ADVENIAT tritt für die Rechte der lateinamerikanischen Urbevölkerung ein

Jahresaktion unter dem Motto „Gerechtigkeit für alle Zeiten“ (Jes 9,6)

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ESSEN, 29. November 2007 (ZENIT.org).- Das Thema „Gerechtigkeit für alle Zeiten“ (Jes 9,6) steht im Mittelpunkt der Jahresaktion des Katholischen Hilfswerks ADVENIAT, die am 2. Dezember mit einem Gottesdienst im Dom zu Mainz eröffnet wird.

Experten aus dem In- und Ausland, insbesondere einheimische Kirchenvertreter werden in den kommenden Wochen durch Vorträge, Zeugnisse und Gottesdienste dazu beitragen, dass die Lebenssituation der indigenen Bevölkerung in der Andenregion ein Gesicht bekommt.

Zwar haben einige Staaten auf juristischer Ebene das Recht auf Eigentum und auf kulturelle Identität der Ureinwohner anerkannt, tatsächlich hapert es aber mit der Umsetzung im Alltag. Im Rahmen der Jahresaktion stehen allen, die sich mit der Aktion für das Recht auf Eigentum und kulturelle Identität, das Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit der benachteiligten Ureinwohner Lateinamerikas engagieren wollen, eine Aktionsmappe und reichliches Informationsmaterial im Internet zu Verfügung.

Im Vorfeld hat Adveniat unter anderem Kardinal Karl Lehmann und Professor Gerhard Kruip, der an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Mainz in der Abteilung Sozialethik lehrt, zum Thema Gerechtigkeit in Lateinamerika und Deutschland befragt.

Brennpunkte sind nach Worten von Professor Kruip die „Defizite in der Rechtsstaatlichkeit, nicht ausreichend funktionierende demokratische Institutionen und eine fehlende soziale Mindestsicherung“. Es gehe darum, „demonstrieren zu dürfen, ohne dann hinterher von Todesschwadronen bedroht zu werden. Es geht für viele Campesinos darum, einen Marktzugang für ihre Produkte zu haben und nicht anhängig zu sein von Zwischenhändlern, die sie ausbeuten“, so der Mainzer Sozialexperte.

Zudem sei in Lateinamerika „die Vorstellung von Gleichheit im Ergebnis als Gerechtigkeitsvorstellung sehr dominant. Und das schafft dann dort zum Teil Probleme, weil es eben als ungerecht angesehen wird, wenn die einen wirtschaftlich erfolgreicher sind als die anderen. Eine wirtschaftliche Kreativität kann aber in Kulturen nicht so gut entstehen, die von einer solchen Gleichheitsvorstellung als Gerechtigkeitsvorstellung geprägt sind“, führte der Professor aus.

Im Hinblick auf Gerechtigkeitsdefizite in Deutschland beklagte Professor Gerhard Kruip einen „Mangel an Bildungsgerechtigkeit“. Diesbezüglich stellte er fest: „Wir haben ein Bildungssystem, das nicht dazu führt, dass herkunftsbedingte soziale Ungleichheit ausgeglichen wird. Diejenigen, die in bildungsarme und sozial schwächere Familien hineingeboren werden, haben im Gegenteil sogar schlechtere Chancen im Bildungssystem. Das Bildungssystem sollte eigentlich allen die gleiche Chance geben. Hinzu komme „eine lang anhaltende strukturelle Arbeitslosigkeit“, kritisierte er.

Auch für Kardinal Lehmann gehören Arbeitslose zu denen, die unter einer wachsenden Benachteiligung zu leiden haben. Im Gespräch mit Adveniat zählte er die betroffenen Gruppe auf: „die Langzeitarbeitslosen, die Alleinerziehenden, die kinderreichen Familien. Für sie muss die Kirche die Stimme der Gerechtigkeit sein, um ihre Nöte zu Gehör zu bringen“.

Während in Lateinamerika einerseits Gerechtigkeitsideale viel stärker hochgehalten würden als bei uns, weil es uns an Idealismus fehle, so mangle es „in Lateinamerika häufig am nötigen Realitätssinn in der Umsetzung sozialethischer Forderungen“.

Um diese Umsetzung geht es der „Indio-Theologie“, die Adveniat durch eigene Einrichtungen zur Fortbildung kirchlicher Mitarbeiter und Religionslehrer fördert. Dazu gehören der Indianer-Missionsrat (CIMI) in Brasilien, das Instituto de Pastoral Andina (IPA) und das Instituto de Estudios Aymaras (IDEA) – beide in Peru – das Team für die Indígena-Pastoral (ENDEPA) in Argentinien und das Zentrum für die Indígena-Mission (CENAMI) in Mexiko.

Entstanden ist dieses besondere Theologie im Umfeld der Ausbildung von Katecheten zu Wortgottesdienst-Leitern, in denen in den Ausdrucksweisen der indianischen Frömmigkeit die Hingabe an Gott und seinen Christus gefeiert wurde. Der Kerninhalt: Christus wird als umfassender Befreier entdeckt, und er befreit auch aus den Unterdrückungsmechanismen indianischer Kulturen.

Allerdings werden nach Angaben von Adveniat nicht nur „die bürgerlichen und politischen Rechte der indigenen Bevölkerung immer wieder verletzt; auch die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte werden weiterhin übergangen. 80 Prozent der Indígenas leiden unter extremer Armut, 73 Prozent erhalten ein Einkommen unter dem gesetzlichen Mindestlohn, die Lebenserwartung liegt 20 Prozent unter dem nationalen Durchschnitt, und auch die Analphabetenrate liegt mit 44 Prozent über den 36 Prozent der übrigen Bevölkerung“.

Am 3. Adventssonntag (16. Dezember) wird in allen Gottesdiensten der Aufruf der deutschen Bischöfe zur Adveniat-Aktion 2007 verlesen und die Opfertüten für die Adveniat-Kollekte zu Gunsten der Urbevölkerung Lateinamerikas verteilt. Die Kollekte selbst wird am Heiligabend sowie in den Gottesdiensten am ersten Weihnachtsfeiertag durchgeführt.

Seit der Gründung dieser katholischen Hilfsorganisation im Jahre 1961 haben die deutschen Bürger Adveniat mehr als 2,1 Milliarden Euro anvertraut. Mit den Spenden wird die Kirche in Lateinamerika in ihrem Einsatz für die Armen, Verfolgten und Minderheiten unterstützt. Jährlich werden nach offiziellen Angaben rund 4.000 Projekte mit einem Gesamtvolumen von mehr als 40 Millionen Euro gefördert. Damit ist Adveniat das größte Lateinamerika-Hilfswerk Europas