Als Matrosen aus Sardinien in Argentinien an Land kamen

Erzbischof Giovanni Angelo Becciu über die Hintergründe der Reise des Papstes nach Cagliari

Vatikanstadt, (ZENIT.org) H. Sergio Mora | 479 klicks

80.000 mit Genehmigungen ausgestattete Pilger, 700 Busse, die auf zwei großen Parkflächen Platz finden, Sonderzüge, 5.000 Helfer auf der Piazza, eine Verdoppelung des U-Bahn Verkehrs, Hunderte von Zugängen zu Straßen, durchgehend offene Plätze und Zehntausende von Sardiniern in Erwartung ihrer Reise nach Cagliari, wo sie am 22. September Papst Franziskus begegnen können.

Einer der bei dem Zusammentreffen anwesenden Würdenträger ist der Gouverneur von Buenos Aires Mauricio Macri.

Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen Sardinien und Argentinien, und aus welchem Grund entschloss sich der Papst zu einer Reise nach Cagliari?

Um eine Antwort auf diese und weitere Fragen zu finden, führte ZENIT ein Gespräch mit Erzbischof Giovanni Angelo Becciu, Substitut des Vatikanischen Staatssekretariates.

Papst Franziskus wird sich am 22. September nach Sardinien zum Heiligtum von Bonaria begeben. Worauf beruht dieser Wunsch des Papstes?

Msgr. Becciu: Eines Tages erklärte mir der Heilige Vater, dass der Name der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires auf die Landung einer Gruppe sardischer Matrosen auf diesem Strand zurückzuführen sei. Diese hätten dem spanischen Entdecker Juan de Garay im Jahre 1580 die Bezeichnung der Stadt mit dem Namen des Heiligtums von Cagliari, Unsere Liebe Frau von Bonario, empfohlen oder auferlegt. Da ich sein Interesse an diesem Heiligtum spürte und wusste, dass er nicht so bald nach Argentinien zurückkehren würde, sagte ich Folgendes zu ihm: Vielleicht kann Sie ein Besuch des nahen „Buenos Aires“ in Sardinien ein wenig trösten. Ich wollte ihn nur ein wenig zum Schmunzeln bringen, doch wenige Tage später kam die Ankündigung seiner Reise nach Cagliari!

Was können wir unseren Lesern über die Geschichte der Statue berichten?

Msgr. Becciu: Einer Erzählung nach geriet ein Schiff aus Katalonien am 25. März 1370 vor der Küste von Cagliari aufgrund eines plötzlichen und heftigen Sturmes in Seenot. Damit ihr Schiff nicht unterging, warf die Mannschaft die Ladung ins Meer, unter anderem eine sperrige Truhe. Durch den Kontakt dieser Truhe mit dem Wasser legte sich der Sturm und die Truhe landete ruhig am Strand Cagliaris. Die Mönche des aus dem Strand emporragenden Hügels von Bonaria gelegenen Mercedarier-Klosters öffneten die Truhe und fanden in ihrem Inneren eine große Statue aus dem Holz des Johannesbrotbaumes von der Jungfrau Maria, die mit einer Hand das Jesuskind trug im Arm hielt und in der anderen eine brennende Kerze. Somit erhielt die mit dieser Statue verkörperte Gottesmutter aufgrund des Ortes ihrer Auffindung den Namen Unsere Liebe Frau von Bonaria.

Welches besondere Wunder ereignete sich?

Msgr. Becciu: Die Stillung des Sturmes. Neben dem Wunder – auch die Geschichte der Auffindung von Wunderstatuen in Lateinamerika liegt oft einem Wunder zugrunde – ist die Tatsache, dass sich die Verehrung der Gottesmutter von Bonaria sowohl auf ganz Sardinien als auch unter den spanischen Seefahrern ausbreitete. Aus diesem Grund wurde die Gottesmutter von Bonaria zur Schutzpatronin der Seefahrer, die höchste Patronin Sardiniens sowie ein Wallfahrtsort und Treffpunkt für die Menschen Sardiniens.

Der Ort war ein Heiligtum der Mercedarier, die sich des Schutzes der schwarzen Gefangenen, aber auch der Indios in Amerika annahmen. Die Mercedarier-Brüder gründeten im Jahre 1335 eine Niederlassung auf diesem Hügel. Ihre Präsenz währt daher bereits seit sieben Jahrhunderten! Wir wissen, dass der hl. Pietro Nolasco den Orden im Jahre 1218 in Barcelona gegründet hatte, um die von den Muslimen versklavten Christen aus der Gefangenschaft zu befreien. Im Laufe der Jahrhunderte wurden ihnen hohe Verdienste zugebilligt. So entwickelten sie Formen der Hilfe für die bedürftigsten Gesellschaftsschichten und hielten zugleich ihre Verehrung des Heiligtums von Bonaria lebendig. Papst Franziskus ist der vierte Papst, der von den Mercedarier-Brüdern aufgenommen wird. Der erste war Paul VI. im Jahre 1970, gefolgt von Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Wie bereiten sich die Menschen in Sardinien auf die Ankunft des Papstes vor?

Msgr. Becciu: Ich stamme aus Pattada, einem Ort in der Diözese Ozieri, Provinz Sassari. In den vergangenen Tagen befand ich mich in meiner schönen Insel auf Urlaub und wurde daher zu einem unmittelbaren Zeugen der unter meinen Landsleuten herrschenden Erwartung der Papstvisite. Sie sind stolz auf das ihnen entgegengebrachte Privileg, und ich bin mir sicher, dass sie ihm einen außergewöhnlichen Empfang bereiten werden.

Sardinien ist die Heimat von Hirten, aber auch von Winden, Häfen, Seefahrern und, wie ich glaube, sardischer Einwanderer nach Lateinamerika.

Msgr. Becciu: Sardinien hat aufgrund seiner eindrucksvollen landschaftlichen Gegebenheiten, der traditionellen Gastfreundlichkeit der lokalen Bevölkerung, seiner Küche, und als Ziel des internationalen Tourismus mittlerweile Berühmtheit erlangt. Neben ihrer Schönheit sieht sich die Insel jedoch mit einer schweren Beschäftigungskrise konfrontiert, von der vor allem die jungen Bevölkerung betroffen ist. Diese ist zur Auswanderung gezwungen, um anderswo ihr Glück zu versuchen. Dieser Aspekt wird während des Papstbesuches aufgrund seiner Tragik nicht unerwähnt bleiben. Es besteht die Hoffnung, dass der Papst einen Aufruf an die politischen Autoritäten und das Unternehmertum richtet und sie dazu ermutigt, einen Ausweg aus dem Tunnel zu suchen.