ROM, 4. Februar 2010 (ZENIT.org).- "Internet, Websites, Blogs, Mails und Online-Videos sind die neuen Formen des Hausbesuchs. Sie können Menschen zu Hause erreichen, die von sich aus kaum den Weg zur Kirche finden könnten", kommentiert der Münchener Ordinarius für Pastoraltheologe, Prof. Dr. Andreas Wollbold die jüngst Botschaft des Papstes an die Priester.
"Insofern trifft Papst Benedikts Wunsch nach den 'neuen Medien im Dienst des Wortes' ins Schwarze, so Wollbold im Interview mit Angela Reddemann für ZENIT.
Dr. Andreas Wollbold (50) wurde in Saarbrücken geboren. Nach Eintritt ins Priesterseminar in der Diözese Trier studierte er dort, in Rom, Poona (Indien) und München. Wollbold wurde in Rom im Jahr 1984 von Kardinal Joachim Meisner zum Priester geweiht. Nach seiner Kaplanszeit promovierte er in Pastoraltheologie in Trier (1993) und habilitierte sich in diesem Fach in Freiburg i.Br. 1997. Im Jahr 1997 wurde er als Professor für Pastoraltheologie und Religionspädagogik an das Philosophisch-Theologische Studium Erfurt berufen.
Seit 2003 ist er Professor für Pastoraltheologie an der Universität München.
ZENIT: In seiner diesjährigen Botschaft zum Welttag der Kommunikationsmittel entwirft Papst Benedikt XVI. ein Bild vom Priester als Mystagogen und missionarischen Medienprofi. In den Medien gab es vielfach Überschriften wie: Blogt und verkündet das Evangelium! Welche dieser Impulse haben für Sie Priorität?
--Prof. Andreas Wollbold: Internet, Websites, Blogs, Mails und Online-Videos sind die neuen Formen des Hausbesuchs. Sie können Menschen zu Hause erreichen, die von sich aus kaum den Weg zur Kirche finden könnten. Insofern trifft Papst Benedikts Wunsch nach den „neuen Medien im Dienst des Wortes“ ins Schwarze. Zugleich dürfen die Medienkenntnisse des Priesters – von Spezialisten abgesehen – eben auch ganz ähnlich wie beim Hausbesuch begrenzt sein. Da kommt der Priester auch nicht als Innenarchitekt, als Klempner oder als sonst ein Fachmann für häusliche Technik, sondern einzig und allein als Seelsorger. Ebenso muss er bei den neuen Medien kein Technik-Profi sein, der bei jedem letzten Schrei mitreden kann. Er soll einfach im Medium auftreten und das Wort Gottes kommunizieren können. Also kein stundenlanges Surfen und Spielen, das oft doch nur Zeit vergeudet, sondern gezielter Einsatz an Orten und mit Mitteln, die ihn Menschen auf der Suche erreichen lassen.
ZENIT: …wie können solche Impulse wirksam umgesetzt werden?
--Prof. Andreas Wollbold: Zuerst und vor allem, indem sich ein Priester sagt: „Ich muss nicht alles machen, aber ich muss für alles Leute kennen, die es können.“ Überall gibt es wirkliche Medienprofis, die manchmal nur darauf warten, um Hilfe gebeten zu werden, nicht zuletzt unter jungen Leuten. Für die Medienausbildung der nachwachsenden Theologengeneration setze ich dagegen auf ein sehr einfaches Prinzip: „Lerne gut zu predigen, und du wirst rasch auch an allen anderen Orten ein guter Verkündiger.“ In der Predigtausbildung kann man fast alles lernen, was in der bunten Vielfalt menschlicher Kommunikation für den Verkündiger nötig ist.
ZENIT: In diesem Priesterjahr wurde vielfach der Dienst des geweihten Seelsorgers als Gemeindeleiter betont. Mit der Entscheidung vieler Bistümern, immer größere Pfarrverbände zu schaffen, werden vom Pfarrer immer mehr Kompetenzen erwartet. Wie vermag ein Priester dem allen gerecht zu werden? Muss er das Kraft seiner Berufung überhaupt?
--Prof. Andreas Wollbold: Wichtig ist, das Notwendige vom Wünschbaren zu unterscheiden. Notwendig ist der Kern des priesterliche Dienstes, seine Fähigkeiten in Wort, Sakrament und Seelsorge. Bei allem weiteren müssen Bistümer und Pfarreien dafür sorgen, dass ihre Pfarrer und Kapläne nicht mit immer mehr Terminen, Erwartungen und Verpflichtungen zugeschüttet werden. Die Strukturreform darf nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden. Auch in großen Einheiten sind und bleiben sie zuerst und vor allem Seelsorger. Wenn das die Bistümer nicht gewährleisten können, haben sie entscheidend etwas falsch gemacht.
ZENIT: „Eine Seelsorge in der digitalen Welt ist in der Tat aufgerufen, auch an diejenigen zu denken, die nicht glauben, die entmutigt sind und doch im Herzen Sehnsucht nach dem Absoluten haben…“ sagt der Papst. Wie können Priester diese Integrationskraft erwerben?
--Prof. Andreas Wollbold: Heiligung der Welt – auch der digitalen Welt – ist zuerst den Laien aufgetragen. Wieviel Mist sammelt sich etwa in vielen Blogs an! Das sind manchmal regelrechte Augiasställe. Wie reinigend könnte hier das treffende Wort eines gläubigen Christen wirken. Ein Beispiel: Zum Thema Gesundheit tauschen sich Millionen Nutzer des Netzes aus. Meistens geht es um den todsicheren Tipp, um die ultimative persönliche Erfahrung, um die neueste Therapie.
Doch wie oft mischt sich Gesundheitswahn hinein, manchmal auch Esoterik und Scharlatanerie. Und nun fällt mitten hinein ein Wort wie dieses: „Was nutzt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber an seiner Seele Schaden leidet.“ In aller Schlichtheit fügt ein Christ hinzu, dass für ihn Krankheit, Leid und Tod zum Leben gehören. Alles aber komme darauf an, dass die Seele dabei nicht verkümmere, sondern weiter, reiner und heiliger werde. Ob das nicht in manchem Herzen „die Sehnsucht nach dem Absoluten“ wecken könnte? Aus diesem Grund sollten Priester die Laien auf diese ihre Chance hinweisen, die digitale Welt zu reinigen und zu heiligen. Er selbst wird da wohl nur punktuell als Akteur auftreten können.
ZENIT: Einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Spiritualität von Seelsorgern. Wie sollten die Lebensgestaltung und der Verkündigungsdienst eines Priesters aussehen, um Glauben weckend zu leben?
--Prof. Andreas Wollbold: „Sucht zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Alles andere wird euch hinzugegeben werden.“ Dieses Wort Jesu aus der Bergpredigt ist auch das Grundgesetz priesterlicher Spiritualität. Als Priester ist es für mich ebenso wie für jeden Gläubigen das Erste und Wichtigste, auf Gott und sein Reich ausgerichtet zu sein. Auch soll ein Geistlicher am eigenen Leib erfahren, dass diese Ausrichtung alles andere auf den zweiten Platz verweist. Zölibat, evangelische Räte, Bindung an die Kirche, Verfügbarkeit und Ganzhingabe drücken diese Ausrichtung aus. In diesem Sinn ist das alte Wort „Priesterleben, Opferleben“ unverändert aktuell. Denn nur wer mit dem eigenen Leben den Primat Gottes verkündet, kann bei anderen Glauben wecken.
ZENIT: Wenn man liest, „dass die Fruchtbarkeit des priesterlichen Dienstes sich vor allem von Christus ableitet, von der Begegnung mit ihm und dem Hinhören auf ihn im Gebet“, drängt sich die Frage auf, ob ausgiebiges Gebet für Weltpriester angesichts so vieler pastoraler Nöte nicht purer Luxus ist?
--Prof. Andreas Wollbold: Gebet ist für jeden Gläubigen der Atem der Seele. Selbst vielbeschäftigte Tausendsassas würden keine Minute aufhören zu atmen; ebenso würde ein Gläubiger seinen Glauben Lügen strafen, wenn er nicht täglich seine Seele zu Gott erheben würde. Wieviel mehr muss dann ein Priester dem Gebet die erste Stelle im Leben einräumen. Die Kirche schenkt ihm ja eine Lebensweise, die ihn so weit wie möglich frei macht von den Sorgen um den Lebensunterhalt oder um den Alltag einer Familie. Damit ist er privilegiert für ein Leben mit Gott, also ein intensives Gebetsleben. Stundengebet und tägliche Messe sind seine Angelpunkte, aber ebenso gehört täglich wenigstens eine halbe Stunde Betrachtung und stilles Gebet hinzu, ganz zu schweigen von persönlichen Formen der Frömmigkeit. So ist der Priester berufen zum großen Atem der Seele, auch stellvertretend für seine Gläubigen. Ohne das Gebet würde jede pastorale Aktivität sofort verdorren und verholzen. Noch einmal: Gerade weil all dies Zeit braucht, ist es die wichtigste Verantwortung jeder Strukturreform, dass die Priester sie nicht immer erst abends nach 10 Uhr wie ein paar dürre Tropfen aus einer leeren Flasche herauspressen, sondern dass jede Zeit des Tages auch ihre Zeiten der Einkehr findet. Da müssen alle Beteiligten ihre Hausaufgaben noch machen.
ZENIT: Eine persönliche Frage. Sie wurden unlängst 50 Jahre alt und haben erst im Oktober das 25. Jubiläum Ihrer Priesterweihe gefeiert. Gibt es ein Geheimnis, dass jemand als Priester in dieser Etappe nicht zwangsläufig ausgebrannt ist und neu gekräftigt Ausstrahlung behält?
--Prof. Andreas Wollbold: Am wichtigsten ist ein fester Glaube. Die kleine hl. Therese hat ihrer Schwester einmal gesagt: „Freuen wir uns, wir sind in der Wahrheit.“ So macht der Glaube den Kopf frei von allem Auf und Ab, von allen schwankenden Meinungen und Stimmungen. Er lässt mich klar sehen, wer Gott ist, was die Welt ist und welchen Platz ein Priester in ihr hat. Das macht frei von allem, was vielleicht in meinem Umfeld belastend sein mag. Und als persönlichen Ratschlag möchte ich zweierlei hinzufügen: Kein Tag soll vergehen, an dem ich nicht am Altar stehe – und an dem ich nicht wenigstens einmal gelacht habe (und sei es nur über mich selbst)!
















