Abschlussbotschaft der Bischofssynode

Ergebnisse der Beratungen in 14 Punkten, Botschaften an alle Kontinente

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VATIKANSTADT, 27. Oktober 2012 (ZENIT.org). - In der 20. Generalkongregation der Bischofssynode am 26. Oktober haben die Synodenväter die Botschaft zum Abschluss der 13. Ordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode gebilligt.

[Wir veröffentlichen die Botschaft im Wortlaut in einer Arbeitsübersetzung des Heiligen Stuhls:]:

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Schwestern und Brüder,

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.“ (Röm 1,7). Wir, Bischöfe aus aller Welt, versammelt auf Einladung des Bischofs von Rom, Papst Benedikt XVI., um über „die Neuevangelisierung zur Weitergabe des christlichen Glaubens“ nachzudenken, möchten uns vor unserer Rückkehr in unsere Heimatdiözesen an euch alle wenden, um den Dienst am Evangelium in den verschiedenen Kontexten, in denen wir heute unser Zeugnis ablegt, zu stützen und zu orientieren.

1. Wie die Samariterin am Brunnen
Wir lassen uns von einer Stelle des Evangeliums erleuchten: der Begegnung Jesu mit der Samariterin (vgl. Joh 4,5-42). Es gibt keine Frau und keinen Mann, der sich in seinem Leben nicht wie die Samariterin mit einem leeren Gefäß neben einem Brunnen befindet, in der Hoffnung, nicht irgendeine Antwort auf die eigenen Wünsche zu finden, sondern die Erfüllung des tiefsten Herzenswunsches zu finden, jenes Wunsches, der allein der eigenen Existenz vollen Sinn verleihen kann. Heute findet man viele Brunnen, die den Durst des Herzens stillen wollen, aber man muss unterscheiden, um verschmutzte Gewässer zu vermeiden. Man muss die Suche dringend orientieren, um nicht Opfer von Enttäuschungen zu werden, die zerstörerisch sein können.

Wie Jesus am Brunnen von Sychar, so hat auch die Kirche das Gefühl, sich neben die Frauen und Männer dieser Zeit setzen zu müssen, um den Herrn in ihrem Leben zu vergegenwärtigen, damit diese ihm begegnen können, denn allein sein Geist ist das Wasser, das das ewige Leben schenkt. Jesus allein ist fähig, in den Tiefen unseres Herzens zu lesen und uns unsere Wahrheit zu offenbaren: „Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe“, bekennt die Frau ihren Mitbürgern. Und dieses Wort der Verkündigung, an das sich die Frage anschließt, die sich dem Glauben öffnet: „Ist er vielleicht der Messias?“, zeigt, dass jemand, der das neue Leben aus der Begegnung mit Christus empfangen hat, seinerseits nicht anders kann, als selbst Verkündiger der Wahrheit und der Hoffnung für die anderen zu werden. Die bekehrte Sünderin wird zur Botin des Heils und führt den ganzen Ort zu Jesus. Von der Annahme des Zeugnisses gelangen die Leute dann zur persönlichen Erfahrung der Begegnung: „Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt“.

2. Eine neue Evangelisierung
Die Frauen und Männer unserer Zeit zu Jesus, zur Begegnung mit ihm zu führen, ist eine dringende Aufgabe, die alle Regionen der Welt betrifft, sowohl die, die schon früher, als auch die, die erst kürzlich evangelisiert wurden. Denn überall ist die Notwendigkeit spürbar, einen Glauben wiederzubeleben, der Gefahr läuft, sich zu verdunkeln in den kulturellen Kontexten, die seine persönliche Verwurzelung, seine soziale Präsenz, die Klarheit seiner Inhalte und die entsprechenden Früchte behindern.
Es geht nicht darum, ganz von vorne anzufangen, sondern sich – mit dem apostolischen Eifer des Paulus, der sogar sagt: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ (1 Kor 9,16) – dem langen Weg der Verkündigung des Evangeliums anzuschließen. Dieses hat von den ersten Jahrhunderten der christlichen Geschichte bis heute die Geschichte durchlaufen und Gemeinschaften von Gläubigen in allen Erdteilen erbaut. Ob groß oder klein, sie alle sind Frucht der Hingabe von Missionaren und nicht wenigen Märtyrern, von Generationen von Zeugen Jesu, an die sich unser anerkennendes Gedenken richtet.
Die veränderten sozialen, kulturellen, politischen und religiösen Szenarien rufen uns aber zu etwas Neuem auf: unsere gemeinsame Erfahrung des Glaubens und der Verkündigung auf eine erneuerte Weise zu leben, durch eine Evangelisierung „neu in ihrem Eifer, in ihren Methoden, in ihren Ausdrücken“, (Johannes Paul II., Rede an die XIX. Versammlung der CELAM, Port-au-Prince, 9. März 1983, Nr. 3) wie Johannes Paul II. sagte. Diese Evangelisierung richtet sich, wie uns Benedikt XVI. in Erinnerung gerufen hat, „hauptsächlich an die Menschen […], die zwar getauft sind, sich aber von der Kirche entfernt haben und in ihrem Leben keine Beziehung zur christlichen Praxis haben, […] um in jenen Menschen eine neue Begegnung mit dem Herrn zu begünstigen, der allein unserem Leben einen tiefen Sinn verleiht und es mit Frieden erfüllt; um die Wiederentdeckung des Glaubens zu fördern, der eine Quelle der Gnade ist, die Freude und Öffnung in das persönliche, familiäre und gesellschaftliche Leben trägt“. (Benedikt XVI., Predigt der Hl. Messe zur Eröffnung der Bischofssynode, 7. Oktober 2012)

3. Die persönliche Begegnung mit Jesus Christus in der Kirche
Bevor wir etwas zu den Formen sagen, die diese neue Evangelisierung annehmen soll, möchten wir euch mit tiefer Überzeugung sagen, dass sich der Glaube ganz in der Beziehung entscheidet, die wir mit der Person Christi aufbauen, der uns als erster entgegengeht. Das Werk der Neuevangelisierung besteht darin, den Frauen und Männern dieser Zeit, ihren Herzen und ihrem Verstand, die nicht selten zerstreut und verwirrt sind, aber vor allem uns selbst die ewige Schönheit und Neuheit der Begegnung mit Christus neu vor Augen zu führen. Wir laden euch alle ein, das Antlitz unseres Herrn Jesus Christus zu betrachten und in das Geheimnis seines Lebens einzutreten, das uns bis zum Kreuz gegeben und als Gabe des Vaters in seiner Auferstehung von den Toten neu bestätigt und uns durch den Geist übermittelt worden ist. In der Person Jesu wird das Geheimnis der Liebe von Gott Vater zur gesamten Menschheitsfamilie, die er nicht in eine unmögliche Autonomie abdriften lassen wollte, enthüllt. Stattdessen hat er sie in einem erneuerten Pakt der Liebe wieder mit sich vereint.

Die Kirche ist der Raum, den Christus in der Geschichte anbietet, um ihm begegnen zu können. Denn er hat ihr sein Wort, die Taufe, die uns zu Kindern Gottes macht, seinen Leib und sein Blut, die Gnade der Vergebung der Sünden, vor allem im Sakrament der Versöhnung, die Erfahrung einer Gemeinschaft, die Spiegelbild des Geheimnisses der Dreifaltigkeit selbst ist, sowie die Kraft des Heiligen Geistes, der Liebe zu allen hervorbringt, anvertraut.

Wir müssen einladende Gemeinden bilden, in denen alle Ausgegrenzten ihr zu Hause finden, sowie konkrete Erfahrungen von Gemeinschaft ermöglichen, die mit der glühenden Kraft der (Tertullian, Apologeticus, 39, 7) – den ernüchterten Blick der Menschen von heute auf sich ziehen. Die Schönheit des Glaubens muss besonders in der heiligen Liturgie und dort vor allem in der sonntäglichen Eucharistiefeier aufstrahlen. Denn gerade in den liturgischen Festen offenbart die Kirche ihr Antlitz als Werk Gottes und lässt in den Worten und Gesten die Bedeutung des Evangeliums sichtbar werden.

Heute liegt es an uns, Erfahrungen von Kirche konkret zugänglich zu machen, die Brunnen zu vervielfältigen, Oasen in der Wüste des Lebens anzubieten, zu denen wir die dürstenden Frauen und Männer einladen und sie dort zur Begegnung mit Jesus führen. Dafür sind die christlichen Gemeinschaften verantwortlich, und in ihnen jeder Jünger des Herrn. Jedem einzelnen ist ein unersetzliches Zeugnis anvertraut, damit das Evangelium dem Leben aller begegnen kann. Deshalb sind wir zu einem heiligmäßigen Leben gefordert. Außerdem ist das Gedenken und Erzählen des Lebens der Heiligen ein bevorzugter Weg der Evangelisierung.

4. Die Gelegenheiten der Begegnung mit Jesus und das Hören der Heiligen Schrift
Mancher wird sich fragen, wie er das alles tun soll. Es geht nicht darum, irgendwelche neuen Strategien zu entwickeln, so als ob das Evangelium ein Produkt wäre, das man auf dem Markt der Religionen anbietet, sondern die Wege wieder zu entdecken, die die Menschen dazu gebracht haben, sich Jesus anzunähern, und die von ihm benannt wurden, und diese Wege ins neue gesellschaftliche Umfeld einzufügen.

Erinnern wir uns z.B. daran, wie Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes mitten in ihrer Arbeit von Jesus gefragt wurden, wie Zachäus von einer simplen Neugier zur Wärme einer Einladung des Meisters zu Tisch gelangen konnte, wie der römische Zenturio um sein Eingreifen wegen der Krankheit einer lieben Person gebeten hat, wie der blind Geborene ihn als Befreier von seiner eigenen Ausgrenzung angerufen hat, wie Marta und Maria ihre Offenheit für die Gastfreundschaft durch seine Gegenwart belohnt sahen. Wir könnten die Seiten der Evangelien noch weiter verfolgen und wer weiß wie viele verschiedene Weisen finden, wie sich das Leben der Menschen in den verschiedensten Umständen der Gegenwart Christi geöffnet hat. Und dasselbe könnten wir tun mit dem, was uns die Schrift über die missionarischen Erfahrungen der Apostel in der Urkirche sagt.

Das häufige Lesen der Heiligen Schrift, erleuchtet von der Überlieferung der Kirche, die sie uns übergibt und sie authentisch auslegt, ist nicht nur ein verpflichtender Schritt, um den Inhalt des Evangeliums, d.h. die Person Jesu innerhalb der Heilsgeschichte, zu kennen, sondern es hilft uns auch, neue Räume der Begegnung mit zu finden, wahrhaft in der Art und Weise des Evangeliums, verwurzelt in den grundlegenden Dimensionen des menschlichen Lebens: Familie, Arbeit, Freundschaft, Armut, Prüfungen des Lebens, etc.

5. Uns selbst evangelisieren und uns zur Bekehrung bereiten
Es wäre aber völlig falsch zu denken, dass uns die Neuevangelisierung nicht in erster Person betrifft. In diesen Tagen sind unter uns Bischöfen mehrmals Stimmen laut geworden, die daran erinnert haben, dass die Kirche, um die Welt evangelisieren zu können, vor allem auf das Wort Gottes hören muss. Die Einladung zur Evangelisierung übersetzt sich in einen Aufruf zur Bekehrung.
Aufrichtig erkennen wir an, dass wir zuallererst uns selbst zur Macht Christi bekehren müssen. Er allein kann alles neu machen, insbesondere unser armes Leben. Demütig müssen wir anerkennen, dass die Armut, die Schwächen und die Sünden der Jünger Jesu, besonders der Geistlichen, auf der Glaubwürdigkeit der Mission lasten. Sicher sind wir uns dessen bewusst, wir Bischöfe als erste, dass wir nie auf der Höhe der Berufung von Seiten des Herrn und der Weitergabe seines Evangeliums durch die Verkündigung an die Völker sein können. Wir wissen, dass wir demütig unsere Verletzlichkeit durch die Wunden der Geschichte anerkennen müssen und zögern nicht, auch unsere eigenen persönlichen Sünden einzugestehen. Wir sind jedoch auch überzeugt, dass die Kraft des Geistes des Herrn seine Kirche erneuern und ihr Gewand erstrahlen lassen kann, wenn wir uns von ihm gestalten lassen. Das zeigen uns die Heiligenleben, deren Gedenken und Erzählen ein bevorzugtes Mittel der Neuevangelisierung ist.

Wenn diese Erneuerung unseren eigenen Kräften überlassen wäre, gäbe es ernsthafte Gründe zu zweifeln. Die Bekehrung hat aber, wie die Evangelisierung, in der Kirche nicht uns arme Menschen als erste Akteure, sondern den Geist des Herrn selbst. Hierin liegt unsere Kraft und unsere Gewissheit, dass das Böse nie das letzte Wort haben wird, weder in der Kirche, noch in der Geschichte: „Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht“, hat Jesus zu seinen Jüngern gesagt (Joh 14,27).
Das Werk der Neuevangelisierung ruht auf dieser ungetrübten Gewissheit. Wir vertrauen auf die Eingebung und die Kraft des Geistes, der uns lehren wird, was wir sagen und was wir tun müssen, auch in den schwersten Bedrängnissen. Deshalb ist es unsere Pflicht, die Angst mit Glauben zu überwinden, die Verzagtheit mit Hoffnung, die Gleichgültigkeit mit Liebe.

6. In der heutigen Welt neue Möglichkeiten zur Evangelisierung wahrnehmen
Dieser ungetrübte Mut stützt auch unseren Blick auf die heutige Welt. Wir lassen uns nicht einschüchtern von den Umständen, in denen wir leben. Unsere Welt ist eine Welt voller Widersprüche und Herausforderungen. Sie bleibt jedoch Schöpfung Gottes, zwar vom Bösen verwundet, aber doch immer die Welt, die er liebt, seine Erde, in die der Same des Wortes ausgesät werden kann, damit er von Neuem Frucht bringt.

Es ist kein Platz für Pessimismus im Verstand und im Herzen derer, die wissen, dass ihr Herr den Tod besiegt hat und dass sein Geist mit Macht in der Geschichte wirkt. Mit Demut, aber auch mit Entschiedenheit – jener, die aus der Gewissheit kommt, dass die Wahrheit am Ende siegt – nähern wir uns dieser Welt und möchten euch die Einladung des Auferstandenen, Zeugen seines Namens zu sein, nahe bringen. Unsere Kirche ist lebendig und begegnet den Herausforderungen der Geschichte mit dem Mut des Glaubens und dem Zeugnis so vieler ihrer Glieder.

Wir wissen, dass wir in dieser Welt gegen „die Fürsten und Gewalten“, „die bösen Geister“ (Eph 6,12) kämpfen müssen. Wir verstecken uns nicht vor den Problemen, die derlei Herausforderungen, besonders die Phänomene der Globalisierung, mit sich bringen. Sie erschrecken uns nicht. Vielmehr müssen sie für uns eine Gelegenheit sein, die Gegenwart des Evangeliums auszuweiten. Ebenso sind die Migrationen – wenn auch mit dem Gewicht der Leiden, die sie mit sich bringen und denen wir aufrichtig nah sein wollen mit der angemessenen Aufnahme der Brüder – bei aller Verschiedenheit ihrer Formen Gelegenheit zur Verbreitung des Glaubens und zur Gemeinschaft, wie es schon in der Vergangenheit geschehen ist. Die Säkularisierung, aber auch die Krise der Vorherrschaft von Politik und Staat, fordern von der Kirche, die eigene Präsenz in der Gesellschaft im Hinblick auf die Religionsfreiheit neu zu überdenken, ohne jedoch auf sie zu verzichten. Die vielen und ständig neuen Formen der Armut öffnen der tätigen Nächstenliebe unbekannte Räume: Die Verkündigung des Evangeliums verpflichtet die Kirche, bei den Armen zu sein und wie Jesus ihre Leiden auf sich zu nehmen. Auch in den rauesten Formen des Atheismus und des Agnostizismus glauben wir, nicht eine Leere, sondern eine Sehnsucht, wenn auch auf widersprüchliche Weise, eine Erwartung, die auf eine passende Antwort wartet, erkennen zu können.

Angesichts der Fragen, die die heutigen vorherrschenden Kulturen dem Glauben und der Kirche stellen, erneuern wir unser Vertrauen auf den Herrn, in der Gewissheit, dass das Evangelium auch dort Träger des Lichtes ist und fähig, alle Schwächen des Menschen zu heilen. Nicht wir sind es, die das Werk der Evangelisierung vollbringen, sondern Gott, wie uns der Papst in Erinnerung gerufen hat: „Das erste Wort, die wahre Initiative, das wahre Tun kommt von Gott, und nur indem wir uns in diese göttliche Initiative einfügen, nur indem wir diese göttliche Initiative erbitten, können auch wir – mit ihm und in ihm – zu Evangelisierern werden.”. (Benedikt XVI., Meditation bei der ersten General-kongregation der Bischofssynode, Rom, 8. Oktober 2012)

7. Evangelisierung, Familie und geweihtes Leben
Seit der ersten Evangelisierung hat die Weitergabe des Glaubens an die folgenden Generationen in der Familie ihren natürlichen Ort gefunden. In ihr – in der der Frau eine ganz besondere Rolle zukommt; wir wollen damit aber nicht die Gestalt des Vaters und seine Verantwortung schmälern – sind die Zeichen des Glaubens, die Vermittlung der ersten Wahrheiten, die Erziehung zum Gebet, das Zeugnis der Früchte der Liebe ins Leben der Säuglinge und Kinder hinein gegeben worden, im Rahmen der Fürsorge, die jede Familie dem Aufwachsen seiner Kleinen zukommen lässt. Trotz der Verschiedenheit der geografischen, kulturellen und sozialen Umstände haben alle Bischöfe der Synode diese wesentliche Rolle der Familie bei der Weitergabe des Glaubens bekräftigt. Es ist keine Neuevangelisierung denkbar, ohne die ausdrückliche Verantwortung zu spüren, den Familien das Evangelium zu verkünden und ohne sie bei ihrer Aufgabe der Erziehung zu unterstützen.

Wir übersehen nicht die Tatsache, dass heute die Familie, die aus der Ehe eines Mannes mit einer Frau besteht, die sie zu „einem Fleisch“ (Mt 19,6) macht, offen für das Leben, überall von Krisenfaktoren durchzogen ist. Sie ist umgeben von Lebensmodellen, die sie benachteiligen; sie wird von der Politik jener Gesellschaft benachteiligt, deren grundlegende Zelle sie doch ist; sie wird nicht immer in ihrem Lebensrhythmus respektiert; bei ihren Aufgaben wird sie selbst von der kirchlichen Gemeinschaft nicht immer unterstützt. Aber genau das bewegt uns dazu zu sagen, dass wir mit besonderer Sorgfalt auf die Familie und ihre Aufgabe in Gesellschaft und Kirche achten und Wege der Begleitung vor und nach der Ehe entwickeln müssen. Wir möchten auch den vielen Eheleuten und christlichen Familien unseren Dank ausdrücken, die der Welt durch ihr Zeugnis Vorbild einer Erfahrung der Gemeinschaft und des Dienstes sind, die der Same einer brüderlicheren und friedlichen Gesellschaft ist.

Wir haben auch an die Formen der Familien und des Zusammenlebens gedacht, die nicht jenes Bild der Einheit und der Liebe zum Leben widerspiegeln, das der Herr uns gegeben hat. Es gibt Paare, die ohne das sakramentale Band der Ehe zusammenleben; es vervielfachen sich ungeordnete familiäre Umstände, die auf dem Scheitern früherer Ehen aufbauen: schmerzhafte Situationen, in denen auch die Erziehung der Kinder zum Glauben leidet. Allen jenen möchten wir sagen, dass die Liebe des Herrn niemand allein lässt, dass auch die Kirche sie liebt und ein einladendes Haus für alle ist, und dass sie Glieder der Kirche bleiben, auch wenn sie die sakramentale Lossprechung und die Eucharistie nicht empfangen können. Die katholischen Gemeinschaften mögen gastfreundlich gegenüber all jenen sein, die in einer solchen Situation leben, und Wege der Versöhnung unterstützen.

Das Familienleben ist der erste Ort, an dem das Evangelium dem Alltag des Lebens begegnet und seine Fähigkeit beweist, die grundlegenden Umstände der Existenz im Horizont der Liebe zu verwandeln. Aber nicht weniger wichtig für das Zeugnis der Kirche ist es zu zeigen, wie dieses Leben in der Zeit eine Erfüllung hat, die über die Geschichte der Menschen hinausgeht und bei der ewigen Einheit mit Gott ihr Ziel hat. Der Samariterin stellt sich Jesus nicht einfach als der vor, der das Leben gibt, sondern als der, der „ewiges Leben“ (Joh 4,14) gibt. Die Gabe Gottes, die der Glaube vergegenwärtigt, ist nicht einfach ein Versprechen besserer Lebensumstände in dieser Welt, sondern die Ankündigung, dass der letzte Sinn unseres Lebens jenseits dieser Welt liegt, in jener vollen Einheit mit Gott, die wir am Ende der Zeiten erwarten.

Besondere Zeugen dieses überirdischen Horizontes des Sinnes der menschlichen Existenz in der Kirche und in der Welt sind alle jene, die der Herr zum geweihten Leben gerufen hat, zu einem Leben, das, eben weil es völlig ihm geweiht ist durch die Übung der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams, das Zeichen einer künftigen Welt ist, die jedes Gut dieser Welt relativiert. Von der Versammlung der Bischofssynode aus soll diese unsere Schwestern und Brüder der Dank für ihre Treue zum Ruf des Herrn und zum Beitrag zur Mission, den sie der Kirche geleistet haben und leisten, erreichen, ebenso wie die Aufforderung zur Hoffnung in Situationen, die auch für sie in diesen Zeiten des Wandels nicht leicht sind, sowie die Einladung dazu, sich als Zeugen und Förderer der Neuevangelisierung in den verschiedenen Bereichen des Lebens, in die sich das Charisma jedes einzelnen ihrer Institute einfügt, zu beweisen.

8. Die kirchliche Gemeinschaft und die vielen Arbeiter der Evangelisierung
Das Werk der Evangelisierung ist nicht die Aufgabe eines einzelnen in der Kirche, sondern der kirchlichen Gemeinschaften als solche, dort, wo man Zugang zur Fülle der Mittel zur Begegnung mit Jesus hat: dem Wort, den Sakramenten, der brüderlichen Gemeinschaft, der tätigen Nächstenliebe und der Mission.

In dieser Perspektive kommt vor allem die Rolle der Pfarrei zutage, als Gegenwart der Kirche auf dem Gebiet, in dem die Menschen leben, dem „Brunnen des Dorfes“, wie es Johannes XXIII. gerne nannte, aus dem alle trinken und die Frische des Evangeliums finden können. Ihre Rolle bleibt unverzichtbar, auch wenn die veränderten Bedingungen von ihr die Auffächerung in kleine Gemeinschaften oder auch ein Band der Zusammenarbeit in weiteren Kontexten fordern können. Daher fühlen wir uns jetzt verpflichtet, unsere Pfarrgemeinden dazu aufzufordern, der traditionellen pastoralen Sorge um das Volk Gott die neuen Formen der Mission, die die Neuevangelisierung erfordert, zur Seite zu stellen. Diese müssen auch die verschiedenen, wichtigen Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit durchwirken.
In der Gemeinde ist der Dienst des Priesters nach wie vor ausschlaggebend. Die Bischöfe dieser synodalen Versammlung sprechen allen Priestern Ihre Dankbarkeit und brüderliche Nähe für Ihre nicht einfache Aufgabe aus und laden sie zu einem engeren Kontakt mit den anderen Priestern ihrer Diözese, einem immer stärkeren inneren Leben und einer ständigen Ausbildung ein, die sie dazu befähigt, sich den veränderten Situationen zu stellen.
 Neben den Priestern wird auch die Präsenz der Diakone unterstrichen, ebenso wie der pastorale Einsatz der Katechisten und so vieler anderer Mitarbeiter und treibender Kräfte im Bereich der Glaubensverkündigung, des liturgischen Lebens und der karitativen Dienste; und nicht zuletzt die verschiedenen Arten der Beteiligung und Mitverantwortung von Seiten der Gläubigen, Männer und Frauen, – Frauen, für deren Hingabe in den verschiedenen Diensten unserer Gemeinden wir wohl nie genug Anerkennung aussprechen können – die für die Bedürfnisse des gemeinsamen Lebens und der Mission zur Verfügung stehen. Wir bitten auch sie, ihre Gegenwart und ihren Dienst in der Kirche aus der Perspektive der Neuevangelisierung zu betrachten und die eigene menschliche und christliche Weiterbildung, die Kenntnis des Glaubens und die Sensibilität für die gegenwärtigen kulturellen Gegebenheiten zu pflegen.

Was die Laien betrifft, möchten wir ein besonderes Wort an die verschiedenen alten und neuen Vereine, an alle kirchlichen Bewegungen und neuen Gemeinschaften richten, die allesamt Ausdruck der vielfältigen Gaben des Hl. Geistes an die Kirche sind. Auch diesen Lebensformen und ihrem Einsatz in der Kirche möchten wir unseren Dank aussprechen und sie zur Treue gegenüber ihrem Charisma und zur überzeugten Teilnahme an der kirchlichen Gemeinschaft, insbesondere im spezifischen Zusammenhang der Ortskirche, aufrufen. 
Die Verkündung ist nicht das Privileg eines Einzelnen. Mit großer Freude erkennen wir die Gegenwart so vieler Männer und Frauen an, die ihr Leben zu einem Zeichen der Frohen Botschaft in Mitten der Welt machen. Wir erkennen diese auch in so vielen unserer christlichen Brüder und Schwestern an, mit denen die Einheit leider noch nicht vollkommen ist, die aber durch die Taufe des Herrn auch zu Verkündern bestimmt sind. Ein für uns bewegendes Ereignis dieser Tage war die Gelegenheit, die Stimmen so vieler führender Verantwortlicher der Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften zu hören, die Zeugnis ihrer Sehnsucht nach Christus abgelegt haben, und die ebenso davon überzeugt sind, dass die Welt eine Neuevangelisierung nötig hat. Wir danken dem Herrn für diese Einheit im Verlangen nach Missionierung und bitten ihn um die Gabe, bei dieser Aufgabe mitwirken zu können.

9. Damit die Jugendlichen Christus begegnen können
Die Jugendlichen liegen uns auf ganz besondere Weise am Herzen, weil sie, die ein bedeutender Teil der Gegenwart der Menschheit und der Kirche sind, auch ihre Zukunft bilden. Auch im Hinblick auf Sie sind die Bischöfe alles andere als pessimistisch. Besorgt schon, aber nicht pessimistisch. Besorgt, weil auf sie die aggressivsten Vorstöße unserer Zeit einströmen; aber nicht pessimistisch, weil sie betonen, dass die Liebe Christi die Kraft ist, welche die Geschichte auf tiefgründige Weise lenkt, aber auch weil in unseren Jugendlichen auch eine tiefe Sehnsucht nach Authentizität, Wahrheit, Freiheit und Großzügigkeit feststellen, und wir sind überzeugt, dass Christus diese Sehnsüchte stillt.
Wir möchten sie bei ihrer Suche unterstützen und ermutigen unsere Gemeinschaften, ohne Vorbehalt eine Haltung des Zuhörens, des Dialogs und des mutigen Vorschlagens gegenüber der schwierigen Umstände der Jugendlichen anzunehmen, um die Kraft ihres Enthusiasmus zu bewahren und nicht, um sie zu beschämen. Auch, um in ihrem Sinn den gerechten Kampf gegen die gemeinsamen Orte und die Spekulationen der weltlichen Mächte zu unterstützen, die daran interessiert sind, ihre Energien zu zerstreuen und ihren Schwung zu verbrauchen, ihnen jede dankbare Erinnerung an die Vergangenheit zu nehmen und jede ernsthafte Planung der Zukunft zu verhindern.

Die Neuevangelisierung nimmt in der Welt der Jugendlichen einen beschwerlichen, aber auch besonders vielversprechenden Platz ein, wie uns nicht wenige Erfahrungen zeigen, von den deutlich sichtbaren wie den Weltjugendtagen bis zu den verborgeneren, aber deswegen nicht weniger bewegenden, wie die vielen spirituellen und missionarischen Erfahrungen sowie die Erfahrungen des Dienstes. Wir erkennen dabei die aktive Rolle der Jugendlichen am Werk der Evangelisierung besonders ihrer eigenen Welt an.

10. Das Evangelium im Dialog mit der Kultur, mit der menschlichen Erfahrung und mit den Religionen
Im Zentrum der Neuevangelisierung steht Christus und die Fürsorge für die Person des Menschen, damit eine wirklich lebendige Begegnung mit ihm geschieht. Doch seine Horizonte sind weit wie die Welt und verschließen sich keiner menschlichen Erfahrung. Das bedeutet, dass diese Erfahrung mit besonderer Sorgfalt den Dialog mit den Kulturen pflegt, im Vertrauen, in jeder einzelnen die „Samen des Wortes“ finden zu können, von denen schon die Väter der Antike gesprochen haben. Die Neuevangelisierung bedarf ganz besonders eines erneuerten Bündnisses zwischen Glauben und Vernunft, in der Überzeugung, dass der Glaube ihm eigene Möglichkeiten hat, alle Früchte einer gesunden, für die Transzendenz offenen Vernunft anzunehmen und dass er die Kraft in sich birgt, die Grenzen und die Widersprüche, in die die Vernunft geraten kann, zu heilen. Der Glaube wendet auch nicht den Blick ab von den erschütternden Fragen, die die Gegenwart des Bösen im Leben und in der Geschichte der Menschen aufkommen lässt. Er schöpft Licht der Hoffnung aus dem Ostergeheimnis Christi.

Die Begegnung zwischen Glaube und Vernunft nährt auch die Bemühungen der christlichen Gemeinschaften auf dem Gebiet der Erziehung und der Kultur. Einen hervorragenden Stellenwert nehmen dabei Bildungsund Forschungseinrichtungen ein: die Schulen und Universitäten. Überall dort, wo sich das Wissen des Menschen weiterentwickelt und wo Erziehungsarbeit geleistet wird, ist die Kirche gerne bereit, ihre Erfahrung einzubringen und ihren Beitrag zur Ausbildung der Person in ihrer Ganzheitlichkeit zu leisten. In diesem Zusammenhang gilt unser besonderes Augenmerk den katholischen Schulen und Universitäten. In ihnen soll die Offenheit für die Transzendenz, die jedem aufrichtigen Bildungsweg in Kultur und Erziehung eigen ist, durch Gelegenheiten zur Begegnung mit Jesus Christus und mit seiner Kirche ergänzt werden. Der Dank der Bischöfe richtet sich an alle, die hier unter manchmal schwierigen Umständen engagiert sind.

Die Evangelisierung macht es erforderlich, eine rege Aufmerksamkeit auf die Welt der sozialen Kommunikationsmittel zu richten. Diese sind ein Weg, auf dem sich, besonders in den neuen Medien, viele Menschenleben, viele Fragen und Erwartungen begegnen. Sie sind ein Ort, an dem häufig Gewissensbildung stattfindet und sich die Zeiten und Inhalte des verbrachten Lebens aufteilen; eine neue Gelegenheit, um das Herz der Menschen zu erreichen.

Ein besonderer Bereich der Begegnung zwischen Glaube und Vernunft ist heutzutage der Dialog mit den Wissenschaften. Diese sind in sich alles andere als dem Glauben fern stehend, wo sie doch einen Ausdruck jenes geistlichen Prinzips darstellen, das Gott in seine menschlichen Geschöpfe hineingelegt hat und das es diesen ermöglicht, die vernünftigen Strukturen, auf denen die Schöpfung gegründet ist, zu erfassen. Wenn sich Wissenschaft und Technik nicht irrigerweise herausnehmen, die Wahrnehmung des Menschen und der Welt in einen trockenen Materialismus einzuschließen, dann werden sie zu einem wertvollen Verbündeten für den Fortschritt der Vermenschlichung des Lebens. Unser Dank richtet sich auch an alle, die sich an dieser sensiblen Front des Wissens engagieren.

Ebenso möchten wir einen Dank an die Frauen und Männer richten, die auf einem anderen Gebiet des menschlichen Geistes tätig sind, und zwar jenem der Kunst in ihren verschiedenen Formen, von den ältesten bis hin zu den neuesten. In Ihren Werken – soweit sie dazu neigen, die Sehnsucht des Menschen nach Schönheit darzustellen – erkennen wir eine besonders bedeutende Art, Spiritualität auszudrücken. Wir sind dankbar, wenn sie uns mit ihren schönen Werken helfen, die Schönheit des Antlitzes Gottes und seiner Geschöpfe sichtbar werden zu lassen. Der Weg der Schönheit ist besonders wirksamer Weg der Neuevangelisierung.
Über die Gipfel der Kunst hinaus zieht aber auch die gesamte Tätigkeit des Menschen unsere Aufmerksamkeit auf sich, als den Raum, wo der Mensch durch sein Wirken zu einem Mitarbeiter der göttlichen Schöpfung wird. Die Welt der Wirtschaft und der Arbeit wollen wir daran erinnern, dass vom Licht des Evangeliums einige Aufrufe herrühren: die Arbeit zu bewahren vor Umständen, die sie nicht selten zu einer unerträglichen Last mit ungewissen Perspektiven werden lassen und die heute besonders unter den Jugendlichen oft von Arbeitslosigkeit bedroht wird; die menschliche Person ins Zentrum des wirtschaftlichen Fortschrittes zu stellen; diesen Fortschritt als Gelegenheit für das Wachstum der Gerechtigkeit und der Einheit des Menschengeschlechtes zu sehen. Der Mensch ist bei der Arbeit, mit der er die Welt verändert, auch dazu gerufen, das Antlitz zu bewahren, das Gott seiner Schöpfung geben wollte. Dies ist auch eine Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen.

Das Evangelium beleuchtet ebenfalls den Zustand des Leidens in der Krankheit. In ihr müssen die Christen die Nähe der Kirche den Kranken und Behinderten und ihre Dankbarkeit gegenüber denen, die sich berufsmäßig und menschlich für ihre Heilung einsetzen, spürbar werden lassen.

Ein Gebiet, auf dem das Licht des Evangeliums aufstrahlen kann und muss, um die Schritte der Menschheit zu erleuchten, ist die Politik. Von ihr wird selbstlose und transparente Sorge um das Gemeinwohl gefordert: im Hinblick auf die volle Würde der menschlichen Person von ihrer Empfängnis bis hin zu ihrem natürlichen Ende; durch die Beseitigung von Ungerechtigkeiten, Ungleichheiten, Diskriminierung, Gewalt, Rassismus, Hunger und Kriegen. Ein klares Zeugnis ist gefordert von den Christen, die bei ihrer Mitwirkung in der Politik das Gebot der Nächstenliebe leben.

Der Dialog der Kirche hat schließlich als natürlichen Gesprächspartner die Anhänger der Religionen. Evangelisierung geschieht aus Überzeugung von der Wahrheit Christi, nicht gegen jemanden. Das Evangelium Christi ist Friede und Freude, und seine Jünger freuen sich anzuerkennen, was der religiöse Geist der Menschen an Wahrem und Gutem in der von Gott geschaffenen Welt hervorgebracht und in den Formen der verschiedenen Religionen ausgedrückt hat.

Der Dialog unter den Gläubigen der verschiedenen Religionen will ein Beitrag zum Frieden sein. Er weist jeglichen Fundamentalismus zurück und verurteilt jegliche Art von Gewalt gegen die Gläubigen, die eine schwerwiegende Verletzung der Menschenrechte darstellt. Die Kirchen auf der ganzen Welt wissen sich ihren leidenden Schwestern und Brüdern in Gebet und Brüderlichkeit verbunden und bitten diejenigen, die das Schicksal der Völker in Händen halten, dass sie das Recht aller auf eine freie Wahl, ein freies Bekenntnis und ein freies Zeugnis des Glaubens schützen.

11. Das Gedenken an das II. Vatikanische Konzil und der Bezug zum Katechismus der Katholischen Kirche im Jahr des Glaubens
Auf dem offenen Pfad der Neuevangelisierung können wir uns manchmal wie in der Wüste fühlen, von Gefahren umgeben und ohne Orientierung. Papst Benedikt XVI. sprach in der Predigt anlässlich der Eröffnung des Jahrs des Glaubens von einer „geistlichen «Verwüstung»“, die in den letzten Jahrzehnten vorangeschritten ist, aber er hat uns auch ermutigt, denn „gerade von der Erfahrung der Wüste her, von dieser Leere her können wir erneut die Freude entdecken, die im Glauben liegt, seine lebensnotwendige Bedeutung für uns Menschen. In der Wüste entdeckt man wieder den Wert dessen, was zum Leben wesentlich ist“. (Benedikt XVI., Predigt in der Eucharistiefeier zur Eröffnung des Jahrs des Glaubens, Rom, 11. Oktober 2012) Wie die Samariterin, so suchen auch wir in der Wüste nach Wasser und nach einem Brunnen, aus dem wir es schöpfen können. Selig, wer dort Christus begegnet!

Danken wir dem Heiligen Vater dafür, dass er uns das Jahr des Glaubens geschenkt hat, das ein wunderbarer Beginn des Weges der Neuevangelisierung ist. Wir sind auch dafür dankbar, dass er dieses Jahr mit dem 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils verbunden hat, dessen grundlegendes Lehramt für unsere Zeit im Katechismus der Katholischen Kirche aufstrahlt und welches 20 Jahre nach seiner Veröffentlichung als sicherer Bezugspunkt für den Glauben empfohlen wird. Diese wichtigen Jahrestage erlauben es uns, unsere unverbrüchliche Treue zur Lehre des Konzils und unsere überzeugte Bemühung, sie voll umzusetzen, zu bekräftigen.

12. In der Betrachtung des Geheimnisses und an der Seite der Armen
Unter diesem Blickwinkel möchten wir allen Gläubigen zwei Ausdrucksweisen des Glaubenslebens aufzeigen, die uns als Zeugnis in der Neuevangelisierung von besonderer Wichtigkeit erscheinen.

Die erste besteht im Geschenk und in der Erfahrung der Kontemplation. Nur aus der Anbetung Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, nur aus der tiefen Stille, die gleichsam wie ein Schoß das einzige rettende Wort aufnimmt, kann ein glaubwürdiges Zeugnis für die Welt hervorgehen. Nur diese betende Stille kann verhindern, dass das Wort des Heiles vom Lärm der Welt übertönt wird.

Erneut kehrt auf unsere Lippen ein Wort der Dankbarkeit zurück, diesmal an jene Frauen und Männer gerichtet, die ihr Leben in Klöstern und Einsiedeleien dem Gebet und der Betrachtung widmen. Aber auch wir haben es nötig, dass sich betrachtende Momente mit unserem Alltagsleben verflechten. Orte der Seele, aber auch materielle Orte, die auf Gott weisen; innere Heiligtümer und Tempel aus Stein, die miteinander verbundene Kreuzungen für den Strom der Erfahrungen sein sollen, in denen wir Gefahr laufen, durcheinander zu geraten; Räume, in denen sich alle angenommen fühlen können, auch die, die noch nicht genau wissen, was oder wen sie suchen.

Das andere Zeichen für die Authentizität der Neuevangelisierung trägt das Antlitz der Armen. Jemandem zur Seite zu stehen, der vom Leben verletzt wurde, ist nicht nur ein tätiger Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben. Denn im Antlitz der Armen spiegelt sich das Antlitz Christi selbst wider: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).

Den Armen wird ein bevorzugter Platz in unseren Gemeinschaften zuerkannt, ein Platz, der niemand ausschließt, sondern ein Abbild dessen sein will, wie Jesus sich an sie gebunden hat. Die Gegenwart der Armen in unseren Gemeinschaften ist geheimnisvoll wirksam: sie verändert die Menschen mehr als ein Vortrag, lehrt Treue, lässt die Zerbrechlichkeit des Lebens erkennen, bittet um Gebet; kurz, sie führt zu Christus.
Die Geste der Nächstenliebe ihrerseits muss vom Einsatz für die Gerechtigkeit begleitet sein, mit einem Aufruf, der alle betrifft, Arme und Reiche. Daher auch die Einbringung der Soziallehre der Kirche in die Wege der Neuevangelisierung und die Sorgfalt bei der Ausbildung der Christen, die sich bemühen, dem menschlichen Zusammenleben in Gesellschaft und Politik zu dienen.

13. Ein Wort an die Kirchen in den verschiedenen Regionen der Welt
Der Blick der versammelten Bischöfe in der Synode umfasst alle kirchlichen Gemeinden, die auf der ganzen Welt verstreut sind. Ein Blick, der einheitlich sein will, da auch der Aufruf zur Begegnung mit Christus ein einziger ist, der jedoch die Unterschiede nicht außer Acht lassen möchte.

Ganz besondere Aufmerksamkeit voll brüderlicher Zuneigung und Dankbarkeit von Seiten der Bischöfe der Synode gilt euch Christen der orientalischen katholischen Kirchen, jenen Erben der ersten Verbreitung des Evangeliums, deren Erfahrung sie mit Liebe und Treue behütet haben, und auch jenen, die sich in Osteuropa befinden. Heute bietet sich das Evangelium bei euch als Neuevangelisierung an durch das liturgische Leben, die Katechese, das tägliche Gebet in der Familie, das Fasten, die Solidarität der Familien untereinander, die Beteiligung der Laien am Leben der Gemeinde und den Dialog mit der Gesellschaft. In nicht wenigen Fällen befinden sich eure Kirchen inmitten von Prüfungen und Not, in denen sie ihre Teilnahme am Kreuz Christi bezeugen; einige Gläubige sind zur Auswanderung gezwungen und können, indem sie die Zugehörigkeit zu ihren Herkunftsgemeinden lebendig erhalten, ihren Beitrag in der Seelsorge und in der Arbeit der Evangelisierung in den Ländern leisten, die sie aufgenommen haben. Möge der Herr euch weiterhin für eure Treue segnen. In eurer Zukunft mögen sich Horizonte eines frohen Bekenntnisses und der Ausübung des Glaubens in einem Umfeld des Friedens und der Religionsfreiheit abzeichnen.

Wir blicken auch auf euch Christen, Männer und Frauen, die ihr in den Ländern Afrikas lebt, und drücken euch unsere Dankbarkeit aus für euer Zeugnis für das Evangelium, das ihr in oft menschlich schwierigen Lebenssituationen ablegt. Wir fordern euch auf, der Evangelisierung, die ihr vor noch nicht zu langer Zeit erhalten habt, neue Impulse zu geben, euch als Kirche, „Familie Gottes“, gegenseitig zu erbauen, die Identität der Familie zu stärken und die Arbeit der Priester und Katecheten vor allem in den kleinen christlichen Gemeinschaften zu unterstützen. Darüber hinaus bestätigt sich die Notwendigkeit, die Begegnung des Evangeliums mit den alten und neuen Kulturen weiter voranzubringen. Eine hohe Erwartung und ein starker Aufruf ergeht an die Welt der Politik und an die Regierungen der verschiedenen Länder Afrikas. Durch die Zusammenarbeit aller Menschen guten Willens mögen sie die Grundrechte fördern und den Kontinent befreien von Gewalt und Konflikten, die ihn immer noch heimsuchen.

Die Bischöfe der Synodenversammlung laden euch Christen Nordamerikas ein, mit Freude auf den Ruf zur Neuevangelisierung zu antworten, und blicken dabei dankbar darauf, wie eure christlichen Gemeinden in eurer noch jungen Geschichte reiche Früchte des Glaubens, der Nächstenliebe und der Mission hervorgebracht haben. Wir müssen aber auch feststellen, dass viele Ausdrucksweisen der gegenwärtigen Kultur in den Ländern eurer Welt heute vom Evangelium weit weg sind. Es drängt sich ein Aufruf zur Bekehrung auf, aus der eine Verpflichtung entsteht, die euch nicht aus eurer Kultur herausnimmt, sondern mitten hinein stellt, um allen das Licht des Glaubens und die Kraft des Lebens anzubieten. Wie ihr in euren großzügigen Ländern Einwanderer und Flüchtlinge neuer Bevölkerungsgruppen willkommen heißt, so seid auch bereit, die Türen eurer Häuser dem Glauben zu öffnen. Seid, den Verpflichtungen aus der Synode für Amerika entsprechend, solidarisch mit Lateinamerika bezüglich der permanenten Evangelisierung des gemeinsamen Kontinents.

Die gleiche Empfindung der Dankbarkeit  richtet die Versammlung der Synode auch an die Kirchen in Lateinamerika und der Karibik. Besonders auffällig ist, wie in euren Ländern im Laufe der Jahrhunderte Formen der Volksfrömmigkeit, der tätigen Nächstenliebe und des Dialogs mit den Kulturen entstanden sind, die noch heute in den Herzen vieler verwurzelt sind. Angesichts der vielen Herausforderungen von heute, in erster Linie der Armut und Gewalt, ist die Kirche in Lateinamerika und der Karibik nun gefordert, in einem permanenten Zustand der Mission zu leben, indem sie das Evangelium voller Hoffnung und Freude verkündet, Gemeinschaften wahrer missionarischer Jünger Jesu Christi aufbaut und im Engagement ihrer Kinder zeigt, wie das Evangelium die Quelle einer neuen gerechten und brüderlichen Gesellschaft sein kann. Auch der religiöse Pluralismus stellt eure Kirchen vor viele Fragen und erfordert eine erneuerte Verkündigung des Evangeliums.
Euch Christen aus Asien möchten wir ebenfalls ein Wort der Ermutigung und Aufforderung anbieten. Als kleine Minderheit auf dem Kontinent, in dem fast zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, ist eure Anwesenheit ein fruchtbares Samenkorn, das der Kraft des Heiligen Geistes überlassen ist und das im Dialog mit den verschiedenen Kulturen, mit den alten Religionen und mit den vielen armen Menschen wächst. Auch wenn die Kirche in Asien oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt und an verschiedenen Orten sogar verfolgt wird, ist sie mit ihrem starken Glauben eine wertvolle Präsenz des Evangeliums Christi, die Gerechtigkeit, Leben und Harmonie verkündet. Ihr Christen in Asien, spürt die brüderliche Verbundenheit der Christen der anderen Länder der Welt, die nicht vergessen können, dass es auf eurem Kontinent, im heiligen Land war, wo Jesus geboren wurde, gelebt hat, gestorben und auferstanden ist.

Ein Wort der Anerkennung und der Hoffnung richten die Bischöfe an die Kirchen des europäischen Kontinents, der heutzutage teils durch eine starke, manchmal auch aggressive Säkularisierung gekennzeichnet, teils noch durch lange Jahrzehnte der Macht gottund menschenfeindlicher Ideologien verwundet ist. Die Anerkennung gilt der Vergangenheit, aber auch der Gegenwart, in denen das Evangelium in Europa ein Bewusstsein und eine Erfahrung des Glaubens ermöglicht hat, die einzigartig und entscheidend für die Evangelisierung der ganzen Welt und oft von Heiligkeit durchdrungen waren: Reichtum des theologischen Denkens, eine Vielfalt charismatischer Ausdrucksformen, verschiedenste Weisen der tätigen Nächstenliebe an den Armen, tiefgründige kontemplative Erfahrungen, die Bildung einer humanistischen Kultur, die dazu beigetragen hat, der Würde der Person und dem Aufbau des Gemeinwohls ein Gesicht zu geben. Die Schwierigkeiten der Gegenwart sollen euch nicht entmutigen, liebe Christen Europas. Seht sie im Gegenteil als eine Herausforderung an, die es zu überwinden gilt, und als Gelegenheit, Christus und sein Evangelium des Lebens freudiger und lebendiger zu verkünden.

Die Bischöfe der Synode grüßen schließlich auch die Völker Ozeaniens, die unter dem Schutz des “Kreuzes des Südens” leben, und danken ihnen dafür, dass sie das Evangelium Jesu bezeugen. Wir beten für euch, damit auch ihr, wie die Samariterin am Brunnen, lebhaft den Durst nach einem neuen Leben verspürt und das Wort Jesu hören könnt, der sagt: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht!” (Joh 4,10). Verliert nicht den Eifer, das Evangelium zu verkünden und Jesus in der Welt von heute bekannt zu machen. Wir ermutigen euch, ihm in eurem Alltag zu begegnen, ihn zu hören und durch das Gebet und die Meditation die Gnade zu entdecken, sagen zu können: „Wir wissen nun: Er ist wirklich der Retter der Welt.” (Joh 4,42).

14. Der Stern Mariens erleuchtet die Wüste
Am Ende dieser Erfahrung der Gemeinschaft zwischen Bischöfen aus der ganzen Welt und der Zusammenarbeit im Dienst des Nachfolgers Petri angelangt, hören wir den Befehl Jesu an seine Apostel: „Darum geht zu allen Völkern und macht alle Menschen zu meinen Jüngern […] Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,19.20) für uns heute ebenso aktuell erklingen. Die Sendung der Kirche richtet sich nicht nur auf ein geografisches Gebiet, sondern es geht um die verborgensten Winkel der Herzen unserer Zeitgenossen, um sie zur Begegnung mit Jesus, dem Lebendigen, zu führen, der sich in unseren Gemeinschaften vergegenwärtigt.

Diese Gegenwart erfüllt unsere Herzen mit Freude. Dankbar für die Gaben, die wir in diesen Tagen erhalten haben, stimmen wir in den Lobgesang mit ein: „Meine Seele preist die Größe des Herrn [...] denn der Mächtige hat Großes an mir getan“ (Lk 1,46.49). Die Worte Mariens sind auch die Unsrigen: Der Herr hat wirklich im Lauf der Jahrhunderte große Dinge für seine Kirche in den verschiedensten Teilen der Welt getan und wir lobpreisen ihn dafür. Wir sind uns sicher, dass er nicht über unsere Armut hinwegsehen, sondern auch in unseren Tagen seine Kraft zeigen und uns auf dem Weg der Neuevangelisierung unterstützen wird.
Die Gestalt Mariens weist uns den Weg. Dieser kann uns, gemäß Papst Benedikt XVI., wie ein Weg durch die Wüste erscheinen; wir wissen, dass wir sie durchqueren und dazu das Wesentliche mitnehmen müssen: die Gabe des Geistes, die Begleitung durch Jesus, die Wahrheit seines Wortes, das eucharistische Brot, das uns nährt, die Brüderlichkeit der kirchlichen Gemeinschaft, die Dynamik der Nächstenliebe. Es ist das Wasser des Brunnens, das die Wüste aufblühen lässt. Und wie die Sterne in der Wüstennacht heller aufstrahlen, so glänzt hell und klar das Licht Mariens am Himmel unserer Pilgerschaft, der Stern der Neuevangelisierung, dem wir uns voll Zuversicht anvertrauen.