Ägypten blickt auf eine bessere Zukunft

Interview mit dem koptisch-katholischen Patriarchen von Alexandria

| 845 klicks

Von Mary Assameen

KAIRO, 14. Februar 2011 (ZENIT.org).- Die Menschen in Ägypten und besonders die Christen des Landes blicken einer besseren Zukunft entgegen, davon ist der koptisch-katholische Patriarch von Alexandria überzeugt. Kardinal Antonios Naguib sprach mit ZENIT über die aktuelle Situation in Ägypten, nach 18 Tagen des Aufruhrs, bei dem rund 300 Menschen ums Leben kamen und die Wirtschaft zum Stillstand kam. Präsident Hosni Mubarak, der das Land 30 Jahre lang regiert hatte, trat am Freitag am frühen Abend zurück.

ZENIT: Was ist die Position der katholischen Kirche angesichts der aktuellen Entwicklung in Ägypten?

--Kardinal Naguib: Zweifellos, ebenso wie die anderen Institutionen und Organisationen in unserer geliebten Nation, aus denen sich eben diese Nation zusammensetzt, verurteilt die katholische Kirche in Ägypten die Gewalt und den Vandalismus und alles, was unsere Landsleute am anständigen und normalen Leben hindert.

Gleichzeitig ermutigt die Kirche zu einem Klima des nationalen Gemeinschaftssinns und des konstruktiven Dialogs, das ein Gefühl der wahrer Zugehörigkeit zu unserer Nation steigert. Wir sollten den Geist der aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben fördern, besonders durch die Pflicht zur Wahl und zu anderen nationalen Aufgaben.

Mit Blick auf die aktuelle Situation ermutigen wir zur Beteiligung der Bürger am Dienst der Bürgerwehren, um die Familien, des Privateigentum sowie die private und öffentliche Institutionen zu schützen, die Eigentum der Nation sind. Wir sind uns bewusst, dass die nationale Position Beziehungen der Zusammenarbeit und Freundlichkeit unter allen Bürgern bilden kann. Und wir hoffen, dass die Übergangsregierung Lösungen erreichen wird, um die Stabilität und Sicherheit wieder herzustellen.

ZENIT: Haben sich auch ägyptische Katholiken an den Protesten beteiligt?

--Kardinal Naguib: Ja, sind sie seit Beginn der Revolte am 25. Januar bis jetzt dabei. Sie nehmen als ägyptische Staatsbürger, die das Wohl des Landes anstreben, teil. Es ist wichtig, dass sie nicht in einer Weise agieren oder sich äußern, die Gewalt oder Vandalismus nach sich zieht. Sie müssen auch wissen, dass sie verpflichtet sind, jegliche Aktion oder Initiative, die nicht auf Wohl des Landes abzielt, zu stoppen.

Wir haben unsere Kirchen über die klare Haltung der katholischen Kirche hinsichtlich der politischen Aktionen informiert. Es ist in der Tat so, dass die Kirche Geistlichen politische Aktionen verbietet, wenn sie nicht mit dem Schutz der Kirche oder der Förderung des Gemeinwohls in Verbindung stehen. Aber die [die Kirche] erlaubt es den anderen Gläubigen, dieses Recht auszuüben. Dementsprechend sollen sie sich an den sozialen und politischen Aktivitäten beteiligen, ihre Meinung äußern und bei den Wahlen abstimmen. Dies gibt ihnen das Recht und erlaubt ihnen, ihre Ideen und ihre Forderungen auf legitime und friedliche Art und Weise auszudrücken, ohne jegliche Gewalt. Jeder sollte frei vor Gott über das entscheiden, was diesen Grundsätzen entspricht.

ZENIT: Haben Sie den Präsidenten getroffen oder mit ihm gesprochen? Wenn ja, hat er etwas über Absichten, das Land zu verlassen, verraten?

--Kardinal Naguib: Ich rief das Büro des Präsidenten, und ich teilte dort mit, dass die katholische Kirche an dem Gebet beteiligt sei, damit wir diese Phase in Sicherheit durchstehen. Wir teilten auch unsere Unterstützung für die Entscheidung des Präsidenten, nach dem Ende seiner Amtszeit im kommenden September nicht mehr als Kandidat für die Präsidentschaft zur Verfügung zu stehen, die Regierung aufzulösen und die neue Übergangsregierung zu bitten, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Verfassung zu ändern und die kommenden Präsidentschaftswahlen vorzubereiten. Ich hatte jedoch kein persönliches Gespräch mit dem Präsidenten.

ZENIT: Während des Freitagsgebets in Teheran hatte Ayatollah Khamenei [eine Woche zuvor, Anm. d. Übersetzerin] Ägypten aufgefordert, in die Fußstapfen der Islamischen Revolution von 1979 zu treten. Sehen Sie diese Gefahr? Und wenn dies passiert, was wäre dann die Position der Kirche?

--Kardinal Naguib: Es ist natürlich gefährlich. Laut einer Erklärung der "Muslimbrüder", die um Mitternacht des 4. Februar veröffentlicht wurde und am Samstag [vor einer Woche] in den Zeitungen stand, habe die Gruppe noch keine Pläne. Ihr Ziel sei es, den Menschen zu dienen, und das sei das, was sie seit 80 Jahren tun. Sie brächten Opfer für die Stabilität der Menschen und bemühten sich darum,dass Bürger aller Konfessionen ihre Rechte bekämen - als eine legitime religiöse Pflicht und eine nationale Verpflichtung. Sie strebten nicht nach der Präsidentschaft oder einem anderen Amt oder Posten. Sie hoffen auf eine fortschrittliche, volksnahe und friedliche Reform. Wir hoffen, dass dies ihre wahre Haltung und Ausrichtung widerspiegelt. In diesem Fall wäre es normal, dass sie eine Parteigründung nach allgemeinen Rechtsgrundsätzen ins Auge fassen und durch ihre Vertreter im Parlament und im Shura-Rat teilhaben.

ZENIT: Haben Sie sich mit den muslimischen Führern getroffen, um in der Zeit der Instabilität mit einer Stimme im Land zu sprechen?

--Kardinal Naguib: Nein, das nicht der Fall.

ZENIT: Die Wirtschaft Ägyptens wächst pro Jahr um sieben Prozent, aber die Bevölkerung profitiert davon nicht. Glauben Sie nicht, das ist ein guter Grund für die Kirche ist, auf der Seite der verzweifelten jungen Menschen, die protestieren, zu sein?

--Kardinal Naguib: Wie überall, und besonders in unserem Land, dient die Kirche besonders den Ärmsten und Schutzlosesten und kümmert sich um sie. Die Jugend und die anderen Bürger, die sich an der Revolte beteiligt haben, sind nicht arm und verzweifelt. Menschen aus allen Schichten, von Hochschullehrern bis zu einfachen Menschen, nehmen daran teil. Wir hoffen, dass den grundlegenden Anforderungen der Jugend und der Mehrheit der Intellektuellen und Politiker von einem bürgerlichen Staat begegnet wird, der sich auf Bürgerrecht, Gerechtigkeit, Gleichheit und Demokratie stützt; durch die Verfassungs-, Gesetzgebungs-, Verwaltungs- und Sozialreformen, die dieses Ziel praktisch erreichen. Dies ist, was Schutz und Sicherheit für alle garantiert sowie soziale Gerechtigkeit und die Verteilung von öffentlichen Gütern an die Bedürftigen ermöglicht .

ZENIT: Wie sehen Sie die Zukunft Ägyptens, genauer gesagt, die Zukunft der katholischen Kirche in Ägypten?

--Kardinal Naguib: Wir streben nach einer besseren Zukunft für Ägypten, und für alle Ägypter. Die Situation der Christen und Katholiken hängt von der allgemeinen Situation in Ägypten ab. Es kommt dabei auch auf den Kurs des Systems und seines Präsidenten in der nächsten Zeit an.

[Übersetzung aus dem Englischen von Michaela Koller]