„Allein schaffen wir das nicht“: Erzbischof Louis Sako von Kirkuk (Nordirak) ruft Missionare dazu auf, in den Irak zu kommen

Interview über die Lage der Christen im Irak und die Möglichkeiten des Dialogs mit der muslimischen Bevölkerungsmehrheit

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WIEN, 27. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Erzbischof Louis Sako kümmert sich um die katholisch-chaldäische Gemeinde im nordirakischen Kirkuk, der es im Vergleich zu den christlichen Gemeinden in Bagdad oder Mosul noch relativ gut geht. Die Kraft für seinen schwierigen pastoralen Dienst im kriegsgeschüttelten Land bezieht der Fachmann für Patristik und Kirchengeschichte aus seinem starken Glauben, seiner „großen, großen Hoffnung“ und aus dem Wissen, dass die Christen zu allen Zeiten Verfolgungen durchstehen mussten.



„Es gibt bei uns sehr viele Märtyrer“, erklärte der irakische Erzbischof vor einer Woche in der österreichischen Bundeshauptstadt Wien im Gespräch mit ZENIT. „Ihr Blut ist Nahrung für neues Leben, neue Christen und eine neue Kirche.“ Die Kirche werde aus der gegenwärtigen Krisensituation „wahrscheinlich zutiefst erneuert“ und gestärkt hervorgehen, bekräftigte er.

„Das einzige Problem ist die mangelnde Sicherheit. Das ist das große Problem für alle Iraker, aber ganz besonders für die Christen, weil wir eine Minderheit sind.“

Erzbischof Sako nahm am 18. und 19. Oktober in Wien an einem Treffen ranghoher Vertreter syrischer Kirchen teil, das von Pro Oriente organisiert worden war. Ziel dieser Gesprächsrunde war und ist es, einander besser kennen zu lernen und das gemeinsame Erbe zu stärken und zu verbreiten.

ZENIT: Wird die Situation im Irak besser oder wird sie immer schlimmer?

--Erzbischof Sako: Es wird schlimmer. Wie Sie wissen, ist die amtierende Regierung sehr schwach und nicht in der Lage, all die verschiedenen religiösen und ethnischen Gruppen miteinander auszusöhnen. Polizei und Armee sind nicht gut ausgebildet, und es mangelt ihnen an Waffen und auch an Training.

Die Kriminellen – das, was manchmal auch „Widerstand“ genannt wird –, die Leute von Al-Qaida und andere Gruppierungen sind sehr gut organisiert und arbeiten zusammen, auch wenn sie nicht dasselbe Ziel verfolgen. Aus diesem Grund wird die Situation vor allem in Bagdad und Mosul immer schlechter.

ZENIT: Was ist im Augenblick Ihre größte Sorge?

--Erzbischof Sako: Als Iraker bin ich zutiefst erschüttert angesichts der vielen Opfer: Täglich gibt es 100 Todesopfer. Und als Seelsorger mache ich mir große Sorgen über die Zukunft der Christen, die nach Syrien, Jordanien und in den Libanon auswandern. Die einfacheren, armen Leute ziehen ins Kurdengebiet im Norden des Landes, wo es eigentlich sehr sicher ist. Allerdings gibt es dort keine Infrastruktur und keine Pastoralarbeit. Wir müssen dort Schulen und Krankenhäuser errichten, und wir müssen auch Priester finden, die diese Menschen betreuen – das ist eine sehr große Arbeit, denn wir verfügen nicht über eine ausreichende Anzahl von Priestern.

ZENIT: Glauben Sie, dass man die Lage im Irak im Westen, in den USA und im Vatikan richtig einschätzt?

--Erzbischof Sako: Nichts ist von Dauer, das ist das große Problem. Es lässt sich nichts planen, denn man hat keine klaren Vorstellungen und kennt die Zukunft nicht. Es gibt keine Strategie. Wir wissen nicht, was die Amerikaner mit dem Irak machen werden, ob sie das Land etwa als Art Staatenbund zusammenhalten wollen – wir wissen es nicht.

Die Ortskirche verfügt nicht über eine funktionierende „Maschinerie“. Die christlichen Parteien sind nicht autonom, weil sie zu anderen Parteien dazugehören, und sie sind außerdem sehr schwach und kaum in der Lage, für unsere Rechte einzutreten.

Wie Sie vielleicht wissen, lebten 70 Prozent der Christen in Bagdad. Die große chaldäische Gemeinde war ursprünglich in Bagdad. Jetzt sind ihre Mitglieder in der ganzen Welt zerstreut, und Bagdad ist ein großes Gefängnis, aus dem man nicht herauskommt. Und wenn man herauskommt, dann wird nicht damit gerechnet, dass man wieder heil zurückkommt.

Der Raum für die Pastoralarbeit ist also sehr eingeschränkt. Wir bemühen uns nur darum, das beizubehalten, was wir bereits haben und was wir machen.

Ich glaube aber, dass sich im Norden viele Arbeitsmöglichkeiten ergeben können. Dort ist es sicher und es gibt viele christliche Familien, die dort hingezogen sind, in die Ortschaften, aus denen sie stammen. Und auch wenn es dort nicht viele Einrichtungen gibt, kann die Kirche doch helfen, Kindergarten, Grundschulen und Krankenhäuer zu bauen.

Wenn auch unser eigener Klerus nicht ausreicht, so können wir doch an die Missionare appellieren, zu uns zu kommen. Allein schaffen wir das nicht. Außerdem gibt es in den Kurdengebieten zahlreiche Protestanten, die aus dem Ausland kommen. Warum nicht auch Katholiken? Die Katholiken können dasselbe tun. Wir sind ja eine apostolische Kirche und sehr alt – es gibt uns schon seit 2.000 Jahren. Wir müssen an unsere Zukunft denken, die möglicherweise in diesem Gebiet liegen wird.

ZENIT: Sie hoffen also auf Priester von anderswo?

--Erzbischof Sako: Ja: aus der arabischen Welt – dem Libanon und Ägypten –, aber auch aus Europa. Zunächst sind Dominikaner und Jesuiten ja aus Frankreich und den USA zu uns gekommen, ja auch Franziskaner aus Europa. Jetzt ist der Moment da, die Ortskirche zu unterstützen.

ZENIT: Wie viele Priester gibt es, und wie viele brauchen Sie?

--Erzbischof Sako: Ich glaube, wir Chaldäer besitzen im ganzen Land 70 Priester. Wir brauchen noch 150.

ZENIT: Ist es möglich, die Christen davor abzuhalten, ins Ausland zu gehen?

--Erzbischof Sako: Nein, denn schließlich geht es um ihre Zukunft. Wir können viele dazu veranlassen, in den Norden zu ziehen, aber dort fehlt es wie gesagt an der nötigen Infrastruktur, an Schulen und Krankenhäusern, und es gibt dort noch kein gesellschaftliches Leben.

ZENIT: Wie wird in Ihrer Erzdiözese das Christentum gelebt?

--Erzbischof Sako: In Kirkuk ist es ein wenig anders als in den anderen Städten, denn es gibt keine fanatischen Bewegungen. Unter den verschiedenen Gruppen herrscht Harmonie. Mit den Kurden, Arabern, Turkomanen und Syro-Chaldäern stehen wir im Dialog. Normalerweise gibt es zwischen uns keine Gewalt. Es gibt verschiedenste Aktivitäten, und generell läuft alles friedlich ab.

Nach der Vorlesung des Papstes in Regensburg erklärte ich in einer öffentlichen Stellungnahme seine Intentionen und unterstrich dabei, dass die Kirche die guten Anliegen der Muslime immer unterstützt hat: Palästina, Libanon, Irak in der Zeit vor dem Krieg.

Zum Ramadan habe ich die Imame, den muslimischen Klerus und auch die Verantwortlichen der Stadtverwaltung zu einem großen Dialog eingeladen.

Es gibt also ein gutes gegenseitiges Verständnis, aber wir wissen nicht, was passieren wird. Die Kurden zum Beispiel beanspruchen Kirkuk als Hauptstadt von Kurdistan usw.

Große Spannung herrscht zwischen den Volksgruppen, nicht zwischen den Religionen.

ZENIT: Was würden Sie in Bezug auf den Dialog mit der muslimischen Glaubensgemeinschaft vorschlagen?

--Erzbischof Sako: Wissen Sie, zunächst einmal gibt es keinen Dialog, denn das ist nicht möglich. Vielleicht kann sich ein Dialog einmal in der Zukunft ergeben, wenn der Ansprechpartner gut vorbereitet ist. Ich glaube, dass die Imame auch wissenschaftlich sehr gut ausgebildet sein müssten und die Offenheit haben sollten, ihre Religion frei darzulegen.

Im Koran stehen viele wunderbare Dinge; es gibt sehr positive Verse, aber natürlich auch negative. Wir müssen also die guten Verse betonen, um das Gemeinsame zu stärken, und sie müssen ihrerseits für den Schutz der Christen und ihrer Würde eintreten.

Die Christen sind ja immer Brückenbauer und begünstigen Offenheit, den Dialog der Kulturen und den Frieden. Wenn wir den Irak verlassen, werden sie die Verlierer sein, denn es würde dann nur mehr eine „Farbe“ geben. Die Christen sind für sie eine Bereicherung, und sie sind es auch für uns.

Was es schon gibt, sind Gespräche im alltäglichen Leben: Wir arbeiten und leben miteinander. Für einen Dialog auf theologischer Ebene sind sie aber meiner Ansicht nach noch nicht ausreichend vorbereitet.

ZENIT: Gibt es konkrete Formen der Zusammenarbeit?

--Erzbischof Sako: Man bemüht sich, mit vereinten Kräften die irakische Gesellschaft aufzubauen.

ZENIT: Wird die Religionsfreiheit der Christen in irgendeiner Weis eingeschränkt, gibt es für sie Restriktionen?

--Erzbischof Sako: Nein, keineswegs. Wir haben vier Vertreter im irakischen und fünf im kurdischen Parlament, einen Minister in Bagdad und drei in Kurdistan.

Es hängt von uns ab, denn auch bei uns Christen gibt es Spaltungen. Das schwächt uns sehr. Wenn wir mit einer Stimme auftreten würden, wären wir einflussreicher und könnten zehn Parlamentsabgeordnete und mehr Minister stellen.

Ich glaube, es gibt heute acht verschiedene christliche Parteien, rund zehn christliche Zeitschriften und Tageszeitungen, zwei Fernsehsender und auch Radiosender. Es gibt zahlreiche Tätigkeiten. Das einzige Problem ist die mangelnde Sicherheit. Das ist das große Problem für alle Iraker, aber ganz besonders für die Christen, weil wir eine Minderheit sind.

Wenn jemand getötet wird, spricht sich das schnell herum; jeder weiß davon, und so entsteht Panik.

ZENIT: Was erwarten Sie sich von der internationalen Staatengemeinschaft?

--Erzbischof Sako: Zuallererst, dass sie den Muslimen hilft, eine neue Lesart der Religion vorzunehmen. Europa sollte für die christliche und alle anderen Minderheiten im Irak den Respekt und die Rechte einfordern, die den Minderheiten in Europa gewährt werden. Das sollten die europäischen Staaten von den Regierungen des Nahen und Mittleren Ostens verlangen.

ZENIT: Was sieht ihr Bild vom Irak der Zukunft aus?

--Erzbischof Sako: Ich bin noch immer optimistisch, denn es ist uns alles gegeben, damit es uns besser geht als jetzt. Wir verfügen über viele Ressourcen, und unsere Völker sind sehr dynamisch.

Wenn im Irak wieder Sicherheit einkehrt, werden auch wieder viele Familien zurückkommen, davon bin ich überzeugt. Wenn einmal Frieden herrscht, können wir sehr viel unternehmen und unseren Glauben bezeugen. Dann können wir unsere Geschichte und unser reiches Erbe in allen Städten bekannt machen. Wir können auch im Leben unserer muslimischen Mitbürger eine große Rolle spielen.