Afrika: Diabetes tötet

Blausäure in Maniok-Knollen

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Von Markus Frädrich

ROM, 15. November 2011 (ZENIT.org). - Der Welt-Diabetes-Tag ist neben dem Welt-Aids-Tag der zweite offizielle Tag der UN, der einer Krankheit gewidmet ist. Der Steyler Kongo-Missionar Willy Triebel begegnet der Krankheit seit vielen Jahren in seiner Pfarrei in Kenge. So gut es geht versucht er, Betroffene mit Insulin zu versorgen.

„Diabetes tötet: Eine Person alle acht Sekunden, vier Millionen Menschen pro Jahr.“ Die weltweite Kampagne zum Welt-Diabetes-Tag 2011 begegnet einer drastischen Krankheit mit drastischen Worten.

Nach Angaben der Food und Agriculture Organization (FAO) litten im vergangenen Jahr weltweit 925 Millionen Menschen an Hunger. Dem stehen 347 Millionen Menschen gegenüber, die an Diabetes erkrankt waren, die meisten davon an Typ2-Diabetes. Aber der Trend ist gegenläufig: Während der Anteil der Hungernden an der Gesamtweltbevölkerung seit den 1970er Jahren zurückgegangen ist, nimmt die Zahl der Diabetiker zu. Afrika ist dabei eine Diabetes-Krisenregion. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO sollen 2030 18,2 Millionen Zuckerkranke auf dem afrikanischen Kontinent leben. Die Demokratische Republik Kongo nimmt unter den afrikanischen Ländern mit einer Insulin-Versorgungsquote von unter 25 Prozent den letzten Platz ein.

„Wer Diabetes als Zivilisationskrankheit bezeichnet, kennt die Verhältnisse in Afrika nicht“, sagt Pater Willy Triebel, der seit mehreren Jahrzehnten als Missionar im kongolesischen Kenge lebt und arbeitet. „Auch unter den Ärmsten der Armen ist diese Erkrankung verbreitet.“ Das habe vor allem mit dem Ernährungsverhalten der Menschen zu tun, erklärt der Steyler Missionar. Genauer gesagt: Mit der Maniok-Knolle.

Maniok und Yams zählen nach Reis, Mais und Kartoffeln zu den weltweit wichtigsten Grundnahrungsmitteln. In Zentralafrika werden jährlich 24 Millionen Tonnen Maniok produziert. Auch im Kongo ist der Maniok das traditionelle Hauptnahrungsmittel.

Je nach Sorte enthalten die Maniok-Knollen mehr oder weniger cyanogene Glykoside, bei deren Zerfall Blausäure entsteht. Ungefährlich sind die Knollen, wenn sie sachgerecht verarbeitet, das heißt in Wasser zur Vergärung eingelegt und erst nach dem Prozess der Fermentierung zu lokalen Gerichten verarbeitet werden. Diese sind sogar nahrhaft und gesund.

Zu Problemen kommt es, wenn sich nicht an dieses Verfahren gehalten wird. Rohe Maniok-Arten bestehen praktisch aus reiner Stärke, sind hochgiftig. Durch das Bevölkerungswachstum und die Verstädterung im Kongo sind die Maniokhändler dazu übergegangen, sich für die notwendige Maniok-Verarbeitung nur noch einen statt der notwendigen vier Tage Zeit zu nehmen. Die Menschen nehmen eine viel zu hohe Dosis der giftigen Blausäure zu sich. Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass eine zu hohe Menge von Blausäure in der Nahrung zu Diabetes führt.

„Die wenigsten Menschen können das nötige Geld für eine Behandlung aufbringen“, berichtet Pater Triebel, der in der Krankenstation seiner Pfarrei „du Saint Esprit“ einen speziellen Dienst für Diabetiker eingerichtet hat. Etwa 400 Patienten schauen regelmäßig vorbei, holen sich zwei Mal im Monat ihr Insulin ab. „Eine Ordensschwester in Kinshasa importiert aus Belgien die notwendige Medizin“, erklärt Pater Triebel. „Von dort beziehe ich meine Ampullen und verkaufe sie an die Kranken weiter. Die Patienten bezahlen bei uns rund 10 Prozent des Handelspreises, weil ihre schwierige wirtschaftliche Situation es nicht zulässt, den Vollpreis zu zahlen.“ Eine Insulinampulle aus dem „normalen“ Handel würde mehr als die Hälfte eines Monatseinkommens der Patienten verschlingen.

Nebenbei betreiben Triebel und seine Helfer Aufklärungsarbeit, versuchen, die Bevölkerung für die richtige Aufbereitung des Manioks und frühe Warnzeichen der Diabetes-Krankheit zu sensibilisieren. Gleichzeitig gibt die Krankenstation Maismehl aus, um den Diabetes-Patienten ein alternatives Nahrungsmittel anzubieten.

„Ein Kind in Mosambique mit Diabetes lebt noch zwei Jahre nach der Diagnose“, brachte es der Chef der International Diabetes Federation (IDF) bereits vor einigen Jahren auf den Punkt – und schockierte anschließend mit der folgenden Anekdote. „Letztens kam ein Vater, dessen Tochter Diabetikerin ist, in meine Praxis und erzählte glücklich: ‚Meine Tochter ist tot!‘ Ich fragte ihn, warum er sich darüber so freue, und er sagte: ‚Weil ich nun kein Insulin mehr kaufen muss und meinen sechs anderen Kindern die Schule bezahlen kann‘.“ Auch im Kongo gilt Diabetes inzwischen als eine genauso tödliche Krankheit wie Aids oder Tuberkulose – weil sie schlichtweg „unbezahlbar“ ist.

„Diabetes ist eine Krankheit für Reiche“, sagt Pater Willy Triebel. „Ohne Behandlung haben die Zuckerkranken keine Überlebenschance. Die Diagnose von Diabetes kommt einem Todesurteil gleich. Indem wir sie so gut es geht mit Insulin versorgen, versuchen wir, den Menschen die Krankheit so erträglich wie möglich zu machen. Und jenen Hoffnung zu schenken, die sich sonst keine Behandlung leisten können.“