Ägypten droht der Bürgerkrieg

Koptische Minderheit im Visir der Islamisten: Ermordung eines orthodoxen Priesters

Rom, (ZENIT.org) Tanja Schultz | 478 klicks

Die Parteinahme für die Gegner des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi kommt die christliche Minderheit in Ägypten teuer zu stehen. Vergangenen Samstag wurde Pater Mina Abud Sharobim vor seiner Kirche von einer lokalen islamistischen Gruppe ermordet. 

Diese erste religiös motivierte Gewalttat seit dem Sturz von Mursi ereignete sich in Al-Arisch, eine Stadt am Nordrand des Sinai, unweit vom Gazastreifen. Der 39jährige Priester war Sekretär des in Al-Arisch residierenden koptisch-orthodoxen Bischofs für den Nordsinai, Kosman. Er wurde in seinem Auto von einem Kugelhagel überrascht. Die Täter flohen auf Motorrädern. Seine Frau, die auf dem Beifahrersitz Zeuge des Attentats wurde, sei mit einem Schock ins Krankenhaus eingeliefert worden. Das berichtet die Agentur „MidEast Christian News“. Islamisten hätten die Kirche seit dem „Freitag des Zorns“, zu dem die Anhänger des gestürzten Präsidenten aufgerufen hatten, bedroht. Einige Soldaten seien sogar zum Schutz des Gotteshauses abkommandiert worden, sie hätten den Mord jedoch nicht verhindern können, so angeblich die Version der ägyptischen Streitkräfte. Sie sehen den Priestermord im Zusammenhang mit einer dichten Serie von Überfällen von radikalisierten bewaffneten Islamisten, die sich auch gegen vier Militärposten richteten. An den beiden Vortagen wurde nämlich der Gouverneurssitz in Al-Arisch und der örtliche Flughafen von militanten Gruppen gestürmt und sechs Soldaten getötet.

Das Eingreifen des Militärs in den politischen Entscheidungsprozess,— der unblutige Sturz Mursis und das Außerkraftsetzen der Verfassung— wird von dessen Anhänger als Putsch angeprangert. Daher entlädt sich ihr Zorn gegen Soldaten und Polizisten.

Die christliche Minderheit im islamischen Land, immerhin schätzungsweise sechs Millionen Menschen, war ohnehin seit der demokratisch abgesegneten Machtübernahme der Muslimbruderschaft vor einem Jahr stärker denn je Diskriminierungen und Drangsalierung ausgesetzt. Als letzte Woche ein Großteil der Ägypter in Massendemonstrationen landesweit den Rücktritt des Präsidenten Mursi forderten, bezog auch die katholische und orthodoxe koptische Kirche offiziell Position. Sie begrüßten einen Machtwechsel. Pater Rafik Greiche, Pressesprecher der katholischen Bischofskonferenz in Ägypten, unterstrich gegenüber dem Hilfswerk „Kirche in Not“, dass es sich nicht um einen Staatsstreich handele wie vielerorts behauptet. „Die Armee hat hingegen nach dem Willen des Volkes gehandelt. Diesen haben sie in den letzten Tagen durch Millionen Unterschriften und gewaltige Demonstrationen in Kairo und dem ganzen Land unmissverständlich zum Ausdruck gebracht.“

Gleichzeitig warnte er aber vor einer Hexenjagd auf radikale Vertreter des Islam. Der koptisch-orthodoxe Patriarch Tawadros II. forrderte zusammen mit dem Groß-Iman von der Al-Azhar-Moschee, der höchsten religiösen Instanz der Sunniten, die Opposition dazu auf, die Muslimbrüder, insbesondere die jüngere Generation, in den neuen Prozess der Regierungsbildung miteinzubeziehen. Sie seien selber Opfer der Ereignisse, weil sie in den letzten Jahren von ihren Anführern regelrecht manipuliert worden seien.

Die differenzierte Stellungnahme der koptischen Kirche ist von militanten Anhängern Mursis offenbar nicht richtig aufgenommen worden. Deren Zorn richtet sich nun auch gegen christliche Bevölkerungsteile. Die Ermordung des Priesters, noch dazu vor seiner Kirche, wird von den Kopten als Kriegserklärung der Islamisten gedeutet, als der Beginn eines Kreuzzuges gegen sie. Unter den Christen in Al-Arisch herrsche Panik, schrieb besorgt die österreichische Stiftung „Pro Oriente“ am gestrigen Sonntag.

Nicht nur der nördliche Sinai, sondern auch in anderen Landesteilen sind Christen Zielscheibe von Aggressionen. Unmittelbar nach der Absetzung Mursis kam es in Delgia, ein Nildorf 250 Kilometer südlich von Kairo, zu einem Anschlag auf die katholische Ortskirche und das Pfarrhaus. Islamisten raubten die Gebäude aus und steckten sie anschließend in Brand. Glücklicherweise gab es keine Verletzte. Der Bischof von Minya, Kamal Fahim Awad (Boutros) Hanna, teilte jedoch mit, dass der Alarmzustand andauere. Die Islamisten hätten alle Zugänge zum Dorf blockiert; den ganzen Tag höre man Sprechchöre gegen die Christen, die örtliche Polizei sei hilflos. Man hoffe auf die Intervention des Militärs.

Auch in Oberägypten hätten sich Gewalttaten gegen koptische Christen ereignet, berichtet „Pro Oriente“ weiter. In der Gemeinde Dabeya im Gouvernement Luxor seien 19 Häuser von Kopten und einige ihrer Geschäfte in Brand gesetzt worden. Nach unbestätigten Angaben seien drei Christen ums Leben gekommen. Es mehrten sich Berichte über Drohungen von islamistischer Seite gegen koptische Kirchen und Einrichtungen, aber auch gegen koptische Bürger und deren Familien.

Politische Zukunft Ägyptens noch offen

In der Zwischenzeit geht das Verwirrspiel um einen neuen Übergangspräsidenten weiter. Der Sprecher von Interimspräsident Adli Mansur hatte gestern Abend bekannt gegeben, dass der sozialdemokratische Wirtschaftswissenschaftler Siad Bahaa al-Din wahrscheinlich mit dem Posten betraut werde. Laut dem lokalen Nachrichtensender Al-Arabija werde jedoch der neue Favorit wie auch zuvor El-Baradei am Widerstand der ultra-konservativen Nur-Partei scheitern.

Die Zustände in Ägypten ähneln immer mehr einem Bürgerkrieg. Der Konflikt zwischen Ägyptens Militär und der Mursi-Anhänger hat sich seit dem Wochenende verschärft. Nach einem blutigen Zusammenstoß vor dem Hauptquartier der Republikanischen Garde in Kairo, bei der Dutzende von Anhängern des gestürzten Präsidenten starben, wurde die Zentrale der islamistischen Partei der Muslimbruderschaft „Freiheit und Gerechtigkeit“ geschlossen. Das Militär und die Islamisten beschuldigen sich gegenseitig, die gewalttätigen Ausschreitungen provoziert zu haben. Die salafistische Nur-Partei, die sich nach einem anfänglichen Bündnis mit den Muslimbrüdern auf die Seite der Oppositionsallianz geschlagen hat, erklärte heute jegliche Verhandlungsbereitschaft für beendet. Diese Entscheidung sei aus Protest gegen das „Massaker“ der Streitkräfte gefällt worden.