Algerien: „Wir leben in schwierigen Zeiten”

Ghaleb Bader, Erzbischof von Algier, über die Lage der Christen in Nordafrika

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BERLIN, Montag, 2. Mai 2011 (ZENIT.org/Kirche in Not). - Vergangene Woche hat das internationale Hilfswerk „Kirche in Not" den Bericht „Christen in großer Bedrängnis - 2011" veröffentlicht. Diese Dokumentation informiert über Länder, in denen Christen verfolgt, unterdrückt oder diskriminiert werden.

Zur Präsentation des Berichts in Berlin war aus Algerien der Erzbischof von Algier, Ghaleb Bader, angereist. Im Interview mit André Stiefenhofer spricht er über den Sinn dieses Berichts und gibt einen aktuellen Überblick über die Lage der Christen in Nordafrika.

KIRCHE IN NOT: Herr Erzbischof, in Algerien sind die Christen eine kleine Minderheit. Welche Auswirkungen hat diese Tatsache auf Ihre seelsorgliche Arbeit?

Erzbischof Ghaleb Bader: Die Probleme von Minderheiten sind auf der ganzen Welt dieselben. Es gibt Länder, in denen Christen die Minderheit sind und andere, in denen die Muslime in der Minderheit sind. Im Allgemeinen kann ich sagen, dass wir von den Muslimen hoch geschätzt werden. Algerien hat eine lange christliche Tradition, die bis auf den heiligen Augustinus zurück reicht.

Heute sind wir zwar eine Minderheit, aber noch vor 50 Jahren gab es zwei Millionen Christen in Algerien. Unsere muslimischen Landsleute kennen uns, viele haben sogar in christlichen Schulen studiert. Deshalb schätzen sie die Kirche, unsere Priester und Nonnen. Das gibt mir Mut in dieser speziellen Mission der Kirche in Algerien.

In letzter Zeit beobachten wir eine starke Islamisierungswelle, die sich gegen westliche Bildung richtet. Spüren Sie solche radikalen Strömungen auch in Algerien?

Leider ist es wahr, dass es Islamisten auch in Algerien gibt. Seit 1976 betreibt die Kirche im Land keine Schulen mehr, und das ist schade. Denn wie ich schon sagte: Viele Algerier haben ihre Ausbildung in unseren Schulen gemacht. Egal, welche Behörde ich in Algerien besuche, ich treffe immer wieder einen Bürgermeister oder einen Provinzpräsidenten, der stolz von sich sagt, dass er „bei den weißen Vätern” studiert hat. Aber das ist vorbei: Alle unsere Schulen wurden uns von der Regierung weggenommen.

Das heißt, in spätestens zwanzig Jahren wird es keinen Muslim mehr geben, der das Christentum aus eigener Anschauung kennt?

Die Schulen sind nicht das einzige Mittel, durch das wir in Kontakt mit den Menschen treten. Heute versuchen wir es auf anderen Wegen. Zum Beispiel gestalten wir Ausbildungskurse für Frauen und bilden junge Männer zu Handwerkern aus. Dadurch bleibt der Kontakt erhalten, auch wenn die ganz frühe Prägung durch die Schule nicht mehr vorhanden ist.

Wir Christen wollen nicht in einem Ghetto leben – das wäre in einem solchen Land gefährlich. Wir wollen uns aktiv an der Gesellschaft beteiligen. Wenn ich in Algerien lebe, möchte ich dort auch meinen Glauben leben – und zwar im Dienst an den Anderen. Dieser Dienst ist mein Zeugnis für das Evangelium.

In den vergangenen Monaten galt Nordafrika die Aufmerksamkeit der ganzen Welt. In Anbetracht der Revolutionen in Tunesien und Ägypten stellt sich die Frage, ob die Zukunft nun mehr Freiheit und Demokratie für die Region bereithält, oder ob die Gefahr islamistischer Staaten droht. Wie ist Ihre Prognose?

Genau das ist die Frage, die wir Christen in Nordafrika uns täglich stellen: Was kommt jetzt? Dass es die Revolution gab, ist gut! Die Leute haben klar gemacht, dass sie genug haben. Sie konnten nicht mehr so leben und wollten ihre Freiheit. Es war wunderbar, wie die Menschen ihre Würde verteidigt haben.

Aber die große Frage ist nun: Was kommt jetzt? Die Gefahr islamistischer Staaten ist zweifelsfrei da, und einige Zeichen sind nicht gerade positiv. Die Umbrüche werden von den Christen mit Angst und Hoffnung beobachtet. Im Moment können wir nur hoffen und beten. Es wäre schade, wenn diese so richtige und idealistische Bewegung zu schlimmeren Zuständen als vorher führen würde. Das wäre vor allem eine Enttäuschung für jene jungen Menschen, die bereit waren, ihr Leben für eine bessere Zukunft zu opfern.

Tunesien, Ägypten, Libyen … die Namen jener Länder, in denen die autoritären Herrschaftssysteme bröckeln, könnte man noch weiter fortsetzen. Von Algerien gab es nur zu Beginn der Revolutionen einige kurze Meldungen, danach war es wieder still im Land. Gibt es bei Ihnen keine Demonstrationen und Reformbewegungen?

Doch, es gab auch in Algerien Demonstrationen. Allerdings ist der Unterschied zu den genannten Ländern, dass die Algerier schon müde sind. Sie sagen “Wir haben unsere Revolution schon gemacht” und meinen damit den Bürgerkrieg, der 200 000 Algeriern das Leben gekostet hat. Darum sind sie nicht bereit, eine weitere Revolution zu beginnen und damit Chaos im Land zu riskieren. Es gibt jede Woche einige kleine Demonstrationen, aber das ist kein Vergleich zu den Umbrüchen in unseren östlichen Nachbarländern. Man sollte daraus aber nicht schließen, dass sich die Menschen keine Freiheit wünschen.

Erzbischof Louis Sako aus dem Irak sagte uns vor kurzem, es gebe einen „Plan der Islamisierung” Nordafrikas und Europas. Beobachten Sie ein derartiges zielgerichtetes Vorgehen der Islamisten?

Von einem umfassenden Plan zu sprechen, halte ich für übertrieben. Es mag einige Gruppen geben, die einen solchen Plan verfolgen, aber ich glaube nicht, dass diese Extremisten ihr Ziel erreichen. Wir leben in Ländern, in denen es im Moment viele Unruhen gibt und keine Polizei für Ordnung sorgt. Es gibt keine Sicherheit in diesen Ländern, und das erklärt die Lage der Christen zum Beispiel im Irak. Dort profitieren die Extremisten von der Schwäche des Staates.

Aber eigentlich gehören die Christen im Nahen Osten und Nordafrika zu ihren Ländern und sind dort auch von den Muslimen hochgeschätzt. Diese erkennen nämlich, welchen Dienst die Christen über Jahrhunderte durch ihr Engagement im sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich ihren Ländern erwiesen haben. Wir leben in schwierigen Zeiten, in einer kritischen Periode, die mit viel Geduld durchgestanden werden muss. Allzu alarmiert bin ich persönlich aber nicht.

Sie sind in Deutschland zu Gast, weil Sie für KIRCHE IN NOT den Bericht „Christen in großer Bedrängnis” über Diskriminierung und Verfolgung von Christen weltweit vorstellen. Was soll der Bericht bewirken?

Die Schilderung der Tatsachen ist sehr wichtig. In Ländern, in denen Christen diskriminiert oder verfolgt werden, können Kirchenführer manchmal nicht alles sagen, wenn sie sich nicht in Gefahr bringen wollen. Sie brauchen darum jemand anderen, der für sie all das ausspricht, worüber sie schweigen müssen. In manchen Ländern sind die Christen auf solche Berichte angewiesen, um gefahrlos auf ihre Lage aufmerksam zu machen. Daher schätze ich die Arbeit von KIRCHE IN NOT sehr.

Die Berichte über die Lage der Christen, die das Hilfswerk regelmäßig herausgibt, verfolge ich schon seit Jahren und halte sie für eine unverzichtbare Lektüre für alle, die sich einen Überblick über die Religionsfreiheit weltweit verschaffen wollen. Wir Christen in Algerien sind KIRCHE IN NOT sehr dankbar, dass darin unsere Situation analysiert und ins Licht der Öffentlichkeit gerückt wird.

Diese Analyse ist aber nicht nur für uns Christen, sondern auch für unsere Länder selbst wichtig. Die Verantwortlichen in diesen Ländern sind hellhörig, was die Weltöffentlichkeit über sie denkt. Wenn so ein Bericht von einem internationalen Hilfswerk veröffentlicht wird, beschäftigt das die Politiker mehr, als wenn wir Christen uns direkt im Land zu Wort melden. Denn das Anliegen der Politiker ist es, in der Weltöffentlichkeit als „liberal” und „weltoffen” zu gelten. Daher besteht die Chance, dass sie ihr Handeln bei dieser Art von “schlechter Presse” überdenken.

Wie können wir Christen in Europa Ihnen, den Christen in Nordafrika, am ehesten helfen?

Informieren, spenden und beten. Zeigen Sie unseren Politikern, dass Europa ein Auge auf sie hat! Das ist uns bereits eine große Hilfe. Darüber hinaus benötigen wir als rein spendenfinanzierte Kirchen ohne jegliche staatliche Gelder in unseren Ländern natürlich auch materielle Unterstützung. Besonders brauchen wir Ihre Hilfe für unsere besondere Mission. Wir sind nur eine kleine Minderheit in der islamischen Welt. Wir alle sind heutzutage dazu aufgerufen, miteinander zu leben – Christen und Muslime.

Hier können wir vielleicht auch euch Christen in Europa helfen: Wir haben viel Erfahrung im interreligiösen Dialog und im Zusammenleben mit Muslimen. Diese Erfahrung können und wollen wir Euch weitergeben. Ganz besonders möchte ich euch um euer Gebet für uns bitten. Das mag vielleicht wie eine Banalität klingen, aber mir ist es ein Herzensanliegen. Denn bei allem Geld und aller Information: Wir brauchen vor allem Gottes Hilfe, und darum hat für mich das Gebet absoluten Vorrang.