Advent 2012 in Bethlehem

Weihnachten hinter Mauern

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WIEN, 11. Dezember 2012 (ZENIT.org/KIN). - Es ist Advent in Bethlehem. Lichterketten und Sterne schmücken die engen Straßen und die künstlichen Christbäume. „I am dreaming of a white Christmas“ dudelt es aus den Lautsprechern in einem Cafe. Dieser Wunsch wird kaum in Erfüllung gehen: Die Temperaturen können im Heiligen Land auch Anfang Dezember leicht auf über 20 Grad steigen. Tiefster Friede, könnte man meinen.

Und doch kann Devotionalienhändler Nabil Giacaman aus Bethlehem seinen Zorn über die israelische Sperranlage nicht verbergen: „Wir leben hier in einem großen Gefängnis und die Welt tut nichts. Es tut mir im Herzen weh, dass meine Kinder so aufwachsen müssen“. Acht Meter hohe graue Betonmauern, Stacheldraht und Wachtürme umgeben die Stadt Davids und Jesu Christi von fast allen Seiten. „Wenn wir nach Ramallah wollen oder sonst wo hin in unserem eigenen Land müssen wir durch israelische Checkpoints. Da warten wir dann oft stundenlang oder werden wieder zurückgeschickt. Ich hoffe aber, dass das jetzt anders wird. Die UNO und damit die Welt haben Palästina ja als Staat anerkannt.“

Nabils Laden, seit 1925 im Besitz der römisch-katholischen Familie, liegt am Krippenplatz gegenüber der Geburtskirche. Olivenholzkrippen, Rosenkränze und Madonnenfiguren in allen Größen stehen bereit für die Pilger. „Es sind im Moment viel weniger Besucher hier als sonst im Advent. Wir spüren die Folgen des Gaza-Krieges sehr. Vor allem Amerikaner und Deutsche bleiben weg, weil sie Angst haben. Hoffentlich ändert sich das bis Weihnachten. Immerhin mache ich da über zehn Prozent meines Jahresumsatzes.“

Weihnachten in Bethlehem ist ein besonderes Ereignis. Der Lateinische Patriarch von Jerusalem zieht dann feierlich in die Stadt ein, Fahnen und Pfadfindergruppen voran. Nabil: „Für uns Katholiken, aber auch für die anderen Christen, ja für die ganze Stadt, ist das psychologisch sehr wichtig: Der Patriarch und mit ihm die ganze Kirche haben uns nicht vergessen. Selbst während der Zweiten Intifada nach dem Jahr 2000, als überhaupt keine Pilger ins Heilige Land kamen und die Geburtskirche unter Beschuss war, kam der Patriarch immer am Heiligen Abend, um die Mitternachtsmesse zu feiern.“

Bethlehem ist das christliche Herz des israelisch besetzten Westjordanlandes und seiner etwa 50 000 Christen. Im zu Palästina gehörenden Gazastreifen, wo die islamistische Hamas regiert, leben nur noch etwa 1200 Christen. Zwar ist Bethlehem schon lange nicht mehr mehrheitlich christlich: Islamischer Zuzug und höhere Geburtenrate sowie christliche Emigration haben den Ort zu einem überwiegend islamischen gemacht. Am Krippenplatz steht mittlerweile eine Moschee. Aber noch immer leben hier so viele Christen wie in keiner anderen Stadt Palästinas. Fast jeder Dritte ist Christ. Etwa 5000 von ihnen gehören der katholischen Kirche an. Aufgrund eines Dekrets des verstorbenen Palästinenserpräsidenten Arafat muss der Bürgermeister von Bethlehem immer ein Christ sein. „Wir Moslems und Christen kommen hier in Bethlehem eigentlich gut aus“, meint Nabil. „Wir fühlen uns vor allem als Palästinenser. Viele meiner Arbeiter in der Krippenschnitzerei sind Moslems. Und an Weihnachten ist es ganz normal, dass sie uns gratulieren. Manche Moslems stellen sogar einen Christbaum auf.“

Tatsächlich kann man unter den Besuchern der Geburtskirche - zwei Millionen waren es dem palästinensischen Tourismusministerium zufolge im vergangenen Jahr - immer wieder Männer in den langen arabischen Gewändern und Frauen mit Kopftüchern sehen. So wie Um Muhammad aus Tulkarem im nördlichen Westjordanland. Die junge Frau ist mit ihrer Familie gekommen, um sich die Geburtskirche anzusehen. „Jesus, der heilige Koran nennt ihn Isa, ist ein großer Prophet für uns. Ich komme zwar in eine christliche Kirche, aber auch den Ort, wo unser Prophet geboren wurde. Außerdem ist die Kirche seit dem Sommer Teil des UNESCO-Weltkulturerbes. Das macht mich auch als muslimische Palästinenserin stolz.“
Pater Stephane, der französische Obere des Franziskanerklosters neben der Geburtskirche, hat die Verehrung der Moslems für die Geburtskirche schon oft beobachtet. „Die Moslems mögen die Grabeskirche in Jerusalem nicht, weil dem Koran zufolge Jesus weder gekreuzigt noch auferstanden ist. Die Geburtskirche aber ist ihnen sehr teuer. Manchmal kommt es vor, dass sie die Schuhe ausziehen und in der Kirche beten. Manche Mütter bringen auch ihre Kinder, um vor einem Bild der Jungfrau Maria Segen für ihre Neugeborenen zu erbitten.“

Der Franziskaner, in dessen Konvent 16 Brüder leben, hält das Zusammenleben von Moslems und Christen in Bethlehem insgesamt für gut. „Das eigentliche Problem ist die israelische Mauer. Sie stranguliert die Stadt. Das wirtschaftliche Leben leidet dadurch, die Arbeitslosigkeit ist so hoch wie die Preise. Allein wir Franziskaner geben etwa 300 Familien Brot und Arbeit. In unsere Schulen gehen über 1100 Schüler. Für viele von ihnen übernehmen wir auch die Schulgebühren, weil sich die Familien das sonst nicht leisten könnten. Aber das alles reicht natürlich lange nicht aus.“ Auch Pater Stephane ist besorgt, dass wegen des Gaza-Krieges die Pilger ausbleiben. „Eine Bombe auf Tel Aviv und jeder cancelt seine Reise. Vor Gaza, im Oktober, hatten wir jeden Tag 25 Pilgermessen, jetzt sind es gerade vier.“

Doch trotz all der Probleme gibt es derzeit keine große christliche Emigration aus Palästina. Zwar gibt es Einzelfälle aber die letzte große Auswanderungswelle infolge der Zweiten Intifada zwischen 2001 und 2003 liegt nun schon zehn Jahre zurück. Christliche Forschungsinstitute wie das in Bethlehem ansässige Institut „Diyar“ sehen angesichts der christlichen Schulen, Universitäten und sonstigen kulturellen Einrichtungen sogar einen überproportional großen christlichen Einfluss auf das soziale Leben Palästinas - größer jedenfalls, als ihnen aufgrund ihres Anteils von etwa 1,37 Prozent an der Gesamtbevölkerung eigentlich zukäme. Mitri Raheb, der Leiter von „Diyar“, glaubt aber, dass sich die Gestalt des palästinensischen Christentums verändern wird. „Schon jetzt ist das Christentum bei uns in den letzten Jahrzehnten aus fast allen Dörfern verschwunden, von Ausnahmen wie dem christlichen Dorf Taybeh einmal abgesehen. Es gibt kein Christentum mehr auf dem Land.“ Bei diesen Urbanisierungstendenzen, so Raheb, haben christliche Schulen eine große Rolle gespielt. Sie haben die Menschen gebildet und da Bildung mobil mache, sei der Sprung vom Dorf in die Städte Palästinas und dann ins Ausland oft nicht schwierig gewesen, meint Raheb. „Wenn ich eine längerfristige Prognose wage, wird das Christentum aus dem Norden der Westbank bis vielleicht 2050 verschwunden sein und sich auf Bethlehem und Umgebung konzentrieren. Hier sind wir noch relativ viele und haben mit der Geburtskirche ein natürliches religiöses Zentrum.“

Krippenhändler Nabil jedenfalls will Bethlehem nicht verlassen. „Meine Familie väterlicherseits kam mit den Kreuzfahrern. Die Familie meiner Mutter ist schon seit dem sechsten Jahrhundert christlich. Ich wurde hier geboren."