Alfred North Whitehead: Prozess und Realität. Ewige Gegenstände

Von Reinhard Hiltscher

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WÜRZBURG, 3. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Nicht ganz selten wird innerhalb der gebildeten Stände Deutschlands das Ruhmeslied der nüchtern-pragmatischen angelsächsischen Mentalität gesungen. Neidvoll und bewundernd blickt man hierzulande auf die angelsächsische Tradition, welche einem häufig durch geistige Windeier unbestechlichen Realismus der Problemlösung den Vorrang vor nutzlosem „spinnerten“ Theoretisieren einräumt. Jedoch verschweigt der zentralkontinentale Lobpreis des „Does it work?“ zumeist geflissentlich die wohlbekannte Tatsache, dass in den britischen Schlössern (namentlich den schottischen) die weltweit fürchterlichsten Gespenster ihr Unwesen treiben.



Die Vorliebe eines nicht unbedeutenden Teils der britischen Philosophie für eine organische Synthesis aus nüchternem empirischen Denken einerseits und sehr originellen metaphysischen Auffassungen andererseits scheint also nicht untypisch für den britischen Nationalcharakter zu sein. Whiteheads Philosophie und intellektuelle Biographie sind nun geradezu symptomatisch für diese Synthesis – in diesem Falle, für eine sehr produktive Synthesis auf sehr hohem philosophisch-spekulativen Niveau. Auf der Basis mathematisch-naturwissenschaftlichen Denkens hat der gebürtige Engländer eine außerordentlich kraftvolle, zutiefst spekulative Metaphysik und Theologie errichtet.

Der 1861 geborene Alfred North Whitehead lehrte in London, South Kensington und Harvard. Bedeutende metaphysische Arbeiten Whiteheads sind „Wissenschaft und moderne Welt“ (dt. 1988), „Wie entsteht Religion?“ (dt. 1989) und das in der englischen Originalausgabe 1929 publizierte Hauptwerk „Prozess und Realität. Entwurf einer Kosmologie“.

Whiteheads Prozessphilosophie strebt eine Destruktion der abendländischen Substanzmetaphysik an. Diese aristotelische Tradition nahm ein letztes unveränderliches individuelles Substrat an (die erste Substanz), an dem sich alle Veränderungen vollzögen. Die Grundbausteine der traditionellen Seinslehre waren individuelle „statische Dinge“, die als ihren Veränderungen zugrundeliegend gedacht wurden. Die letzten Bausteine in Whiteheads „Organismusphilosophie“ sind dagegen gerade keine Bausteine, wenn man unter solchen fixe, unveränderliche Grundelemente verstehen will, sondern vielmehr Prozesse. Allerdings übernimmt Whitehead durchaus auch Elemente des aristotelischen Denkens.

Wie bei Aristoteles die individuelle erste Substanz das genuin Wirkliche darstellt (und eben nicht Allgemeinstrukturen, die vielen einzelnen Dingen zukommen können), sind auch für den Briten je individuelle Werdeprozesse als das eigentlich Wirkliche aufzufassen. Sein ist für Whitehead ein zielbestimmtes Werden schlechthin, aber keine stabile Leinwand, auf welcher die wechselnden Bilder des kosmischen Spielfilms projiziert werden. Sein ist reiner Fluss der Bilder des kosmischen Spielfilms ohne jede stabile Projektionsfläche. Der Engländer nennt diese elementaren individuellen Prozesse „aktuale Entitäten“ oder auch „aktuale Ereignisse“. Eine elementare aktuale Entität ist also ein individueller Prozess, der auf sein Ziel zuläuft und von diesem gesteuert wird. Das Ziel des Prozesses besteht in der Verwirklichung der „aktualen Entität“. Ein einzelnes Wasserstoffatom etwa ist nicht ein einzelnes „Bonsai-Ding“, sondern ist ein individueller Werdeprozess, nämlich der Prozess der Wechselwirkung von einem Elektron und einem Proton. Dasselbe gilt für ein konkretes Sauerstoffatom – nur dass das Geschehen hier die Wechselwirkung von je zwei Elektronen und Protonen ist. Sobald ein Prozess an sein Ende gelangt ist, wird sein Ergebnis sofort als Material (Whitehead spricht von „Datum“) in den Realisierungsprozess einer neuen aktualen Entität eingebunden. So sind das einzelne Wasserstoffatom und das einzelne Sauerstoffatom jeweils aus einem individuellen Interaktionsprozess von Elektronen und Protonen „geworden“.

Wasserstoffatom und Sauerstoffatom treten aber nach ihrem Entstehen unverzüglich in einen neuen individuellen Wechselwirkungsprozess untereinander ein, aus dem dann wieder neu ein konkretes Wassermolekül entsteht. Diese Werdestruktur durchwaltet nach Whitehead den gesamten Kosmos bis hin-auf zum menschlichen Selbstbewusstsein.

Der Werdeprozess einer „aktualen Entität“ (im Beispiel: Interaktion von Elektonen und Protonen) besteht also in nichts anderem als darin, bereits verwirklichte aktuale Entitäten, die ihrerseits Resultate eines Prozesses sind (im Beispiel: bestimmte Elektronen und Protonen) zu einer neuen aktualen Entität zu vereinen (im Beispiel: konkretes Atom). Aktuale Entitäten als Ausgangsdaten für den Werdeprozess einer neuen aktualen Entität nennt Whitehead Objekte, die aus diesem Interaktionsprozess neue entstehende Entität das Subjekt oder Superjekt.

Um dies besser zu verstehen, müssen wir uns die Theorie der „ewigen Gegenstände“ vergegenwärtigen. Im Sinne Whiteheads sind ewige Gegenstände mögliche, noch unverwirklichte, jedoch realisierbare Gegenstände. Sie sind jedoch im Unterschied zum Werdeprozess der aktualen Wesenheiten durch einen exklusiven individuellen Charakter ausgezeichnet. Die ewigen Gegenstände bleiben nämlich bei ihren realen Verwirklichungen immer dieselben „Individuen“. Gesetzt, unser Nachbarhaus brennte ab. Niemals wieder könnte es als dieselbe individuelle Entität ins Dasein treten. Ein bestimmter Farbton von Orange jedoch kann beliebig oft als derselbe Farbton erneut realisiert werden. Farbtöne sind gute Beispiele für Whiteheads ewige Gegenstände. Besagte ewige Gegenstände können durchaus auch komplexe Strukturen aufweisen. Man denke etwa an einen Würfel, der auf jeder seiner Seitenflächen einen bestimmten Farbton aufweist. Whiteheads „Clou“ besteht nun darin, dass die ewigen Gegenstände nur durch den Werdeprozess der aktualen Entitäten verwirklicht werden können.

Andererseits ist der substratlose Werdeprozess eine aktualen Entität nur deshalb zielorientiert, weil er immer schon darauf aus ist, komplexe ewige Gegenstandsstrukturen zu realisieren. Ewige Gegenstände übernehmen somit die Funktion, die das „dingliche Substrat“ nach der „Lesart“ der alten Dingontologie bei der Veränderungen des Seins ausübte. In Leibniz‘scher Tradition wird Gott als Raum der ewigen, untereinander vernetzten Gegenstände, die der Realisierung durch aktuale Entitäten harren, angenommen. Gott als Raum dieser ewigen Gegenstände existiert jedoch nur dann, wenn er sich ebenfalls als aktuale Entität verwirklicht. Als ewiger, unveränderlicher Raum der ewigen Gegenstände ist er gerade nicht wirklich. Gott hat nach Whitehead deshalb zwei Naturen. Seine unveränderliche Natur als Universum der ewigen Gegenstände ist die Urnatur Gottes. Seine werdende Natur, die sich erst aus seinem Kontakt mit der realen, sich stets im Prozess befindenden Welt ergibt, ist die Folgenatur Gottes. Damit ergibt sich ein komplementäres Verhältnis von Gott und seiner Schöpfung.

Die aktualen physischen Werdeprozesse des Kosmos sind nur zielgerichtet, wenn sie quasi „unterbewusst“ in Gott die ewigen Gegenstände erfassen. Gott hingegen ist in seiner Urnatur ein Erfassen seiner selbst und der ewigen Gegenstände in sich. Aktual selbstbewusst werden und in die Existenz kommen kann Gott aber ausschließlich vermittels seiner Folgenatur, sofern er durch sie in die reale Welt involviert wird. Gott benötigt also kraft seiner Folgenatur die Welt für seine Selbstwerdung. In seiner Folgenatur ist er ein werdender aktualer Gott, welcher der Welt „mitleidend“ gegenwärtig ist.

[Alfred North Whitehead: Prozess und Realität – Entwurf einer Kosmologie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1987, 665 Seiten, ISBN-13: 978-3518282-908, EUR 19,95;
Teil 44 aus der Reihe „Sechzig Hauptwerke der Philosophie“, © Die Tagespost vom 27. Septembert 2008]