Algerien: Zahlen machen noch keine Kirche aus

Ein Gespräch mit dem Erzbischof von Algier, Msgr. Ghaleb Moussa Abdullah Bader

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ROM, 21. November 2011 (ZENIT.org) - In Zusammenarbeit mit Kirche in Not interviewte Mark Riedemann für die Sendung "Where God Weeps" den aus Jordanien stammenden Erzbischof von Algier (Algerien), Msgr. Ghaleb Moussa Abdullah Bader.

KIN: Sie sind der erste arabische Erzbischof, der nach einer Generation französischer Hierarchie nach Algerien kommt. Haben die Menschen erkannt, dass Sie die Kultur besser verstehen würden?

Bader: Dies war die Absicht der Kirche, ein Zeichen des Respekts für dieses arabische Land zu setzen. Die Ernennung eines Arabers, nachdem dieses Amt lange Zeit von Franzosen bekleidet worden war, war eine Reaktion auf die sich bereits vollziehenden Veränderungen in dieser Kirche. Es stimmt, die Kirche wurde für eine Weile von Franzosen dominiert, aber nun stellen sie eine Minderheit dar, von denen 40 Prozent Afrikaner, Studenten oder Einwanderer sind, und der Rest besteht aus Christen, die aus Europa, Lateinamerika und aus Nordamerika stammen.

KIN: Wie hat die amtierende Lokalregierung reagiert?

Bader: Ich wurde bei meiner Ankunft in Algerien willkommen geheißen, und der Präsident selbst hatte einen Vertreter entsandt. Es war das erste Mal, dass der Präsident oder einer seiner Vertreter anwesend waren, um den neuen Erzbischof zu empfangen. Ich spürte vor allem von Seiten des Volkes große Liebe und einen herzlichen Empfang. Ich bin als „unser Erzbischof" bezeichnet worden, und sogar die Muslime haben mich ihren Erzbischof genannt.

KIN: Der frühere Erzbischof von Algier, Msgr. Henri Tessier, wurde in einem Artikel der New York Timeszitiert, er sei Zeuge des „langsamen Todes einer Kirche“ geworden. Befindet sich die Kirche in Algerien aktuell in dieser Situation?

Bader: Wir müssen verstehen, woher Msgr. Tessier kommt. Er verbrachte 70 bis 75 Jahre in Algerien. Er war in Algerien Seminarist und wurde hier zum Priester geweiht. Er ist algerischer Staatsangehöriger und hat einen algerischen Pass. Er kannte die Geschichte der algerischen Kirche. Als er Seminarist war, gab es in Algerien zwei Millionen Christen, und diese Zahl ist heutzutage auf ein paar tausend Christen zusammen geschrunpft. Seine Aussage ist in diesem Zusammenhang zu betrachten, und ich kann nachvollziehen, was er mit dem Tod der Kirche meint. Dennoch hat es die Kirche immer gegeben, und sie wird weiter bestehen. Das hängt nicht von irgendwelchen Zahlen ab. Es ist nach wie vor dieselbe Kirche, dieselbe Mission und wir verrichten immer noch dieselbe Arbeit. Als ich ankam, war dies die Wirklichkeit der Kirche. Ich akzeptiere das. Ich mache meine Arbeit und spreche nicht von einem Tod. Die Kirche ist lebendig und zeigt Präsenz, indem sie ihr Bestes für das Wohl der Gläubigen und des Landes tut.

KIN: In Algerien gibt es noch etwa 20 aktive Kirchen. Viele sind in Moscheen oder Kulturzentren verwandelt worden. Was halten Sie davon?

Bader: Dies war eine Folge der Rückkehr der Christen nach Frankreich nach dem Krieg. Es gab Kirchen, aber keine Christen mehr. Die Kirche hatte nicht die Absicht, diese Kirchen, nur weil sie eben Kirchen waren, zu erhalten. Die Kirche hat diese Gotteshäuser und Gebäude gestiftet, um sie dem Gebrauch der Bevölkerung zu überlassen. Nur zwei oder drei Kirchen wurden in Moscheen umgewandelt. Die Reaktion der Behörden zeugte von großem Respekt: Sie ließ nicht zu, dass diese Kirchen in Moscheen umgewandelt wurden, und so kommt es, dass viele Gotteshäuser, die die Kirche der Regierung überlassen hatte, zu Kulturzentren und Bibliotheken oder Ähnlichem umgebaut wurden. Ich habe irgendwo gelesen, dass etwa 700 Kirchen und andere Gebäude an die algerischen Behörden zurückgegeben und ihnen zur Verfügung gestellt wurden, um diese zum Wohl der Bevölkerung zu nutzen.

KIN: Die algerische Gesellschaft hat sich von einer französischen oder europäischen zu einer arabischen Gesellschaft gewandelt, mit primärem Blick auf den Nahen Osten. Ist diese Abkehr von Europa als positiv oder negativ zu betrachten?

Bader: Das hängt mit den geschichtlichen Ereignissen zwischen Algerien und Frankreich zusammen. Alle Entscheidungen, die Algerien nach der Unabhängigkeit traf, waren eine Reaktion auf die Vergangenheit. Sie wollten sich von der Vergangenheit befreien und haben sich deshalb der arabischen Kultur und Sprache zugewandt. Dies wird jedoch nicht von 100 Prozent der Bevölkerung befürwortet und aus diesem Grund sprechen 90 Prozent der Algerier immer noch Französisch. Ich bin Araber, aber in 99 von 100 Fällen spreche ich mit den Menschen auf Französisch, so dass die von Ihnen erwähnten Veränderungen sich gar nicht vollzogen haben, zumindest nicht für die Mehrheit der Algerier. Es ist wahr, dass die Regierung aus Algerien ein arabisches und islamisches Land machen möchte; daher wurde Arabisch als Unterrichtssprache eingeführt.

KIN: Viele der Konflikte in der arabischen Welt werden durch den Filter des israelisch-palästinensischen Konfliktes wahrgenommen. Ist dies auch in Algerien der Fall?

Bader: Es ist wahr, dass der Konflikt zwischen Israel und Palästina auch auf die Beziehungen zwischen arabischer und westlicher Welt, zwischen Christen und Muslimen abfärbt. Solange es keine Lösung dieses Konflikts gibt, wird weiterhin Misstrauen bestehen. Eine friedliche Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts würde sehr viel dazu beitragen, den Argwohn zwischen arabischen und westlichen Ländern sowie auch zwischen Christen und Muslimen zu überwinden. Deshalb rufe ich zu einer gerechten Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes auf. Daraus wird die gesamte Menschheit Nutzen ziehen, und nicht nur die Region.

KIN: Der algerische Minister für religiöse Angelegenheiten Ghulamallah hat sie zu einer Konferenz zum Thema Religionsfreiheit eingeladen. Während Ihrer Rede sprachen Sie von der Abschaffung der Gesetze, die den Christen Beschränkungen auferlegen...

Bader: Der Minister für religiöse Angelegenheiten, Ghulamallah, hat mich nicht nur eingeladen, sondern wir haben die Konferenz gemeinsam organisiert. Wir haben entschieden, wen wir einladen, und wir haben beide das Programm gestaltet.

KIN: Ihre Beziehung zum Minister für religiöse Angelegenheiten ist demnach von Freundschaft geprägt...

Bader: Wir treffen uns mindenstens einmal im Monat. Wir tauschen zu religiösen Feiertagen der Christen und Muslime Glückwünsche aus. Seit meiner Ankunft haben wir immer sehr gute Beziehungen gepflegt. Das derzeitige Problem ist das Gesetz aus dem Jahr 2006, das die Ausübung der Religion, religiöse Handlungen und den Gottesdienst ausschließlich auf Kirchen einschränkt. Für uns Katholiken ist das kein Problem, weil wir genügend Kirchen haben. Das Problem besteht jedoch für die evangelische und protestantische Glaubensgemeinschaft, denn sie besitzen keine Gotteshäuser, und auch für uns Katholiken, wenn wir religiöse Aktivitäten außerhalb der Kirchen duchführen wollen.

KIN: Inwiefern wirkt sich dies auf die Evangelisierung aus?

Bader: Im zweiten Teil dieses Gesetzes aus dem Jahre 2006 wird festgelegt, dass alle unsere Aktivitäten der Religionsausübung, Gottesdienste und Gebete ausschließlich innerhalb der Kirche erfolgen dürfen. Evangelisierung und Konversion sind verboten. Wer dieses Gesetz bricht, wird mit einer Freiheitsstrafe oder einer Geldstrafe von etwa 2.000 Euro bestraft. Während der Konferenz sagte ich, dass das Gesetz nicht die Glaubensausübung reglementieren dürfe. Dies war vor 2006 nicht der Fall.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals von Sabrina Toto]