10 Jahre „Fides et ratio“ – Die brennende Aktualität eines Lehrschreibens

Gott rettet die Vernunft

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Von Armin Schwibach



ROM, 21. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Die Frage nach der Wahrheit ist nicht eine unter vielen Fragestellungen, mit denen sich der Mensch in seinem Sein auseinanderzusetzen hat. Sie ist die einzige grundlegende, unausweichliche und alles bedingende Frage, sowohl im Fragen selbst als auch im Antworten auf dieses Fragen. Kein Mensch kann sich ihr entziehen, kein Sein ist in Trennung von ihr erkennbar oder konstituierbar. Jede Zeit, jeder Moment der Geschichte der Menschheit ist von dieser Frage durchdrungen.

10 Jahre ist es her, seit Papst Johannes Paul II. nach den Enzykliken Veritatis splendor (1993) und Evangelium vitae (1995) mit dem Lehrschreiben Fides et ratio den dritten Teil eines Triptychons vollendete. Zu diesem Anlass veranstaltete die Päpstliche Universität Lateranense vom 16. bis 18. Oktober einen internationalen Kongress, dessen Arbeiten in der „Sala Clementina“ im Apostolischen Palast aufgenommen wurden. Der Kongress kam in Zusammenarbeit mit der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften sowie der Weltkonferenz der Katholischen Universitären Einrichtungen für Philosophie zustande. Die Enzyklika wurde in fünf Arbeitsbereichen in ihrer historischen, metaphysischen, anthropologisch-politischen, theologischen und akademisch-pädagogischen Dimension untersucht.

In einer wegweisenden Ansprache erläuterte Papst Benedikt XVI. während der Audienz für die Kongressteilnehmer zu Beginn der Arbeiten, dass die Kirche mit jener lehramtlichen Äußerung eine im aktuellen kulturellen Kontext hervortretende Notwendigkeit thematisiert habe. Die Kirche „wollte die Kraft der Vernunft und deren Fähigkeit verteidigen, zur Wahrheit zu gelangen“. Dabei habe sie erneut den Glauben als besondere Erkenntnisform vorgestellt, durch den man sich der Wahrheit der Offenbarung öffne. Der Papst diagnostizierte ein Abdriften von einem spekulativen zu einem experimentellen Denken, was zu einer die Menschheit potentiell gefährdenden „Hybris“ der Wissenschaft führen könne. Philosophie und Theologie seien demnach eine unverzichtbare Hilfe. Des Weiteren sei die Wissenschaft nicht in der Lage, ethische Prinzipien zu erarbeiten; sie sei vielmehr darauf angewiesen, diese in sich als notwendige Prinzipien zur Bekämpfung eventueller Pathologien aufzunehmen und anzuerkennen.

Gerade der Hinweis des Papstes auf die Unfähigkeit der Wissenschaft, ethische Prinzipien zu erarbeiten, sowie die Warnung vor einer Wissenschaft, die von der Aussicht auf leicht verdientes Geld oder der „Arroganz“ bewegt ist, an die Stelle des Schöpfers treten zu wollen, veranlasste dann die italienische Astrophysikerin und Aktivistin der „Union der Atheisten und rationalistischen Agnostiker“ Margherita Hack dazu, seine Worte als „idiotisch und dumm“ zu bezeichnen. Jenseits einer zweifelhaften Polemik jedoch blieb die Wissenschaftlerin eine Erhellung darüber schuldig, wie empirische Wissenschaft imstande sei, die ethischen Grundlagen ihres Handelns zu entwickeln.

Kardinalsstaatsekretär Tarcisio Bertone beschäftigte sich in seinem Einleitungsreferat des Kongresses mit der Vorgeschichte und inneren Architektur der Enzyklika, um dann auf Aspekte der Wirkungsgeschichte sowie deren Aktualität im pastoralen Wirken der Kirche einzugehen. Dabei betonte Bertone, dass es sich bei dem Thema „Glaube und Vernunft“ um einen der Angelpunkte des Pontifikats Benedikts XVI. sowie der intellektuellen Entwicklung des ehemaligen Dozenten und Präfekten der Glaubenskongregation handle.

Die Binome „Glaube – Vernunft“ und „Wahrheit – Freiheit“ seien stets ein Anliegen Johannes Pauls II. gewesen. Bereits ab dem Jahr 1986 sei der Papst von der „Selbstaufgabe der Vernunft“ hinsichtlich der Wahrheitserkenntnis betroffen gewesen. Angesichts der immer stärker hervortretenden ethischen Problematiken habe es Johannes Paul II. dann vorgezogen, zunächst 1993 die Enzyklika „Veritatis splendor“ zu veröffentlichen. Das ursprüngliche Projekt sei dabei nicht vernachlässigt worden. Die Ausarbeitung eines Entwurfes sei zunächst dem belgischen Philosophen und Theologen André-Mutien Léonard und dann dem zu jener Zeit an der Päpstlichen Universität Gregoriana lehrenden Schweizer Philosophen Peter Henrici SJ anvertraut worden. Beide seien im Verlauf ihrer Tätigkeit zu Bischöfen ernannt worden und hätten somit ihre Arbeiten nicht fortsetzen können. Ein erster organischer Text sei der Vollversammlung der Glaubenskongregation 1995 vorgelegt worden. Deren Anmerkungen führten zu einer neuen Redaktion des Entwurfes. Nach einer weiteren Ausarbeitung durch Johannes Paul II. im Sommer 1996 hätte der Papst den Text zusammen mit 80 Erläuterungen der Glaubenskongregation übergeben. In der Zwischenzeit sei die Enzyklika eminenten Experten mit der Einladung zu einem Kommentar vorgelegt worden. Im Sommer 1997 hätte sich der Papst der „Editio typica“ des „Katechismus der Katholischen Kirche“ gewidmet, dabei aber die Enzyklika nicht vernachlässigt. Das künftige Schreiben „Fides et ratio“ sei ständig in Händen des Papstes gewesen, bis es am 14. September 1998 nach einem zwölfjährigen Entwicklungsweg unterzeichnet wurde.

Bertone betonte das Kernanliegen der Enzyklika. Es besteht für den Kardinalstaatsekretär darin, die Vernunft vor sich selbst zu verteidigen, ihre Fähigkeit zur Wahrheit zu behaupten und sich ihrer Aufgabe bewusst zu werden, sich dem göttlichen Geheimnis zu öffnen. Gott habe in das Herz des Menschen die Sehnsucht gelegt, die Wahrheit und schließlich ihn selbst zu erfassen, um in dieser Erkenntnis zu einer vollen Wahrheit über den Menschen zu gelangen. Glaube und Vernunft, Theologie und Philosophie befänden sich in einer „Kreisbewegung“. Eine Philosophie, die sich für die Entdeckungen der empirischen Wissenschaften interessiere, dürfe die religiösen Traditionen und vor allem die Botschaft der Bibel nicht vernachlässigen. Würde die Philosophie ihren Dialog mit dem Glauben einstellen, so lande sie am Ende in einer „leeren Ernsthaftigkeit“. Des Weiteren dürfe das Denken nicht bei den Phänomenen Halt machen, sondern müsse über das Phänomen hinaus zum Grund fortschreiten. Heute sei hingegen gleichsam eine Theorie der Unmöglichkeit des Hinausgehens über das Phänomen festzustellen, was mit einem Wort Benedikts XVI. einer Diktatur des Scheins“ gleichkomme.

Abschließend zeigte sich Kardinal Bertone davon überzeugt, dass die Enzyklika „Fides et ratio“ gerade in der philosophisch-theologischen Debatte unserer Zeit nützliche Reflexionen und Fragestellungen erwecke. Viele liefen Gefahr, sich in sich selbst zu verschließen und dabei die Leidenschaft für die objektive Suche nach der Wahrheit auszulöschen. Der Kardinal verwies auf den Anspruch an die Philosophie, den Benedikt XVI. in seiner Ansprache an die Kongressteilnehmer geäußert hatte. Die Leidenschaft für die Wahrheit dränge dazu, so der Papst, in uns selbst zu gehen, um im inneren Menschen den tiefen Sinn unseres Lebens zu erfassen. Eine wahre Philosophie „muss jeden Menschen bei der Hand nehmen und ihn entdecken lassen, wie grundlegend es für seine eigene Würde ist, die Wahrheit der Offenbarung zu erkennen“.

Die Arbeiten des Kongresses ließen deutlich zu Tage treten, dass die Vernünftigkeit im Christentum Religion wird und dabei jedoch die religiöse Erfahrung und deren Verwirklichung im Glauben nicht einschränkt. Das Christentum versteht sich als der Ort der Entthronung der alten Götter, der Ort, vor dem die falschen Götter fliehen. Diese Wahrheit entledigt sich des Anscheins. Der Gott der Vernunft ist selbst zum Gott der religiösen Universalität geworden. „Der Glaube verlangt, dass sein Gegenstand mit Hilfe der Vernunft verstanden wird“, so Johannes Paul II. „Die Vernunft gibt auf dem Höhepunkt ihrer Suche das, was der Glaube vorlegt, als notwendig zu“ (Fides et ratio, 42) Daraus folgt: „Der Glaube, dem die Vernunft fehlt, hat Empfindung und Erfahrung betont und steht damit in Gefahr, kein universales Angebot mehr zu sein. Es ist illusorisch zu meinen, angesichts einer schwachen Vernunft besitze der Glaube größere Überzeugungskraft; im Gegenteil, er gerät in ernsthafte Gefahr, auf Mythos bzw. Aberglauben verkürzt zu werden. In demselben Maß wird sich eine Vernunft, die keinen reifen Glauben vor sich hat, niemals veranlasst sehen, den Blick auf die Neuheit und Radikalität des Seins zu richte“ (ebd. 48).