Afrika: ein Kontinent reich an Werten, auf die man sich beziehen kann

Schwester Enza Guccione erzählt von ihrer zwanzigjährigen missionarischen Erfahrung in Nigeria

Rom, (ZENIT.org) Luca Marcolivio | 179 klicks

Schwester Enza Guccione ist eine der elf Frauen, die am kommenden 8. März während des Kongresses „Voices of Faith“ von ihren Erfahrungen berichten wird. Seit 1996 als Missionarin in Nigeria tätig, ist sie derzeit in einem Apostolat beschäftigt, das im Dienst der Bevölkerung der problematischen Flussgegend des Niger steht. 2009 gründete Schwester Enza mit Hilfe des Bischofs von Onitsha die gemeinnützige Organisation „Emmanuel Family“. Zurzeit lebt sie auf der Insel Igbedor im Niger, wo sie, von zwei ehrenamtlichen Helfern unterstützt, Entwicklungsprojekte betreibt: Evangelisierung und Erziehung von ungefähr 8000 Menschen, darunter 5000 Kinder.

In einem Gespräch mit ZENIT berichtet Schwester Enza Guccione von ihren Erfahrungen als Missionarin.

Schwester Enza, Sie nehmen am 8. März an „Voices of Faith“ teil: Welches Zeugnis bringen Sie mit?

Ich denke, mein Zeugnis wird auf den Erfahrungen eines gelebten Lebens aufbauen. Einfache Erfahrungen, voller gelebter Humanität und gelebtem Ordensleben, nach meinen Möglichkeiten, als „Instrument Gottes“, zur Verfügung Gottes stehend, damit die Liebe Gottes sichtbar wird, der fortfährt, den Schrei seines Volkes zu hören und herabkommt, um es zu retten.

Würden Sie uns die Geschichte ihrer Berufung erzählen?

Meine Berufung begann als ich 13 Jahre alt war, als ich zum ersten Mal die Gegenwart Gottes spürte, und festigte sich mit 20 Jahren, als ich zu den „Töchtern des heiligen Joseph“ kam, fasziniert vom eucharistischen Charisma. Ich habe keine besondere Geschichte: Ich bin in einer normalen Familie aufgewachsen und habe ein ganz normales Leben verbracht, allerdings mit einer besonderen Anziehung für Naturschönheiten, besonders für das Meer, das mir das Gefühl der Unendlichkeit von Gott gibt, die alles umfängt. Die Momente des Nachdenkens und der Urteilskraft für wichtige Momente habe ich durch die Betrachtung des Meeres bekommen.

Wann begann Ihre Missionstätigkeit in Nigeria?

Ich wurde 1996 von meiner Kongregation nach Nigeria entsandt, um mich um die Erziehung der jungen Nigerianerinnen zu kümmern, die einen Weg zur religiösen Weihe anstrebten. 2003 bekam ich durch Zufall die Einladung, ein Flussdorf zu besuchen. Auf dem Hinweg empfand ich nur eine große Begeisterung dafür, den Fluss überqueren zu müssen, denn ich wusste nicht, was ich auf der anderen Seite vorfinden würde. Auf dem Rückweg berührte mich das zutiefst. 2005, als ich an der ersten Synode der Diözese in Onitsha teilnahm, berührte mich der Appell des Erzbischofs zutiefst, der besonders an die Gläubigen gerichtet war und sich auf die Flussgegenden bezog, weit weg von der mütterlichen Pflege der Kirche, Gegenden, in denen die Verkündung des Wortes noch nicht begonnen hatte. Ich spürte in mir eine starke Notwendigkeit und den Wunsch, etwas Konkretes für diese Menschen zu tun, die ein Teil des Volkes Gottes sind, die Pflege und Aufmerksamkeit brauchten und die vor allem gehört werden mussten.

Das Afrika, das ihr Missionare erlebt, ist vollkommen anders als das Afrika der Postkarten und Safaris, das sich viele Europäer vorstellen…

Ja, das Afrika, das ich kennengelernt habe, hat nichts mit der romantischen und filmischen Version von Safaris oder Postkarten zu tun. Es ist nicht das der Postkarten, sondern eine komplexe Realität, die es zu verstehen gilt, die man akzeptieren, schätzen und respektieren muss; reich an Werten, auf die man sich beziehen kann und voller Leiden, die die Postkarten und Filme nicht vermitteln.

Die Missionen in Entwicklungsländern erfordern große Kraft, Mut und Entbehrung. Gab es nie einen Moment der Trostlosigkeit und Entmutigung? Hat Ihre Motivation nie Einbrüche gehabt?

Es gibt Momente, in denen ich mich weniger entmutigt, als vielmehr machtlos gefühlt habe, besonders wenn ich in schwerwiegenden Situationen nicht die ausreichenden Mittel hatte, um den Tod von Kindern oder Frauen zu verhindern, besonders in Schwangerschaften. Es ist schrecklich, sich der unendlich großen Bedürfnisse bewusst zu sein und nichts als wenige Mittel zu haben, um dagegen anzugehen. Unzureichende Mittel für jegliche Form der Aktion. Dann werden die Überzeugung und die Motivation stärker. Denn die Alternative ist für diese Menschen das Nichts.

Heute ist die Mission der Mitarbeit der Laien gegenüber offener; wie viele Laien gibt es in ihrer Mission? Würden Sie Laien – junge Menschen ohne religiöse Berufung – ermutigen, ein Apostolat wie das Ihre auszuüben?

Es  gibt einige Laien, die mit uns in unserem Dorf zusammenarbeiten, einige von ihnen kommen aus umliegenden Ortschaften. Aber es gibt auch italienische Laien, die kommen möchten, um ihren Dienst anzubieten und die eine Erfahrung für ihr Leben machen möchten. Leider sind wir noch nicht in der Lage, die vielen Jugendlichen und den weniger Jungen Unterkünfte anzubieten, da wir kein Gästehaus haben. Wir selbst sind zu zwölft und leben in einem Haus mit vier Zimmern… Mit all den Unannehmlichkeiten, die ich ihrer Vorstellungskraft überlasse.

Wer in afrikanischen oder lateinamerikanischen Ländern missionarisch tätig war, kommt oft zurück und sagt: „Ich habe mehr bekommen, als ich gegeben habe“. Ging es Ihnen auch so?

Jede Gelegenheit, die uns ermöglicht, uns selbst zu schenken, ist immer eine Erfahrung, die uns zutiefst befriedigt. Zu geben stillt den Durst des menschlichen Herzens. Und das geschieht nicht nur, wenn man nach Afrika oder Lateinamerika geht. Das ist meiner Ansicht nach der Grund, warum man mit Freude im Herzen und der Sicherheit zurückkehrt, dass man mehr bekommen hat, als man gegeben hat. Ich glaube, in Afrika und Lateinamerika gibt es noch menschliche Werte, die sich in Europa verloren haben: Gastfreundschaft, die Heiligkeit des Menschen, die Zugehörigkeit zur Familie, der Sinn für das Allgemeinwohl, die Spontanität und die Fähigkeit zusammen zu sein und sich über kleine Dinge freuen zu können.