"12 Years a Slave"

Beeindruckender Film des britischen Regisseurs Steve McQueen zeigt die Sklaverei in den Südstaaten Amerikas während des 19. Jahrhunderts

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 383 klicks

„12 Years a Slave“ erzählt nach einer wahren Begebenheit, wie es zu Beginn heißt, von den zwölf Jahren, die Solomon Northup (Chiwetel Ejiofor) im Süden der Vereinigen Staaten als Sklave verbrachte. In Saratoga, New York führt der Tischler, der sich mit seiner Geige ein Nebenbrot verdient, ein freies und ruhiges Leben mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Als ihm eines Tages zwei Männer eines Wanderzirkus’ einen gut bezahlten Musikerjob in Washington anbieten, ist es jedoch mit dem ruhigen und freien Leben vorbei: Nach dem reichlichen Alkoholgenuss, mit dem in einem Restaurant sein Engagement gefeiert werden soll, wacht er am nächsten Morgen in einem schmutzigen Keller in Ketten auf. Seine Proteste und die Hinweise auf seine Freiheitsrechte lassen die Mittelsmänner unberührt. Während draußen in der Stadt das Leben im normalen Rhythmus weitergeht, muss sich Solomon auf seine neue Situation einstellen. So rät ihm ein Mitgefangener, wenn er überleben will, so wenig wie möglich von sich preiszugeben. Darauf kann Solomon nur antworten: „Ich will nicht überleben, ich will leben!“ Sein ehemaliges Leben rückt aber deso mehr in die Ferne, je weiter sich das Dampfschiff mit ihm und seinen Leidensgenossen dem Süden nähert, wo die Sklaverei noch legal ist. 

In New Orleans erhält Solomon als Erstes einen neuen Namen: Als „Platt“ wird er vom Sklavenhändler Theophilus Freeman (Paul Giamatti) an den Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch) verkauft. Durch den Verlust seines Namens soll auch seine Vergangenheit getilgt werden. Ford behandelt seinen neuen Sklaven eigentlich gut. Irgendwann einmal schenkt er ihm sogar eine Geige. Diese bevorzugte Behandlung führt allerdings dazu, dass Fords Vorarbeiter John Tibeats (Paul Dano) Solomon tyrannisiert. Um ihn vor Tibeats zu schützen, verkauft Ford Solomon an den unerbittlichen Edwin Epps (Michael Fassbender), bei dem er die meiste seiner Sklavenzeit verbringen wird. In Epps Plantage freundet sich Solomon mit der tüchtigen Patsey (Lupita Nyong o) an, die von Epps begehrt wird, womit sie sich auch noch die Wut seiner eifersüchtigen Frau Mary Epps (Sarah Paulson) zuzieht. Erst nach zwölf Jahren gelingt es Solomon, durch die Hilfe des kanadischen Zimmermanns Samuel Brass (Brad Pitt), eine Nachricht in den Norden zu verschicken. 

Regisseur Steve McQueen spart dem Zuschauer keine Grausamkeit aus. Zu den körperlichen Folterungen etwa in Form des Auspeitschens kommen die seelischen Qualen einer Mutter, die von ihren Kindern von unbarmherzigen Sklavenhändlern getrennt wird. Die Kamera von Sean Bobbitt zeigt die Folterungen in langen Einstellungen, die dem Zuschauer nahegehen und ihm die Grausamkeit der Sklaverei bis zur Schmerzensgrenze deutlich machen. Als schlimmer als alle Misshandlungen erweist sich jedoch die von Regisseur McQueen immer wieder verdeutlichte Einsicht, dass Solomon stets nur das Falsche machen kann, ganz gleich, ob er Widerstand leisten oder sich den weißen Männern andienen will. Beides wendet sich gegen ihn. Dass sich etwa William Ford von Solomons Fähigkeiten beeindruckt zeigt und ihn „gut behandelt“, erweckt den Zorn des Vorarbeiters: Tibeats hängt Solomon mit einem Strick an einem Baum auf. Über Stunden muss er auf den Zehenspitzen stehen, um nicht zu ersticken. Ebenso desillusionierend: die Teilnahmslosigkeit der anderen Sklaven, die ihre alltäglichen Arbeiten weiter verrichten, während er am Baum hängt. Dies wiederholt „12 Years a Slave“ immer wieder: Wenn der eine oder andere Sklave ausgepeitscht wird, geht das Leben der anderen einfach weiter. Die mangelnde Solidarität gehört zum System Sklaverei. 

Ebenso dazu gehört es allerdings auch, dass sich Solomon, der lange Zeit versucht hat, sich innerlich diesem System zu entziehen, irgendwann einmal als Teil der Sklavengemeinschaft fühlt. Regisseur Steve McQueen illustriert es mit einem eindringlichen Bild: Der zunächst stumm gebliebene Solomon stimmt in das Lied ein, das bei einer Beerdigung gesungen wird. 

Trotz der bekannten Schauspieler, mit denen die Rollen der Sklavenhalter besetzt sind, stellt „12 Years a Slave“ die Sklaven in den Mittelpunkt. Chiwetel Ejiofor überzeugt in der Rolle des verletzlichen, gleichzeitig aber willensstarken Solomon, der allen Widrigkeiten zum Trotz die Hoffnung nie aufgibt. Ebenso in Erinnerung bleibt die Darstellung der zerschundenen Patsey durch die weitgehend unbekannte Lupita Nyong o, die das Ausgeliefertsein der jungen Sklavin beeindruckend verkörpert. 

Dennoch versucht „12 Years a Slave“ kaum, durch einen denunziatorisch-sentimentalen Gestus die Empörung des Zuschauers hervorzurufen. Regisseur McQueen inszeniert den Film mit einer gewissen Unterkühlung, teilweise sogar lakonisch. Sowohl die Beiläufigkeit, mit der ein John Tibeats oder ein Edwin Epps ihre brutal-sadistischen Handlungen begehen, als auch die scheinbare Gutmütigkeit eines William Ford, der sich um „seine“ Sklaven kümmert, ihnen jedoch dabei jedes Menschenrecht abspricht, machen dies deutlich – und dies gilt selbstverständlich nicht nur für die Sklaverei, sondern auch für jedes unrechtmäßige Gesetz. Denn „Gesetze können sich ändern. Was richtig und falsch ist, gilt für alle!“ 

„12 Years a Slave“ wurde mit dem Publikumspreis des Toronto International Filmfestivals und mit dem Golden Globe als Bestes Filmdrama ausgezeichnet.

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Filmische Qualität:  Viereinhalb Sterne
Regie: Steve McQueen
Darsteller: Chiwetel Ejiofor, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Paul Giamatti, Michael Fassbender, Lupita Nyong o, Brad Pitt
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 134 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: G +, X
im Kino: 1/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.