"Abseitsfalle"

Der Film gelingt es, einige moralische Probleme der heutigen Arbeitswelt in ein Unterhaltungsmedium glaubhaft zu verpacken

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 526 klicks

Die alten Bilder aus den sechziger Jahren, die zu Beginn des Spielfilmdebüts von Stefan Hering „Abseitsfalle“ auf der Leinwand zu sehen sind, zeigen Bochum als florierenden Industriestandort. Nach Jahrzehnten der Umstrukturierung, Rationalisierung und Globalisierung kämpfen die Betriebe heute dort jedoch ums Überleben. Sie müssen effektiver produzieren. Beim (fiktiven) Bochumer Waschmaschinen-Hersteller „Perla“ hat sich Karin (Bernadette Heerwagen) Gedanken darüber gemacht, wie die Arbeitsprozesse der Firma optimiert werden können. Der Sachbearbeiterin in der Personalabteilung geht es nicht nur um die Zukunft der Firma, sondern auch um ihre eigenen Karrierechancen. Obwohl sie zunächst vom Chef eine Abfuhr erteilt bekommt, erhält Karin doch noch ihre Chance. Denn der Mutterkonzern aus den Vereinigten Staaten hat sich etwas „Besonderes“ einfallen lassen: Einer von den vier europäischen Produktionsstandorten in England, Frankreich, Polen und Deutschland soll geschlossen werden. Um bei diesem konzerninternen Wettbewerb zu bestehen, muss „Perla“ ein Drittel der Belegschaft einsparen. Zu diesem Zweck wird der externe Unternehmensberater Dr. Kruger (Christoph Bach) berufen, der allerdings eine mit guten Firmenkenntnissen ausgestattete Assistentin braucht. So kommt Karin in die schwierige Lage, den Betrieb auf Kosten eines erheblichen Teils ihrer Kollegen retten zu wollen.

Auf der anderen Seite wollen sich aber die Gewerkschafter nicht so leicht mit der neuen Situation abfinden. Sie schließen mit den restlichen europäischen Werken ein „Solidarpaket“ und verweigern sich dem konzerninternen Wettbewerb. Der Solidarpakt soll bei einem Konzern-Fußballturnier gefeiert werden – daher auch der dem Fußballspiel entnommene Filmtitel „Abseitsfalle“. Was als ein dramaturgischer Kniff im Drehbuch von Beatrice Meyer anmutet, basiert auf einem realen Fall. Die selbst in Bochum geborene Beatrice Meier ließ sich für ihr mit dem 2013 ins Leben gerufenen „Ludwigshafener Drehbuchpreis“ ausgezeichnetes Drehbuch von den Ereignissen rund um das Bochumer Opelwerk inspirieren: Im Jahre 2006 stellte der US-Mutterkonzern General Motors die Forderung, bei Opel Bochum 3600 Stellen abzubauen. Außerdem startete GM einen konzerninternen Wettbewerb: Fünf europäische Opelwerke (darunter der Standort Bochum) mussten sich um die Fertigung des neuen Astra-Modells unter der Maßgabe bewerben, dass mindestens eines dieser fünf Werke schließen sollte. Die Betriebsräte der betroffenen Werke schlossen jedoch im August 2006 einen Europäischen Solidarpakt gegen den Mutterkonzern. Sie verweigerten die Bewerbung und forderten eine Verteilung der Produktion auf alle Werke. Zum Arbeitskampf dichtete freilich Drehbuchautorin Beatrice Meyer eine Liebesgeschichte zwischen Karin und dem Arbeiteranführer Mike (Sebastian Ströbel) hinzu.

Regisseur Stefan Hering inszeniert dieses Drehbuch zwar mit einer Reihe komödiantischer Einfälle. Doch „Abseitsfalle“ tappt nicht in die Falle, ein ernsthaftes Szenario lediglich als Schauplatz für eine auf ein Happy End zusteuernde Komödie auszunutzen. Selbst ein „running gag“ wie der Hausmeister, der immer mehr Pflanzen in die Eingangshalle des „Perla“-Werkes stellt, um das Wasser aus den immer mehr werdenden undichten Dachstellen aufzufangen, hat Symbolcharakter. Beatrice Meyer und Stefan Hering exemplifizieren die durchaus komplexe Lage an einigen Nebenfiguren. So schert Mikes Freund Podolski (Fabian Busch) aus Sorge um die Zukunft seiner Familie aus dem Solidarpakt aus. Willy Zwo (Stephan Szász) rastet aus, als ihm bei einem Abmahnungsgespräch klar wird, dass es dem Firmenmanagement lediglich um die Erreichung der Rationalisierungsziele geht. Darüber hinaus reichern Drehbuchautorin und Regisseur die Handlung mit einem für Karin bedeutsamen Nebenstrang an. Ihr alkoholabhängiger Vater (Jürg Löw) müsste sich einer Entzugskur unterziehen. Die aus einfachen Verhältnissen stammende, aber karrierebewusste Karin schämt sich seiner. Mit all diesen Figuren und Nebenhandlungen gelingt es Beatrice Meier und Stefan Hering, die komplizierten Verhältnisse der modernen Arbeitswelt anzudeuten. Dazu führt die Deutsche Film- und Medienbewertung Wiesbaden (FBW) bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“ aus: „Der Film überzeugt durch prägnante, komische und immer authentisch klingende Dialoge und durch die inspirierten Leistungen der Darsteller, unter denen neben Bernadette Heerwagen als der Protagonisten besonders Dagmar Sachse als ihre beste Freundin und Jürg Löw als ihr alkoholkranker Vater überzeugen. Und Bochum sieht hier so gut wie selten aus.“

„Abseitsfalle“ erweist sich nicht nur als ein sozialengagierter Film, in dem gut getane Arbeit, Loyalität und Solidarität ungezügeltem Profitstreben und knallhartem Pragmatismus gegenüber stehen. Die von Bernadette Heerwagen überzeugend gespielte Hauptfigur sieht sich mit schwierigen Entscheidungen konfrontiert, als sie die Interessen der Firma und die Anliegen der Arbeiter sowie ihre eigenen Wünsche miteinander zu vereinbaren versucht. Aber auch die anderen Figuren kämpfen dafür, unter den widrigen Umständen ihre Würde zu bewahren. So gelingt es „Abseitsfalle“, einige moralische Probleme der heutigen Arbeitswelt in ein Unterhaltungsmedium glaubhaft zu verpacken.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne
Regie: Stefan Hering
Darsteller: Bernadette Heerwagen, Christoph Bach, Sebastian Ströbel, Jurg Löw, Dagmar Sachse
Land, Jahr: Deutschland 2013
Laufzeit: 97 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen:  --
Im Kino: 9/2013

*Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“.José García lebt und arbeitet in Berlin.