgeist-Phänomen und ein Geschäft, an dem viele mitverdienen. Vor zwei Jahren hat es in den USA große Debatten über die Bücher der Autorin Joanne K. Rowling gegeben – auch in der katholischen Welt. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Harry Potter könnte nun auch in Deutschland stattfinden – insbesondere seit der Veröffentlichung des fünften Bandes in deutscher Sprache: "Harry Potter und der Orden des Phönix".

In der von einer „beängstigenden Atmosphäre des Bösen, der Magie, von Gewalt und Kälte beherrschten Potter-Phantasiewelt“, so schreibt das PUR-Magazin, hat Gabriele Kuby viele Gefahren für Kinder und Jugendliche entdeckt, die sie in ihrem neuen Buch "Harry Potter - gut oder böse“ der Öffentlichkeit vorlegt. Die Autorin sieht in Harry Potter vor allem eine Einführung der Magie in die Wohn- und Kinderzimmer der westlichen Welt. Damit zerstöre die Autorin Joanne K. Rowling christliche Werte. Gabriele Kuby glaubt auch nicht, dass am Ende der Harry-Potter-Serie das Gute siegen wird. Das Interview erscheint in der aktuellen Ausgabe der Monatszeitung, wir drucken es mit freundlicher Genehmigung ab.

FRAGE: Dieser Tage erschien der fünfte Band von Harry Potter in deutscher Sprache. Medien und Leser sind begeistert. Sie legen gleichzeitig ein Buch mit scharfer Kritik an den Potter-Bänden vor. Erkennen nur Sie die wahre Gefahr von Potter und lässt sich die übrige Öffentlichkeit blenden?

Gabriele Kuby: In der Tat muss ich mich fragen, ob ich mich mit diesem Thema „verrannt“ habe. Die Antwort findet man durch Selbsterkenntnis. Ich habe kein Motiv, den Teufel an eine weiße Wand zu malen. Aber wenn ich mit meinen eigenen zwei Augen, mit Verstand und Herz, einen Teufel an der Wand sehe, während die meisten anderen dort nur eine Blümchentapete wahrnehmen, dann fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit meine Stimme zu geben – gelegen oder ungelegen. Es gibt Verblendung, wir Deutschen wissen das. Auch Autoritäten irren. Es bleibt uns nichts anderes, als den Heiligen Geist um die Kraft der Unterscheidung zu bitten, uns ein eigenes Urteil zu bilden und dafür Verantwortung vor Gott und den Menschen zu übernehmen.

Gott sei Dank bin ich mit meiner Kritik nicht ganz allein. Letzte Woche machte eine Stellungnahme des Stadtjugendamtes München Schlagzeilen. Dort heißt es: „Für die Fachstelle Jugendschutz ist Harry Potter kein Kinderbuch. Der Roman entwickelt eine komplexe und düstere Story, die die Leserinnen und Leser in eine Stimmung zwischen Angst und Wut entführt, und sich in teilweise sehr brutalen und blutigen Szenen auflöst. Junge Leserinnen und Leser verfügen oft noch nicht über die erforderliche Medienkompetenz, solche Spannung auszuhalten oder ihre ‘erlesenen’ Sorgen und Ängste wieder loszuwerden.“

Erfreulicherweise hat mir Kardinal Ratzinger den Rücken gestärkt. Er schrieb mir:

„Es ist gut, dass Sie in Sachen Harry Potter aufklären, denn dies sind subtile Verführungen, die unmerklich und gerade dadurch tief wirken und das Christentum in der Seele zersetzen, ehe es überhaupt recht wachsen konnte.“

FRAGE: Welches Interesse sollte die Autorin Joanne K. Rowling daran haben, unsere Kultur zu verändern und Jugendliche zur Magie zu verführen?

Gabriele Kuby: Ich interessiere mich nicht für die Autorin, weil ich die Wahrheit über ihre Motive und die Quelle ihrer unerschöpflichen Fähigkeit, Gestalten und Bilder des Bösen zu kreieren, nicht in Erfahrung bringen kann.

FRAGE: Warum kommen Sie zu dem Schluss, dass Harry Potter nicht gegen das Böse kämpft? Verlor nicht Voldemort seine Macht, weil die Mutter Harrys sich aus Liebe für ihren Sohn geopfert hat? Kämpfte Harry nicht siegreich gegen die Bestie in der „Kammer des Schreckens“ und entkam er nicht an anderer Stelle nur durch einen Kampf mit Voldemort dem Tod?

Gabriele Kuby: Es wird behauptet, Harry Potter sei eine Geschichte über den Kampf zwischen Gut und Böse. Wer ein Teil des Bösen ist, kann nicht gegen das Böse kämpfen. Schon im ersten Band wird die Verwandtschaft Harrys mit Voldemorts angedeutet. Der Zauberstab Harrys ist „ein Bruder“ des Zauberstabes von Voldemort. Im fünften Band wird Harry von Voldemort besessen, er fühlt, denkt und tut, was Voldemort fühlt, denkt und tut.

Das führt zur Zerstörung von Harrys Persönlichkeit. Er empfindet im größten Schmerz exstatischen Jubel.
Der Opfertod der Mutter ist nichts weiter als ein Köder für Christen. Von den 3000 Seiten nimmt dieses Thema keine zwei Seiten ein. Es wird einfach nur gesagt, dass die Hexenmutter sich geopfert habe. Die Qualität von Liebe ist im Potter-Universum nicht existent und nicht erfahrbar. Wer Direktor Dumbledore für eine Quelle der Liebe hält, der höre, was er sagt:

„Ich habe dich genauer beobachtet, als du dir vorstellen kannst – nicht um dir mehr Schmerzen zu ersparen, als du bereits erlitten hast. Was scherte es mich, wenn namenlose und gesichtslose Menschen und Kreaturen in der ungewissen Zukunft geschlachtet würden, solange du im Hier und Jetzt glücklich am Leben warst?“ (Engl. Ausgabe, S. 739)

FRAGE: Warum beziehen Sie die negative Darstellung der Pflegeeltern Harrys auf die gesamte Menschheit?

Gabriele Kuby: Weil „die Menschheit“ sonst nicht vorkommt. Die Welt der Muggels, wie die Menschen bei Potter heißen, werden durch die Pflegeeltern repräsentiert. Sonstige Muggels, etwa die Eltern von sogenannten Schlammblütern oder Halbblütern gehören in die magische Welt.

FRAGE: Sie sprechen von „emotionaler Manipulation“ in den Potter-Büchern. Was verstehen Sie darunter, können Sie Beispiele nennen?

Gabriele Kuby: Angenommen, jemand hätte das Ziel, Magie in einer Gesellschaft salonfähig zu machen, in der noch ein gewisser christlicher Restwiderstand gegen Magie besteht. Wie schafft man es, diesem Widerstand die Kraft zu nehmen? Jeder Potter-Band beginnt mit der menschlichen Pflegefamilie von Harry, die verabscheuungswürdig dargestellt wird. Die Dursleys wollen Harry vor der Schule der Zauberei und Hexerei bewahren. Eigentlich ein guter Impuls. Da aber durch Identifikation mit Harry, der dort empörend schlecht behandelt wird, eine starke emotionale Ablehnung aufgebaut wird, wird auch dieser Impuls vom Leser negativ gewertet. Resultat: Magie ist cool.

Im fünften Band wird die selbe Methode angewandt. Die diktatorische Lehrerin Mrs. Umbridge spricht sich gegen Gewalt und gegen den Unterricht in praktischer Magie aus. Da sie gehasst wird, wird auch ihr Widerstand gegen praktische Magie gehasst.

FRAGE: Sie haben zehn plakative Argumente gegen Harry Potter formuliert. Darin sprechen Sie unter anderem von „Meinungsdiktatur“ und von einem Widerspruch gegen „den Geist der Verfassung“. Können Sie solch schwere Anschuldigungen begründen?

Gabriele Kuby: Potter-Kritiker haben es sehr schwer, in den Medien zu Wort zu kommen, katholische Medien eingeschlossen. Eine Kleinigkeit: Die Internet-Buchhandlug Amazon, die auch den blanken Satanismus verkauft, hat mein Potter-Buch zunächst nicht angeboten, nach Protesten tut sie es, aber ohne – wie sonst üblich – das Cover abzubilden. Oder: Die Buchhändler, die am 21. Juni 2003 die englische Ausgabe von Band 5 verkaufen wollten, mussten einen Vertrag unterschreiben, dass sie das Buch vor dem Verkauf nicht lesen. Damit haben sie mal eben ihr Buchhändlerethos für (den Verdienst an) Potter über die Klinge springen lassen.

Zwei menschliche Schwächen machen einen solchen Erfolg möglich: Die eine ist die Bereitschaft, Prinzipien zu opfern, wenn man Geld verdienen kann. Welcher Verleger, Lektor, Übersetzer, Werbestratege, Drucker oder Buchhändler wollte aus Verantwortung für die Jugend darauf verzichten, einen deftigen Batzen der Potter-Milliarden in die eigene Tasche zu stecken? Die zweite Schwäche ist Menschenfurcht. Sie ist das Vehikel der Verblendung.

Einen Widerspruch zum Geist unserer Verfassung sehe ich, wenn Kinder in den Schulen gezwungen werden, Harry Potter zu lesen und die Filme anzuschauen. Unsere Verfassung garantiert Religionsfreiheit. Wenn die seelischen Voraussetzungen für eine Bindung an Gott zerstört werden, dann wird damit diese Verfassungsgarantie unterlaufen. Das Eintauchen des jungen Menschen in die dämonische Welt Harry Potters, das die ganze Jugendzeit in Anspruch nehmen kann, ist antireligiöse Indoktrination, weil sie die Empfindungsfähigkeit für Gott, für das Wahre, Schöne und Gute blockiert und zur Magie verführt.

FRAGE: Warum befürchten Sie, dass die jugendlichen Leser nicht zwischen der Realität und der Fantasiewelt Potters unterscheiden können?

Gabriele Kuby: Ich glaube schon, dass ältere Jugendliche wissen, dass sie sich in einer Fantasiewelt bewegen. Jüngeren liefert Potter den Stoff für Alpträume und ein Angstpotential, das sich dann entfaltet, wenn es in der wirklichen Welt Grund zur Angst gibt. In Bedrängnis können dann auch die magischen Allmachtsfantasien ihre Wirkung tun. Wo diese Altersgrenze liegt, ist individuell verschieden. Was mich angeht, so liegt sie über fünfzig. Für mich war es äußerst belastend, Potter zu lesen. Ich habe nur den ersten Film gesehen und werde keine weiteren anschauen, weil ich mich im Film noch weniger distanzieren kann. Ich habe Mitleid mit den Kindern, die dem ausgeliefert werden.

Was mich wundert, ist, dass in einer Gesellschaft, die Milliarden für Werbung ausgibt, plötzlich niemand mehr etwas von der Wirkung von Fantasie-Bildern wissen will. Der Mensch wird von den Bildern, die er in sich trägt, in seinem Wollen, Fühlen und Handeln gesteuert. Wir leben in einer Kultur, die die Bilder des Bösen zum Stoff der Unterhaltung macht, und dabei immer neue Grenzen überschreitet. Möchte jemand behaupten, dass das, was sich aus dem Fernseher und Internet in die Wohnzimmer und Kinderzimmer (!) ergießt, einen positiven Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung hat? Aber wir sind nicht in der Lage, uns davon zu reinigen.

FRAGE: Ihre Hauptsorge ist, wenn wir das richtig verstehen, dass die Jugendlichen in die Magie getrieben werden. Warum ist Magie gefährlich?

Gabriele Kuby: Die Einschätzung von Magie ist davon abhängig, ob man glaubt, dass es eine göttliche und eine dämonische Realität wirklich gibt. Dieser Glaube ist in unserer Gesellschaft weitgehend zusammengebrochen, deswegen meint man, man könne mit Magie herumspielen. Ich glaube, dass es Gott gibt und dass es eine bewusste böse Kraft gibt, die Jesus und die Kirche Satan oder Teufel nennen. Magie heißt, dass sich der Mensch für egoistische Zwecke dämonischer Mächte bedient. Eine Freundin von mir, eine bayerische Bäuerin, sagt: „Der Deifi huift seine Freind, aber er hoit's a“ (Der Teufel hilft seinen Freunden, aber er holt sie auch).

FRAGE: Welche negativen Auswirkungen auf das wirkliche Leben von Kindern und Jugendlichen befürchten Sie durch Film und Lektüre von Harry Potter?

Gabriele Kuby: Ich fürchte das, was Kardinal Ratzinger ausdrückt: Dass sie von der Quelle der Liebe und der Hoffnung, die Gott ist, abgeschnitten werden; dass sie, wenn die Lebensumstände leidvoll sind, kein Fundament haben, das sie trägt; dass ihnen der Geist der Unterscheidung zwischen Gut und Böse abhanden kommt und sie nicht die nötige Erkenntnis und Kraft haben werden, um der Versuchung des Bösen zu widersagen.

FRAGE: In einem früheren Buch haben Sie und Michael Hageböck Harry Potter und den Herr der Ringe untersucht. Worin sehen Sie den Unterschied zwischen den beiden Fantasy-Geschichten.

Gabriele Kuby: Tolkien war ein praktizierender Christ. Er vermittelt in der von ihm geschaffenen Fantasiewelt christliche Werte. Von Rowling kann man mit Sicherheit sagen, dass sie Atheistin ist und ohne Sicherheit manches vermuten. Sie zerstört christliche Werte.

FRAGE: Glauben Sie, dass die Bibel im Widerspruch zu Harry Potter steht?

Gabriele Kuby: Durchaus. Die Bibel warnt unmissverständlich vor Magie, sowohl im Alten wie im Neuen Testament. Lesen Sie Deuteronomium 18, 9-12, da werden so ziemlich alle Praktiken, die heute in der Esoterik gang und gebe sind, als Gräuel beschrieben; die Apostelgeschichte, in der Paulus den Zauberer Elymas als „elenden und gerissenen Betrüger, Sohn des Teufels, Feind aller Gerechtigkeit“ beschimpft (Apg 13,6-12) oder die Offenbarung, die für Zauberer keine guten Verheißungen hat. (Offb 21,8 u. 22,15) Auch der Katholische Katechismus ist ganz eindeutig. (KKK 2115-2117) Was ist der Grund? Magie sagt: Mein Wille geschehe. Der gläubige Christ sagt: Dein Wille geschehe.

FRAGE: Dennoch werden die Potter-Bücher auch von zahlreichen Theologen gutgeheißen, teilweise im Religionsunterricht behandelt und in einer wohl einmaligen Werbekampagne durch den katholischen Medienkonzern „Weltbild“ in Deutschland verbreitet.

Gabriele Kuby: Das mögen sie vor Gott rechtfertigen.

FRAGE: Spüren Sie persönlich eine Art der Diskriminierung, weil Sie sich öffentlich gegen die Zeitgeist-Meinung zu Harry Potter stellen, oder finden Sie unter den Lesern Ihrer Bücher Zustimmung?

Gabriele Kuby: Es gibt viele, die mir dafür danken, dass ich eindeutig und klar Stellung beziehe. Aber es gibt auch hämische Kritik, die sich einer ernsthaften Auseinandersetzung entzieht, weil sie glaubt, auf die Vorurteile der Leser bauen zu können. Im persönlichen Gespräch mache ich meistens die Erfahrung, dass Potterfans nach einer Weile nachdenklich werden.

FRAGE: Es folgen in den nächsten Jahren noch weitere Potter-Bücher. Wagen Sie eine Spekulation: Wird am Ende der Harry-Potter-Serie das Gute siegen?

Gabriele Kuby: Ich bin überzeugt, dass das Gute nicht siegen wird, denn es gibt das Gute bei Potter nur als Attrappe. Meine Fantasie reicht nicht aus, um mir das Ende vorzustellen. Aber eine Prognose für den nächsten Band wage ich: Ich bin überzeugt, dass wir es mit Totenbeschwörung zu tun bekommen – eine Tätigkeit, vor der die Kirche eindringlich warnt.


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