Maria Anna Leenen
ROM, 4. Februar 2010 (ZENIT.org).- "Was ist Nachfolge? Was ist Berufung? Eine Belohnung für spirituelle Leistung? Oder das Superschnäppchen auf dem Wühltisch der religiösen Sonderangebote? Ein nettes Mitbringsel des lieben Gottes für die, die (tatsächlich immer noch) glauben?", fragt Maria Anna Leenen in ihrem heutigen "Kommentar zu den Sonntagslesungen im Jahreskreis".
ZENIT wird jeden Donnerstag an dieser Stelle eine Betrachtung zu den ausgewählten Schriftlesungen des "Lesejahres C" veröffentlichen.
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Nur zusammen mit seiner Gnade
Zu den Lesungen des 5. Sonntags im Jahreskreis
Jes 6,1-2a.3-8; 1 Kor 15,1-11; Lk 5,1-11
Was ist Nachfolge? Was ist Berufung? Eine Belohnung für spirituelle Leistung? Oder das Superschnäppchen auf dem Wühltisch der religiösen Sonderangebote? Ein nettes Mitbringsel des lieben Gottes für die, die (tatsächlich immer noch) glauben?
Der Text aus dem Buch des Propheten Jesaja geht mit diesen Vorstellungen nicht konform! Die Vision, in deren Verlauf ein Sendungsauftrag gegeben wird, versucht die ungeheure Dimension deutlich zu machen, in der jener lebt, der den Auftrag erteilt. In dem Ich-Erzähler darf der Prophet Jesaja selbst gesehen werden, der in einer Vision Gott schauen darf. Die Berufungsgeschichte zu Beginn des 6. Kapitels wird zeitlich verortet mit dem Todesjahr des Königs Usija (735 v. Chr.) Gott, der Herr, "saß auf einem hohen und erhabenen Thron. Der Saum seines Gewandes füllte den Tempel aus." (Jes 6,1b) Was für ein Bild! Wenn schon der Saum des Gewandes die nicht gerade kleinen Ausmaße des Tempels ausfüllt, wie groß ist dann der, der das Gewand trägt? Der Thron dieses Herrn, der hoch und erhaben aufragt, sprengt er dann nicht Dach und Mauer? Das Bild ist letztlich nicht zu begreifen, der kleine Mensch kann die Größe Gottes nicht erfassen. Der, den Jesaja "sieht" (V.1) kennt keine Beschränkung. Unterstrichen wird diese machtvolle Vision durch Wesen, welche Gottes absolute Universalität bezeugen: "Serafim standen über ihm." Sie rufen einander das dreimal Heilig zu: " Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heere. Von seiner Herrlichkeit ist die Erde erfüllt." (V.2) Normalerweise unter die Kategorie Engel einsortiert, fasst dieser Begriff das Wesen dieser Geschöpfe nicht ganz. Frühere Exegeten vermuteten in ihnen Personifikationen des Blitzes oder mythische Schlangengestalten, da die hebräische Bezeichnung für 'ätzend brennen' der Wortstamm von Seraf ist. Heute sieht man in ihnen eher eine Form von Wächterwesen, die Gottes Heiligkeit zu verkünden haben. (E. Zenger)
Einer dieser Furcht einflößenden Serafim reinigt Jesajas Lippen mit glühender Altarkohle, denn sie sind - wie er selber sagt - unrein. Jesajas Angst ist groß, dessentwegen verloren zu sein, das heißt: zu sterben und von Gott getrennt zu werden, denn kein Mensch - zumal ein 'Unreiner'- kann Gott sehen und am Leben bleiben (Ex 33,20) Nach dieser Reinigung, die zugleich eine Entsühnung bedeutet (V.7b) ertönt die machtvolle Stimme des Herrn: "Wen soll ich senden? Wer wird für uns gehen?" (V.8) Im Grunde genommen ist es keine echte Frage, die also ein Nein gelten lassen würde. Denn Jesaja hat den Herrn gesehen - und ist am Leben geblieben. Seine Unreinheit, das einzige wirkliche Hindernis, ist getilgt. Es bleibt nur eine Antwort: "Hier bin ich, sende mich!" (V.8).
Es ist ein Ja ohne Kompromiss. Wen der Herr wirklich ruft, der kann nicht anders als ihm zu folgen.
Ähnlich geht es Simon Petrus und den beiden Söhnen des Zebedäus in der Perikope von der Berufung der ersten Jünger. (Lk 5, 1-11). Jesus scheint am Anfang nur eine ruhige Position zu suchen für die Verkündigung, die am Ufer im Gedränge der Menschen schwer möglich ist. Die Fischer, die ihre Netze waschen, haben gerade die Arbeit einer langen Nacht hinter sich. Einer erfolglosen Nacht. Sie sind müde und wohl auch etwas resigniert. Eine Nacht ohne Fang schmälert das sowieso schon geringe Einkommen noch mehr. Trotzdem ist Petrus bereit, Jesus ein Stück weit vom Land weg zu rudern. Bis jetzt ein gut verständlicher Vorgang. Petrus, Jakobus und Johannes haben sicher Jesu Predigt zugehört und vielleicht ist der erste Funke der Begeisterung schon aufgeflammt. Doch dann folgt die Aufforderung Jesu an Simon: "Fahr hinaus auf den See! Dort werft eure Netze aus." (V.4) Eine verblüffende Aufforderung! Doch Petrus wagt das Vertrauen auf den Herrn. Sie werfen die Netze aus und der Fang ist so übergroß, dass sie ihn mit zwei Booten kaum bergen können. Wie beim Propheten Jesaja ist das Erschrecken des Petrus tief vor diesem Machterweis Jesu. "Herr, geh weg von mir; ich bin ein Sünder!" (V.8) Der Abstand zwischen der kleinen Kraft des Menschen und der überragenden Macht Gottes wird ihm urplötzlich deutlich und öffnet ihn für die Bereitschaft zur Nachfolge. Jesus sagt ausdrücklich: "Fürchte dich nicht!" (V.10b) Angst zu haben braucht gerade der nicht, den Jesus ruft. "Von jetzt an wirst du Menschen fangen." Jesus sagt nicht Menschen fischen, denn beim Fischen sterben die, die in den Netzen hängen bleiben. Er sagt fangen. Das Netz, das diese Fische fängt und trägt, letztendlich hinträgt in das ewige Leben, ist der Glaube an diesen Jesus und an die Gemeinschaft derer, die ihm glauben. So machtvoll anziehend sind Jesu Worte, dass die Drei ohne zu zögern alles verlassen und ihm folgen.
Drei Fischer, die anscheinend nicht immer sehr erfolgreich sind, beruft der Herr zu den ersten, die ihm folgen sollen. Einer davon ist hier schon durch Lukas klar gekennzeichnet als der Führer. Auch er ein Fischer. Einer, der ihn später sogar verraten wird.
Gottes Erwählungskriterien sind undurchschaubar. Er ruft, wen er rufen will. Ob arme Fischer vom See Gennesaret oder einen Hassprediger aus Tarsus, die "Missgeburt", wie er sich selber nennt. (1 Kor 15,8) Paulus hat seine ganze Intelligenz, sein Können und seine weitreichenden Beziehungen eingesetzt, um die junge Kirche zu vernichten.(vgl. Apg 9,1-2) Die Berufung durch Jesus wirft sein komplettes Leben durcheinander; er macht eine Kehrtwende um 180°. Alles, was vorher gegen Christus und seine Kirche gerichtet war, wird jetzt zu dem Antrieb, die Botschaft des Evangeliums zu verbreiten, diese unglaubliche, befreiende, diese unglaublich befreiende Botschaft vom gekreuzigten Auferstandenen Herrn. Dieser hat ihn, gerade ihn, rein aus Gnade berufen. "Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht - nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir." (V.10)
[Maria Anna Leenen, 1956, lebt seit 17 Jahren als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück. Leenen arbeitet als freie Autorin und Publizistin mit dem Schwerpunkt Christliche Spiritualität, vor allem eremitisches Leben heute, Gebet und Kontemplation.www.maria-anna-leenen.de]















