Alice Herz-Sommer: "Musik war das Essen"

Älteste Überlebende der Shoa verstorben

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 239 klicks

Am 23. Februar 2014 verstarb im Alter von 110 Jahren Alice Herz-Sommer, die älteste Überlebende der Shoa.

Die jüdische Pianistin Alice Herz-Sommer wurde am 26. November 1903 in Prag geboren. Ihre Familie, jüdische Fabrikanten, verkehrte mit bedeutenden Intellektuellen und Schriftstellern der Zeit, wie Franz Kafka oder Franz Werfel. Schon als kleines Mädchen zeigte Alice eine große musische Begabung, die mit Klavierunterricht gefördert wurde und sie zu einer der begabtesten Pianistinnen ihrer Zeit werden ließ.

1939 besetzte die deutsche Wehrmacht Prag. Alice wurde ein Auftrittsverbot erteilt. 1943 wurde sie gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn Raphael nach Theresienstadt deportiert: „Am Abend vor der Deportierung kamen tschechische ‚Freunde‘ von uns in unser Haus und packten ein, was nicht niet- und nagelfest war. Bis jetzt kann ich das nicht verstehen. Über uns wohnte ein Nazi namens Hermann. Auch er kam und sagte: ‚Ich wünsche Ihnen, dass Sie lebendig zurückkommen. Ich habe ihnen stundenlang zugehört, ich bewundere Sie und ihre Ausdauer und diese herrliche Musik. Ich danke Ihnen.‘ Das hat der Deutsche gesagt.“ Weder ihr Ehemann noch ihre Mutter überlebten das Konzentrationslager. 

In Theresienstadt wurde ein reiches kulturelles Programm angeboten, das von den Gefangenen gestaltet werden musste und an dem auch Alice Herz-Sommer mitwirkte: „Wir mussten spielen, weil dreimal im Jahr das Rote Kreuz kam, da wollten die Deutschen zeigen, dass es den Juden in Theresienstadt sehr gut geht. Es war Propaganda der Deutschen.“ Tagsüber musste Alice Zwangsarbeit leisten, abends Konzerte geben. Als Grund für ihr Überleben gab sie an: „Da gibt es nur ein Wort als Erklärung: Die Musik. Die Musik ist ein Zauber. Wir haben alles auswendig gespielt. Die Etüden, die Beethoven-Sonaten, Schubert, alles. Im Rathaus-Saal für 150 Leute, alte, verzweifelte, kranke, verhungerte Menschen. Die haben gelebt von der Musik, die Musik war das Essen. Die wären längst schon gestorben, wenn sie nicht gekommen wären. Und wir auch.“

Am 8. Mai 1945 wurde das Lager Theresienstadt von der Roten Armee befreit. 1947 emigrierte Alice Herz-Sommer mit ihrem Sohn nach Isreal. 1986 zog sie nach London zu ihrem Sohn Raphael, einem Cellisten und Dirigenten, der bereits 2001 verstarb.

Alice Herz-Sommer verstarb am 23. Februar 2014 in London. Ihr Enkel, Ariel Sommer, erklärte, sie sei in Frieden im Kreise ihrer Familie gestorben. Viel sei über sie geschrieben worden, aber für sie sei sie einfach nur ‚Gigi‘ gewesen. „Sie war eine Inspiration und unsere Welt wird deutlich ärmer ohne sie an unserer Seite sein.“

Ein Dokumentarfilm über das Leben von Alice Herz-Sommer mit dem Titel „The Lady in Number 6“ wurde in den USA in der Kategorie „Bester Dokumentar-Kurzfilm“ nominiert.