150 Jahre Einheit Italiens

Wertvolle Zusammenarbeit zwischen Italien und dem Heiligen Stuhl

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ROM, 4. Oktober 2011 (ZENIT.org). – Am Nachmittag des 27. September nahm der stellvertretender Staatssekretär für Allgemeine Angelegenheiten, Msgr. Giovanni Angelo Becciu, an einer von der italienischen Botschaft am Heiligen Stuhl organisierten Feier anlässlich des 150. Jahrestages der Einheit Italiens zum Thema „Die Kirche, der Staat, die Regionen und die Einheit Italiens“ in Rom teil. In seiner Ansprache betonte er die gute Zusammenarbeit zugunsten des Gemeinwohls.

Wir dokumentieren den Wortlaut der Ansprache in einer eigenen Übersetzung:

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Herr Senatspräsident, Herr Präsident des Verfassungsgerichts, Eminenzen, Herren Minister, Herr Unterstaatssekretär, Exzellenzen, Herr Botschafter, sehr geehrte Damen und Herren,

Es ist mir eine besondere Freude, diesen festlichen Anlass mit Ihnen begehen zu können und ich danke insbesondere dem Botschafter, S.E. Dr. Francesco Maria Greco, für die Einladung zu dieser Ansprache.

Das 150. Jubiläum der politischen Einheit Italiens begeht die Feier einer Verfassung des geeinten italienischen Staates zu einem bestimmten Zeitpunkt unserer gemeinsamen Geschichte. Diese Feier gewährt ebenso Einblick in die Präsenz Italiens in der Geschichte mit ihrem Reichtum der Sprache, der Religion, ihrer Bräuche und künstlerischen Ausdrucksformen. In seiner Botschaft an Seine Exzellenz, den ehrwürdigen Präsidenten der Republik, Giorgio Napolitano, erinnert Papst Benedikt XVI. unter anderem daran, dass „die italienische Nation, als eine Gemeinschaft von Menschen durch Sprache, Kultur und ein Gefühl der Zugehörigkeit geeint ist, trotz einer Vielzahl politischer Gemeinschaften auf der Halbinsel, die sich im Mittelalter zu bilden begannen.“

In den Jahren unmittelbar vor diesem Jubiläum wurde zu einer gemeinschaftlichen Feier des 150. Jahrestages der nationalen Einheit aufgerufen, zu der auch die katholische Kirche beiträgt. Wir sind alle Zeugen dafür, dass dies zur Zufriedenheit aller Beteiligten realisiert worden ist. Vor fünfzig Jahren, anlässlich der Hundertjahrfeier der Einheit Italiens, erhielt der ehrwürdige Amintore Fanfani, Präsident des Ministerrates, vom seligen Papst Johannes XXIII. die Einladung zu einem offiziellen Besuch. Das Gespräch war lang und freundschaftlich, es dauerte 40 Minuten, wie die offizielle Chronik berichtet. Im Jahr 2011besuchte Staatssekretär Kardinal Tarcisio Bertone seine Exzellenz, den hochwürdigen Präsidenten Giorgio Napolitano, Präsident der italienischen Republik, um ihm eine Botschaft Seiner Heiligkeit zu überreichen. Der Heilige Vater nahm die Einladung seiner hier anwesenden Eminenz, Kardinal Angelo Bagnasco, Präsident der Italienischen Bischofskonferenz, an und stand dem feierlichen Gebet für Italien in der päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore vor. Die Kirche in Italien hat ihre Energien mit Überzeugung zur Verfügung gestellt, sei es gemeinschaftlich, sei es in den einzelnen Diözesen, und zeigt so die Vitalität des Geistes in einer loyalen Zusammenarbeit für den Fortschritt der Menschheit und dem Wohl des ganzen Landes, die charakteristisch ist für die Beziehung zwischen Kirche und politischer Gemeinschaft in Italien.

Die Botschaft des Papstes vom 17. März erinnert an die Lateranverträge von 1929 und an die Annahme der Revision des Abkommens von 1984, die ein starker Ausdruck für den Dialog zwischen dem Heiligen Stuhl und Italien sind. Untrennbar damit verbunden sind sie ebenso Ausdruck der Zusammenarbeit zwischen Kirche und der politischen Gemeinschaft, der Eintracht und des Zusammenwirkens zu Gunsten des einzelnen Menschen und des Gemeinwohls. Erlauben Sie mir, in diesem Zusammenhang an einen Aspekt zu erinnern, der häufig unerwähnt bleibt. Es handelt sich um die Dankbarkeit, die wir alle der Intelligenz und der Professionalität beider Parteien gegenüber, die zum Aufbau des Vertrags beigetragen haben, schulden. Durch Studien und Kommentare wurden sie bekannt gemacht und tragen noch immer dazu bei, ihre Anwendung zu realisieren, zum Beispiel auf der Ebene der Vereinbarungen zwischen zivilen und kirchlichen Instanzen. Aufzählen kann ich sie nicht einzeln, ich würde sicherlich jemanden vergessen, aber ich danke ihnen allen von ganzem Herzen. Meine Hoffnung ist es, dass der hohe Stand der Einsicht, der den Vertrag kennzeichnet, an die jüngeren Generationen von Gelehrten weitergegeben wird und weiterhin eine entsprechende Aufmerksamkeit in den akademischen kirchlichen und bürgerlichen Institutionen erhält. Die Erfahrung Italiens ist sicherlich einzigartig. Rom ist der Sitz des Nachfolgers des heiligen Petrus und Zentrum des Katholizismus. Diese Erfahrung Italiens kann mit anderen Staaten geteilt werden und einen großen Gewinn für die Gestaltung der Beziehung von Kirche und Staat bedeuten hinsichtlich einer Unterscheidung der Bereiche und einer fruchtbaren gegenseitigen Zusammenarbeit.

In der zitierten päpstlichen Botschaft sind auch die Namen bedeutender Laien und Geistlicher erwähnt, die einen grundlegenden Beitrag zur Bildung der italienischen Identität gegeben oder mit ihrem Denken und Handeln zur Einheit des Landes beigetragen haben. In Erinnerung rufen möchte ich diejenigen, die Italien zwar verlassen, aber damit nicht ihre nationale Identität aufgegeben haben und dies nie wollten. Einige sind aus Not ins Ausland gegangen, andere haben es gewählt und andere sind aus Berufsgründen weggezogen. Persönlich habe ich in verschiedenen Ländern der Welt italienische Unternehmer, Berufstätige, Arbeiter wie auch Priester und Personen des geweihten Lebens im Dienst an ihren eigenen Landsleuten getroffen. Und wer spricht von den vielen italienischen Missionaren und Missionarinnen, die von den Menschen, denen sie ihr Leben gewidmet haben, angenommen werden? Alle sind Söhne der Geschichte Italiens, dieser Nation und dieser politischen Gemeinschaft. Sicherlich stimmt der Botschafter Griechenlands, der uns so liebenswürdig an diesem Abend Gastfreundschaft gewährt, mit mir überein, dass die göttlichen Tugenden, die in solchen Zeugen leuchten, von der Gnade Gottes geschenkt und durch das Wirken der Kirche gebildet werden. Die Kardinaltugenden, der Erfindungsreichtum, die Großzügigkeit, ich würde sagen, auch der Unternehmergeist jener Italiener sind von der familiären und dem sozialen Hintergrund ihrer Herkunft geprägt. Die italienischen Missionare und Missionarinnen, das kann ich bezeugen, sind in die von ihrer Herkunft verschiedenen Kulturen mit größtem Respekt und Aufmerksamkeit eingetaucht, und sie leisten ihren menschlichen und christlichen Beitrag mit einer großen Herzlichkeit und Großzügigkeit, dem Besten, das den typischen Geist der italienischen Kultur ausmacht.

Auf den Gebrauch der italienischen Sprache möchte ich hinweisen, Träger und Merkmal der Einheit des Landes. Die päpstlichen Universitäten und die anderen Einrichtungen der religiösen Bildung im ganzen Land haben eine bedeutende Rolle gespielt, um diese Sprache in der Welt bekannt zu machen. Daneben gibt es den immer häufiger werdenden Austausch der Bildungseinrichtungen und Universitäten mit ihren jeweiligen Fakultäten im Ausland. Wie viele Priester, Ordensleute und Laien sind nach Rom und Italien gegangen und sind dann in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Sie haben nicht allein das Sprachwissen erworben, sondern auch und vor allem den Respekt und die Wertschätzung für unser Land; häufig haben sie Heimweh nach der künstlerischen und kulturellen Schönheit Italiens! Wir dürfen nicht vergessen, dass viele Katholiken, über die ganze Welt verstreut, nach Rom und somit nach Italien mit Sympathie, Zuneigung und einem Gefühl der Zusammengehörigkeit schauen, weil dort der Sitz des Nachfolgers des heiligen Petrus ist. Sie alle können sich mit Recht in der Ewigen Stadt zu Hause fühlen und in gewisser Weise mit Stolz wiederholen, wie die Katholiken sagen, „Ich bin ein römischer Bürger“. Es handelt sich meiner Meinung nach um einen nicht unerheblichen Aspekt für die Position Italiens im Rahmen der internationalen Gemeinschaft.

Rückkehrend zur Botschaft von Papst Benedikt XVI. möchte ich unterstreichen, dass in ihr der Heilige Vater in Dankbarkeit auf die wertvolle Zusammenarbeit hinweist, die der italienische Staat dem Apostolischen Stuhl angeboten hat und weiter anbietet. In diesem Zusammenhang möchte ich eine besondere Form des Zusammenwirkens hervorheben, die täglich und informell, weniger wichtig zu sein scheint hinsichtlich der großen Seiten der Geschichtsschreibung, aber oft von entscheidender Bedeutung ist. Hinweisen möchte ich auf die respektvolle institutionelle, aber auch auf die brüderliche, uneigennützige Zusammenarbeit, die sich in verschiedenen Ländern der Welt zwischen den Päpstlichen Vertretungen und den italienischen Botschaften, zum Nutzen der lokalen Bevölkerung etabliert hat. Bei der Erteilung eines Visums sowie bei wichtigen Interventionen humanitärer Art habe ich immer einen professionellen, aufmerksamen Service bei den Botschaftern, den Konsuln und den Mitarbeitern der italienischen Botschaften angetroffen. Erwähnenswert scheint mir in diesem Zusammenhang die humanitäre Hilfe vor etwa einem Jahr bei der Versorgung der Christen in Bagdad, die am 31. Oktober 2010 Opfer eines blutigen Terroranschlags während einer Eucharistiefeier wurden. Bei dieser Gelegenheit konnte dank der angebotenen Hilfe der italienischen Regierung und in Zusammenarbeit mit der Gemelli-Poliklinik eine angemessene Betreuung für Einzelpersonen und Familien, die besonders betroffen waren, geleistet werden.

Zum Abschluss kommend bete ich mit dankbarem Herzen zum Herrn für Italien, das 150 Jahre politischer Einheit feiert, und für sein Volk und bitte Gott für jeden Einzelnen um das Licht des Glaubens und Hilfe beim unermüdlichen Einsatz für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden, damit alle, Einzelpersonen und Institutionen die Aufgabe erfüllen können, die die Vorsehung für uns bereit hält. Vielen Dank!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]