„Alles vergeht, Gott allein bleibt“: P. Raniero Cantalamessa zum 1. Adventsonntag

Kommentar zum ersten Sonntag im Lesejahr A

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ROM, 22. November 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., mahnt in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden ersten Adventsonntags (vgl. Jes 2,1-5; Röm 13,11-14a; Mt 24,37-44) zur Wachsamkeit. Wüsste man, wann einem die „letzte Stunde“ schlägt, lebte man in ständiger Angst, erklärt er unter anderem.


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Seid wachsam!

Heute beginnt das erste Jahr des dreijährigen liturgischen Zyklus, das Lesejahr A, in dem uns das Matthäusevangelium begleitet. Einige Kennzeichen dieses Evangeliums sind: die Ausführlichkeit, mit der die Lehren Jesu wiedergegeben werden (die berühmten Reden und Predigten wie die Bergpredigt), und die Aufmerksamkeit, die der Beziehung Gesetz – Evangelium (das Evangelium ist das „neue Gesetz“) entgegengebracht wird. Aufgrund des Berichts über den Primat Petri und des in den anderen Evangelien so nicht vorkommenden Gebrauchs des Wortes „ecclesia – Kirche“ – wird das Matthäusevangelium als das „kirchlichste“ angesehen.

Das hervorstechendste Wort des Evangeliums dieses ersten Adventssonntags lautet: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt… Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“

Manchmal fragt man sich, warum Gott uns etwas derartig Wichtiges wie die Stunde seines Kommens verborgen hält, die für einen jeden von uns im einzelnen mit der Stunde des Todes zusammenfällt. Die traditionelle Antwort lautet: „damit wir wachsam seien und ein jeder glaubt, dass dies zu seinen Tagen geschehen kann“ (Hl. Ephräm der Syrer). Der Hauptgrund aber ist, dass Gott uns kennt. Er weiß, welch schreckliche Angst wir hätten, kennten wir die genaue Stunde im Vorhinein und müssten wir zusehen, wie sie sich langsam, aber unvermeidlich nähert. Gerade das ist es auch, was bei bestimmten Krankheiten die meiste Furcht einflößt. Zahlreicher sind heute die Menschen, die an plötzlichen Herzkrankheiten sterben, als jene, die an so genannten schweren unheilbaren Krankheiten leiden. Und dennoch: Wie viel mehr ängstigen diese Krankheiten, scheinen sie uns doch die Unsicherheit zu nehmen, die es uns gestattet zu hoffen.

Die Ungewissheit der „Stunde“ darf uns nicht dazu bringen, gedankenlos zu leben, sondern als Menschen, die wachsam sind. Nimmt das liturgische Jahr seinen Anfang, so geht das weltliche Jahr zu Ende. Dies ist eine sehr gute Gelegenheit, um eine Überlegung über den Sinn unserer Existenz anzustellen.

Im Herbst lädt uns die Natur selbst dazu ein, über das Vergehen der Zeit nachzudenken. Was der Dichter Giuseppe Ungaretti über die Soldaten im Schützengraben auf dem Carso während des Ersten Weltkriegs sagte, gilt für alle Menschen: „Man ist wie im Herbst auf den Bäumen die Blätter.“ Das heißt: Man kann von einem Moment auf den anderen fallen. „Vàssene il tempo e l’uom non se n’avvede“, so sagt Dante Alighieri: „Die Zeit vergeht, und der Menschen wird dessen nicht gewahr.“

Ein Philosoph der Antike brachte diese grundlegende Erfahrung in einem Satz zum Ausdruck, der bis heute berühmt geblieben ist: „panta rhei – alles fließt“. Im Leben ist es wie beim Fernsehen: Die Programme folgen rasch aufeinander, und das neue löscht das ältere. Der Schirm bleibt derselbe, die Bilder aber wechseln. So ist es mit uns: Die Welt bleibt, wir aber gehen einer nach dem anderen. Von allen Namen, Gesichtern, Nachrichten, die die Zeitungen und Fernsehsendungen von heute anfüllen – von mir, von dir, von uns allen –, was wird davon in ein paar Jahren oder Jahrzehnten bleiben? Nichts. Der Mensch ist nichts anderes als „ein von der Welle auf dem Strand des Meeres geschaffenes Zeichen, das von der nachfolgenden Welle ausgelöscht wird“.

Sehen wir zu, was uns der Glaube zur Tatsache, dass alles vergeht, zu sagen hat. „Die Welt und ihre Begierde vergeht; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ (1 Joh 2,17). Es ist da also jemand, der nicht vergeht – Gott –, und es besteht die Möglichkeit, dass auch wir nicht gänzlich vergehen. Wenn wir den Willen Gottes tun, das heißt glauben, bei Gott sind.

In diesem Leben sind wir wie Menschen auf einem Floß, das durch die Strömung eines reißenden Flusses auf das offene Meer hinaus getrieben wird, von dem es keine Rückkehr gibt. In einem bestimmten Moment kommt das Floß an die Nähe des Ufers. Der Schiffbrüchige sagt: „Jetzt oder nie!“, und springt ans Festland. Was für eine Erleichterung, wenn er den Felsen unter seinen Füßen spürt! Das ist das Gefühl, das oft derjenige hat, der zum Glauben kommt. Wir könnten zum Abschluss dieser Überlegungen an die Worte erinnern, die die heilige Teresa von Avila als eine Art geistliches Testament hinterlassen hat: „Nichts soll dich ängstigen, nichts dich erschrecken. Alles vergeht, Gott allein bleibt.“

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]