Altarkreuze

Der "liturgische Osten", Bezugspunkt zum zentralen Heilsgeheimnis

Rom, (ZENIT.org) Edward McNamara LC | 246 klicks

P. Edward McNamara, Professor für Liturgie am Päpstlichen Athenäum „Regina Apostolorum“ in Rom, beantwortet eine Leserfrage über Altarkreuze.

Frage: In der Grundordnung für das Römische Messbuch wird viermal das Kruzifix auf dem Opferaltar erwähnt. Muss nun auf alle Altäre eins gestellt werden? -- J.M., Kansas City, Missouri, USA.

P. Edward McNamara: Ich nehme an, unser Leser bezieht sich auf die folgenden vier Textstellen in der Grundordnung:

„117. Der Altar ist mit mindestens einem weißen Tuch zu bedecken. Auf den Altar oder in seine Nähe sind bei jeder Feier wenigstens zwei Leuchter mit brennenden Kerzen zu stellen, auch vier oder sechs, vor allem wenn es sich um die Messe am Sonntag oder an einem gebotenen Feiertag handelt, oder sieben, wenn der Diözesanbischof zelebriert. Ebenso hat es auf dem Altar oder neben ihm ein Kreuz mit dem Bild des gekreuzigten Christus zu geben. Die Leuchter aber und das mit dem Bild des gekreuzigten Christus geschmückte Kreuz können in der Einzugsprozession mitgetragen werden. Auf dem Altar kann das Evangeliar, das von dem die anderen Lesungen enthaltenden Buch verschieden ist, gelegt werden, sofern es nicht in der Einzugsprozession mitgetragen wird.“

„122. Am Altar angelangt, machen der Priester und alle liturgischen Dienste eine tiefe Verneigung. Das mit dem Bild des gekreuzigten Christus geschmückte und gegebenenfalls in der Prozession mitgetragene Kreuz kann neben dem Altar aufgestellt werden, so dass es zum Altarkreuz wird, das aber nur eines sein darf; andernfalls wird es an einem würdigen Ort abgestellt. Die Leuchter aber werden auf den Altar oder neben ihn gestellt; das Evangeliar wird angemessenerweise auf dem Altar niedergelegt.“

„188. Beim Gang zum Altar kann der Akolyth, in der Mitte zwischen zwei Ministranten mit brennenden Kerzen, das Kreuz tragen. Wenn er beim Altar angekommen ist, stellt er es neben dem Altar auf, so dass es zum Altarkreuz wird, sonst stellt er es an einem würdigen Ort ab. Dann nimmt er seinen Platz im Altarraum ein.“

„350. Außerdem ist mit aller Sorgfalt auf das zu achten, was unmittelbar mit dem Altar und der eucharistischen Feier zusammenhängt, wie etwa das Altarkreuz und das Kreuz, das in der Prozession mitgetragen wird.“

Man sollte darauf hinweisen, dass das Wort „Kruzifix“ im Text nicht vorkommt, obwohl klar ist, dass sich die Abschnitte Nr. 117 und 122 darauf beziehen.

Der Grundordnung nach kann das Kreuz sowohl auf den Altar selbst als auch neben ihn gestellt werden.

Das gleiche Verständnis liegt dem Dokument der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten über die Ausstattung von Kirchen, „Built of Living Stones“ (Aus lebendigen Steinen gebaut), zugrunde:

„91. Das Kreuz mit dem Bild des gekreuzigten Christus ruft das Ostergeheimnis Christi in Erinnerung. Es nimmt uns in das Geheimnis des Leidens mit hinein und ist ein greifbares Zeichen dafür, dass wir glauben, dass unser mit der Passion und dem Tode Christi vereintes Leid uns die Erlösung bringt. Wenn ein Kruzifix auf dem Altar steht und groß genug ist, dass es die Versammlung sieht, kann es die liturgische Handlung auf dem Altar verdecken. Daher kann es angemessener sein, eine andere Lösung zu suchen. So kann das Kreuz mit dem Bild des gekreuzigten Christus über dem Altar oder an der Wand des Altarraumes aufgehängt werden. Das Kreuz in Altarnähe kann auch mit einem Vortragekreuz, das für die Versammlung sichtbar ist, identisch sein. Falls ein Vortragekreuz benutzt wird, sollte es nicht zu groß oder zu schwer sein, damit es getragen werden kann. Wenn im Altarraum schon ein Kreuz steht, wird das Vortragekreuz nach der Eingangsprozession dorthin gestellt, wo es die Versammlung nicht sieht.“ – [vgl. „Leitlinien für den Bau und die Ausgestaltung von gottesdienstlichen Räumen“ – Handreichung der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz (9),  25. Oktober 1988, Abschnitt 6.1.4.]

Was den Ort des Altarkreuzes angeht, bieten die Vorschriften also verschiedene Optionen. Es gibt derzeit kein Gesetz, das den Fall zugunsten dieser oder jener Lösung entscheidet.

Allerdings ist weithin bekannt, dass Benedikt XVI., noch ehe er Papst war, dafür eintrat, dass ein großes Kruzifix auf den Altar gestellt werden sollte, um so einen „liturgischen Osten“ zu schaffen oder einen Bezugspunkt, der die Gedanken des Priesters und der Gläubigen auf das zentrale Heilsgeheimnis, das bei der Messe durch das Kreuz vergegenwärtigt und symbolisiert wird, lenkt.

Während seines Pontifikates stand also bei Papstmessen normalerweise ein solches Kruzifix auf dem Altar. Papst Franziskus hat dies auch weiterhin so praktiziert.

Auf diese Weise gehen uns die Päpste mit ihrem Beispiel voran und führen uns in eine gute liturgische Praxis ein. Bisher ist jedoch noch kein die Rechtslage veränderndes Dekret bzw. eine solche Vorschrift erlassen worden. Deswegen sind die in der Grundordnung gegebenen Normen gültig und rechtskräftig.

Es könnte sein, dass die Päpste in diesem Fall absichtlich kein Gesetz erlassen haben, weil sie die Diskussion darüber, was das Beste ist, nicht  auf diese Weise abschließen und jenen Raum geben wollen, der es erlaubt mit Flexibilität auf unterschiedliche pastorale Gegebenheiten zu reagieren.

Übersetzt von P. Thomas Fox, LC aus dem englischen Originalartikel http://www.zenit.org/en/articles/crucifixes-on-the-altar