"Als Kind werden" - Erniedrigung oder Höchstleistung?

Antwort von P. Ivan Fuček SJ, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom

Rom, (ZENIT.org) P. Ivan Fuček SJ | 343 klicks

Es wird gefordert, dass wir werden „wie die Kinder“. Ist das vollkommener? Ich begreife das schwer, uns es stösst mich sehr ab. Das ist nicht anziehend und auch nicht erlaubt für einen erwachsenen Menschen, der Erfahrung, Ansehen, seine Persönlichkeit hat. Von einem erwachsenen Menschen kann man verlangen, dass er anständig, gerecht, umsichtig, sogar in rechter Weise auch demütig sei. Aber, man kann nicht verlangen, dass er werde „wie das Kind“, kindisch, oberflächlich, sorglos, naiv. Das Leben hat seine Perioden und seine Gesetze. Ist die Kindheit die ideale Zeit, nach der der erwachsene Mensch nun erneut streben muss? Sollte das Ideal eines erwachsenen Menschen nicht sein: charaktervoll, reif, erwachsen ordentlich, vernünftig?

Ich habe vier Kinder. Kinder sind für mich kein Ideal – von Neuem so werden wie sie sind. Im Gegenteil, ich weise sie ein, erziehe sie, fordere von ihnen; ich tue alles, damit sie erwachsene, reife Persönlichkeiten werden. Wie ist also Jesu Forderung, werden „wie die Kinder“, zu verstehen?

Mutter, Ärztin

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Es ist richtig, dass Jesus fordert, dass wir „wie die Kinder“ werden. Die Szene ist bekannt. Die Apostel haben darüber diskutiert, „wer der Größte sei“ (Mk 9, 34). Auch in der jüdischen Rabbinerschule wurde lange diskutiert: wem der erste Platz im Reich Gottes gehört? Das hat auch die Jünger Jesu erfasst: wie ist der Gipfel vor Gott und den Menschen zu erreichen? Jüdische Schriftgelehrte haben Kriterien festgesetzt: Gerechtigkeit, Kenntnis des Gesetzes, Unterweisung der Unaufgeklärten, Martyrium…Jesus antwortet nicht direkt, sondern mit einer bildhaften Geste, wie einmal die Propheten in ähnlichen Fällen. Im Osten war es üblich, dass sich unter den Älteren, wenn sie Gespräche führten, das eine oder das andere Kind befand. So auch damals. Jesus wertet symbolisch, aber anschaulich, um hundertachzig Grad die Werte und die Größen um, wie sie die Menschen begreifen. „Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen „ (Mk 9, 36): „Amen, ich sage euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 18, 2-3). Der Arzt Lukas führt diese Worte in der Einzahl an: „Amen, das sage ich euch: Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen“ (Lk 18, 17).

Ihr Problem, dass es „schwer zu verstehen“, dass es „widerlich“ sei, und dass Sie darin nicht größere „Vollkommenheit“ sehen können, ist ganz verständlich. Auch zu der damaligen Zeit im Osten hat das Kind nichts bedeutet; es wurde auf den Rat eines reifen erfahrenen Menschen gehört. In diesem Sinne lesen wir in der Bibel: „Wie gut steht Hochbetagten Weisheit an… Ein Ehrenkranz der Alten ist reiche Erfahrung“ (Sir 25, 5-6). Noch mehr, für den hl. Paulus ist das Ideal „reifer Mensch“. Er schreibt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, legte ich ab, was Kind an mir war“ (1 Kor 13, 11).  Unser technisches Zeitalter schätzt den Menschen „Erzeuger“, und diese Zivilisation ist nach dem „erwachsenen“ Menschen abgemessen. Alte Menschen? Sie kommen heute nicht mehr in Frage: sie sind in Altenheimen! Kinder, was sollen wir mit ihnen? Also, Reife, Schöpfung und Eigenverantwortung sind Merkmale der heutigen Mentalität. Der Mensch ist fortgeschritten in der Kenntnis des Alls, der Welt und sich selbst. Es bleibt doch die Frage, ob er fortgeschritten ist in der Kenntnis von sich selbst als Kind Gottes – dass er Geheimnis ist? Ist er fortgeschritten ist in der Stärkung des Willens, in der Ordnung seiner Gefühle?

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Aufgabe der Erziehung ist, Kinder so zu erziehen, dass sie „eigenständige, reife Persönlichkeiten“ werden. Christus verwirft das nicht. Im Gegenteil, diese Ihre Aufgabe als Mutter ist völlig im Einklang mit dem Evangelium. Christus verwirft die falsche Reife der Pharisäer, die sich selbst genügt. Der Pharisäer aller Zeiten ist der Mensch, der in sich selbst verschlossen ist, groß, wichtig, sicher, von sich selbst und von seiner gesetzlichen Ordnung überzeugt. Christus tadelt diese Sicherheit, Überzeugung, Größe, Hochmut, Selbstgefälligkeit. Dem gegenüber stellt er als Model „das Kind“. Jesu Blick geht nach unten – zum Kind, nicht nach oben – zum selbstgefälligen Menschen. Wie soll man das verstehen? Sicher ist das Kind kein Vorbild im biologischen Sinne; es ist physisch noch unentwickelt. Es ist ebenfalls kein Vorbild im soziologischen Sinne, weil es von den anderen, die es ernähren und kleiden, ganz abhängig ist. Es ist auch kein Vorbild in der psychologischen Hinsicht, weil es geistig und willentlich noch unterentwickelt ist: es ist kindisch. Es ist auch kein Vorbild in sittlicher Hinsicht, im Sinne der Unschuld, weil das Kind noch nicht erwachsen ist, um eigenständig durch freie Handlungen und Entscheidungen tugendhaft zu wirken. Es geht bei Jesus auch nicht um eine gewisse sentimentale Nostalgie  oder Sehnsucht nach der verlorenen Kinderzeit. Jesus spricht nicht in diesem Sinne wie ein moderner Schriftsteller.

Wie muss man also Jesus verstehen?  Nur und ausschließlich im religiösen Sinne. Es gibt zwei Arten von Religiosität: eine Religiosität ist des verschlossenen Typus, mit dem Schwerpunkt an sich selbst (das ist die Religiosität der Pharisäer, wo die menschliche Bekehrung unmöglich ist, weil er sich selbst genügt, er benötigt Gott nicht, oder, auch wenn er ihn anerkennt, modeliert er ihn auf seine Weise, so wie es ihm gefällt); die andere Religiosität ist des offenen Typus, wofür der reumütige Zöllner im Tempel als Beispiel dient (Lk 18, 13). Hier liegt der Schwerpunkt auf Gott und nicht auf Menschen. Das Schlüsselmerkmal dieses „als Kind sein“ ist, also, der Glaubende, der seine ganze Hoffnung auf Gott setzt in voller Abhängikeit von ihm. Weder „Schaf“, noch „Schuldner“, noch „Kind“ – wovon Matthäus im gleichen Kapitel spricht – haben in der Kirche eine aktive Rolle (vgl. Mt 18). Sie sind machtlos, sie bedürfen fremder Fürsorge, sie sind offen für das Empfangen, sie sind klein, bescheiden, demütig. Schließlich, derjenige, der bei Matthäus sorgt, ist der himmlische Vater (Mt 6, 25-34).

Das bedeutet, eine der fundamentalen Voraussetzungen, ohne die es kein Heil gibt, d.h. es gibt keinen Eintritt in das Reich Gottes, ist die Haltung eines Kindes vor Gott: seine Hilflosigkeit; von sich aus kann es nichts. So hilflos sind wir, wir können selber nichts in Hinsicht auf das Reich Gottes: von sich aus können wir nichts im übernatürlichen Sinne tun, es wurde uns alles geschenkt. Das war die Haltung der sogenannten Anawim im Alten Testament, d.h. der Armen, der Verstossenen u. ä. In diesem Sinne hat auch unsere Mutter Gottes ihr Lobgesang, Meine Seele, preist…(Magnificat) gesungen. Es ist der Ausdruck der gleichen Hilflosigkeit: ich bin die Magd des Herrn! Darin besteht auch das Wesen, die Substanz, der Kern der Bekehrung: Der Mensch steht in seiner Machtlosigkeit offen für das Empfangen. Ohne eine solche wahrhafte Umkehr, als erste Bedingung, gibt es kein Eingehen in das Reich Gottes, und noch weniger kann man dort „erste Plätze“ erreichen – worüber die Rabbiner des Alten Testamentes und später auch die Jünger unseres Herrn diskustierten.Das „sich Bekehren“ bedeutet, umdrehen, die bisherige Richtung ändern: bis jetzt ist man rückwärts gegangen, nun muss man sich umdrehen und nach vorne gehen. Das bedeutet, radikal seine Art zu denken und zu handeln ändern. Der Mensch ist von Natur aus zum Ruhm und zur Größe hingerichtet: Jesus lehrt, dass sich ein solcher Mensch außerhalb des Weges befindet, er muss unbedingt die „Fahrtrichtung“ ändern. Solche Auffassung der Forderung Jesu „wie Kinder“ zu sein,vertieft sogar auch diesen religiösen Sinn und lässt ihn zum ausgesprochenen christlichen Sinn der Umkehr werden.

„Wie Kind sein“ bedeutet, demzufolge, vollkommen Gott ergeben zu sein, auch wenn ich schon 40 oder 80 Jahre alt bin, sich in völliger Unmöglichkeit zu befinden, sich auf etwas vor Gott als eigene Verdienste berufen zu können, auf Fähigkeiten, auf eigene Werke – was ich Gutes tue, kommt von Gott, von mir kann nur Sünde kommen. Ein Kind hat keinerlei „Versicherungen“. Es besitzt nichts, es ist völlig von anderen abhängig, es ist neu, ergeben, ohne Hintergedanken, ohne Intrigen, hat nicht gelernt, zu sabotieren und Gott zu verraten. Und deshalb Christus, getreu wie im Spiegel, findet sich selbst im Kind und möchte jeden Christen finden, sei er noch so alt, so fähig oder gelehrt. In diesem Sinne ist das kleine Kind der einzige Kandidat für den Himmel, der tatsächlich eine Chance hat.

(Quelle: Ivan FUČEK, Moral-Geistliches Leben, Band Zwei: Gesetz - Glaube,  Split, 2004, Seiten 251-253)

Ivan Fuček ist Jesuitenpater, Professor im Ruhestand an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Theologe an der Apostolischen Pönitentierie.