Ai Weiwei: The Fake Case

Andreas Johnsens Dokumentarfilm zeigt die Willkür der chinesischen Behörden im Umgang mit unbequemen Bürgern, aber auch die Art und Weise, wie sich ein Künstler seine innere Freiheit bewahrt

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 296 klicks

Der im Westen wohl bekannteste chinesische Künstler der Gegenwart wurde nach regierungskritischen Äußerungen am 3. April 2011 von Pekinger Behörden verhaftet und 81 Tage lang an einem unbekannten Ort in Isolationshaft gehalten. Als der 1957 geborene Ai Weiwei am 22. Juni 2011 unter strengen Auflagen und auf Kaution auf Bewährung entlassen wurde, war auch die Kamera des dänischen Dokumentarfilmers Andreas Johnsen dabei. Johnsen begleitete ihn im folgenden Jahr. Daraus wurde der Dokumentarfilm „Ai Weiwei – The Fake Case“, der nun im Kino startet und dessen Titel auf das gegen ihn eingeleitete Verfahren anspielt. Der Künstler wird dem wegen Steuerhinterziehung angestrengten Prozess den Namen „The Fake Case“ geben – ein Wortspiel, das auf seine Firma „FAKE Design“, aber auch auf die falschen oder eben „gefälschten“ Anschuldigungen hinweist.

„Ich kann nichts sagen“, erklärt Ai Weiwei zu den ihn erwartenden Journalisten. Ihm wurde als Bewährungsauflage nicht nur Hausarrest in seinem Pekinger Wohnhaus, sondern auch Redeverbot auferlegt. Der Künstler ist von der Einzelhaft gezeichnet. Dazu kommt die Unsicherheit, in der die chinesischen Behörden Ai Weiwei schweben lassen: Was für ein Prozess kommt auf ihn zu? Seine eigene Mutter warnt ihn: Wenn er wie bisher weitermache, könnte er erneut, wahrscheinlich sogar für immer, verhaftet werden. Dennoch freut sich der Künstler zunächst einmal darüber, wieder bei seiner Familie zu sein. Insbesondere sein kleiner Sohn scheint ihm Kraft zu verleihen, aber ihm auch eine ständige Warnung zu sein, seine Familie nicht wieder zu verlieren.

Trotz der Unsicherheit, der engmaschigen Polizeibeobachtung und der Kontrolle jeder seiner Bewegungen durch staatliche Beobachtungskameras, die ihn zu einem Gefangenen im eigenen Haus machen, gelingt es dem Künstler, wieder ins Leben zurückzufinden. Dabei spielt nicht nur seine Familie eine Rolle, sondern auch ein Projekt, an dem er im Geheimen arbeitet: Es soll vordergründig seine Zeit im Gefängnis abbilden. Darüber hinaus hilft ihm dieses Kunstwerk, persönlich diese Zeit zu verarbeiten. Über Ai Weiweis Kunst fällt der Filmemacher kein Urteil. Andreas Johnsen zeigt die Arbeit des Künstlers vielmehr als eine Möglichkeit, sich mitzuteilen. Dazu führt der Regisseur aus: „Sein Glaube an Offenheit, an Transparenz und an die Wichtigkeit des Ausdrucks reicht so tief, dass er unserem Bedürfnis zu atmen entspricht. Du lebst nicht wirklich, wenn Du Dich nicht kundtust oder Dich nicht ausdrücken kannst.“ Leben, Kunst, Politik werden bei Ai Weiwei zu einer Einheit. Seine politische Dimension zeigt sich etwa auch darin, dass ihm als Antwort auf die gerichtliche Rückzahlungsforderung einfache chinesische Bürger spontan Geld schicken, zusammen mit persönlichen Mitteilungen, in denen sie ihn auffordern, nicht aufzugeben. Auch deshalb fühlt sich Ai Weiwei in seinem Glauben bestärkt, dass in China gesellschaftliche Veränderungen bevorstehen.

Ohne kommentierende Off-Stimme konzentriert sich die von Andreas Johnsen selbst geführte Kamera auf den Künstler: Sein Film erzählt eindeutig aus der Perspektive von Ai Weiwei. Die Gegenseite bleibt eine anonyme Masse, verkörpert lediglich etwa durch die vor dem Haus des Künstlers postierten oder ihm folgenden Polizisten. Andreas Johnsen möchte keinen allgemeinen Überblick über die politische Lage in China bieten. Dazu führt er aus: „Mein Ziel war nicht, einen umfassenden, vielstimmigen Einblick in China zu geben oder sehr viele Meinungen über Ai Weiwei zu dokumentieren. Ich möchte das Publikum selbst sein Urteil fällen lassen, indem es das China zu sehen bekommt, das Ai Weiwei sieht, das China, das er erlebt: als privilegierter Künstler, aber auch als Mensch, der andauernd überwacht, eingeengt und gedemütigt wird.“ Dennoch drängt sich dem Zuschauer der Eindruck auf, dass das chinesische Regime vor lauter Angst vor jeder freien Meinungsäußerung politisch längst abgewirtschaftet hat. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass Ai Weiwei im Laufe der Zeit immer mutiger wird: Er geht auf Polizisten los, und bald empfängt er auch Journalisten – ein klarer Verstoß gegen die Bewährungsauflagen. Zwar stellt Ai Weiweis Bekanntheitsgrad im Westen eine gewisse Rückversicherung für den Künstler dar, wozu Johnsens Film offensichtlich beitragen soll. Allerdings stellt sich ebenfalls die Frage, ob „Ai Weiwei – The Fake Case“ darüber hinaus zur Vermarktung der Kunstfigur Ai Weiwei einiges beisteuern soll.

Über diese Überlegungen hinaus zeugt das Verhalten des chinesischen Künstlers von Mut und Zivilcourage. Über „Ai Weiwei – The Fake Case“ schreibt die dänische Autorin Mette Holm: „Der Film zeigt auf großartige Weise, dass die Versuche von Seiten der chinesischen Behörden, Ai Weiwei zum Schweigen zu bringen, aussichtslos sind. Ihre herkömmlichen Mittel prallen an ihm ab. Ai Weiwei ist nicht furchtlos, aber er weigert sich, der Angst nachzugeben. Er vertraut rückhaltlos auf die neuen Medien, und wenn die Staatsgewalt ihn überwacht, dann richtet er seine Kamera sogleich auf sie. Er antwortet mit denselben Mitteln.“

Andreas Johnsens Dokumentation über Ai Weiwei verdeutlicht die Willkür der chinesischen Behörden im Umgang mit unbequemen Bürgern, aber auch die Art und Weise, wie sich ein Künstler seine innere Freiheit bewahrt.

*

Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne                   
Regie: Anders Johnsen
Darsteller:
Land, Jahr: Dänemark 2013
Laufzeit: 86 Minuten
Genre: Dokumentation
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen: S

im Kino: 5/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.