Absage an den Individualismus: Debatte über Liberalisierung des Embryonenschutzes in Großbritannien

Auftritt des Erzbischofs von York im Britischen Oberhaus

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LONDON, 21. November 2007 (ZENIT.org).- Als „zu weit entfernt von jeglicher Religion und Moral“ bezeichnete der anglikanische Erzbischof von York, Dr. John Sentamu, am Montagnachmittag im Britischen Oberhaus die zur zweiten Lesung vorgeschlagene „Human Fertilization and Embryology Bill“, ein Gesetz, das bisher als „Human Tissue and Embryos Bill“ bekannt war („Gesetz zu menschlichem Gewebe und Embryonen“).



Hätten einst der Pakt von Religion und Staatregierung das Gemeinwohl und die Verfassung Britanniens gestärkt, komme es mit der neuen Vorlage zu einer Überbetonung der individualistischen Wünsche von Einzelpersonen, kritisierte der Hirte.

Während für die Kirchen in Großbritannien das Recht auf wirkliche Vaterschaft und Mutterschaft des Kindes im Mittelpunkt steht, drängt ein anderes Lager auf eine Anpassung der Regelung über künstliche Empfängnis beziehungsweise Befruchtung in vitro und die Embryonenforschung, damit Großbritannien in der Biotechnologie weiterhin an „erster Front“ stehen könne. (ZENIT berichtete am 19. November). Während der heftigen Debatte bei den Beratungen um eine zweite Lesung des Gesetzentwurfs über die Liberalisierung der Embryonenforschung verwiesen sie immer wieder auf die Schlüsselrolle Englands bei der Befruchtung „in vitro“ (IVF) und der Erzeugung von Dolly, dem in britischen Laboratorien geklonten Schaf. Führende Parlamentsvertreter wie etwa Lord Darzi of Denham, Untersekretär im Gesundheitsministerium, hoben hervor, dass die Gesetzesvorlage die „führende Rolle Englands in der Reproduktionsforschung“ stärken würde.

Währenddessen gab der Vertreter der Anglikanischen Kirche in England im Oberhaus zu Bedenken, dass der Gesetzesentwurf die natürliche Rolle eines Vaters durch Vaterschaft per „Design“ eliminiere. Deshalb plädierte er für die Modifizierung von Artikel 14 der Vorlage. Diese Regelung spitze die extreme Lage für Väter in Großbritannien noch mehr zu, für die es generell fast unmöglich ist, ihre Kinder im Falle eine Trennung oder außerehelichen Zeugung zu Gesicht zu bekommen, geschweige denn ein Sorgerecht für sie. Der Kirchenvertreter verwies auf die Initiativen der Organisation „Fathers 4 Justice“, mit denen Väter für das Recht auf eine Beziehung zu ihren Kinder eintreten.

Die Wurzel der Gesetzesvorlage, so der Erzbischof von York im Oberhaus, sei „ungesund“, weil sie auf einer Konsum-Mentalität gründe, die der Wissenschaft erlaubt, das technisch Mögliche auch als möglichen Besitz anzupreisen. „Das ‚cogito ergo sum – Ich denke, also bin ich‘ eines Descartes wird zum Konsumenten-Mantra ‚Ich kaufe ein, also bin ich – Tesco ergo sum‘“, betonte der Erzbischof. „Die individualistischen Ebenen von ‚Ich, Ich, Ich‘ und ‚Mein, Mein, Mein‘ sind die Grundmelodie eines Individualismus, der sich das Recht einer Elternschaft über ein gewolltes Kind herausnimmt. Dieser Virus eines individualistischen Konsumdenkens fördert ein Anspruchsdenken, das all jenen fremd ist, die von einem anderen Herkunftsort herkommen, aus Afrika, wo man sagt: ‚Ich bin, weil wir sind: Ich gehöre dazu, und deshalb bin ich‘.“

Hinter dem Vorstoß des Erzbischofs von York stehen im House of Lords seine Lordschaft Mackay, die Baronin Lady Deech, Lord Alton, Lord Jenkin und Lord Hastings, Baronin Lady Williams. Sie alle fordern die Eliminierung des umstrittenen Artikels 14. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus.