Adventliches Triptychon: Vergessene Dimensionen der Kirche

Von Bischof Kurt Koch

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BASEL, 23. Dezember 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen den Festvortrag, den der Basler Diözesanbischof Kurt Koch am 8. Dezember zum 25-jährigen Bischofsjubiläum von Diözesanbischof Egon Kapellari in der Aula der Alten Universität Graz gehalten hat.



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Um das 25-jährige Bischofsjubiläum von Diözesanbischof Egon Kapellari zu feiern, sind wir versammelt. Dieses Jubiläum gegen Ende des bürgerlichen Jahres lässt sich nicht losgelöst vom Jubiläum seines 70. Geburtstags zu Beginn desselben Jahres begehen. Denn natürliche Geburt und kirchliche Berufung verhalten sich gleichsam wie Schöpfungs- und Erlösungsordnung Gottes zueinander, die zusammen seine eine Heilsordnung bilden. Beim zweiten Anlass müssen wir freilich eine kleine Ausnahme von einer liturgischen Grundregel machen. Denn im christlichen Leben und Glauben spielt der Geburtstag eigentlich von allem Anfang an keine große Rolle. Im Unterschied zur antiken Welt, in der die Geburtstage der Herrscher und der Mächtigen, etwa eines Cäsar oder eines Augustus, mit dem größten Aufgebot an Feierlichkeit und Pomp begangen und geradezu als Tage der Erlösung gefeiert wurden, kennt der christliche Glaube keine liturgische Feier von Geburtstagen, auch und gerade bei den Heiligen nicht.

1. Geburtstag und Advent

Hinter dieser christlichen Distanz gegenüber dem Geburtstag liegt keineswegs eine Missachtung der natürlichen Entstehung eines Menschenlebens, sondern vielmehr höchste Weisheit und tiefste Menschenkenntnis. Denn der entscheidende Grund der christlichen Reserviertheit gegenüber dem Geburtstag besteht darin, dass es eigentlich bei jedem Menschen viel zu früh ist, seinen Geburtstag zu feiern, weil über jedem Menschenleben allzu viel an Zweideutigkeit, Gebrochenheit und Zwiespältigkeit liegt. Der Geburtstag allein gibt noch keinen Aufschluss darüber, ob ein Mensch in seinem späteren Leben des Tages seiner Geburt froh sein oder ob er – wie Hiob – eines Tages seinen Geburtstag verwünschen wird. Allein von der Geburt her kann man überhaupt noch nicht wissen, ob das Leben dieses Menschen wirklich ein Grund zum Feiern sein wird oder nicht.

Grund zum Feiern kann ein Leben eigentlich erst im Anblick des Todes sein, durch den hindurch sich alle Zweideutigkeit eindeutig auflöst und bei dem es gerade durch das Eintauchen eines Menschenlebens in die Nacht des Todes an den Tag kommt, was es mit diesem Menschenleben auf sich gehabt hat. Nur dessen Leben ist wirklich feiernswert geworden, der auch und gerade im Angesicht des richtenden Ernstes, den der Tod vor Gott bedeutet, für sein Leben ehrlich danken kann. „Und dann der Tod…“: so heißt nicht zufälligerweise ein neues Buch von Bischof Egon Kapellari, in dem er uns mit „Sterbe-Bildern“ von verschiedenen Menschen beschenkt hat [1]. In dieser Tiefe des Todes liegt auch der entscheidende Grund, dass die christliche Kirche seit jeher nicht den natürlichen Geburtstag, sondern den Todestag, gleichsam den zweiten Geburtstag eines Menschen, der freilich bereits mit der Taufe begonnen hat, feiert, nämlich die Geburt zum ewigen Leben ohne jede Zweideutigkeit und Zwiespältigkeit. Die Feiertage der Heiligen werden denn auch in der Liturgie unserer Kirche am jeweiligen Todestag angesetzt.

Von dieser durchgehenden Regel kennt die Liturgie der Kirche nur drei Ausnahmen. Die große Ausnahme ist das Fest der Geburt Jesu, des Gottessohnes, die ohne das geringste Bedenken gefeiert werden kann. Es wäre geradezu ein Anzeichen von Unglauben oder eines etwas modisch gewordenen arianischen Kleinglaubens, wenn man dieses Fest nicht feiern würde. Zu dieser großen Ausnahme gehören aber noch die Feste der Geburt des Johannes des Täufers und von Maria. Diese beiden Geburtstage gehören so unlösbar zusammen, dass sie von der Geburt Jesu her auch als willkommene Ausnahmen von der Regel gelten dürfen und deshalb mit der Geburt Jesu mitgefeiert werden. Denn die eigentliche Bestimmung des Johannes des Täufers besteht darin, als Vorläufer Jesu ihm die Fackel des göttlichen Lichts voran zu tragen. Und da Maria die Gebärmutter in Person ist, durch die Jesus in unsere Welt herein tritt, könnte ohne ihre Geburt auch die Geburt Jesu nicht sein, wollte es jedenfalls von Gott her nicht sein.

Insofern handelt es sich nicht um drei Ausnahmen, sondern letztlich nur um eine. Denn Johannes der Täufer und Maria sind die adventlichen Gestalten schlechthin. Als solche machen sie uns bewusst, dass die Kirche immer im Advent lebt, und keineswegs nur in der Adventszeit. Diese adventliche Dimension der Kirche hat Bischof Egon Kapellari als das tiefste Wesen des Christen und der Kirche bezeichnet und mit den Worten ausgedrückt: „Ein bewusster Christ ist ein adventlicher Mensch, und die Kirche ist eine Adventsgemeinschaft“ [2]. Dieser adventlichen Dimension der Kirche wollen wir gerade beim 25. Amtsjubiläum und in dankbarer Erinnerung an den 70. Geburtstag von Bischof Egon nachdenken, zumal der Geburtstag wie das Bischofsamt selbst adventlichen Charakter haben. Die adventliche Dimension der Kirche erschliesst sich nämlich nur von der prophetischen Lebensweise des Johannes des Täufers und von der ebenso prophetischen Grundhaltung Mariens her.

2. Advent und Parusie

Im durchschnittlichen Bewusstsein gilt die Adventszeit als Zeit des Wartens. Dieses Stichwort löst aber nicht nur positive Assoziationen aus. Wir alle kennen genügend Zeiten des Wartens, die wir eher als sinnloses Nichtstun denn als schöpferische Aktivität empfinden. Uns allen ist beispielsweise die eigenartige Situation im Wartezimmer eines Arztes oder Zahnarztes vertraut, vor allem die nur langsam verstreichen wollenden Minuten, bis wir in das Sprechzimmer geführt werden. Das Warten verliert hier schnell den Charakter einer Tugend; vielmehr verbindet sich mit dem Stichwort des Wartens sehr schnell dasjenige des Nichtstuns, des Untätigseins und einer lähmenden Langeweile.

In der Zeit des christlichen Advents geht es aber nicht um solches Warten; eigentlich geht es überhaupt nicht ums Warten. Denn Advent heißt, wörtlich übersetzt, nicht „Erwartung“, sondern ist die lateinische Übersetzung des griechischen Wortes „Parusia“, das „Ankunft“ bedeutet. Dieses Wort war in der antiken Welt der Fachausdruck für die Anwesenheit des Königs, wenn er den Seinen die Zeit seiner „Parusie“, seiner Gegenwart schenkte. Im christlichen Glauben geht es auch um eine Ankunft, nämlich um die Anwesenheit Gottes in unserer Welt, die bereits begonnen hat. In der frühen Kirche richtete sich dabei die Aufmerksamkeit auf die Parusie im wörtlichen Sinn, nämlich auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten, weshalb die Adventszeit früher das Kirchenjahr abgeschlossen hat. Erst mit der Konzentration auf das Gedenken der ersten Parusie Christi in seiner Geburt rückte die Adventszeit an den Beginn des Kirchenjahres [3]. Ob der Advent nun den Abschluss oder den Beginn der Kirchenjahres bedeutet – er ist auf jeden Fall ein Wendepunkt, bei dem die Parusie Christi im Mittelpunkt steht; und dies ist schlechthin entscheidend: Während sich beim Stichwort des Wartens alles um unsere menschliche Aktivität oder Inaktivität dreht, wird beim Stichwort der Ankunft die ganze Aufmerksamkeit auf den gerichtet, dessen Anwesenheit bereits begonnen hat. Nur dann aber ist christlicher Advent, wenn Gott selbst im Mittelpunkt steht.

Dies ist die tröstliche und zugleich ungemein herausfordernde Botschaft des Advents: Gottes Anwesenheit in der Welt hat bereits begonnen; Gott ist, wenn auch verborgenerweise, bereits gegenwärtig. Damit ist zugleich gesagt, dass Gottes Anwesenheit in der Welt eben erst begonnen hat, also noch nicht vollendet, sondern selbst noch im Wachsen, Werden und Reifen begriffen ist und erst dann voll gegeben sein wird, wenn sich Gottes Parusie in der Wiederkunft Christi ganz ereignen wird. Doch schon heute will Gott in unserer Welt anwesend sein, und zwar durch uns Glaubende. In unserem Glauben, Hoffen und Lieben will Gott selbst sein Licht des Advents in die Nacht der Welt immer wieder hinein leuchten lassen. Damit ist eine erste grundlegende Aussage über die Kirche als Adventsgemeinschaft gemacht, die Hans Urs von Balthasar dahingehend ausformuliert hat, dass „dort am meisten Kirche“ ist, „wo am meisten Glaube, Liebe, Hoffnung, am meisten Selbstlosigkeit und Tragen der anderen sich findet“ [4]. Dies ist aber nur in der Grundhaltung des Advents möglich.

Advent heißt „schon begonnene, aber auch bloß begonnene Ankunft des Herrn“ [5]. Damit ist im Grunde das Wichtigste gesagt, was den Advent und die Kirche als adventliche Glaubensgemeinschaft ausmacht. Dies hört sich freilich wie eine abstrakte Wahrheit an. Doch unsere Kirche weiß, dass wir Menschen nicht einfach mit abstrakten Wahrheiten leben können, sondern dass wir vielmehr konkrete Bilder brauchen, an denen wir uns ausrichten können. Die Kirche ist zudem in erster Linie nicht ein „Was“, sondern ein „Wer“, nämlich ein Gefüge von konkreten Personen. Solche Personen stellt uns die Liturgie der Kirche in der Adventszeit vor Augen, nämlich Johannes den Täufer und Maria. Sie sind die beiden grossen Typen des adventlichen Lebens, die wir näher betrachten wollen, um uns in das Geheimnis der Kirche als Adventsgemeinschaft zu vertiefen.

3. Prophetischer Vorlauf auf den Kommenden hin

Schauen wir zunächst auf Johannes den Täufer, den strengen Rufer zum Umdenken und zur Umkehr, der ganz auf den hinweist, der uns seine Anwesenheit schenkt. Dieser adventlichen Gestalt schlechthin hat der Maler Matthias Grünewald ein sprechendes Ehrendenkmal gestiftet. Im Mittelpunkt seines weltbekannten spätgotischen Insenheimer Flügelaltars in Colmar steht das Kreuz Jesu Christi vor einer dunklen und leeren Landschaft. Zur Rechten des Kreuzes ist die mächtige Gestalt des Täufers Johannes dargestellt. Mit ausgestreckter Hand, deren Zeigefinger expressiv verlängert ist, weist er hin auf den Gekreuzigten. Auf dem Hintergrund hat der Maler in lateinischer Sprache ein entscheidendes Wort des Täufers aus dem Johannes-Evangelium hingeschrieben, das das Bild deutet: „Er muss wachsen, ich aber muss kleiner werden“ (Joh 3, 30). Der Täufer ist ganz auf den Schmerzensmann am Kreuz konzentriert und doch zugleich dem Blick des Beschauers zugewandt, gleichsam als wolle er alle betrachtenden Blicke sammeln und in die Richtung seines Zeigefingers lenken: „Dieser ist es!“

a) Adventlicher Dienst der Stimme am Wort

Diese Gebärde des Von-sich-Wegweisens und Auf-Jesus-Hinweisens ist das verdichtende Symbol seines ganzen Lebens geworden. Im buchstäblichen Sinn des Wortes ist Johannes der Täufer ein vor-läufiger Mensch, genauerhin ein Mensch, der darum weiß, dass er stets hinter dem zurückbleibt, auf den er hinweist und dem er vorausläuft. Sein ganzes Leben war letztlich nichts anderes als ein lebender Zeigefinger auf Jesus Christus hin, der im Kommen ist und Advent, Parusie in unserer Welt hält. Eben deshalb ist er zur erzadventlichen Gestalt geworden.

Der große Basler Theologe und Kardinal Hans Urs von Balthasar hat einmal von sich bekannt, sein theologisches Werk wolle nichts anderes sein als ein Johannesfinger, der auf Christus hinweist, nämlich sich selbst zurücknehmen und zurückstellen, um einem Anderen Platz zu machen und den Weg zu bereiten. Auf Christus hinzuzeigen, wie der Täufer es auf dem Kreuzigungsbild des Isenheimer Altars tut, ist freilich nicht nur die Aufgabe der Theologie, sondern auch der tiefere Sinn und die eigentliche Berufung der Kirche. Sie hat keine andere Sendung als die, die damals Johannes zugekommen ist, nämlich auf den Herrn hinzuweisen, der im Kommen ist: Wie Johannes ein vor-läufiger, ein auf Christus hin vorlaufender Menschen gewesen ist, so kann auch die Kirche nur eine vor-läufige, adventlich auf Christus hin vorlaufende Kirche sein. Und wie der Täufer nie auf sich gezeigt, sondern stets von sich weg gewiesen und allein auf den kommenden Christus hin gewiesen hat, so hat auch die Kirche keine andere Aufgabe als die, ein lebendiger und sprechender Zeigefinger auf Christus hin zu sein, der uns seinen Advent schenkt.

Ohne diesen adventlichen Glauben an Christus wäre die Kirche nichts anderes als ein kurioser Verein. Die Kirche aber ist die Gemeinschaft von Menschen, die überzeugt sind, dass das Entscheidende in ihr nicht von uns Menschen her geschieht, sondern von Christus her. Dies der kirchlichen Gemeinschaft immer wieder in Erinnerung zu rufen, ist die besondere Aufgabe des apostolischen Amtes, weshalb das Zweite Vatikanische Konzil den Dienst des Bischofs an der Verkündigung sogar dem liturgischen Dienst an den Sakramenten und dem kybernetischen Dienst der Leitung der Ortskirche vorgeordnet hat: „Unter den hauptsächlichen Ämtern der Bischöfe hat die Verkündigung des Evangeliums einen hervorragenden Platz. Denn die Bischöfe sind Glaubensboten, die Christus neue Jünger zuführen“ [6]. Demgemäß hat der Bischof in erster Linie dafür zu sorgen, dass das Evangelium Jesu Christi die Ohren und vor allem die Herzen der Menschen, die im Bistum leben, erreichen kann [7].

Die Sendung des apostolischen Amtes hat der Heilige Augustinus in der Gestalt des Johannes des Täufers vorgebildet gesehen [8]. Johannes wird im Neuen Testament bekanntlich „Stimme“ genannt, währenddem Christus als „Wort“ bezeichnet wird. Mit diesem Verhältnis von Wort und Stimme verdeutlicht Augustinus das Wesen des apostolischen Amtes: Das Wort lebt, bevor es durch die Stimme sinnlich vernehmbar werden kann, bereits im Herzen des Menschen, der es spricht. Genauso besteht die schöne Aufgabe des Amtsträgers darin, sinnlich-lebendige Stimme für das vorgängige Wort Gottes zu sein. Dabei ist auch die Beobachtung von entscheidender Bedeutung, dass der sinnliche Klang, nämlich die Stimme, die das Wort von einem Menschen zu einem anderen trägt, vorübergeht, währenddem das Wort bleibt. Die menschliche Stimme hat deshalb keinen anderen Sinn als den, das Wort zu vermitteln; danach kann und muss sie wieder zurücktreten und verstummen, damit das Wort im Mittelpunkt bleibt. Aus diesen Beobachtungen schließt Augustinus, dass das apostolische Amt wie Johannes der Täufer ein reiner Vorläufer, ein im buchstäblichen Sinn vor-läufiger, genauerhin vorlaufender Mensch sein muss und nur so Diener am Wort Gottes sein kann. Denn als „Stimme“ ist er ganz und gar auf das „Wort“ bezogen, das Christus ist, und steht er zu ihm in einer durch und durch relationalen Beziehung.

Mit Recht betont das Priesterdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils: „Niemals sollen sie (sc. die Priester) ihre eigenen Gedanken vortragen, sondern immer Gottes Wort lehren und alle eindringlich zur Umkehr und zur Heiligung bewegen“ [9]. Dies kann glaubwürdig nur gelingen, wenn Priester und Bischof in ihrer Verkündigung zu erkennen geben, dass sie gerade nicht von sich selbst reden und auch nicht einfach die Theorien und Hypothesen des zuletzt gelesenen Artikels den Menschen zumuten, ohne sie vorgängig selbst verdaut zu haben. Das apostolische Amt ist vielmehr verpflichtet, sich selbst als Stimme Christi zur Verfügung zu stellen, um so seinem Wort Raum zu geben. Denn letztlich geht es nicht um die Stimme, sondern um das Wort.

Das apostolische Amt steht ganz und gar in seinem Auftrag, freilich nicht in der Gestalt eines Telegrammboten, der fremde Worte einfach getreulich weiterleitet, ohne dass sie ihn betreffen würden. Es zeichnet ja den getreuen Telegrammboten aus, dass er vom Inhalt des Textes nicht neugierig Kenntnis nimmt. Um eine ganze Welt verschieden aber ist das apostolische Amt, das das Wort Gottes persönlich weitergeben und sich selbst so aneignen muss, dass es sein eigenes Wort wird. Die Botschaft des Evangeliums verlangt gerade nicht einen Fernschreiber, sondern einen Zeugen, der wie Johannes der Täufer nicht nach dem schielt, was bei den Menschen ankommt, sondern sich darauf konzentriert, worauf es im christlichen Glauben wirklich „ankommt“.

b) Prophetie in der Kirche

Von daher steht Johannes der Täufer ganz in der Traditionslinie der Propheten; und seine Gestalt macht auf die prophetische Dimension der Kirche aufmerksam. Diese erschließt sich freilich nur, wenn sie im biblischen Sinn wahrgenommen und vom heute gängigen Bild eines Propheten unterschieden wird. In der biblischen Sicht ist ein Prophet nicht einfach ein Wahrsager, und seine Hauptaufgabe besteht nicht darin, zukünftige Ereignisse anzukündigen. Ein Prophet ist auch kein Apokalyptiker, der im Wesentlichen die letzten Dinge beschreibt. Und ein Prophet ist auch nicht einfach ein professioneller Kritiker von religiösen und kirchlichen Institutionen. Der heute viel beschworene Gegensatz zwischen dem Propheten und dem Gesetz entspricht viel mehr kirchenkritischen Wunschträumen als der Sinnrichtung bereits des Alten Testaments. Wiewohl der Prophet zwar berufen ist, gegen das stets drohende Missverständnis und den Missbrauch des Wortes Gottes und religiöser Institutionen den lebendigen Anspruch des Wortes Gottes selbst präsent zu halten, ist er dennoch nicht der Gegenpol zum Gesetz.

Dass diese heute so eingängig gewordene Antithese nicht zutrifft, ist im Alten Testament bereits daran ablesbar, dass am Ende des Deuteronomium kein anderer als Prophet bezeichnet wird als Mose, der von Gott das Gesetz erhalten und dem Volk Israel weitergegeben hat. Denn der Abschluss der fünf Bücher Mose hält rückblickend fest: „Niemals wieder ist in Israel ein Prophet wie Mose aufgetreten. Ihn hat der Herr Aug in Aug berufen“ (34, 10). Mose wird hier nicht nur als Prophet bezeichnet, sondern es wird auch klar gesagt, worin die prophetische Ader in seinem Leben bestanden hat: Der Herr hat ihn „Aug in Aug“ berufen.

Damit ist das wesentliche Kennzeichen des Prophetischen genannt: Ein Prophet ist ein Mensch, der mit Gott so vertraut redet, wie ein Freund mit einem Freund spricht. Und aus dieser direkten Begegnung mit Gott kann er dann auch in seine Zeit hinein reden. Ein Prophet ist deshalb ein Mensch, „der aus der Berührung mit Gott die Wahrheit sagt, und zwar die Wahrheit für heute, so dass sie freilich auch die Zukunft erhellt“ [10]. Der Kern des Prophetischen liegt genau in diesem „Aug in Aug mit Gott“, um aus diesem vertrauten Umgang mit Gott die Wahrheit Gottes in der jeweiligen Stunde präsent zu machen und zugleich den Weg zu weisen.

Von daher beginnt man zu verstehen, dass die Kirchenväter die mosaische Prophetie am Ende des Deuteronomium als eine Verheißung auf Jesus Christus hin gedeutet haben. In der Tat offenbart sich Jesus Christus als der eigentliche und als der größere Mose. Weil er der Sohn ist, lebt er vollends „Aug in Aug“ mit Gott, den er auf eine intim-zärtliche Weise „Abba“ nennt, und will er auch uns Menschen in diese intime Sohnesbeziehung zu seinem Vater hineinnehmen. Christus ist der wahre und endgültige Mose, der „Aug in Aug“ mit Gott lebt als der Sohn, der nun freilich nicht mehr – wie Mose – die Menschen allein durch Wort und Gesetz zu Gott führt, sondern der die Menschen durch sich selbst zu Gott trägt mit seinem eigenen Leben und Leiden. Oder mit anderen Worten: Jesus Christus ist der wahre und endgültige Prophet. Dies ist übrigens der rote Faden, den Papst Benedikt XVI. in seinem angekündigten Jesus-Buch entfalten wird, wie er in seinem „Ersten Blick auf das Geheimnis Jesu“ in der Einführung hervorhebt: „In Jesus ist die Verheißung des neuen Propheten erfüllt. Bei ihm ist nun vollends verwirklicht, was von Mose nur gebrochen galt: Er lebt vor dem Angesicht Gottes, nicht nur als Freund, sondern als Sohn; er lebt in innerster Einheit mit dem Vater. Nur von diesem Punkt her kann man die Gestalt Jesu wirklich verstehen, wie sie uns im Neuen Testament begegnet, alles, was uns an Worten, Taten, Leiden an Herrlichkeit Jesu erzählt wird, ist hier verankert.“

Von daher ist es ebenfalls kein Zufall, dass in den Augen der Kirchenväter die prophetischen Eigenschaften in ganz besonderer Weise auch Maria auszeichnen, jene glaubensstarke Frau, die „Aug in Aug“ mit Gott gelebt hat und für sein Wort so sehr Ohr gewesen ist, dass sie selbst der Menschheit das Wort Gottes geboren hat, wie der Kirchenvater Theodotos von Ankyra sehr schön formuliert hat: „Geboren hat die Jungfrau, die Prophetin hat geboren, den lebendigen Gott… Durch das Gehör empfing Maria, die Prophetin, den lebendigen Gott“ [11]. Maria ist gerade darin Prophetin, dass sie das Wort Gottes bis in ihr eigenes Herz hinein hört und des Wortes so inne wird, dass sie es der Welt neu geben kann. Dass Maria als Prophetin für Gott ganz Ohr ist, mit diesem Bildwort sieht die Heilige Schrift das Wesen Mariens ungetrübt ausgedrückt und beschreibt es in verschiedenen Szenen, vor allem bei der Verkündigung durch den Engel, in der Weihnachtsgeschichte nach der Anbetung des Kindes in der Krippe durch die Hirten oder beim zwölfjährigen Jesus im Tempel, wo es immer wieder heißt, dass sie alles, was geschehen ist, in ihrem Herzen bewahrt und darüber nachgedacht hat. In dieser gehörsamen Grundhaltung ist Maria zum Urtyp der christlichen Propheten und Prophetinnen geworden [12].

4. Marianische Wohnung für Gott

Johannes der Täufer als Prophet hat uns von selbst zu Maria, zur zweiten großen Gestalt des Advents, geführt. Während Johannes die adventliche Figur ist, die auf Christus hinweist, der uns seine Anwesenheit schenkt, ist Maria die adventliche Gestalt, in der Christus in unserer Welt angekommen, seinen Advent gehalten hat. Denn Maria hat so gelebt, dass sie für Gott ganz durchlässig, für Gott ganz „bewohnbar“ und so zur Wohnung Gottes in der Welt geworden ist. In ihr fließt deshalb der ganze Advent der Menschheit zusammen, wie Bernhard von Clairvaux mit eindringlichen Worten herausgestellt hat: „Der Engel erwartet deine Antwort, denn es ist Zeit, zu dem zurückzukehren, der ihn gesandt hat... O Herrin, antworte das Wort, das die Erde, das die Hölle, ja, das die Himmel erwarten. Wie der König und Herr aller nach deiner Schönheit verlangte, so sehr ersehnt er deine zustimmende Antwort“ [13].

a) Maria als Kirche in Person

Maria erweist sich als eine durch und durch adventliche Gestalt, und zwar in jenem doppelten Sinn, der vor allem im Lukasevangelium aufscheint. Lukas zeichnet nämlich Maria als zweifach Adventliche: am Anfang seines Evangeliums, wo sie die Geburt des Gottessohnes erwartet, und am Beginn der Apostelgeschichte, wo sie die Geburt der Kirche erwartet [14]. Es gibt eine offensichtliche Entsprechung zwischen der Inkarnation des Gottessohnes in Bethlehem aus der Kraft des Geistes und der Geburt der Kirche an Pfingsten ebenfalls in der Kraft des Geistes. Lukas will damit zum Ausdruck bringen, dass die Mutterschaft Marias nicht allein ein einmaliges biologisches Geschehen gewesen ist, sondern dass sie in ihrer ganzen Person Mutter war, ist und bleibt, nämlich auch Mutter der Kirche.

Maria ist freilich gerade so Mutter der Kirche, dass in ihr die Kirche selbst vorgebildet ist, so dass wir auf diese Frau blicken müssen, um zu erkennen, „wer“ die adventliche Kirche ist. Denn die erste Sendung der im Neuen Testament bezeugten Heilsgeschichte wird von Maria wahrgenommen. Diese Frau steht am Beginn der christlichen Heilsgeschichte; und ihr Name enthält, wie Johannes Damascenus betont, „das ganze Geheimnis der Ökonomie der Inkarnation“ [15]. Dabei handelt es sich nicht nur um einen zeitlichen Vorrang, sondern um einen Primat, der für die Kirche konstitutiv ist und deshalb bleibt. Denn die Kirche ist in erster Linie marianisch, während das apostolische Amt ganz im Dienst des Marianischen steht.

Dieser Vorrang des Marianischen in der Kirche kommt sehr schön zum Ausdruck bereits bei den Weihnachtskrippen, die nicht einfach volkstümliche Darstellungen von Glaubenswahrheiten sind, sondern vielmehr in deren Kernmitte hineinführen. In ihnen hat man sehr bald das Geheimnis der Kirche selbst wahrgenommen, und zwar vor allem in der Gestalt Marias. Denn die Weihnachtskrippen zeigen, dass die Kirche in erster Linie marianisch und erst in zweiter Linie petrinisch ist: In der Tradition hat man den Bischof als Repräsentanten des petrinischen Prinzips in Josef vorgebildet gesehen. Der blühende Stab, den er auf vielen Bildern trägt, wurde dahingehend gedeutet, dass in Josef der Urtyp des christlichen Bischofs aufscheint.

Dieser eindeutige Vorrang des marianisch-fraulichen vor dem petrinisch-männlichen Prinzip weist auf eine grundlegende Relativität des Amtes in der Kirche hin: Wie Josef ist auch der Bischof als Sachwalter des Geheimnisses Gottes, als Hausvater und Hüter des Heiligtums, bestellt. Wie Maria unter dem Schutz von Josef steht, so ist dem Bischof die Kirche als Braut anvertraut. Diese Braut steht deshalb gerade nicht zu seiner Verfügung oder gar in seiner Macht, sondern in seiner schützenden Obhut. Es ist aber Maria, auf die der Heilige Geist herabkommt und sie zum neuen Tempel, zur Kirche macht. Ihr hat jedes Amt in der Kirche zu Diensten zu sein. Die Kirche ist deshalb nicht erst durch die objektiven Strukturen des Amtes gegeben, sie fordert vielmehr zunächst den gläubig-subjektiven Schoss des Wortes Gottes, nämlich das Glauben, Hoffen und Lieben derjenigen und dabei in exemplarischer Weise Mariens, die in dieser Grundhaltung des Empfangens und Verdankt-Seins wahrhaft Kirche sind.

Derselbe Vorrang wird wiederum sichtbar bei der Vollendung des Lebens Mariens in ihrer Aufnahme in den Himmel, mit der sie, um mit Bischof Egon Kapellari zu sprechen, als „Inbild der vollendeten Kirche“ erscheint [16]. Auch und gerade in ihrer Vollendung ist Maria das Urbild und die eigentliche Siegelbewahrerin der ganzen Schöpfung und wird deshalb als „tota pulchra“, als ganz Schöne, gepriesen: „Im Fragment, das Maria ist, leuchtet die Schönheit des ganzen Planes Gottes über der Schöpfung auf“ [17]. Wenn in Maria die in Christus bereits vollendete und gerettete Menschheit vor Augen tritt, dann erscheint die Vollendung der Schöpfung ausgerechnet in der Gestalt einer Frau.

Was dieses Zeichen genauerhin zu bedeuten hat, dafür hat Papst Johannes Paul I. einen hilfreichen Hinweis gegeben. In seinen unter dem Titel „Ihr ergebener“ veröffentlichten fiktiven Briefen antwortete Albino Luciani auf den Vorwurf von Mädchen einer Schulklasse, die Frau würde in der katholischen Kirche benachteiligt, mit Blick auf das Geheimnis der Aufnahme Mariens in den Himmel: „Die Vollendung des Geschöpfs als Geschöpf vollzieht sich in der Frau, nicht im Mann“ [18]. In der Vollendung der Frau ereignet sich freilich auch die Vollendung des Mannes, da in Maria die Fraulichkeit des ganzen Menschseins in Erscheinung tritt, das auch die Integration des Männlichen offenbart und damit die Züge der neuen Schöpfung im Herrn transparent werden lässt.

Der Vorrang der Frau gilt im christlichen Glauben freilich nicht erst bei der Vollendung, sondern bereits in der irdischen Kirche, die zuerst fraulich ist, wobei dieses „Zuerst“ ein Bleibendes ist, wie Hans Urs von Balthasar betont hat: „In Maria ist die Kirche schon leibhaft, bevor sie in Petrus organisiert ist“ [19]. Mit den Augen Mariens das Geheimnis der Kirche neu zu entdecken und von Maria her das Kirchesein zu lernen, ist ein dringendes Gebot der heutigen Stunde [20]. Nur in der Zuwendung zum Zeichen Mariens und damit zur recht verstandenen marianisch-fraulichen Dimension der Kirche wird eine Öffnung zu ihrem wahren Geheimnis möglich.

Dort hingegen, wo in der Kirche in männlicher Art und Weise vor allem das Maskulin-Strukturelle, das Institutionelle und Organisatorische in den Vordergrund gerückt wird, droht ihr Geheimnis verdeckt zu werden, wie dies heute oft der Fall ist. Oder ist es ein Zufall, dass im heutigen Kirchenbewusstsein das männliche Bild von der Kirche als „Volk Gottes“ und nicht das frauliche Bild von Maria als ecclesia im Sinne der Braut Christi dominiert? Hängen das heutige Verdunsten des Geheimnisses der Kirche und das Verblassen der Marienfrömmigkeit nicht mehr miteinander zusammen, als uns bewusst ist? Und sind diese beiden Ausfallserscheinungen nicht zwei Seiten derselben Medaille, nämlich der Überbetonung des Petrinisch-Männlichen und der Verdrängung des Marianisch-Fraulichen in der Kirche heute, und zwar paradoxerweise am meisten bei denen, die mit dem petrinischen Prinzip in der Kirche immer wieder Mühe bekunden?

Papst Benedikt XVI. hat mit Recht darauf hingewiesen, dass das marianische Verständnis der Kirche der entscheidende Gegensatz zu einem bloß organisatorischen oder sogar bürokratischen Kirchenbegriff ist: „Kirche können wir nicht machen, wir müssen sie sein. Und nur in dem Maß, in dem der Glaube über das Machen hinaus unser Sein prägt, sind wir Kirche, ist Kirche in uns. Erst im marianischen Sein werden wir Kirche. Kirche wurde auch im Ursprung nicht gemacht, sondern geboren. Sie war geboren, als in der Seele Marias das Fiat erwacht war“ [21].

Natürlich handelt es sich dabei um Bilder, die man nicht pressen darf, wenn sie nicht missbraucht werden sollen. Doch die schönsten Geheimnisse des christlichen Glaubens lassen sich nicht in reinen Begriffen einfangen; sie sind zu ihrem Verständnis vielmehr auf offene und eröffnende Bilder angewiesen. Wie bereits das Geheimnis zwischenmenschlicher Liebe nur in vielfältigen Bildern ausgedrückt werden kann, so ist auch die Liebe zwischen Gott und den Menschen darauf angewiesen, mit vielfachen Bildern besungen zu werden. Dies gilt in besonderer Weise von jenem Bild der Kirche, das uns in der Gestalt und Person Mariens entgegenkommt, in der das Neue des Kircheseins aufscheint. Auf diesen unlösbaren Zusammenhang zwischen Maria und Kirche hat das Zweite Vatikanische Konzil vor allem mit seiner berühmten Entscheidung aufmerksam machen wollen, dass die Glaubenslehre über Maria nicht in einem eigenen Text dargestellt, sondern in die Dogmatische Konstitution über die Kirche aufgenommen werden soll. Im endgültigen Text finden wir sie nun im achten Kapitel mit dem Titel: „Die selige jungfräuliche Gottesmutter im Geheimnis Christi und der Kirche.“

b) Das Geheimnis Maria-Kirche

Das Neue des Kircheseins in der Gestalt Mariens tritt vor allem in der Verkündigungsszene im Lukasevangelium (1, 26-38) deutlich vor Augen. Sie beginnt mit dem Gruß des Erzengels Gabriel an Maria: „Freue dich, du Gnadenvolle.“ Dieses „freue dich“ hört sich zunächst an wie der im griechischen Sprachraum damals im Alltag übliche Gruß. Mit dieser Grußformel bringt Lukas aber etwas viel Tieferes zum Ausdruck. Denn auf dem alttestamentlichen Hintergrund kündigt Lukas die Freude der messianischen Zeit an.

Diese Ankündigung wird dabei mit der Zusage begründet: „Der Herr ist mit dir“. Auch diese Zusage hat ihre alttestamentliche Wurzel und beinhaltet hier die zweifache Verheißung an die Adresse Israels, der Tochter Sions, dass Gott kommen wird als Retter und dass er in ihr wohnen wird. Diese Verheißung nimmt der Engel Gabriel auf und spricht sie nun Maria zu, womit er sie mit der Tochter Zion gleichsetzt. Dies wird noch dadurch verdeutlicht, dass der Engel verheißt, dass der Heilige Geist die Empfängnis des Sohnes Gottes bewirken wird. Wenn Lukas für das Kommen des Heiligen Geistes auf Maria das Wort „überschatten“ verwendet, dann bezieht er sich damit auf die alttestamentlichen Berichte von der Heiligen Wolke, die über dem Zelt der Begegnung steht und damit die Einwohnung Gottes andeutet. Maria erscheint damit als das neue Heilige Zelt, die wahre Bundeslade und der neue Tempel, in denen Gott wohnt.

Damit wird auch die Anrede Marias als „Begnadete“ verständlich. Denn das griechische Wort für Gnade („charis“) leitet sich vom gleichen Wortstamm her wie das Wort für Freude („chara“). Nach biblischer Überzeugung ist die Gnade die Quelle aller Freude und kommt die Freude aus der Gnade. In seiner wahren Tiefe freuen kann sich nur, wer in der Gnade steht. Dabei gilt es zu bedenken, dass Gnade nicht einfach ein von Gott kommendes Etwas ist, sondern Gott selbst, der auf den Menschen zukommt. Gnade ist im tiefsten ein Beziehungswort, weshalb der Zuspruch des Engels an Maria „Freue Dich, Du Begnadete“ zugleich die Zusage einschließt, dass Gott selbst in Maria wohnt.

Der Engelsgruß in der Verkündigungsszene weist Maria als Tochter Zions aus und identifiziert sie mit dem bräutlichen Volk Gottes. Alles, was in der Heiligen Schrift über die Kirche („ekklesia“) gesagt wird, gilt deshalb in erster Linie von Maria; und umgekehrt erfährt die Kirche von Maria her all das, was die Kirche ist und sein soll. Denn Maria ist das Urbild der Kirche oder – noch adäquater – Kirche im Ursprung. Maria ist „ihr Spiegel, das reine Maß ihres Wesens, weil sie ganz im Maß Christi und Gottes steht, von ihm ‚durchwohnt‘“ [22]. Wenn Maria so gelebt hat, dass sie für Gott ganz durchlässig und bewohnbar geworden ist, dann ist auch die Kirche zu nichts anderem berufen als dazu, in der Welt Gottes Wohnung zu sein. Und wenn Maria Jesus in ihrem Leib gleichsam wie in einem Tabernakel getragen hat, dann hat auch die Kirche keine andere Bestimmung als die, als Tabernakel des Allerheiligsten in der Welt zu leben. Nur in diesem marianischen Licht ist die Kirche mehr als eine gesellschaftliche Organisation, nämlich ein lebendiger Organismus, genauerhin der sakramentale Organismus Jesu Christi.

Das grundlegende Urbild und die alles andere einbeziehende, begründende und tragende Urgestalt der Kirche ist Maria vor allem durch ihr Ja-Wort, durch ihr „Mir geschehe nach deinem Wort“ geworden. In Maria findet deshalb die Kirche ihr personales Zentrum und die volle Verwirklichung der kirchlichen Idee vor. Das Ja-Wort Mariens erhält von daher für die Kirche wie für den einzelnen Gläubigen eine prototypische Bedeutung. Weil Christus seine Kirche als seine würdige Braut ansieht, leuchtet in Maria die personifizierte Entsprechung zwischen dem göttlichen Wort und der menschlich-geschöpflichen Antwort auf. In dieser reinen Entsprechung spiegelt das Ja-Wort Mariens das Wort der Liebe Gottes ungetrübt – in „unbefleckter Empfängnis“ – wieder und macht es in seiner Schönheit transparent: Maria ist „nicht das Wort, aber sie ist die adäquate Antwort, wie sie von Gott aus dem geschöpflichen Raum erwartet und in seiner Gnade durch sein Wort darin hervorgebracht wird“ [23].

Dieses bräutliche Verhältnis zwischen Christus und Maria und folglich der Kirche findet ihre vollendete Gestalt in der Feier der Eucharistie. Wie Maria unter dem Kreuz Jesu zu seinem Lebensopfer Ja sagen musste und mit ihrem Glaubenseinverständnis Ja gesagt hat, so kann auch die adäquate Haltung der Kirche angesichts des eucharistischen Sich-Verströmens Christi nur im restlosen Einverstandensein mit dem Lebensopfer des Herrn liegen. Weil die Kirche in der Eucharistie die Lebenshingabe Christi an sich geschehen und sich selbst in dieses Opfer hinein nehmen lässt, wird die Kirche am tiefsten durch dieses Einverständnis konstituiert. Denn bei der Darbringung der eucharistischen Gabe kann die Kirche nicht einfach außen vor bleiben; sie ist vielmehr eingeladen und herausgefordert, sich in diese Darbringung persönlich hinein nehmen zu lassen und selbst eine „lebendige Opfergabe in Christus“ zu werden: „zum Lob deiner Herrlichkeit“.

Im eucharistischen Hochgebet bitten wir deshalb Gott, dass das Opfer Jesu Christi, das wir in der Eucharistie sakramental feiern, uns nicht einfach äußerlich und uns gleichsam nur gegenüber anwesend sei und uns bloß als objektives und materielles Opfer erscheine, das wir dann anschauen könnten wie die dinglichen Opfer in früheren Zeiten und anderen Religionen. Dann freilich hätten wir den entscheidenden Überstieg ins Christliche noch nicht gewagt. Aber wir bitten Gott, dass die Hingabe Christi an Gott und die Menschen, die wir in der Eucharistie feiern, uns innerlich werde und dass wir selbst in die Bewegung der Hingabe Jesu hinein genommen werden. Oder mit anderen Worten: Wir bitten Gott, dass wir selbst wie Christus und mit Christus Eucharistie werden.

In der Eucharistie vollzieht sich deshalb die untrennbare Einheit in der bleibenden und radikalen Verschiedenheit zwischen dem sich hingebenden Herrn und der diese Hingabe empfangenden und sich selbst in sie einbeziehenden Braut-Kirche, so dass man mit Papst Benedikt XVI. die Eucharistie als „die mystische Mitte des Christentums“ verstehen muss, „in der geheimnisvoll Gott immer wieder aus sich heraustritt und uns in seine Umarmung hineinzieht“ [24]. Das eucharistische Geheimnis der Kirche bleibt deshalb nur dann in seinem wahren Maß, wenn in ihm das marianische Geheimnis eingebunden ist, nämlich dass die hörende und empfangende Magd, die in ihrer in der Gnade befreiten Freiheit ihr „Fiat“ spricht und so Braut und Leib wird. In der Eucharistie verwirklicht sich so am intensivsten die bräutliche Begegnung zwischen Gott und seinem Geschöpf, wie sie exemplarisch in der Beziehung zwischen Gott und Maria betrachtet werden kann.

c) Jungfräulichkeit als Zeichen der Hoffnung

Von daher erschließt sich auch der tiefere Sinn, warum Christus von einer Jungfrau geboren werden wollte und warum Maria als Jungfrau Mutter Jesu und Mutter der Kirche ist. An sich wäre es ja durchaus möglich gewesen, dass Jesus in einer ganz normalen Ehe geboren worden wäre. Dass es aber beim Geheimnis der Jungfrauengeburt in keiner Weise um eine Abwertung der ehelichen Gemeinschaft geht, dies zeigt sich freilich erst, wenn wir ins Alte Testament zurückblicken und in diesem erahnen, wie sehr sich das Geheimnis Mariens bereits in ihm vorbereitet hat:

Dieses Geheimnis ist vorgebildet in Sara, die unfruchtbar gewesen ist und erst im hohen Greisenalter, als ihre Lebenskräfte dahingeschwunden waren, zur Mutter Isaaks und damit zur Mutter des erwählten Volkes geworden ist, und zwar allein durch die Kraft Gottes. Dieses Geheimnis wird wiederum sichtbar in Anna, der Mutter Samuels, die ebenfalls als Unfruchtbare schließlich neues Leben geboren hat, und wiederum bei Elisabeth, der Mutter des Johannes des Täufers. In dieser Reihe steht Maria, die als Jungfrau Jesus das Leben geschenkt hat, wie der Evangelist Matthäus die Geburt Jesu kommentiert und in ihr die prophetische Verheißung erfüllt sieht: „Seht, die Jungfrau wird ein Kind empfangen, einen Sohn wird sie gebären, und man wird ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott ist mit uns“ (1, 23).

Der Inhalt auch dieser Verheißung hat alttestamentliche Wurzeln. Der evangelische Alttestamentler Hartmut Gese hat einleuchtend gezeigt, dass die Juden in Alexandria, die die Heilige Schrift aus dem Hebräischen ins Griechische übersetzt und damit die Septuaginta geschaffen haben, sich nicht eine Fehlübersetzung geleistet haben, als sie die Verheißung beim Propheten Jesaja, dass eine junge Frau ein Kind empfangen und einen Sohn gebären wird, dem sie den Namen Immanuel geben wird, mit „Jungfrau“ übersetzt haben. Sie haben damit vielmehr ihre Glaubenseinsicht wiedergegeben, die bereits im Judentum gewachsen war, dass nämlich der messianische König, der sein Volk endgültig in die Freiheit, auch und gerade in die Freiheit von Schuld und Tod, führen werde, nicht einfach der Samenkraft eines menschlichen Mannes verdankt sein kann, sondern einzig Gott allein [25]. Denn nach dem Desaster des babylonischen Exils und den daraus folgenden zwiespältigen Erfahrungen mit verschiedenen Königen aus Davids Stammbaum haben die Juden die Lehre aus der Geschichte gezogen und sich Gott zugewandt, dessen Heil auf dem Weg einer Jungfrau in die Welt kommt. Das Bekenntnis zur jungfräulichen Empfängnis des Messias ist deshalb bereits „ein jüdisches Erbe“ [26].

Im Licht des Alten Testaments wird evident, was Unfruchtbarkeit und Jungfrauengeburt der Kirche auch heute sagen wollen: Gottes Heil kommt überhaupt nicht von uns Menschen und aus unserer eigenen Macht, sondern einzig und allein von Gott und seiner Gnade her. Die Jungfrauengeburt ist das Zeichen radikaler Hoffnung auf Gott, nämlich das Symbol der reinen Gnade Gottes, die selbst dort noch neues Leben hervorbringt, wo menschliche Unfruchtbarkeit nichts mehr in die Welt zu bringen vermag. Maria verheißt, dass Gottes Gnade unendlich viel stärker ist als die menschliche Schwachheit und dass sie diese nochmals überwinden kann.

In dieser alttestamentlichen Verheißung und neutestamentlichen Erfüllung in Maria sehe ich den größten Trost auch für die nicht leichte Situation der Kirche heute, in der wir ebenfalls viel Unfruchtbarkeit erfahren. Wir müssen stets deutlicher feststellen und dabei auch mühsam lernen, dass wir nicht (mehr) in der Lage sind, mit unseren Kräften, mit unseren finanziellen Mitteln, mit unserem Personal, mit unserer Kreativität und unserem Prestige allein die Kirche aufzubauen. Die in den vergangenen Jahrzehnten eingeübte und auch heute noch weithin vorherrschende Mentalität, dass wir selbst die Kirche aus eigener Kraft gestalten und nach unserem Belieben ordnen können, wird durch die Realität immer mehr in Frage gestellt. Auf jeden Fall wird uns heute vieles aus der Hand genommen, von dem wir in den letzten Jahren und Jahrzehnten gemeint haben, wir hätten es geschaffen und wir hätten es dabei geschafft. Vieles von dem aber ist in der Zwischenzeit brüchig geworden. Wir befinden uns inzwischen auch in unseren Breitengraden in einer neuen missionarischen Situation.

Angesichts solcher Erfahrungen kirchlicher Unfruchtbarkeit müssen und dürfen wir offen werden für die verheißungsvolle Botschaft, dass sich mit den gravierenden Veränderungen und einschneidenden Entwicklungen in unserer Kirche Gott neu ins Bewusstsein bringen will. Er will vor allem in Erinnerung rufen, dass nicht wir die Schöpfer der Kirche sind, sondern dass er der Herr seiner Kirche ist. Mit Kardinal Godfried Danneels, dem Erzbischof von Mecheln-Brüssel, bin ich der Überzeugung, dass uns Gott heute vor allem von der „Illusion des Erfolgsmythos“ auch und gerade in der Kirche befreien und uns die schöne „Notwendigkeit der Gnade“ wieder neu ans Herz legen will, wie er sie uns bereits in Maria gezeigt hat, die „voll der Gnade“ ist.

Die Kirche ist also berufen, ihr Spiegelbild in Maria zu sehen und in der marianischen Grundhaltung zu leben, in der sie wie Maria ganz auf Gott hin ausgestreckt ist und sich von ihm bewohnen lässt. Dieses Geheimnis einer marianisch geprägten und lebenden Kirche haben frühchristliche Theologen mit dem schönen Bild von Sonne und Mond zum Ausdruck gebracht [27]: Wie der Mond sein ganzes Licht von der Sonne empfängt, um es in die Nacht hinein strahlen zu lassen, so liegt die Sendung der Kirche als Mond darin, das Licht der Christussonne in die Weltnacht der Menschen hinein zu strahlen und erleuchtende Hoffnung zu ermöglichen. Wir brauchen deshalb dringend eine „lunare Ekklesiologie“ [28], der gemäß sich die Kirche damit zufrieden gibt, Mond zu sein, und sich nicht selbst sonnen will, sondern auf Christus als die wahre Sonne unseres Lebens hinweist. Als Mond-Kirche ist und lebt sie aber marianisch.

5. Christus als Mitte des Advents

Damit schließt sich der Kreis: Johannes der Täufer, der lebendige Zeigefinger, und Maria, die Jungfrau, deuten von selbst auf Christus hin, der uns seine Anwesenheit in der Welt schenkt. Er ist die eigentliche Mitte des Advents und der adventlichen Kirche. Ohne ihn wäre die Zeit des Advents nichts anderes als Weltzeit. An unserer Einstellung zu ihm entscheidet es sich, ob wir wirklich Advent im Sinne des christlichen Glaubens feiern und als adventliche Kirche leben oder ob wir bloß einer gemütvollen Lichtatmosphäre huldigen, wie sie uns in den hell beleuchteten Strassen und Schaufenstern in unseren Städten und Dörfern begegnet. Doch selbst die Lichter, die wir in den dunklen Nächten der beginnenden Winterszeit anzünden, künden noch von dem „Licht der Welt“, das im Dunkel der Nacht von Bethlehem schon aufgegangen ist und das die unheilige Nacht der menschlichen Verlorenheit und Unfruchtbarkeit in die Nacht der göttlichen Erlösung von der menschlichen Nacht und der Befruchtung mit neuem Leben umgewandelt hat.

Diese Glaubensüberzeugung hat die frühe Kirche sichtbar vor allem dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie ihr gemeinsames Gebet nach Osten gerichtet vollzogen hat [29]. Solche Ostung, beziehungsweise Orientierung des gemeinsamen Gebetes nach dem Oriens reicht in die allerfrüheste Zeit der Kirche zurück und wird als apostolische Tradition gewertet. Dies gilt vor allem von der Feier der Eucharistie in der alten Kirche: Nach dem Abschluss des Wortgottesdienstes, der am Sitz des Bischofs stattfand, pilgerten alle gemeinsam mit dem Bischof zum Altar, wobei der Zuruf ertönte: „Conversi ad Dominum“ – „Wendet euch dem Herrn zu!“, was genau bedeutet: blickt gemeinsam nach Osten und betrachtet den endgültigen Sonnenaufgang in der menschlichen Geschichte, der mit Jesus Christus angebrochen ist. Eucharistie ist deshalb zutiefst Aufblicken zu Christus, der in Person das Licht ist, das im Osten aufgeht und uns entgegenkommt – „ex oriente lux“ – und damit Annahme der Aufforderung des Hebräerbriefes: „Lasst uns auf Jesus blicken, den Urheber und Vollender des Glaubens“ (12, 2). Dass dieser Zuruf „Conversi ad Dominum“ dem Bischof zusteht, zeigt, dass seine Hauptverantwortung in der Orient-ierung, in der Ostung des kirchlichen Lebens besteht.

Erst von diesem Licht her werden auch die adventlichen Gestalten des Johannes des Täufers und der Maria überhaupt verständlich. Die drei zusammen bilden das christliche Triptychon des Advents und der kirchlichen Adventsgemeinschaft überhaupt. Auf der einen Seite dieses dreiteiligen Altars steht Johannes der Täufer, der mit seinem ganzen Leben auf Christus hinweist. Die andere Seite bringt uns Maria nahe, die Mutter des Herrn, die als Jungfrau Gottes Heil in die Welt gebracht hat. Diese beiden großen Typen des adventlichen Lebens als Christen und als Kirche zeigen aber auf die mittlere Tafel hin: auf Jesus Christus, der uns mit seinem Advent, seiner Parusie, seiner Anwesenheit in unserer Welt beschenkt. Wie wir zu ihm als der Mitte des adventlichen Triptychons kommen, dies zeigen uns Johannes und Maria. Sie weisen uns den Weg und sie machen uns sehend für das Wunder des Advents, für das Licht Gottes, das in Christus erschienen ist und das er selbst ist.

6. Prophetisch-marianische Erneuerung der Kirche

Dieses adventliche Triptychon in Leben zu übersetzen, darin liegt die besondere Herausforderung der heutigen Kirchenstunde. In diesem Hoffnungslicht könnte sich auch die gegenwärtige Krise der Kirche in unseren Breitengraden als Chance dafür erweisen, dass aus der Krisis von heute jene Erneuerung der Kirche hervorgehen wird, die Papst Benedikt XVI. bereits in den sechziger Jahren kurz nach dem Konzil prophezeit hat und die ich deshalb aufgreife, weil sie auch heute nichts an Aktualität eingebüsst hat. Der Papst war überzeugt, dass aus einer „verinnerlichten und vereinfachten Kirche“ eine große Kraft strömen wird: „Denn die Menschen einer ganz und gar geplanten Welt werden unsagbar einsam sein. Sie werden, wenn ihnen Gott ganz entschwunden ist, ihre volle, schreckliche Armut erfahren. Und sie werden dann die kleine Gemeinschaft der Glaubenden als etwas ganz Neues entdecken. Als eine Hoffnung, die sie angeht, als eine Antwort, nach der sie im Verborgenen immer gefragt haben. So scheint mir gewiss zu sein, dass für die Kirche sehr schwere Zeiten bevorstehen. Ihre eigentliche Krise hat noch kaum begonnen: Man muss mit erheblichen Erschütterungen rechnen. Aber ich bin auch ganz sicher, was am Ende bleiben wird: Nicht die Kirche des politischen Kultes, ..., sondern die Kirche des Glaubens. Sie wird wohl nie mehr in dem Masse die gesellschaftsbeherrschende Kraft sein, wie sie es bis vor kurzem war. Aber sie wird von neuem blühen und den Menschen als Heimat sichtbar werden, die ihnen Leben gibt und Hoffnung über den Tod hinaus“ [30].

Diese erhoffte Erneuerung der Kirche von innen her, die den hierzulande arg gesunkenen Grundwasserspiegel des Glaubens zu heben vermag, geht still vor sich – wie bereits in der Geschichte der Kirche die stillen Reformer die Heiligen gewesen sind. Aber sie muss im Mittelpunkt aller Bemühungen um die Kirche heute stehen. Angesichts des heute in aller Öffentlichkeit ausgefochtenen Streits zwischen einer „Kirche von unten“ und „einer Kirche von oben“ wird nur der leidenschaftlich-gelassene Einsatz für eine „Kirche von innen“ in die Zukunft führen, weil die Kirche nur „von innen“ wahrhaft erneuert werden kann, und zwar unten wie oben.

Von daher versteht es sich auch von selbst, dass wir diese Erneuerung nicht einfach machen können, sowenig wie Maria das Wunder der Menschwerdung des Sohnes Gottes hätte machen können. Und wie am Anfang die Kirche in dem Augenblick geboren worden ist, als in der Seele Mariens ihr Fiat erwacht ist, so muss auch die Kirche in den Seelen der Menschen heute durch ihr „Fiat“ neu geboren werden. Wie aber Maria bei diesem Wunder der Geburt des Gottessohnes und seiner Kirche mitgewirkt hat und Gott diese freie Mitwirkung gewollt hat, so ist auch die Mitwirkung von uns allen bei der notwendigen Erneuerung der Kirche gefragt, die nur in der Revitalisierung der – in den vergangenen Jahren leider etwas vergessenen – prophetisch-marianischen Dimension der Kirche verwirklicht werden kann.

In diesem Licht leuchtet die Grundsendung des apostolischen Amtes auf, dafür besorgt zu sein, dass das Prophetisch-Marianische in der Kirche lebendig bleibt. Die Prophetin Maria steht dabei dafür, dass das Prophetische und das Marianische in der Kirche geradezu identisch sind und dass deshalb die Kirche desto prophetischer werden wird, desto marianischer sie ist, und zwar im ursprünglichen Sinn des Wortes, dass sie „Aug in Aug“ mit Gott lebt, mit ihm verkehrt wie Freund zu Freund, ihn in der Welt groß macht und für seine Wahrheit eintritt.

Diese prophetisch-marianische Dimension der Kirche wieder zu entdecken und damit die Kirche von innen her zu erneuern, zieht sich wie ein roter Faden durch das Glaubensleben und hirtliche Wirken von Bischof Egon Kapellari, für das wir ihm anlässlich seines 25-jährigen Bischofsjubiläums unsere Dankbarkeit aussprechen wollen. Da er immer wieder auf die Gestalten des Johannes des Täufers und von Maria hinweist, um die Kirche als Adventsgemeinschaft im Lichte der paulinischen Wegweisung „Omnia vostra, vos autem Christi“ sichtbar in Erscheinung treten zu lassen, und zwar im ganzen Kirchenjahr und nicht nur in der Adventszeit, ist es zudem gewiss angebracht, von der liturgischen Regel, keine Geburtstage zu feiern, eine weitere kleine Ausnahme zu machen und auch seinen 70. Geburtstag im Licht der einen großen Ausnahme der Geburt Jesu Christi und der damit unlösbar verbundenen kleinen Ausnahmen der Geburt des Johannes des Täufers und von Maria zu feiern. Mit dieser Besinnung auf das adventliche Triptychon, mit dem der christliche Glaube steht oder fällt, und auf seine Bedeutung für die Kirche und für das Bischofsamt im Speziellen darf ich im Namen aller hier Anwesenden Bischof Egon Kapellari alles Gute und den begleitenden Segen Gottes wünschen.

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[1] E. Kapellari, Und dann der Tod… Sterbe-Bilder (Graz-Wien 2005).
[2] E. Kapellari, Worauf warten wir? Adventsgedanken (Freiburg i. Br. 1993), 5.
[3] Vgl. Ch. Dohmen, Warum feiern wir Weihnachten? Die biblischen Wurzeln des Festes (Stuttgart 2006), 6-7.
[4] H. U. von Balthasar, Wer ist die Kirche?, in: Ders., Sponsa Verbi. Skizzen zur Theologie II (Einsiedeln 1961), 148-202, zit. 181.
[5] J. Ratzinger, Dogma und Verkündigung (München 1973), 374.
[6] Lumen gentium, Nr. 25.
[7] Vgl. K. Koch, Der Bischof als erster Verkünder, Liturge und Leiter der Ortskirche, in: Ders., Fenster sein für Gott. Unzeitgemässe Gedanken zum Dienst in der Kirche (Freiburg / Schweiz 2002), 76-91.
[8] Augustinus, Sermo 393, 1-3 = PL 38, 1327f.
[9] Presbyterorum ordinis, Nr. 4.
[10] Das Problem der christlichen Prophetie. Niels Christian Hvidt im Gespräch mit Joseph Kardinal Ratzinger, in: Communio. Internationale katholische Zeitschrift 28 (1999), 177-188, zit. 178.
[11] Theodotos von Ankyra, Homilie 4 in Deiparum et Simeonem c 2 = PG 77, 1392 CD.
[12] Vgl. A. Grillmeier, Maria Prophetin, in: Ders., Mit ihm und in ihm. Christologische Forschungen und Perspektiven (Freiburg i. Br. 1975), 198-216.
[13] Bernhard von Clairvaux, In laudibus Virginis Matris = Hom IV. 8.
[14] Vgl. U. Wickert, Maria und die Kirche, in: Theologie und Glaube 68 (1978) 384-407, bes. 402.
[15] J. Damascenus, De fide orthodoxa III, 12 = PG 94, 1029 C.
[16] E. Kapellari, Begegnungen unterwegs. Eine Nachlese (Graz-Wien 2003), 517.
[17] B. Forte, Das Wesen des Christentums (Freiburg / Schweiz 2006), 107.
[18] A. Luciani, Ihr ergebener (München 1978), 126.
[29] H. U. von Balthasar, Die marianische Prägung der Kirche, in: J. Cardinal Ratzinger / H. U. von Balthasar, Maria. Kirche im Ursprung (Einsiedeln 1997), 112-130, zit. 126.
[20] Vgl. K. Koch, Kirche als bräutliche Ikone der Trinität. Unverwelkte Perspektiven der Ekklesiologie Hans Urs von Balthasars, in: Hans Urs von Balthasar-Stiftung (Hrsg.), „Wer ist die Kirche?“ Symposion zum 10. Todesjahr von Hans Urs von Balthasar (Einsiedeln 1999), 9-31.
[21] J. Kardinal Ratzinger, Die Ekklesiologie des Zweiten Vatikanischen Konzils, in: Ders., Kirche, Ökumene und Politik. Neue Versuche zur Ekklesiologie (Einsiedeln 1987), 13-27, zit. 27.
[22] J. Cardinal Ratzinger / H. U. von Balthasar, Maria. Kirche im Ursprung (Einsiedeln 1997), 57.
[23] H. U. von Balthasar, Wer ist die Kirche?, in: Ders., Sponsa Verbi. Skizzen zur Theologie II (Einsiedeln 1961), 148-202, zit. 169.
[24] J. Cardinal Ratzinger, Eucharistie und Mission, in: Ders., Weggemeinschaft des Glaubens. Kirche als Communio (Augsburg 2002), 79-106, zit. 105.
[25] H. Gese, Natus ex virgine, in: Ders., Vom Sinai zum Zion. Alttestamentliche Beiträge zur biblischen Theologie (München 1984), 130-146.
[26] Th. Söding, Apokryphe Weihnachten? Ochs und Esel, Stall und Krippe, Jungfrau und Kind, in: Pastoralblatt für die Diözesen Aachen, Berlin, Essen, Hildesheim, Köln, Osnabrück (12 / 2005), 355-361, zit. 357.
[27] Vgl. H. Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter (Salzburg 1964), bes. 91-173.
[28] G. Fuchs, Neue Gnosis – alte Kirche. Eiserne Ration für den geistlichen Aufbruch, in: A. Biesinger / P. Braun (Hrsg.), Jugend verändert Kirche. Wege aus der Resignation (München 1989), 45-79, zit. 60.
[39] Vgl. K. Gamber, Zum Herrn hin! Fragen um das Gebet nach Osten (Düsseldorf 2003); U. M. Lang, Conversi ad Dominum. Zu Geschichte und Theologie der Gebetsrichtung (Einsiedeln 2003); J. Kardinal Ratzinger, Der Geist der Liturgie. Eine Einführung (Freiburg i. Br. 2000), bes. 65-73: Der Altar und die Gebetsrichtung in der Liturgie.
[30] J. Ratzinger, Glaube und Zukunft (München 1970), 124-125.

[Von Bischof Koch zur Verfügung gestelltes Original]