206 Projekte für 2,7 Millionen Euro: Versöhnungsfonds der katholischen Kirche in Deutschland zieht Bilanz

Kardinal Lehmann: Versöhnung hat immer mit Sühne zu tun

| 501 klicks

MAINZ, 13. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Mit einer Gesamtsumme von 2.710.542 Euro hat der „Versöhnungsfonds der Katholischen Kirche“ in Deutschland in den letzten Jahren 206 Projekte gefördert, die der Auseinandersetzung mit dem Erbe des Nationalsozialismus und der Versöhnung dienen. Einen Schwerpunkt bildeten dabei Bildungs-, Begegnungs- und Austauschprogramme mit jungen Menschen. Auf einer Pressekonferenz, an der auch der ehemalige Außenminister der Republik Polen, Professor Dr. Wladyslaw Bartoszewski teilnahm, zog der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann, am Donnerstag Bilanz.



„Wenn wir heute eine Bilanz der Arbeit unseres Versöhnungsfonds ziehen, so tun wir das in der Gewissheit, dass der eingeschlagene Weg richtig war. Wir tun dies aber auch im Wissen darum, dass die Versöhnungsarbeit als solche nie abgeschlossen sein wird und eine bleibende Aufgabe für die Zukunft darstellt“, sagte der Kardinal in Mainz.

Die Deutsche Bischofskonferenz hatte am 28. August 2000 den Beschluss gefasst, eine eigene Initiative zur Entschädigung von Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen zu ergreifen. Dabei orientierte sie sich an drei Leitlinien: Entschädigung, Versöhnung, Erinnerung. Deshalb hatte sie neben einem Entschädigungsfonds für ehemalige Zwangsarbeiter auch einen Versöhnungsfonds eingerichtet und begleitende wissenschaftliche Forschungen angeregt.

Nach Kardinal Lehmann zielt der Fonds darauf ab, „die Erinnerung an die Folgen von Systemunrecht wach zu halten, das Verständnis für die Opfer zu fördern, Ansätze zum Dialog, zur Verständigung und zur Versöhnung zwischen den Menschen und Völkern zu stärken sowie die Auseinandersetzung mit systematischen Menschenrechtsverletzungen und politischer Gewaltherrschaft zu unterstützen und zu präventivem Handeln zu ermutigen.

Dass rund 54 Prozent der vom Versöhnungsfonds geförderten Projekte Kinder und Jugendliche als Zielgruppe hatten, wertete Kardinal Lehmann als „ermutigendes Zeichen“. Dies mache deutlich, „dass die Versöhnungsarbeit der letzten Jahrzehnte kein Generationenprojekt war, sondern der Staffelstab auf die Nachgeborenen übergeht“.

Dr. Gerhard Albert, Geschäftsführer von „Renovabis“, der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, stellte in Mainz verschiedene beispielhafte Projekte vor. Renovabis war von der Deutschen Bischofskonferenz mit der Betreuung des Versöhnungsfonds beauftragt worden.

Kardinal Lehmann wies darauf hin, dass Versöhnung „nicht nur vom Ursprung des Wortes, sondern auch von der Sache her mit Sühne zu tun“ habe. Sie sei weder mit „Mitteln der Sozialtechnik herzustellen noch allein durch einen materiellen Ausgleich zugunsten der Opfer“.

Versöhnung bedeute vielmehr, „Gemeinschaft und Zusammenleben neu zu erringen durch die bewusste Annahme einer leid- und schuldbestimmten Geschichte. Dabei muss die Perspektive der Opfer in den Blick kommen. Wer sich den Herausforderungen, die aus gewalt- und schuldbelasteter Geschichte herrühren, nicht mit der gebotenen Geduld und Beharrlichkeit stellt, bleibt ihr oft in besonders prekärer Weise verhaftet. Versöhnung kann nur gelingen, wenn Menschen und Völker sich angesichts verübter und erlittener Gewalt und ihrer machtvollen Folgen offen auseinandersetzen und einander begegnen.“ Diese Begegnung mit den anderen zerbreche unsere „Fixierung auf das eigene Leiden und lehrt uns Empfindsamkeit für das Leiden der anderen“.

Versöhnung besitze wesentlich eine Zukunftsdimension, fuhr Kardinal Lehmann fort, denn „Versöhnung hat auch das Ziel, dass sich vergangenes Unrecht nicht in ähnlicher Weise immer neu wiederholt. Deshalb ist es wichtig, jene Strukturen und Mechanismen aufzudecken, die immer wieder zu Verstrickung in Schuld und zu extremen Erfahrungen von Leid und Unrecht führen.“