Abtreibung, „Instrument einer neuen Eugenik“: Brief an die UNO

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ROM/WÜRZBURG, 1. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen eine Übersetzung des Briefes, den Gelehrte und Persönlichkeiten des kirchlichen und öffentlichen Lebens an UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und die Staats- und Regierungschefs der internationalen Gemeinschaft geschickt haben, um sie von der Notwendigkeit eines Moratorium über die Abtreibung zu überzeugen. Das Schreiben erschien am 29. Januar in der italienischen Zeitung „Il Foglio“.

 

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An Seine Exzellenz Ban Ki-Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen
An Ihre Exzellenzen die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen


In den vergangenen 60 Jahren wurden bedeutende Maßnahmen gesetzt und bedeutende Anstrengungen unternommen, das rechtliche Instrumentarium zu schaffen und zu stärken, um die Ideale zu schützen, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 in Paris festgehalten sind. In den letzten drei Jahrzehnten wurden mehr als eine Milliarde Abtreibungen durchgeführt, mit einem Jahresdurchschnitt von etwa 50 Millionen Abtreibungen.

Nach dem jüngsten Weltbevölkerungsbericht des United Nations Population Fund besteht in China im Namen einer staatlichen Familienplanung und demographischen Planung für Dutzende von Millionen Ungeborenen, gefördert und erzwungen, die Gefahr einer Abtreibung. In Indien wurden in den letzten 20 Jahren aufgrund einer sexistischen Selektion Millionen von Mädchen vor der Geburt beseitigt. In Asien ist das demographische Gleichgewicht durch einen Massenkindermord bedroht, der epochale Ausmaße annimmt. In Nordkorea zielt die selektive Abtreibung auf die radikale Beseitigung jeglicher Form von Behinderung ab.

Auch im Westen ist die Abtreibung zu einem Instrument einer neuen Eugenik geworden, die die Rechte des Ungeborenen und die Gleichheit der Menschen verletzt, indem sich die Pränataldiagnostik von ihrer eigentlichen Aufgabe, Vorbereitung auf die Geburt sowie Pflege und Wohlergehen des Kindes zu sein, entfernt und stattdessen in die Nähe des Kriteriums einer Verbesserung der Rasse gelenkt wird. Dadurch werden jedoch die universalistischen Ideale zerstört, die Grundlage der Allgemeinen Menschenrechtserklärung von 1948 sind.

Wir unterbreiten Ihrer Aufmerksamkeit einen Antrag für ein Moratorium aller politischen Maßnahmen, die irgendeine Form von ungerechter und selektiver Auswahl des Menschen während seiner Entwicklung im Mutterschoß durch die Ausübung einer willkürlich vernichtenden Macht und in Verletzung des Rechts auf Geburt und des Rechts auf Mutterschaft fördern.

Der Artikel 3 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte bekräftigt: „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.“ Wir ersuchen die Vertreter der nationalen Regierungen, dass sie sich zugunsten einer bedeutsamen Ergänzung der Erklärung aussprechen, mit der nach dem ersten Komma die Worte „von der Zeugung bis zum natürlichen Tod“ eingefügt werden sollen. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte bezieht sich in der Tat auf die „gleichen und unveräußerlichen“ Menschenrechte und erkennt feierlich an, dass „alle Mitglieder der menschlichen Familie“ eine ihnen „innewohnende Würde“ besitzen (Präambel).

Die Wissenschaft – einige ihrer wichtigsten Entdeckungen auf dem Gebiet der Genetik wurden erst nach Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung gemacht – dokumentiert auf unzweifelhafte Art und Weise bereits im Embryo die Existenz eines menschlichen Erbgutes, eines einzigartigen und unwiederholbaren Erbguts ab dem ersten Stadium seiner Entwicklung. Die britische Kommission Warnock von 1984 nannte den 14. Tag ab der Zeugung als Schwelle, ab der ein Embryo nicht nur ein Mensch ist, sondern auch einen Rechtsanspruch darauf hat, gegen jede experimentelle Manipulation geschützt zu sein. Die Regierungen müssen diese natürlichen Rechte bewahren und schützen, die das Recht mit einschließen, dass das „Erbgut nicht manipuliert“ werden darf.

Die Menschenrechtserklärung von 1948 war die Antwort der freien Welt und des internationalen Rechts auf Verbrechen gegen die Menschheit, die drei Jahre zuvor in Nürnberg abgeurteilt worden waren. Als Antwort auf die eugenischen Praktiken nationalsozialistischer Ärzte beschloss der Weltärztebund (World Medical Association) 1948 die Genfer Deklaration, in der festgestellt wird: „Ich werde jedem Menschenleben von seiner Zeugung an Ehrfurcht entgegenbringen“ („I will maintain the utmost respect for human life, from the time of its conception“).

Der Artikel 6 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (International Covenant on Civil and Political Rights), der 1966 von den Vereinten Nationen beschlossen wurde, legt fest: „Jeder Mensch hat ein angeborenes Recht auf Leben“ („Every human being has the inherent right to life“). Die selektive Abtreibung und die selektive Manipulation in vitro sind heute die hauptsächliche Form der Diskriminierung von Menschen nach eugenischen, rassischen und geschlechtsspezifischen Gesichtspunkten der gleichen Person, die von den Vereinten Nationen im Artikel 6 ihrer Menschenrechtscharta geschützt wird.

60 Jahre nach der Verlautbarung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte ist es notwendig, diese unsere wichtigste Quelle humanitärer Inspiration durch eine Ergänzung des Artikels 3 zu erneuern. Wir wollen daher die Regierungen zum tiefen Respekt vor den Menschenrechten ermahnen, deren erstes das unverletzbare Recht auf Leben ist.

Hochachtungsvoll

René Girard, Anthropologe. Mitglied der Académie Française
Lord David Alton, Mitglied des House of Lords
Roger Scruton, Philosoph, Bircbeck College
John Haldane, Professor für Philosophie an der St. Andrews University
George Weigel, Theologe und Biograph von Papst Johannes Paul II. und Benedikt XVI.
Robert Spaemann, emeritierter Professor für Philosophie, Universität München
Sr. Nirmala Joshi, Oberin der Missionarinnen von Mutter Teresa von Kalkutta
Paolo Carozza, Mitglied der interamerikanischen Kommission für die Menschenrechte
Josephine Quintavalle, Direktorin des Comment on Reproductive Ethics
Paola Bonzi, Centro di aiuto alla vita, Klinik Mangiagalli, Mailand
Pierre Mertens, Präsident der Internationalen Födedration Spina Bifida
Alain Craig, Präsident der Christian Peoples Alliance, England
Richard John Neuhaus, Theologe und Direktor der Zeitschrift „First Things“
Carlo Casini, Präsident der Bewegung Pro Life Italien
Lucetta Scaraffia, Professorin für Geschichte, Universität „La Sapienza“ Rom
Bobby Schindler, Bruder von Terry Schiavo

[Übersetzung aus dem Englischen von Armin Schwibach; © Die Tagespost vom 31. Januar 2008]