50 Jahre deutsch-französische Freundschaft: Erfahrung und Ausblick

Élysée-Vertrag an der Gregoriana gewürdigt

Rom, (ZENIT.org) Jan Bentz | 1176 klicks

In der Eingangshalle der Päpstlichen Universität Gregoriana wurde am Donnerstagnachmittag ein Symposion zum 50. Jubiläum des Élysée-Vertrages abgehalten, dem Abkommen der deutsch-französischen Freundschaft, das am 22. Januar 1963 vom damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer und General Charles de Gaulle unterzeichnet die Versöhnung der beiden Länder nach dem Krieg besiegelte. Der gewählte Ort, die Päpstliche Universität Gregoriana der Jesuiten in Rom, könnte man als Symbol des schützenden Gebäudes der christlichen Werte sehen, die das Fundament der Beziehung bilden.

Das Thema, das die Vorträge vertiefen sollten, war: „Die europäische Union – Ein Modell für andere Versöhnungen?“.

Aus Deutschland war Annegret Kramp-Karrenbauer angereist, Ministerpräsidentin des Saarlandes und Bevollmächtigte der Bundesrepublik Deutschland für die deutsch-französischen kulturellen Beziehungen. Aus Frankreich kam der französische Politiker Michel Barnier (UMP), seit Februar 2010 EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen. Der dritte Geladene, Jacques Santer, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission, konnte bedauerlicherweise, durch einen Schneesturm aufgehalten, nicht persönlich anwesend sein. Er sollte als Vertreter Luxemburgs, dem „Pufferstaat“ zwischen den beiden Kulturen, seine Einschätzung äußern. Seine Rede wurde aber in gekürzter Fassung verlesen. Anwesend waren auch mehrere Kardinäle und Kurienbischöfe, darunter Kardinaldekan Angelo Sodano.

Politik gründet auf einer Basis, die sie sich nicht selber geben kann

Erzbischof Mamberti, Sekretär für die Beziehung mit den Staaten, verlas die Grußbotschaft von Papst Benedikt XVI, unterzeichnet von Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone [Link]. Darin versicherte der Papst seine geistige Nähe zu diesem Ereignis. Der Élysée-Vertrag erinnere auch an die beiden Unterzeichner, die großen politischen Gestalten des Nachkriegseuropa Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, beides überzeugte Christen. Durch ihre Teilnahme an der Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims hätten sie deutlich gemacht, dass Politik sich auf eine Basis gründe, die sie sich nicht selber geben könne. Das vom Schöpfer in das Herz des Menschen eingeschriebene natürliche Sittengesetz und bilde die Grundlage einer Politik, die wahrhaft der Gerechtigkeit und dem Frieden, dem Fortschritt der ganzen Menschheitsfamilie diene. Der Friede sei eine Aufgabe, die immer wieder neu erfüllt werden müsse, damit das gemeinsam Erreichte nicht durch kurzsichtige Eigeninteressen untergraben werde. Auf dem Fundament der vom Evangelium her geformten Werte und Menschenrechte müsse auch in Zukunft Politik aufbauen.

Nach einem Grußwort des Rektors der Universität, François-Xavier Dumortier, und einem traditionellen musikalischen Beitrag des deutsch-ungarisches Chors des Germanicums in Rom erging das Wort an den Botschafter Deutschlands am Heiligen Stuhl, Dr. Reinhard Schweppe. Er ging in  seiner Ansprache darauf ein, inwiefern die Basis der deutsch-französischen Freundschaft die christlichen Werte seien. Dieses gelte auch für die gesamte Europäische Union, die nur aus diesem Kern heraus Konflikte in der ganzen Welt lösen könne, führte Schweppe aus.

Europäische Eintracht, täglich gelebt

Frau Kramp-Karrenbauer betonte in ihrem Redebeitrag zunächst, wie sinnvoll es sei, einen solchen Kongress in der Nähe des Vatikans abzuhalten, da die christlichen Werte eine unerlässliche Grundlage der Freundschaft darstellten. Sie erinnerte daran, dass es ein Katholikentag war, der deutsch-französische Katholikentag 1913 in Metz, wo die Idee dieser Freundschaft zum ersten Mal erwähnt worden war.

„Die deutsch-französische Freundschaft ist ein Erbe, das uns in unserem Alltag prägt und gleichzeitig, im Sinne der EU, die größte Aufgabe der Zukunft ist“. Das Saarland sei bedingt durch seine Bodenschätze für viele Jahrhunderte der „Zankapfel“ der beiden Völker gewesen. Heute stelle es dagegen heute ein Beispiel für Zusammenwachsen dar. Für die heutige Generation sei es schwer nachvollziehbar, dass es jemals Grenzen und Kontrollen gegeben habe. Der Antrieb des Vertrages sei die gemeinsame Überzeugung gewesen: „Es darf nie wieder Krieg in Europa geben“.

Die Ministerpräsidentin beschrieb dann die Situation in ihrem Land, wo die gelebte Eintracht jeden Tag fühlbar sei, sei es durch die grenzüberschreitende S-Bahn oder auch die 181 bilingualen Bildungseinrichtungen: „Das ist Europäische Union, täglich gelebt“. Die deutsch-französische Freundschaft sei das Maß der innereuropäischen Beziehungen, vor allem im Bereich der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Dass es heutzutage in Japan und Korea eine Kommission gebe, die prüfe, wie eine Versöhnung der beiden Länder trotz einer schmerzhaften Geschichte möglich sei, ginge sicher auch auf das Vorbild des deutsch-französischen Geschichtsbuchs zurück, das als Bildungsgrundlage in vielen Abi-Bac Schulen genutzt werde.  Damit wirke es als Vorbild für  Menschen auf der ganzen Welt.

Wie kann man mit denen Zusammenleben, die die Henker und Scharfrichter waren ?

„Wir arbeiten an einem vereinten Europa, das kein vereinheitlichtes Europa ist“, so Michel Barnier in seiner anschließenden Rede. „Wir dürften heute nicht in Nostalgie fallen, in eine vergangene Zeit, als sich die deutsch-französische Freundschaft gebildet hat. Wir müssten in die Zukunft blicken und darauf, welche Herausforderungen diese Freundschaft von ehemaligen Erzfeinden heute und in Zukunft bedeutet. Was wolle Jesus damit sagen, als er seinen Jüngern erklärte, dass sie sich mit ihren Feinden versöhnen sollen? ..Ob es sich um Menschen oder Staaten handelt, es gibt drei Elemente, die einer Freundschaft zugrunde liegen müssen: ein gemeinsamer Blick auf die Geschichte, symbolische Gesten und die Verpflichtung zu zusammenführenden Projekten“.

Dann erläuterte er die Freundschaft zwischen den ehemaligen Erzfeinden auf der Grundlage des Bußsakraments: Wie die Beichte benötige Versöhnung zuerst einmal eine Gewissenerforschung. „Wie kann man mit denen Zusammenleben, die die Henker und Scharfrichter waren? Wir stehen den Toten gegenüber in der Pflicht.“ Der Versöhnung der Völker müsse auf einer gemeinsamen Geschichtsinterpretation basieren. Als Beispiel aus der Welt der Kunst nahm Barnier die Geste der Hand Christi des Malers Poussin, der in einem Bild über die Beichte, Teil seiner Reihe über die Sakramente, die er zur Verwunderung seiner Jünger als Zeichen der Vergebung für Maria Magdalena ausstrecke. Es ginge also auch um Gesten und Symbole der Freundschaft wie der Handschlag von de Gaulle und Adenauer. De Gaulle habe in einer seiner Reden davon gesprochen, nötig sei nicht nur eine Furcht-Reue, sondern auch eine Liebes-Reue.

Die Aussöhnung der beiden Völker wirke nicht nur bilateral, sondern bilde den Kern der Einheit Europas. Wie Robert Schumann es formuliert habe: „Es gib kein Europa ohne deutsch-französische Freundschaft; es gibt keine deutsch-französische Freundschaft ohne europäischen Kontext.“ Nach 60 Jahren stelle vor allem die Verleihung des Friedensnobelpreises an Europa Besiegelung dieser Freundschaft dar. Deutschland und Frankreich hätten die Erb-Feindschaft zwar überwunden und könnten so Beispiel für andere Völker sein, aber stets ohne erhobenen Zeigefinger. Die Kirche spiele in dieser Beziehung insofern eine Rolle, als die Gründungsväter Christen waren und den Menschen in den Mittelpunkt, auch der Wirtschaft mit allen ihren Vorteilen, zu stellen wussten. „Wir müssten uns damit beschäftigen, wie wir es vermeiden, nur Zulieferanten Chinas zu werden, und nur die Produkte zu konsumieren.“

Die deutsch-französische Lokomotive, das Zugpferd für die anderen EU-Länder

In der in gekürzter Fassung vorgelesenen Rede Santers wurde betont, ohne den Élysée-Vertrag gebe es kein Europa, wie man es heute kenne. Ein Beispiel sei die gemeinsame Währung, die beide Länder vereinend Grundlage für die ganze Union werden konnte. Zum ersten Mal seit Jahrhunderten sei Europa heute friedlich vereint. Deutschland und Frankreich seien Kern der EU geworden. Europa sei aber keine technokratische Macht, vielmehr müssten die Werte, die der Einheit zu Grunde lägen, wieder aufleuchten. Viel zu oft werde aus der EU ein Sündenbock gemacht und die Vorzüge der Union würden vergessen. Heute müsse jedem Menschen die Großartigkeit dieser Einheit wieder nahegebracht werden. „Man kann nicht so tun, als ob es die Globalisierung nicht gebe, vielmehr müssen die mit ihr zusammenhängenden Probleme in Angriff genommen werden.“ Neue Initiativen müssten im Sinne des Élysée-Vertrages getroffen werden. Solche Initiativen könnten nur dann vorankommen, wenn „die deutsch-französische Lokomotive das Zugpferd für die anderen EU-Länder ist“.

EU ist ein christliches Projekt

In der anschließenden Diskussion sprach man über die Zentralität der deutsch-französischen Beziehungen für Europa. Für Barnier ist die Beziehung der beiden Länder ein „Miteinander Reden“, um „dann mit anderen zu reden“. Weiterhin wurde in Frage gestellt, wie die EU noch christlich sein könne, wie Papst Benedikt XVI. es fordere, während die meisten Politiker eher laizistisch eingestellt seien. Für Frau Kramp-Karrenbauer war die EU ein christliches Projekt und bleibt es, da „das Fundament, auf dem wir leben, die christlichen Werte sind“. Diese Werte seien in der aktuellen Frage im Jahre 2013 vor allem die „Solidarität in Europa“ und das Verhältnis der Eigenverantwortung einerseits und der Solidarität andererseits.