Adieu Paris

Filmrezension

Berlin, (ZENIT.org) Dr. José García | 433 klicks

Regie:Franziska Buch; Darsteller:Jessica Schwarz, Hans-Werner Meyer, Sandrine Bonnaire, Gerard Jugnot, Thure Lindhardt, Jean-Yves Berteloot, Ina Weisse; Land, Jahr:Deutschland 2012; Laufzeit:101 Minuten; Genre:Dramen; Publikum:ab 16 Jahren

Am Anfang von „Adieu Paris“ steht ein Autounfall: Jean-Jacques Dupret (Jean-Yves Berteloot) fährt in seinem Auto in der Morgendämmerung durch Paris. Während eines Telefonats mit seiner Geliebten, der in Düsseldorf lebenden Schriftstellerin Patricia Munz (Jessica Schwarz), gerät er ins Schleudern, als er einem plötzlich auftauchenden Auto ausweicht. Jäh wird die Telefonverbindung unterbrochen. Der Film blendet ins Weiße ab. Patricia macht sich unverzüglich zum Flughafen auf, um nach Paris zu fliegen. Am Check-In-Schalter gibt es allerdings Schwierigkeiten, weil nur in der Business Class Plätze frei sind, und sie weder Kreditkarten noch Geld dabei hat. Da schreitet Investmentbanker Frank Berndssen (Hans-Werner Meyer) ein und leiht Patrizia spontan das Geld, damit es mit dem Check-In weitergeht. Denn er darf den Flug nicht verpassen, weil in Frankreich ein großes Geschäft ansteht: Von der von ihm eingefädelten Übernahme der Wurstfabrik von Monsieur Albert (Gérard Jugnot) durch eine Schweizer Bank erhofft sich der Banker den ersehnten Durchbruch in die Chefetage.

Im Pariser Krankenhaus findet Patrizia ihren Geliebten Jean-Jacques im Koma. An seinem Bett auf der Intensivstation sitzt eine andere Frau, Jean-Jacques’ Ehefrau Françoise (Sandrine Bonnaire). Auf die Ankunft der deutschen Frau, die sie sofort als die Geliebte ihres Mannes identifiziert, reagiert Françoise mit einer Mischung aus Neugier und Kränkung, weswegen sie Patrizia jeden weiteren Besuch verbietet. Mit der Zeit erkennt jedoch Françoise, dass sie die Entscheidung über die Abschaltung der lebenserhaltenden Geräte ihres Mannes nur gemeinsam mit Patrizia treffen kann. Eine Verantwortung, der sich Patrizia jedoch nicht stellen will. Inzwischen hat sich die Schriftstellerin in Düsseldorf auf eine wilde Affäre mit dem jungen Architekten Mika (Thure Lindhardt) eingelassen, um der schmerzlichen Realität zu entfliehen. Auch der Investmentbanker ist nach Deutschland zurückgekehrt, weil sein Millionendeal geplatzt ist, nachdem er Opfer eines Betrugs geworden ist. Damit verliert der erfolgsverwöhnte Manager nicht nur seine Arbeit, sondern auch seine Familie. Selbst für Patrizia, die ihn aufsucht, weil sie sich von ihm einen objektiven Rat erhofft, findet er nur eine harte und distanzierte Haltung. Unabhängig voneinander kehren Frank und Patrizia nach Paris zurück, um neu anzufangen. Dort kreuzen sich ihre Wege erneut.

Regisseurin Franziska Buch wurde insbesondere mit Kinderfilmen wie ihrer brillanten Neuinterpretation von Emil Kästners „Emil und die Detektive“ (2001) oder auch „Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen“ (2004) bekannt. „Adieu Paris“ erzählt eine ganz andere, „erwachsene“ Geschichte vom Abschied und mühsamen Neuanfängen. Was die Regisseurin an „Adieu Paris“ reizte, drückt Franziska Buchs Beschreibung ihres neuen Spielfilmes aus: „Die Geschichte von zwei Menschen, die auf ganz unterschiedliche Weise unvermittelt vor den Trümmern ihrer Existenz stehen und es lernen müssen, Leben und Liebe radikal neu zu gestalten“. Ihre Inszenierung hat allerdings gegen das sehr konstruierte und vorhersehbare Drehbuch von Martin Rauhaus anzukämpfen, das darüber hinaus ziemlich banale Dialoge beinhaltet.

So wird die Liebesgeschichte von Patrizia und Jean-Jacques in überbelichteten, grobkörnigen Rückblenden erzählt, die in ihrer gekünstelten Romantik am Kitsch haarscharf vorbeischrammen. Sie lernten sich im Pariser Goethe-Institut kennen, als Patrizia aus ihrem ersten Roman „Inselspringen“ liest. Dann erzählt Patrizias Off-Stimme: „Ich las ihm die ganze Nacht vor. Da dachte ich: Okay, so ist Paris“. Parallel zu Patrizias Vorgeschichte wird von Franks Eheproblemen berichtet: Seine Frau Gloria (Ina Weisse) entfremdet sich von ihm, nachdem sich der luxuriöse Lebensstil nicht durchhalten lässt. Ihr gemeinsames Kind leidet unter den Streitereien der Eltern.

Die kitschigen und klischeehaften Elemente werden freilich durch die guten schauspielerischen Leistungen der Darsteller aufgewogen. Dank ihrer gelingt es der Regisseurin, dem konstruierten Drehbuch Tiefe zu verleihen. Jessica Schwarz verdeutlicht die Orientierungslosigkeit einer Generation, die sich die Bindungslosigkeit auf ihre Fahnen geschrieben hat. Auf der anderen Seite verkörpert Hans-Werner Meyer die Zerrissenheit zwischen kaltem Karrieredenken und emotionaler Verletzlichkeit. Dass sich die beiden immer wieder auf Flughäfen begegnen, unterstreicht die Oberflächlichkeit ihrer Lebensweise, stehen Flughäfen doch für Flüchtigkeit und geschäftiges Treiben. Um einen Neuanfang zu wagen, müssen beide Hauptfiguren einen schmerzlichen Prozess durchmachen. Dabei gestaltet sich bei Patrizia der Gang der Dinge besonders leidvoll. Denn Fançoise, die Frau ihres Geliebten, verlangt von ihr einen besonders folgenreichen Entschluss, zu dem Regisseurin Franziska Buch erklärt: „Die Entscheidung, ein Leben zu beenden (also, wenn man so möchte, Gott zu spielen) ist ein großer, vielleicht ein ungeheuerlicher Akt.“ Die Schicksalsschläge, die sowohl Patrizia Munz als auch Frank Berndssen erfahren haben, bringen sie dazu, Ordnung in ihr Leben zu bringen, sich auf die wichtigen Dinge des Lebens zu besinnen.