Ägypten: Christen fühlen sich ausgeschlossen

Interview mit P. Dr. Andrzej Halemba, Leiter der Nahost-Abteilung von Kirche in Not

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ROM, 10. Juli 2012 (ZENIT.org/KIN). - Nach den Präsidentschaftswahlen ist in Ägypten neue Hoffnung für die Zukunft aufgekommen. Aber der gesamte Nahe Osten bleibt ein Krisenherd, was auch viele Christen zu spüren bekommen. Volker Niggewöhner sprach darüber mit Pater Dr. Andrzej Halemba. Er leitet die Nahost-Abteilung des katholischen Hilfswerkes „Kirche in Not".

KIN: Seit das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen in Ägypten bekannt gegeben wurde, ist es dort ruhig. Auch für die Christen?

P. Halemba: Wie alle Ägypter wollen auch die Christen Veränderungen. Sie sind mutig genug, das auch zu sagen. Viele sind noch voller Hoffnung, dass sich ihre Lebenssituation verbessern wird und es zu einer demokratischen Wende kommt. Wir sollten ihnen helfen, damit diese Hoffnungen wahr werden – etwa, indem wir für sie beten, anderen von ihnen erzählen und ihnen eine Stimme geben. Die Christen in Ägypten sollen wissen: Sie sind nicht allein!

KIN: Warum ist der Blick auf die Christen dort gerade jetzt so wichtig?

P. Halemba: Für sie war es bereits zur Zeit Mubaraks schwierig, eine Kirche oder einen Konvent zu bauen. Damals war dafür immer die persönliche Unterschrift des Präsidenten nötig. Nach dem Sturz Mubaraks hofften viele, das Leben der Christen könnte um vieles einfacher werden.

KIN: Und diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt?

P. Halemba: An einigen Orten lösen Christen und Moslems soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten inzwischen gemeinsam. Insgesamt gesehen ist es für die Christen seit der Revolution im vergangenen Jahr aber durch das entstandene Machtvakuum noch schwieriger geworden. Man sollte auch nicht vergessen, unter welchen Bedingungen ägyptische Christen seit Jahrzehnten leben müssen: Sie sind stets einer islamischen Propaganda ausgesetzt, aggressiven Gebeten und Predigten, die fünfmal am Tag über riesige Lautsprecher verbreitet werden. Die Christen fühlen sich ausgeschlossen und am Rande stehend. Die Arbeitslosenquote ist in Ägypten hoch, unter den Christen ist sie aber noch höher, weil sie bei der Arbeitssuche diskriminiert werden. Christliche Mädchen werden gedrängt, Kopftücher zu tragen. Tun sie das nicht, werden sie beleidigt.

KIN: Wegen dieser Diskriminierung sind viele Christen ausgewandert …

P. Halemba: Ja, und das gilt für die gesamte Region: In den letzten dreißig Jahren haben fünfzig Prozent der Christen den Nahen Osten verlassen. Und das bedeutet: Sie haben ihre Heimat endgültig verlassen und werden auch nicht wieder zurückkehren. Exakte Zahlen zu nennen, ist aber schwierig. Noch dürften im Nahen Osten rund 16 Millionen Christen leben – davon in Ägypten zwischen acht und zehn Millionen. Die Kopten selbst sprechen von zwölf Millionen Christen, die Regierung in Kairo geht von lediglich sechs Millionen aus.

KIN: Welche Rolle spielt hier der Westen?

P. Halemba: Die westlichen Regierungen sind nicht wirklich am Schicksal der Christen im Nahen Osten interessiert. Sie verfolgen ausschließlich ihre eigenen politischen Ziele. Es scheint sogar, als stellten die Christen für sie ein Problem dar. Manchmal höre ich, dass unter Politikern die Meinung vorherrscht, die Christen sollten den Nahen Osten ganz den Muslimen überlassen.

KIN: Wenn Christen auf keine Unterstützung aus der Politik setzen können: Welche Zukunft haben sie im Nahen Osten?

P. Halemba:Die Christen leiden dort, weil sie in islamischen Staaten zwischen die Fronten geraten. Häufig heißt es, Christen seien für Islamisten die Hauptgegner. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Der Islam selbst ist zersplittert, verschiedene Gruppen bekämpfen sich: Schiiten gegen Sunniten, Sunniten gegen Schiiten. Es gibt eine wachsende Zahl an Muslimen, die ideologisch in die Zeit Mohammeds zurückkehren will, also ins siebte Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Diese Islamisten bekämpfen ihre Glaubensbrüder, weil sie ihrer Meinung nach keine richtigen Muslime sind. Ein afrikanisches Sprichwort beschreibt die Situation der Christen sehr treffend: „Wo zwei Elefanten kämpfen, leidet das Gras". Aber wir sollten nicht vergessen, dass Christen seit Jahrhunderten schwierige Zeiten erleben. Unsere Kirche ist dort durch das Blut der Märtyrer stark geworden. Deshalb bin ich überzeugt: Die Christen werden der Verfolgung nicht nur widerstehen, sie werden auch gestärkt aus ihr hervorgehen.

KIN: Welche Länder bereiten Ihnen aktuell neben Ägypten Sorge?

P. Halemba: Jeder hält momentan wegen Syrien den Atem an. Das ist ein gefährlicher Brandherd, der sich auf andere Länder auswirken könnte. Insbesondere auf den Libanon, wo die Christen relativ gute Lebensbedingungen haben. Es gibt dort einen politischen und wirtschaftlichen Fortschritt. Die Religionen haben  untereinander gute Beziehungen. Christen werden geschätzt und respektiert, auch wenn sie in der Minderheit sind. Aber falls die Lage in Syrien weiter eskaliert, sind die Christen im Libanon unmittelbar betroffen.

KIN: Wie beurteilen Sie die Lage auf der Arabischen Halbinsel?

P. Halemba: Dort gibt es inzwischen rund 2,5 Millionen Christen, die zum Beispiel aus Indien, den Philippinen oder Sri Lanka als Arbeitskräfte in die Region gekommen sind. Wenn wir über die Christen in der Region sprechen, dann dürfen wir ihr Schicksal auf der Arabischen Halbinsel nicht vergessen. Ihre Leiden sind unglaublich. Sie dürfen ihren Glauben nicht praktizieren. Ihnen werden die elementaren Grundrechte vorenthalten. Die Liste ihrer Klagen ist lang: Sie werden nicht bezahlt; sie werden für Verbrechen bestraft, die sie nicht begangen haben; sie werden ohne Grund ausgewiesen.