Ägypten: "Wir sind nicht Afghanistan"

Die Christen sind ein leichtes Ziel, weil sie keine Gewalt anwenden

Wien, (KIN Ös) | 451 klicks

Die Anspannung ist Ägypten nach dem Sturz des Muslimbruders Muhammad Mursi überall anzumerken. Zwar geht das Leben in Kairo weiter, die Cafés und Teehäuser der riesigen Millionenstadt sind gut gefüllt. Aber die Menschen sind aufmerksamer als sonst, nervöser. Die Taxifahrer meiden bestimmte Gegenden. Die Armee sichert derweil wichtige Punkte mit Panzern und Soldaten. Immer wieder überfliegen Hubschrauber und ganze Fliegerstaffeln die Innenstadt Kairos. Das soll die Solidarität der Armee mit den Demonstranten auf dem Tahrirplatz verdeutlichen, aber auch ein Gefühl der Sicherheit vermitteln. Am Freitag war es dort zu blutigen Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern Mursis gekommen.

Nur ein paar Straßen von dem weltberühmten Platz liegt der Imbiss eines Kopten. Weder seinen Namen noch sein Bild will er veröffentlicht sehen. Man wisse nie, meint er. Am Eingang seines Ladens hängt am Samstag dennoch unübersehbar ein Plakat, das Armeechef Al-Sisi zeigt, der die Absetzung Mursis verkündet hat. Links und rechts davon sind der Großscheich der Azhar-Universität und der koptische Papst Tawadros II. zu sehen. Der koptische Gastwirt will damit eine Botschaft ausdrücken: „Wir Christen und Muslime gehören in Ägypten zusammen. Das macht unser Land aus. Die meisten meiner Kunden sind Muslime. Wir lassen uns nicht auseinandertreiben.“ Doch genau das scheint dieser Tage die Strategie der unterlegenen Islamisten zu sein.

Kairo am Sonntag. In der dem heiligen Joseph geweihten Kirche der Franziskaner wird die Heilige Messe gefeiert. Die gewaltige Kirche ist nur spärlich besetzt. Ein jüngerer Besucher, der vor Beginn der Messe eine Kerze vor dem Bild der Madonna ansteckt, sagt warum: „Wir sind nervös. Man weiß nicht, was die Islamisten vorhaben. Sie schieben uns die Schuld an der Absetzung Mursis in die Schuhe. Das ist natürlich Unsinn. Die riesige Mehrheit des Volkes wollte ihn loswerden, nicht nur wir Christen.“

Auch Franziskanerpater Michael Selim Zaki zelebriert die Messe an diesem Sonntag in der Josephskirche angespannter als sonst. „Ich habe schon genau aufgepasst, wer da ist und wer durch die Tür kommt. Wir haben Angst vor der Rache der Islamisten“, sagt er nachher in der Sakristei. Der junge Priester ist Ägypter und mit den Übergriffen auf die Christen seines Landes vertraut. „Wir Christen sind ein leichtes Ziel, weil wir keine Gewalt anwenden. Es ist leicht, uns anzugreifen. Wir vertrauen aber auf die Armee, dass sie uns beschützt. Sie muss das Land von den gewaltbereiten Islamisten befreien. Diese seien derzeit sehr nervös und aufgebracht, weil sie die Macht verloren hätten. "“Sie wollten Ägypten zu ihrem Besitz machen. Ägypten gehört aber nicht den Fundamentalisten. Wir sind nicht Afghanistan.”

Tatsächlich hat der Hass der Islamisten schon die ersten christlichen Opfer gefordert. Am Samstag wurde ein koptisch-orthodoxer Priester von maskierten Islamisten ermordet. Der Geistliche war Sekretär des Bischofs von Al-Arisch, einer Küstenstadt im Norden der Sinaihalbinsel. Nach Berichten ägyptischer Medien wurde Abuna Mina Aboud in seinem Wagen getötet. Die koptische Diözese berichtet, dass der Mord die Christen in Al-Arisch in Panik versetzt habe. Die dortigen Islamisten hörten nicht auf, Hassparolen gegen die Christen zu verbreiten. Schon lange gilt der Sinai als eine Hochburg des extremistischen Islam. Auch in der Heimat Pater Michaels, dem Touristenort Luxor im Süden Ägyptens, gab es anti-christliche Übergriffe. „Islamisten haben am Freitag letzter Woche in einem Ort nahe Luxor über ein Dutzend christliche Häuser angezündet und unsere Geschäfte zerstört. Es hat auch Tote unter den Christen gegeben. Aber wir kennen das.“

Pater Michael kann der Situation aber auch etwas Gutes abgewinnen. „Es reift eine im Glauben vertiefte Kirche. Es ist ein altes Gesetz, dass die Kirche mit den Schwierigkeiten wächst. Das Blut der Märtyrer ist der Samen der Christen.“ Der Priester weiß von Hausgemeinden, die sich in der letzten Zeit zum Lesen der Heiligen Schrift gebildet hätten. „Sie erfahren bei der Lektüre der Heiligen Schrift, wie der Herr uns seine Nähe auch heute erweist.“ Über die Nähe des Herrn in der Eucharistie hat Pater Michael zuvor gepredigt. Schließlich haben die Katholiken in Ägypten am Sonntag das Fronleichnamsfest gefeiert. Sie folgen seit einigen Jahren dem orthodoxen Kalender. „An eine Prozession ist nicht zu denken“, sagt Pater Michael, „das hat es früher gegeben, als der Geist noch liberaler war. Heute ist das nicht mehr möglich. Aber ich habe die Gläubigen in meiner Predigt ermutigt, dennoch am eucharistischen Glauben festzuhalten. Für uns Christen ist die heilige Eucharistie der Lebensquell. Ohne sie können wir nicht.“

Auf die Frage, was Christen im Westen für die ägyptischen Glaubensbrüder tun können, braucht Pater Michael nicht lange für eine Antwort: „Kommen Sie uns als Touristen besuchen. Viele Christen sind im Fremdenverkehr beschäftigt. Ägypten ist ein wunderschönes Land. Ihr Besuch sichert das Auskommen christlicher Familien. Wenn Sie sich aber fürchten und nicht kommen wollen: Beten können Sie immer. Beten Sie für Ägypten und uns Christen. Darum bitte ich Sie von Herzen.“