97. Katholikentag setzt auf Gebet als Motor für Weltverantwortung und Aktion

Bischof Wanke ruft zur Medienaskese auf

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OSNABRÜCK, 27. Mai 2008 (ZENIT.org).- Am letzten Tag des 97. Katholikentages (Sonntag, 25. Mai) wurde in Vorträgen und Podien besonders auf die Kraft des Gebetes verwiesen. Das Gebet sei der Motor für tiefe und radikale Weltverantwortung und Gestaltung der Gesellschaft.

Den Einstieg in diese Thematik hatte Dr. Annette Schlenzer bereits am vergangenen Donnerstag gemacht, als sie in ihrem Vortrag Madeleine Delbrêl als „Pionierin des Glaubens in einer säkularisierten Welt“ vorstellte, „als ‚Mystikerin der Straße’, als eine Frau, die vom Evangelium Jesu Christi her den Dialog mit den Menschen ihrer Zeit gesucht hat“.

Madeleine Delbrêl habe mitten im Alltag erlebt, „dass ihr Einsatz das herkömmliche Entweder-Oder christlicher Lebensmöglichkeiten sprengt: entweder ‚in der Welt zu bleiben’ oder „die Welt zu verlassen’; entweder ‚weltlich’ oder ‚geistlich’ zu leben, entweder ‚aktiv’ oder ‚kontemplativ’. Denn solche Aufspaltungen kann es im Blick auf die Gestalt Jesu Christi eigentlich nicht geben.“ Die Leidenschaft für Gott sei es, die dazu treiben müsse, den Pol der Nächstenliebe bis zum Äußersten auszudehnen, um die Trennung von „sakral“ und „profan“ zu überwinden in der einen Bewegung der Liebe, betonte Schlenzer.

Mit Worten von Madeleine Delbrêl erklärte die Vortragende: „Wir finden, dass das Gebet eine Aktion ist und die Aktion ein Gebet; es scheint uns auch, dass ein wahrhaft liebendes Tun ganz von Licht erfüllt ist. Es scheint uns, dass bevor es zur Tat kommt, die Seele wie eine Nacht ist, die ganz auf das Licht hin ausgespannt ist, das kommen wird. Und wenn das Licht dann da ist, wenn der Wille Gottes klar verstanden ist, dann lebt sie ihn ganz sanft und schaut gemächlich zu, wie ihr Gott sich in ihr regt und zu wirken anfängt. Uns scheint, dass auch das Handeln ein Bittgebet ist. Wir haben nicht das Gefühl, dass es uns auf unser Feld der Arbeit, des Apostolats, des Alltags festnagelt.“

Professor Dr. Julius Kuhl wies am Samstag in seinem Vortrag Beten hilft darauf hin, dass das Gebet dabei behilflich sei, eine reife, entscheidungsstarke und selbständige Persönlichkeit zu entwickeln. Was manche als sinnentleerte Glaubensfloskeln und Pflichtübungen wahrnähmen, sei für andere der letzte Rettungsanker in einer immer komplizierteren, postmodernen Welt, „in der es immer schwieriger wird, eine klare Orientierung für eine gesunde Selbstentwicklung zu finden“.

Das Gebet wirke „als immer neu abrufbares, vertrautes Ritual“ selbst dann, wenn Stress und Probleme die „intelligenten“ Funktionen des denkenden Ichs und des fühlenden Selbst außer Kraft gesetzt hätten, führte der Psychologe aus.

„Wenn das Selbst das psychologische System ist, das uns in die Weite führt, dann ist es die denkbar beste Empfangsstation für die überpersönliche Weite des christlichen Gottes“, erklärte Kuhl. Deshalb sei verständlich, „warum Trost und Beruhigung, wie sie etwas durch den wunderbaren Psalm 23 durch den guten Hirten vermittelt werden, so wichtig sind“.

Der Professor fuhr fort: „Wenn Angst und Schmerz unseren Horizont des Selbst verengen (angustiae heißt ‚Enge’), dann verhindern sie auch die Weite, die mit der Gottesbegegnung gemeint ist. Wenn wir unser Beten wie einen Akku immer wieder mit dieser Weite aufladen, dann kann es uns auch in Phasen helfen, in denen wir uns in die Enge getrieben fühlen.“

Der Erfurter Bischof Joachim Wanke rief in seinem Beitrag zu einem bewussteren Medienkonsum auf. Ein solcher „Lärmschutz für die Seele“ sei entscheidend, um in der Hektik des Alltags nicht unterzugehen, bekräftigte Wanke. Bei einem biblischen Impuls in der Katharinenkirche riet der Hirte dazu, eine kluge Auswahl zu treffen. Nicht alles sei so wertvoll, dass es Aufmerksamkeit verdiene. Medienaskese sei sinnvoll und wichtig.

Das Gebet zu Gott sei in diesem Zusammenhang gleichsam ein Atemholen, um neu Kraft zu tanken, führte Bischof Wanke weiter aus. In der heutigen Gesellschaft gebe es ein tiefes spirituelles Verlangen nach Orientierung und Sinnsuche. Er stelle immer wieder fest, dass auch kirchenferne Menschen die Niederlassung von klösterlichen Orden in ihren Gemeinden schätzten. Selbst Nicht-Christen würdigten es, wenn für ihre Anliegen ein Gebet gesprochen werde.

Die revolutionäre Kraft des Gebetes als verbindende Kraft betonte Jürgen Johannesdotter, Bischof der evangelisch-lutherischen Landeskirche Schaumburg - Lippe (Bückeburg): „Uns allen ist gemeinsam, dass wir an Gott glauben. Und: Wir dürfen zu ihm beten. Das Gebet ist kein Selbstgespräch. Wir beten zu Gott, dem Allmächtigen und Barmherzigen. Wir haben die Erlaubnis dazu, unabhängig von unserer Hautfarbe und Geschlecht, von unserem Alter und Beruf, von unserem Einkommen und von unserer Religion.“

Auch wenn die Menschen vieles unterscheide, gebe es ein „fundamentales Menschenrecht aller Religionen“, nämlich „das Recht zu beten“. Und Johannesdotter bekräftigte: „Es ist sogar unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Kirche. Das Recht zu beten ist der tiefste Ausdruck der Solidarität unter den Menschen. Gott schenkt uns dieses Recht. Von nichts anderem ist es abhängig als von dieser Erlaubnis.“

Die ganze Welt sei im Anruf „Vater unser" versammelt: „alle Nöte, die wir kennen - aber sie erdrücken das Herz nicht. Der Anruf des Vaters lässt den Horizont weit werden, lässt das ganze Leben hineinströmen. Das Beten zu diesem Vater macht uns bereit, das tägliche Brot zu empfangen und auszuteilen. Solches Beten bringt niemand allein zustande. Doch der Atem des Vaters, der - wie im Himmel, so auch auf Erden - ins Verborgene sieht, kann es ermöglichen. Mit ihm können wir immer wieder von vorne beginnen.“

Der Anruf des Vaters lasse das Menschenherz seine Sprache wiederfinden; „die Sprache der Kinder und des Vertrauens“, so der evangelische Landesbischof abschließend. „Er befreit und behütet das Reden des Herzens mit Gott.“

Von Angela Reddemann