Ägypten: Bei Kundgebung vom 13. Mai Palästinafrage im Mittelpunkt

„Sie war wichtig, doch sie wird den Extremismus nicht verhindern“, so ein in Kairo tätiger Missionar

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KAIRO, Freitag, 20. Mai 2011 (ZENIT.org/ Fidesdienst). – „Im Mittelpunkt stand eigentlich die Palästinafrage, obschon auch zur nationalen Einheit aufgerufen wurde“, so der seit vielen Jahren in Kairo tätige Comboni Missionar, P. Luciano Verdoscia, zum Fidesdienst in einem Kommentar zur Kundgebung am 13. Mai, bei dem sich tausende Menschen auf dem Tahrir-Platz versammelt hatten, zur Einheit zwischen Muslimen und Christen aufriefen und an die Palästinafrage erinnerten.

 „In Ägypten verfolgt man, wie im gesamten Nahen Osten, die Entwicklung in Palästina sehr aufmerksam. Die Palästinafrage gehört zu den großen Problemen der Region, die gelöst werden müssen“, so P. Luciano.

Die jüngsten Ausschreitungen zwischen Muslimen und koptischen Christen führten dazu, dass auch Politiker, darunter Mohammed El Barradei, und verschiedene Intellektuelle des Landes die Kundgebung unterstützten.

 „Es gab jedoch keine Anzeichen dafür, dass es nach der Kundgebung keine weiteren extremistischen Aktionen geben wird“, so der Missionar. „Ich habe mit verschiedenen Muslimen gesprochen, die gegen Fundamentalismus sind. Sie lehnen auch die Bezeichnung ‚Salafiten’ ab, was eigentlich bedeutet, ‚der Überlieferung gemäß’. ‚Auch wir handeln der Überlieferung gemäß’, so die Kritiker. Die so genannten Salafiten stehen jedoch vielmehr in Verbindung zu Vertretern des islamischen Fundamentalismus, der aus einer Reformbewegung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist“, so P. Luciano.

Nach Ansicht des Missionars gibt es jedoch auch Anzeichen dafür, dass zwischen den verschiedenen Komponenten der ägyptischen Gesellschaft ein Gleichgewicht entstehe: „Die provisorische Regierung scheint sich auch mit dem Gesetz über den Bau von Kirchen befassen zu wollen, denn es gibt bisher noch eine offensichtliche Diskriminierung der Christen gegenüber den Muslimen beim Bau von Kirchen und Moscheen. Außerdem wird man sich mit der Frage der Gewissensfreiheit im Zusammenhang mit der Sharia befassen müssen“.

 „Im Islam gibt es immer verschiedene Möglichkeiten der Auslegung der Schrift“, so P. Luciano abschließend, „Gewiss ist, dass der Fundamentalismus ein klares Ziel verfolgt: man möchte den Verlauf der Geschichte wieder in die Hand nehmen“.