400 Jahre nach Galilei - Tagung zum Thema Glaube und Wissenschaft

„Zwei Flügel, um sich zur Wahrheit zu erheben“ – Kardinal Bertone zu Wissenschaft und Verantwortung

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ROM, 27. November 2008 (ZENIT.org).- Dem Thema „400 Jahre nach Galilei" ist eine Tagung gewidmet, die sich mit dem Thema Glaube und Wissenschaft befasst und ihre Arbeiten am gestrigen Mittwoch, dem 26. November, aufgenommen hat. Zu diesem Anlass hielt Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone einen Vortrag, in dem er sich mit den „zwei Flügeln" auseinandersetzte, die zur Wahrheit führen: Glaube und Vernunft.

Absicht der Auseinandersetzungen Kardinal Bertones ist es gewesen, die gemeinsame Reflexion über die überraschenden Entwicklungen in der zeitgenössischen Wissenschaft in einen weiteren Horizont zu stellen. Diese Reflexion entnehme ihre Vorteile nicht nur den Fortschritten der Wissenschaft und Technik im engen Sinn, sondern auch dem Beitrag der Philosophie sowie der Aufmerksamkeit gegenüber den gegebenen ethischen, religiösen, politischen und sozialen Folgen und Implikationen, die die Forschung mit sich bringe.

Angesichts der enormen Potentialitäten der der Wissenschaft zu Verfügung stehenden Technik werde dieses Erfordernis immer sichtbarer. Bertone verwies hierzu auf den Bereich der Biogenetik, der angewandten Informationstechniken, der Biomechanik, der Wirtschaft, der Finanz sowie der Erforschung des Weltraumes.

Galileo Galilei, der im Mittelpunkt der Arbeiten der Tagung steht, werde als einer der Väter der modernen Wissenschaft betrachtet. Ihm werde von vielen die Verwandlung des Wesens der Erkenntnis zugeschrieben, die unter dem Namen der „wissenschaftlichen Revolution" bekannt sei. Bertone betonte, dass innerhalb dieses Prozesses die Vernunft auf neuen Grundlagen zu stehen komme und als mathematische Denkart konzipiert werde.

Die Naturwissenschaft sei demzufolge nicht mehr ein Werk der Kontemplation, sondern werde zu „einer aufmerksamen Arbeit der Dekodierung": „Die Vernunft strukturiert sich anhand mathematischer Grundlagen und ersetzt so die reale Erfahrungswelt mit einer abstrakten geometrischen Welt." Dabei handle es sich um eine experimentelle Wahrheit, die an jene Konzeption der Wahrheit stößt, die auf den Gewissheiten der Tradition basiert.

Diese Bewegung habe zu den Entwicklungen der modernen Wissenschaften geführt, die von vielen komplexen Fragestellungen philosophischer und ethischer Art begleitet werden, dies aufgrund des wachsenden sozialen und anthropologischen Einflusses. Gerade dies macht für Kardinal Bertone eine eingehende Reflexion über die Grenzen der technowissenschaftlichen Forschung notwendig. Das Thema müsse im Gesamtzusammenhang des Wissens angegangen werden, das der Mensch ausgearbeitet hat, wobei die ethisch-sozialen Implikationen abzuwägen seien.

Kardinal Bertone hob die innere Komplexität der modernen Technowissenschaft sowie die Rolle hervor, die diese in den Hoffnungen und Ängsten der Menschen spielt. Es werde ein Dilemma sichtbar, dem nicht zu entgehen sei: einerseits bemerke man das Aufkommen komplexer ethischer Problematiken aufgrund der im Verhältnis zur Schnelligkeit der wissenschaftlichen Forschung unangemessenen ethischen Instrumente. Andererseits sei ein Verlust des Sinnes für die moralischen Gesetze sichtbar, die der Tradition entstammen, was leicht zur Abwesenheit von Gesetzen degeneriere.

Gerade an diesem Punkt werde die Notwendigkeit einer neuen Bestimmung des Verhältnisses von Glaube und Wissenschaft deutlich. In besonderer Weise habe dies Papst Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio hervorgehoben. In diesem Lehrschreiben habe der Papst die Vernunft und den Glauben, die Wissenschaft und die Religion als die „die beiden Flügel" bezeichnet, „mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt", ohne dass diese sich dabei gegenseitig eliminieren und bekämpfen.

Das II. Vatikanische Konzil habe bekräftigt, dass der Mensch „mit den Mitteln der Wissenschaft und der Technik seine Herrschaft über beinahe die gesamte Natur ausgebreitet (hat) und (sie) beständig weiter (ausbreitet)" (Gaudium et spes, 33). Benedikt XVI jedoch habe seinen Vorgänger zitierend angemerkt: „Deshalb sind die Wissenschaftler, gerade weil sie ‚mehr wissen', berufen, ‚mehr zu dienen'. Weil die Forschungsfreiheit, die sie genießen, ihnen den Zutritt zum Fachwissen gibt, haben sie die Verantwortung, dieses weise zum Wohl der ganzen Menschheitsfamilie zu nutzen" (Ansprache an die Päpstliche Akademie der Wissenschaften, 6. November 2006).

Abschließend kehrte Kardinal Bertone auf Galileo Galilei zurück. Dabei unterstrich er, dass Galilei als Mann der Wissenschaft mit Liebe seinen Glauben und seine tiefen religiösen Überzeugungen gepflegt hat. „Galileo Galilei ist ein Mann des Glaubens, der die Natur als ein Buch sah, dessen Autor Gott ist".