100 Jahre Speckpater Werenfried van Straaten

Kirche in Not gibt einen Rückblick

München, (ZENIT.orgKIN) Eva-Maria Kolmann | 984 klicks

Eigentlich hätte Pater Werenfried van Straaten, der Gründer des weltweiten katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“, seinen hundertsten Geburtstag gern noch erlebt. Er hatte bis ins hohe Alter viele Pläne, wollte sogar noch Russisch lernen. Diese Wünsche sollten sich nicht erfüllen: Er starb zwei Wochen nach seinem 90. Geburtstag am 31. Januar 2003. Sein Lebenswerk ist auch heute noch aktuell.

Pater Werenfried brachte ehemalige Todfeinde dazu, einander zu helfen und füreinander zu beten. Dafür wurde er für den Friedensnobelpreis nominiert. Er ließ als wortgewaltiger Prediger unzählige Menschen „den Kopf verlieren vor Liebe“, so dass sie ihm spontan Geld, Autos oder Schmuck für die Armen anvertrauten. Er war der „Entdecker“ von Mutter Teresa von Kalkutta, als sie Anfang der 1960er Jahre international noch unbekannt war, ein Vertrauter von vier Päpsten und ein enger Freund Papst Johannes Pauls II. Als phantasievollem Pionier gingen ihm die kreativen Ideen nie aus, wenn es galt, „die Tränen Gottes zu trocknen“. Er war der Erfinder von originellen Lösungen für die Seelsorge wie Kapellen auf Rädern und schwimmenden Kirchen. Er hatte Humor und liebte die Menschen. Und eigentlich war ihm sein Hilfswerk „Kirche in Not“ (früher „Ostpriesterhilfe“), das Weihnachten 1947 seinen Anfang nahm, einfach nur „passiert“.

„Er versprach, was er nicht hatte, und Gott gab es ihm“, stand auf seinem Totenbildchen.  Nie handelte er nach der Logik der Unternehmensberater, Bankiers und Betriebswirte, sondern sein Erfolg beruhte einzig und allein auf seinem unermesslichen Gottvertrauen.  Er sah eine Not und wollte sie lindern.  Oft sagte er hohe Hilfeleistungen zu, ohne dass er das Geld bereits hatte. Gott half ihm immer, seine verwegenen Versprechen einzuhalten.

Mit einem einfachen schwarzen Hut, der als „Millionenhut“ in die Geschichte eingehen sollte, sammelte er im Laufe seines langen Lebens drei Milliarden Dollar. Durch sein flammendes Wort erreichte er die Herzen. Seinen Hut streckte er auch im hohen Alter noch aus, als er zum Predigen bereits zu schwach war und im Rollstuhl sitzen musste. Noch heute haben viele Wohltäter von „Kirche in Not“ den Millionenhut vor Augen, wenn sie dem Hilfswerk Spenden überweisen. Selbst die Löcher, die der hochbetagte Hut am Ende aufwies, regten die Kreativität des unermüdlichen Ordensmannes an, konnte er so doch stets augenzwinkernd darauf hinweisen, es sei besser, Geldscheine zu geben, da die Münzen durchfallen würden.

Was aber war das Geheimnis Pater Werenfrieds? Er war selbst bewegt von dem, was er mit eigenen Augen gesehen hatte, und konnte darüber nicht schweigen. Die Landkarte des Elends hatte sich ihm auf seinen zahlreichen Reisen in die Seele gebrannt. Er schrie heraus, dass Christus bis heute gekreuzigt wird. Dass Golgota nicht der Vergangenheit angehört. Die Not hatte für Pater Werenfried stets ein Gesicht und einen Namen. Nie war sie fern und abstrakt, nie ein bloßer Posten in einer Statistik. Sein Hilfswerk bezeichnete der niederländische Prämonstratenserpater stets als eine „Schule der Liebe“.

Pater Werenfried war nicht vor allem Spendensammler. Er war Augenzeuge voller Mitgefühl und Ehrfurcht. Das Gedächtnis derer zu bewahren, die um ihres Glaubens willen verfolgt werden, und ihnen eine Stimme zu verleihen, war für ihn eine „Ehrenpflicht“. Er glaubte zutiefst an das Wirken von Gottes Kraft in schwachen Menschen. Er hatte es am eigenen Leibe erfahren, denn trotz seiner imposanten körperlichen Erscheinung war er stets von schwacher Gesundheit gewesen. Selbst für den gewöhnlichen Pfarrdienst schien er in seiner Jugend zu schwach zu sein. Aber der Name „Werenfried“, den er bei seiner Ordensprofess erhielt und der „Kämpfer für den Frieden“ bedeutet, sollte in den vielen Jahrzehnten seines Wirkens Programm werden. In seinen besten Zeiten hielt er im Monat durchschnittlich siebzig Predigten.

Pater Werenfried war ein Prophet, der die Zeichen der Zeit erkannte. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstand er, dass eine weitere Katastrophe über Europa hereinbrechen würde, wenn es nicht gelänge, den Hass in den Herzen der Menschen zu besiegen. So war seine Initiative, in Holland und Belgien Nahrungsmittel, Kleidung und andere Hilfsgüter für die notleidende deutsche Bevölkerung zu sammeln keine rein humanitäre Aktion, sondern ein wesentlicher Beitrag zur Völkerverständigung und Versöhnung. 2002 würdigte ihn Romano Prodi, der damalige Präsident der Europäischen Kommission, als einen „Engel des Friedens“ für Europa.

Aus dieser Initiative der tätigen Nächstenliebe an den „Feinden von gestern“ entstand ein Hilfswerk, das innerhalb weniger Jahre in der ganzen Welt aktiv werden sollte. Pater Werenfried war dabei oft seiner Zeit weit voraus. Bereits in den 1960er Jahren sagte er voraus, dass der Kommunismus in Osteuropa fallen werde: „Die Superporträts der modernen Goliaths, die von allen Kremls so herausfordernd auf die Menschenmenge herabsehen, werden zerfetzt und ihre Gebeine zu Staub zerfallen sein. Die Porträts werden den Ikonen Platz machen und in Ewigkeit wird wahr bleiben, was die Kirche zu Ostern Christus und uns in den Mund legt: 'Ich bin auferstanden und bin noch bei dir, alleluja. Du hast deine Hand auf mich gelegt, alleluja. Wunderbar ist deine Weisheit, alleluja, alleluja.'„

Die Geschichte gab ihm Recht und am 13. Oktober 1992 betete er öffentlich auf dem Roten Platz in Moskau vor dem Leninmausoleum den Rosenkranz. Als seine „letzte und größte Freude“ sah er es an, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus auf Wunsch Papst Johannes Pauls II. auch der orthodoxen Schwesterkirche in Russland eine helfende Hand reichen zu dürfen, um „die Liebe wiederherzustellen“. Auch hier war er ein Pionier – wie auch unermüdlicher Mahner wider den Glaubens- und Werteverfall der heutigen Zeit.

Mit seiner klaren Haltung machte er sich nicht nur Freunde.  Zeit seines Lebens fühlte er sich der Wahrheit verpflichtet; zu faulen Kompromissen war er nicht bereit. Bei allem, was er tat, verstand er sich vor allem als Priester, der allein Christus und den Seelen der ihm anvertrauten Menschen verpflichtet ist. Er nahm es eher in Kauf, mit unbequemen Wahrheiten anzuecken und dadurch Spender  zu verlieren, als die Wahrheit zu verschweigen. Auch zehn Jahre nach seinem Tod ist die Botschaft des „Giganten der Nächstenliebe“, dessen 100. Geburtstag wir am 17. Januar  feiern, aktueller denn je. Sein Wirken hat in Millionen Herzen ein Echo der Liebe gefunden.