150 Jahre L’Osservatore Romano

Botschaft des Heiligen Vaters an Direktor Prof. Giovanni Maria Vian

| 1145 klicks

VATIKANSTADT, Freitag, 1.Juli 2011 (ZENIT.org). – Zum 150. Jubiläum der Zeitung L’Osservatore Romano richtete sich Papst Benedikt XVI.  mit folgenden Grußworten an den Direktor:

                                                      ***

Die Feier des 150 jährigen Bestehens einer Zeitung, die täglich erscheint, ist wirklich beachtenswert. In dieser Zeit ist ein langer und bedeutungsvoller Weg zurückgelegt worden, reich an Freuden, Schwierigkeiten, Engagement, Zufriedenheit und Gnade. Daher ist dieses Jubiläum des „Osservatore Romano“ – seine erste Ausgabe erschien am 1. Juli 1861 – zuallererst ein Grund, um Gott für alle seine Wohltaten zu danken: für alles, was seine Vorsehung in diesen 150 Jahren bewirkt hat, in der die Welt sich grundlegend veränderte bis heute hin, wo die Erneuerungen sich fortsetzen und das immer schneller, vor allem im Bereich der Kommunikation und der Information.

Gleichzeitig gewährt dieser erfreuliche Anlass die Gelegenheit für einige Gedanken zur Geschichte und Bedeutung dieser sogenannten „Zeitung des Papstes“. Wir sind daher eingeladen, wie Papst Pius XI., seligen Andenkens, es 1936 – genau vor 75 Jahren – formulierte, „einen Blick auf den zurückgelegten Weg zu werfen und einen weiteren auf den Weg, der noch vor uns liegt.“ Besonders hervorzuheben ist die Einzigartigkeit und die Verantwortung einer täglich erscheinenden Zeitung, die seit eineinhalb Jahrhunderten das Lehramt der Päpste bekannt macht und eines der bevorzugten Mittel im Dienst des Heiligen Stuhls und der Kirche ist.

Der Beginn des „Osservatore Romano“ lag in einer schwierigen und für das Papsttum entscheidenden Zeit. Die Neugründung war geprägt vom Bewusstsein und dem Willen, den apostolischen Stuhl zu verteidigen und zu unterstützen, der durch feindliche Kräfte bedroht zu sein schien. Gegründet durch eine private Initiative mit der Unterstützung der päpstlichen Regierung, definierte sich das Abendblatt „politisch religiös“ mit dem Ziel der Verteidigung der Prinzipien der Gerechtigkeit. Dies geschah in der auf das Wort Christi gegründeten Überzeugung, dass das Böse nicht das letzte Wort hat. Dieses Ziel und diese Überzeugung wurden ausgedrückt durch die zwei berühmten lateinischen Aussprüche – der erste aus dem römischen Recht, der zweite aus dem Evangelium - der seit der ersten Ausgabe 1862 auf dem Zeitungskopf zu lesen ist: „Unicuique suum“(„Jedem das Seine“) und vor allem „Non praevalebunt“ (Mt 16,18 – „Sie werden nicht überwältigen“).

1870, am Ende der weltlichen Macht, erschien es damals wie eine Vorsehung, ungeachtet der Übergriffe und der ungerechten Attacken gegen das Papsttum, dass „ L‘Osservatore Romano“ nicht mitgerissen und seine Präsenz und Funktion nicht überflüssig wurden. Im Gegenteil, 15 Jahre später entschied der Heilige Stuhl, die Zeitung als Eigentum zu erwerben. Die direkte Kontrolle über sie seitens der päpstlichen Autorität vergrößerte mit der Zeit ihr Prestige und ihre Autorität. Diese wuchs mit der Zeit, vor allem durch ihre Unparteilichkeit und ihren Mutes im Angesicht der Schrecken und Tragödien der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts; sie war eine „eine internationale und übernationale Einrichtung“, schrieb Kardinal Gasparri 1922.

Dann folgten tragische Ereignisse: Der Erste Weltkrieg, der Europa verwüstete und sein Gesicht veränderte, der Aufstieg totalitärer Regime mit verheerenden Ideologien, die die Wahrheit verneinten und Menschen unterdrückten, schließlich die Schrecken des Holocaust und die schrecklichen Jahre des Zweiten Weltkrieges, dann die Zeit des Kalten Krieges und der anti-christlichen Verfolgung in vielen Ländern durch die kommunistischen Regime. Trotz der Enge der Mittel und Kräfte konnte die Zeitung des Heiligen Stuhls mit Ehrlichkeit und Freiheit das mutige Werk von Benedikt XV., Pius XI. und Pius XI. bei der Verteidigung der Wahrheit und Gerechtigkeit, dem einzigen Fundament des Friedens, unterstützen.

Seit dem Zweiten Weltkrieg wuchs die Bedeutung des „Osservatore Romano“, wie sogleich maßgebliche Stimmen von Laien erkannten und wie 1961 anlässlich der Hundertjahrfeier der Zeitung Kardinal Montini schrieb, der zwei Jahre später Papst mit dem Namen Paul VI. werden sollte: „Es war wie in einem Zimmer beim Ausschalten aller Leuchten und nur eine einzige weiter leuchtete: Alle Augen wandten sich zu dem entzündeten Licht. Und zum Glück war dieses Licht das des Vatikans, ein ruhiges und entzündendes Licht, das sich nährte vom Amt des heiligen Petrus. „L‘Osservatore Romano“ erscheint also als das, was er immer war: ein Leuchtturm zur Orientierung.“

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts begann die Zeitung auf der ganzen Welt durch eine Serie von regulären Ausgaben in verschiedenen Sprachen zu erscheinen, die nicht nur allein im Vatikan gedruckt wurden: Derzeit sind es acht, unter ihnen wird seit 2008 auch eine Version in Malayalam, Indien, veröffentlicht mit erstmals vollständig nicht – lateinischen Schriftzeichen. Seit demselben Jahr, in einer schwierigen Zeit für die traditionellen Medien, wird die Verbreitung in der Kombination mit anderen Zeitungen in Spanien, Italien und Portugal unterstützt. Seit neuestem wird sie durch eine Präsenz im Internet stets wirksamer.

Täglich „einzigartig“ mit seinen einmaligen Charakteristiken, hat „L‘Osservatore Romano“ in diesen 150 Jahren einen besonderen Dienst für die Wahrheit und die katholische Gemeinschaft seitens des Sitzes des Nachfolgers des hl. Petrus geleistet. Die Zeitung hat auf diese Weise pünktlich über päpstliche Interventionen berichtet, sowie zwei Konzilien, die im Vatikan stattfanden und viele synodale Versammlungen begleitet, die Ausdruck für die Vitalität und den Reichtum der Gaben in der Kirche sind. Nie hat sie vergessen, die Präsenz, das Werk und die Situation der katholischen Gemeinden in der Welt hervorzuheben, die bisweilen unter dramatischen Bedingungen leben.

In dieser Zeit, die oft geprägt ist von einem Mangel an Orientierungspunkten und der Entfernung Gottes aus dem Horizont vieler Gesellschaften, präsentiert sich die Zeitung des Heiligen Stuhls wie eine „Zeitung der Ideen“, wie ein Organ der Bildung und nicht allein der Information. Daher muss sie wissen, wie sie weiterhin treu diesem Auftrag folgt, den sie seit anderthalb Jahrhunderten erfüllt. Mit Aufmerksam muss sie auch ihren Blick auf den christlichen Orient richten, den nicht umkehrbaren ökumenischen Auftrag der verschiedenen Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften. Des Weiteren stellen die beständige Suche nach Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Judentum und mit anderen Religionen, die Debatte und der kulturelle Austausch, die Stimme der Frauen und bioethische Themen für alle entscheidende Fragen dar. Die Öffnung fortführend, hin zu einer wachsenden Zahl von Mitarbeitern und die internationale Dimension betonend, die seit dem Beginn der Zeitung vorhanden ist, kann „L`Osservatore Romano“ nach 150 Jahren Geschichte stolz weitergehen. Sie weiß die herzliche Freundschaft des Heiligen Stuhls für die Menschen unserer Zeit auszudrücken, in der Verteidigung der menschlichen Person, geschaffen nach dem Bild und Gleichnis Gottes und von Christus erlöst.

Für all das möchte ich dankbar all derer gedenken, die seit 1861 bis heute für die Zeitung des Heiligen Stuhls gearbeitet haben: Die Direktoren, der Redakteure und des ganzen Personals. Ihnen Herr Direktor und allen denjenigen, die aktuell an diesem spannenden, herausfordernden und verdienstvollem Werk am Dienst an der Wahrheit und der Gerechtigkeit mitarbeiten, sowie den Wohltätern und Helfern, versichere ich meine ständige geistliche Nähe und sende euch von Herzen einen besonderen Apostolischen Segen.

[Übersetzt aus dem Italienischen von Mag. Maria Raphaela Hölscher © Libreria Editrice Vaticana]