Abrechnung mit Scientology?

Filmrezension: The Master

Berlin, (ZENIT.orgtextezumfilm) Dr. José García | 1137 klicks

Der Zweite Weltkrieg ist vorbei. Für Freddie Quell (Joaquin Phoenix) beginnt die Friedenszeit mit dem Ausschlafen seines letzten Rausches. Durch den Krieg ist Freddie nicht nur alkohol-, sondern auch sexsüchtig geworden. Der Besuch beim Armeepsychiater liefert keinen eindeutigen Befund, so dass Freddie ins zivile Leben entlassen wird. Seine Versuche, einen Job zu finden und sich in die Nachkriegsgesellschaft des wirtschaftlichen Aufschwungs zu integrieren, scheitern kläglich: Seine erste Stelle als Fotograf in einem Kaufhaus verliert er nach einer Prügelei mit einem Kunden. Der in der Dunkelkammer nach Geheimrezept selbst gebrannte Schnaps wird Freddie wieder einmal zum Verhängnis, als er als Erntehelfer in Kalifornien einen Arbeiter damit fast vergiftet. In volltrunkenem Zustand gelingt es ihm, unbemerkt auf eine am Pier von San Francisco liegende Yacht zu kommen und in einer Koje seinen Rausch auszuschlafen. Am nächsten Morgen befindet sich die Yacht bereits auf dem Weg nach New York, als Freddie sanft geweckt und freundlich zum „Kapitän“ gebracht wird. So lernt er den charismatischen Lancaster Dodd (Philip Seymour Hoffman) kennen, der sich als „Autor, Doktor, Nuklearphysiker und Philosoph, aber in erster Linie ein Mann“ vorstellt. Er lädt Freddie zur Hochzeit seiner Tochter ein, bei der Dodd die Stelle des Pfarrers einnimmt und erstmals „The Cause“ („Die Sache“) erwähnt. Dodds schwangere Frau Peggy (Amy Adams) freut sich auch über den Fremden, weil Freddie ihren Mann inspiriere – Dodd habe die ganze Nacht geschrieben, erklärt sie. 

Mit einem einfachen „Kommen Sie zu uns“ wird Freddie in die Gemeinschaft aufgenommen. Er nimmt noch an Bord an einer Hypnosesitzung, bei der Dodd als „Meister“ angeredet wird. In einer „zwanglosen Sitzung“ zwingt der Meister mit gezielten Fragen den verschlossenen Freddie, sich zu erinnern. Es entsteht eine für den ehemaligen Kriegsteilnehmer lange nicht mehr erlebte Nähe, die mit Freddies selbstgebranntem Schnaps begossen wird. Als die gesamte „Gemeinde“ in New York von Todds reicher Gönnerin Mildred Drummond (Patty McCormarck) eingeladen wird, gehört Freddie so sehr dazu, dass er einen Gast, der den „Meister“ als Scharlatan entlarven will, gewalttätig zum Schweigen bringt. Freddie folgt Dodd auch nach Philadelphia, wo der „Meister“ bei Helen Sullivan (Laura Dern) sein Hauptquartier einrichtet – und ein paar Tage später von der Polizei wegen Veruntreuung von Stiftungsgeldern festgenommen wird.

Paul Thomas Andersons Film „The Master“ ging der Ruf voraus, es handele sich um ein Drama um den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard. Dass „The Master“ keine Abrechung mit Scientology geworden ist, hat nicht in erster Linie damit zu tun, dass der vom „Meister“ Lancaster Dodd praktizierte Hypnose-„Kult“ höchstens entfernt auf die von Hubbard beschriebenen Psychotechniken namens „Dianetik“ anspielt, mit denen der spätere Scientology-Kirche-Gründer 1950 an die Öffentlichkeit trat. Das von Regisseur Anderson selbst verfasste Drehbuch konzentriert sich nicht auf Dodds abstruse Methoden oder „Lehren“, sondern auf die Beziehung zwischen den zwei grundverschiedenen Männern. Was für ein Interesse kann der wortgewandte, elegante „Meister“ an dem alkoholabhängigen, grobschlächtigen und zu Zornausbrüchen neigenden, ehemaligen Kriegsteilnehmer? Den Gegensatz macht etwa die Szene deutlich, als die beiden ins Gefängnis wandern: In der einen Zelle bekommt Freddie einen Wutanfall, so dass er sogar die Toilette zertrümmert, in der anderen bleibt Dodd seelenruhig, versucht Freddie zu besänftigen.

Die 70 Millimeter-, kontrastreichen Bilder von Kameramann Mihai Malaimare Jr. bestechen durch eine zu den 50er Jahren passende Klarheit. „The Master“ ist vor allem ein Schauspieler-Film. Philip Seymour Hoffman kann an seine hervorragende Darstellung in „Capote“ (Bennett Miller, 2005) anschließen. Auch wenn Lancaster Dodd etwa auf die Kritik eines Partygastes zornig reagiert, nimmt sich der Charakterdarsteller zurück. Joaquin Phoenix brilliert als psychisch gestörter Kriegsheimkehrer mit einem Hang zur Aggressivität mit starker physischer Präsenz. Aber auch Amy Adams überzeugt als die Frau, die hinter dem „Meister“ steht und vielleicht ihn steuert. Allerdings gönnt ihnen das Drehbuch kaum eine Charakterentwicklung, weshalb der Film mit 137 Minuten viel zu lange geraten ist.

Weil „The Master“ aus der Perspektive von Freddie Quell erzählt, bleibt die Persönlichkeit des „Meisters“ eher rätselhaft. Was seine Antriebsfeder sind, aber auch was seine Anziehungskraft auf die von ihm begründete Gemeinde begründet, entzieht sich dem Zuschauer. Schon deshalb und weil Drehbuchautor und Regisseur Anderson irgendeiner Bewertung ausweicht, kann „The Master“ kaum als ein Film über Scientology beziehungsweise über L. Ron Hubbard bezeichnet werden. Nichtsdestoweniger bietet Paul Thomas Anderson ein eindringliches Bild der US-amerikanischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit sowie darüber hinaus auch der Voraussetzungen, die der Entstehung eines solchen Kultes Vorschub leisten können.