ZG06102010 - 20.10.2006
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Botschaft des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog an die Muslime (20. Oktober 2006)


„Echte Liebe zu Gott ist von der Liebe zu den anderen nicht zu trennen“


ROM, 20. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine eigene Übersetzung der Botschaft, die der Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog, Kardinal Paul Poupard, zum Ende des Fastenmonats Ramadan an die Gläubigen des Islam richtet.

Der Kurienkardinal ruft in dem Schreiben, das heute im Vatikan vorgestellt wurde, Christen und Muslime zu einer engen Zusammenarbeit auf, um die Probleme unserer Tage aus der Kraft der Gottesliebe heraus gemeinsam zu bewältigen. Außerdem ermutigt er zu gegenseitigen freundschaftlichen Beziehungen, die von tiefem Respekt und aufrichtiger Wertschätzung geprägt sind. Vom gemeinsamen Zeugnis hänge die „Glaubwürdigkeit der Religionen“ ab, bekräftigte Kardinal Poupard.

* * *



Christen und Muslime: vereint in einem zuversichtlichen Dialog mit dem Ziel, die Herausforderungen unserer Welt gemeinsam zu lösen

Liebe Freunde aus dem Islam,

1. Es mir eine Freude, diese Botschaft erstmals als Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Rat an Euch zu richten und Euch, die Ihr den Abschluss des Fastenmonats Ramadan begeht, die wärmsten Grüße dieses Rates zu entrichten. Ich wünsche Euch Frieden, Ruhe und Freude in euren Herzen, Häusern und Ländern. Diese guten Wünsche sind ein Widerhall dessen, was Seine Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zu Beginn des Ramadan gegenüber den beim Heiligen Stuhl akkreditierten Diplomaten aus den Ländern mit muslimischer Mehrheit, gegenüber den Botschaftern anderer Nationen, die Mitglieder und Beobachter der Islamischen Konferenz sind, und gegenüber Vertretern der muslimischen Gemeinden in Italien zum Ausdruck brachte.

2. Es ist gut, dass wir diesen bedeutsamen Augenblick im Kontext unseres laufenden Dialogs mit Euch teilen dürfen. Die besonderen Umstände, die wir vor kurzem gemeinsam erlebt haben, zeigen deutlich, dass der Dialog notwendiger ist als je zuvor, wie beschwerlich der Weg des echten Dialogs beizeiten auch sein mag.

3. Der Monat Ramadan, den ihr gerade beendet habt, ist zweifellos eine Zeit des Gebetes gewesen und des Nachdenkens über die schwierige Situation, in der sich die heutige Welt befindet. Wenn man all das Gute betrachtet und Gott dafür dankt, ist es unmöglich, nicht auch die schwierigen Probleme unserer Zeit zu bemerken: Ungerechtigkeit, Armut, Spannungen und Konflikte zwischen den Nationen und in ihren Landesgrenzen. Gewalt und Terrorismus sind eine besonders schmerzhafte Geißel. So viele Menschenleben vernichtet, so viele Frauen zu Witwen geworden, so viele Kinder, die einen Elternteil verloren haben, so viele Kinder verwaist… So viele Verletzte, physisch und psychisch… So vieles, was in jahrelanger Arbeit unter Opfer und Mühe aufgebaut wurde, in nur wenigen Minuten zerstört!

4. Sind wir als christliche und muslimische Gläubige nicht als Erste dazu aufgerufen, unseren ganz spezifischen Beitrag zur Lösung dieser ernsten Situation und dieser komplexen Probleme anzubieten? Ohne Zweifel stehen hier die Glaubwürdigkeit der Religionen und die Glaubwürdigkeit ihrer Hirten und aller Gläubigen auf dem Spiel. Werden wir unserer Rolle als Gläubige nicht gerecht, werden viele Menschen den Nutzen von Religion und die Integrität der Männer und Frauen, die sich vor Gott verneigen, in Zweifel ziehen.

Unsere beiden Religionen schenken der Liebe, dem Mitleid und der Solidarität große Bedeutung. In diesem Zusammenhang möchte ich mit euch die Botschaft der ersten Enzyklika Seiner Heiligkeit Papst Benedikts XVI., Deus caritas est (Gott ist die Liebe), teilen, die die charakteristischste „Definition“ von Gott in den heiligen Schriften des Christentums widerhallen lässt: „Gott ist die Liebe“ (1 Joh 4,8). Echte Liebe zu Gott ist von der Liebe zu den anderen nicht zu trennen: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht" (1 Joh 4,20). Indem die Enzyklika diesen Punkt in Erinnerung ruft, unterstreicht sie die Bedeutung der brüderlichen Liebe in der Sendung der Kirche: Damit die Liebe glaubwürdig ist, muss sie wirken. Sie muss allen zur Hilfe kommen, zuallererst den Bedürftigsten. Wahre Liebe muss auf alle Bedürfnisse des täglichen Lebens antworten; sie muss auch gerechte und friedliche Lösungen für die schwierigen Probleme finden, die unsere Welt plagen.

5. Die Gläubigen, die sich dafür einsetzen, bedürftigen Menschen zu helfen oder Lösungen für diese Problemen zu finden, tun das vor allem aus ihrer Liebe zu Gott heraus, „für das Antlitz Gottes“. In Psalm 27 heißt es: „Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir…“(Verse 8b-9a). Der Fastenmonat, den ihr gerade beendet habt, hat euch nicht nur dazu veranlasst, dem Gebet größere Aufmerksamkeit zu schenken, sondern er hat euch auch für die Bedürfnisse der anderen empfindlicher werden lassen, insbesondere für die Not der Hungernden, und in euch eine noch größere Großzügigkeit gegenüber denen hervorgebracht, die Not leiden.

6. Die Sorgen eines jeden Tages und die schwierigen Probleme der Welt verlangen unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln. Bitten wir Gott im Gebet darum, dass er uns helfen möge, sie mutig und entschlossen anzugehen. Dort, wo es uns möglich ist, gemeinsam zu handeln, dort lasst uns nicht getrennt arbeiten. Die Welt – und auch wir! – brauchen Christen und Muslime, die sich gegenseitig respektieren, einander schätzen und Zeugnis von ihrer gegenseitigen Liebe und Zusammenarbeit geben – zur Ehre Gottes und zum Wohl der ganzen Menschheit.

7. Mit Gefühlen aufrichtiger Freundschaft grüße ich euch und vertraue euch diese meine Gedanken an, damit ihr sie bedenken könnt. Ich flehe Gott den Allmächtigen an, dass sie überall zur Förderung von Beziehungen tieferen Verständnisses und größerer Zusammenarbeit unter Christen und Muslimen beitragen mögen und auf diese Weise einen bedeutsamen Beitrag zur Wiederherstellung und Stärkung des Friedens unter den Nationen und Völkern leisten können, in Übereinstimmung mit den tiefen Sehnsüchten aller Gläubigen und aller Männer und Frauen guten Willens.

Paul Kardinal Poupard
Präsident

Erzbischof Pier Luigi Celata
Sekretär

[ZENIT-Übersetzung des französischen vom Heiligen Stuhl veröffentlichten Originals]


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