Am Anfang steht die Liturgie

Erster Band der Gesamtausgabe der theologischen Schriften von Joseph Ratzinger

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Von Michael Karger



WÜRZBURG, 17. Oktober 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Im persönlichen Auftrag von Papst Benedikt XVI. wurde der Bischof von Regensburg, Gerhard Ludwig Müller, mit der Herausgabe sämtlicher theologischer Schriften des Professors, Erzbischofs von München und Freising, Kurienkardinals und Papstes Joseph Ratzinger betraut. Zu diesem Zweck gründete Bischof Müller das in den Räumen des Regensburger Priesterseminars angesiedelte „Institut Papst Benedikt XVI.“ und berief den Trierer Dogmatikprofessor Rudolf Voderholzer, bekannt durch zahlreiche Publikationen auf dem Gebiet der Ratzinger-Forschung, an dessen Spitze. Auf ausdrücklichen Wunsch des Heiligen Vaters sollte die auf insgesamt sechzehn Bände angelegte Werkausgabe mit den Schriften zur Liturgie – in der Reihe als elfter Band gezählt – eröffnet werden. Dieser Eröffnungsband liegt nun unter dem Titel „Theologie der Liturgie“ vor.

Die editorischen Hinweise von Rudolf Voderholzer zur Gesamtausgabe geben einen Einblick in den Editionsplan und die leitenden Prinzipien des Unternehmens: Es wird eine möglichst vollständige Ausgabe des gedruckten Werkes angestrebt, die durch ungedruckte und noch nicht auf Deutsch erschienene Schriften ergänzt wird. Der Editionsplan folgt einer systematischen Ordnung. Die Monographien Ratzingers werden unverändert aufgenommen und um verwandte Texte ergänzt. Die von Ratzinger publizierten Aufsatzsammlungen werden „aufgelöst und die einzelnen Schriften in die neue Systematik eingefügt“. Die Bände I und II enthalten die Dissertation (Augustins Kirchenverständnis) und die Habilitationsschrift (Bonaventuras Geschichts- und Offenbarungsverständnis), ergänzt durch weitere Arbeiten über Augustin und Bonaventura. Band III bietet alle Schriften über Glaube und Vernunft und über die geistigen Grundlagen Europas. Im Band IV sind der Auslegung des Glaubensbekenntnisses „Einführung in das Christentum“ alle Beiträge über Bekenntnis, Taufe, Umkehr, Nachfolge und den christlichen Lebensvollzug angefügt. Gemäß der klassischen Traktataufteilung der systematischen Theologie folgen in Band V die Schöpfungslehre, die Anthropologie, die Gnadenlehre und die Mariologie, verstanden als die heilsgeschichtliche Verwirklichung der Gnadenlehre.

Die Frage nach Gott und dem Gottesdienst

Im Zentrum von Band VI stehen „Jesus von Nazareth“ und weitere Schriften zur Christologie. In Band VII sind alle Äußerungen zur Theologie des Konzils versammelt (Vorbereitung des Konzils, Berichte und Kommentare vom Konzilsverlauf, Analysen der Konzilsbeschlüsse, spätere Stellungnahmen zur Rezeption des Konzils). Im Band VIII folgen die Ekklesiologie und alles zur Ökumene. Die Schriften zur theologischen Erkenntnislehre und zur Hermeneutik machen den Band IX aus. In Band X finden sich alle Beiträge zu den Themen Auferstehung und Ewiges Leben. Im Band XI stehen die Texte zur Liturgie und zur Kirchenmusik. Dem Priesteramt ist der Band XII gewidmet. Zahlreiche Interviews, vor allem die drei Interviewbücher, füllen den Band XIII. Im Band XIV wird das Predigtwerk veröffentlicht.

Im Anschluss an die Autobiographie „Aus meinem Leben“ werden weitere autobiographische Zeugnisse im Band XV präsentiert. Den Abschluss bildet Band XVI mit einer vollständigen Bibliographie aller in deutscher Sprache erschienenen Veröffentlichungen von Joseph Ratzinger, nebst einem systematischen Register zu allen Bänden.

Einem Wunsch des Papstes entspricht die Herausgabe der Gesamtausgabe unter dem Verfassernamen Joseph Ratzinger. Vorangestellt ist dem Band ein Vorwort des Papstes, in dem er die Eröffnung der Werkausgabe mit den Schriften zur Theologie der Liturgie aus der „Prioritätenordnung des Konzils“ auch biographisch begründet: „Die Liturgie der Kirche war für mich seit meiner Kindheit zentrale Wirklichkeit meines Lebens und ist in der Schule von Lehrern wie Schmaus, Söhngen, Pascher, Guardini auch Zentrum meines theologischen Mühens geworden. Als Fach habe ich Fundamentaltheologie gewählt, weil ich zuallererst der Frage auf den Grund gehen wollte: Warum glauben wir? Aber in diese Frage war die Frage nach der rechten Antwort auf Gott und so die Frage nach dem Gottesdienst von Anfang an miteingeschlossen.“ Dabei ging es nie um bloße Einzelfragen der Liturgiewissenschaft, sondern um die „Verankerung der Liturgie im grundlegenden Akt unseres Glaubens.“

Bedeutsam ist im Vorwort auch die Antwort des Papstes auf die Rezeption der monographischen Gesamtschau „Der Geist der Liturgie. Eine Einführung“ (2000), die den Haupttext des Bandes (Seite 30-194) ausmacht. Benedikt XVI. kritisiert, dass die meisten Rezensenten sich ausschließlich auf das Thema „Zelebrationsrichtung“ gestürzt hätten. Mit Hinweis auf zwei neue wissenschaftliche Publikationen, die seine Ansicht untermauern, fasst der Papst hier noch einmal seinen Standpunkt in dieser Frage zusammen: „Der Gedanke, dass Priester und Volk sich beim Gebt gegenseitig anschauen sollten, ist erst in der Moderne entstanden und der alten Christenheit völlig fremd. Priester und Volk beteten ja nicht zueinander, sondern zum einen Herrn hin. Deshalb schauen sie beim Gebet in dieselbe Richtung: entweder nach Osten als kosmisches Symbol für den kommenden Herrn oder, wo dies nicht möglich war, auf ein Apsisbild Christi, auf ein Kreuz oder einfach gemeinsam nach oben, ...“ Eine bereits früher gemachte praktische Anregung aufgreifend heißt es dann: „Inzwischen setzt sich erfreulicherweise immer mehr der Vorschlag durch, ... nicht neue Umbauten zu machen, sondern einfach das Kreuz in die Mitte des Altares zu stellen, auf das Priester und Gläubige gemeinsam hinschauen, um sich so auf den Herrn hinführen zu lassen, zu dem wir alle miteinander beten.“

In seinem Geleitwort umschreibt Bischof Müller die Aufgaben des von ihm gegründeten „Instituts Papst Benedikt XVI.“: „Es soll zu einem Ort werden, an dem Leben, Denken und Wirken des Theologen, Bischofs und Papstes ... umfassend dokumentiert wird. Durch die Sammlung und Bereitstellung seines gesamten gedruckten Werkes, durch die Erhebung des biographischen und theologischen Kontextes und durch den Aufbau einer Spezialbibliothek sind die idealen Bedingungen für eine umfassende Erforschung des theologischen Gesamtwerkes gegeben.“ Für die Autorisierung des Gesamtunternehmens sind folgende Aussagen besonders bedeutsam: „Der Gesamteditionsplan wurde in enger Absprache mit Papst Benedikt XVI. erarbeitet. Jeder Einzelband ist in seiner thematischen Konzeption, aber auch bei der Frage der Textauswahl durch den Heiligen Vater selbst autorisiert.“

Im ersten Teil (A) steht als Kernstück des Bandes die Monographie „Der Geist der Liturgie“. Sie schließt sich an Romano Guardinis Bändchen „Vom Geist der Liturgie“ von 1918 an, das zur programmatischen Grundlage der Liturgischen Bewegung geworden ist. Ratzinger geht es wie Guardini um liturgische Bildung, verstanden als Befähigung, den Gottesdienst der Kirche von seinem Wesen her zu verstehen und mitfeiern zu können. Die kultische Feier ist für Ratzinger keine kreative Erfindung des Menschen, sondern sie bedarf der göttlichen Ermächtigung. Darum ist die gottesdienstliche Feier auch nicht beliebig veränderbar. Im Anschluss an eine überzeugende Theologie des Opfers entwickelt Ratzinger, ausgehend vom paulinischen Begriff des „logosgemäßen Gottesdienstes“ (Röm 12,1), das Wesen der christlichen Liturgie. Alttestamentlicher Opferkult, die Opferpraktiken der Religionsgeschichte, der Kosmos, die Menschheit und der menschgewordene ewige Logos treffen in dieser Wirklichkeit zusammen. Als unzureichend weist Ratzinger die Definitionen der Eucharistie als Mahl und Versammlung zurück. Grundlegend ist das Paschamysterium von Tod und Auferstehung Jesu Christi.

Deutlich nimmt er gegen die Abwertung der eucharistischen Anbetung und der eucharistischen Frömmigkeit insgesamt Stellung. Die so bedeutsamen und überzeugenden Grundprinzipien für die Kunst im Kirchenraum harren bis heute ihrer Rezeption. Für sein völlig richtiges Urteil, dass es sich bei der exstatischen Rockmusik um einen Gegenkult zum christlichen Gottesdienst handelt, erntete der Kardinal vor Jahren viel Häme und Unverständnis. Geschickt verbinden die Herausgeber chronologische und systematische Gesichtspunkte, indem sie die unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Der Geist der Liturgie“ entstandenen Veröffentlichungen im abschließenden Teil (E) des Bandes unter „Die Diskussion um ,Der Geist der Liturgie‘ anordnen. So kann der Leser die Weiterentwicklung der Argumentation unmittelbar nachvollziehen, die mit dem Motu proprio „summorum pontificum“ vom 7. Juli 2007 dann auch zur Freigabe der Messfeier nach dem Missale Johannes XXIII. durch Papst Benedikt XVI. geführt hat.

„Die Liturgie darf nicht zum Experimentierfeld werden“

Inhalt der Liturgie ist die Hingabe Jesu an den Vater für die Menschen. In der nachkonzilaren Leugnung von Priestertum, Messopfer und Eucharistie sieht Ratzinger deshalb die Ablehnung der „alten“ Messe begründet: „Nur von hier aus, von dieser faktischen Verabschiedung von Trient aus, kann man die Erbitterung verstehen, mit der die Möglichkeit bekämpft wird, auch nach der Liturgiereform die Messe nach dem Missale von 1962 zu feiern. Diese Möglichkeit ist der stärkste und daher am wenigsten zu ertragende Widerspruch zu der Auffassung, dass der von Trient formulierte Eucharistieglaube seine Gültigkeit verloren habe.“ Aus diesem Grund, der Sicherung der fortdauernden Identität der Kirche, tritt Ratzinger für die „alte“ Messe ein: „Ich persönlich war von Anfang an für die Freiheit, das alte Missale weiter benutzen zu dürfen, aus einem sehr einfachen Grund; man begann schon damals von einem Bruch mit der vorkonziliaren Kirche zu sprechen ...“ Messopfer bedeutet: „Hineinverwandelt werden unseres Seins in den Logos, Einswerden mit ihm.“ Zurückgewiesen wird die Vorstellung, Liturgie nach eigenem Ermessen verändern zu können aufgrund der Annahme, dass jede Gemeinde „Subjekt der Liturgie“ sei. Es führe unweigerlich zur „Zerstörung der Liturgie“ als Gegenwart des Mysteriums, wenn sie nur mehr der „Reflex der religiösen Erfahrung der Gemeinde“ ist. Demgegenüber steht im Zentrum der wahren Theologie der Liturgie, dass „Gott durch Christus in der Liturgie handelt und dass wir nur durch ihn und mit ihm handeln können“.

Häufig kommt Ratzinger auf die teils verhängnisvolle Rolle der Fachleute für Liturgie zu sprechen: „Die Liturgie darf nicht Experimentierfeld theologischer Hypothesenbildung werden. Zu schnell sind in den letzten Jahrzehnten Auffassungen von Experten in liturgische Praxis übergegangen ...“ An die Stelle der Autorität der Kirche sei die Autorität der Experten getreten. Auch der liturgischen Bewegung gibt Ratzinger eine gewisse Mitschuld an dieser Entwicklung: „Mir scheint, dass schon in den 1950er Jahren und vor allem nach dem Konzil die verborgenen und auch offensichtlichen Gefahren der liturgischen Bewegung eine große Versuchung, eine große Gefahr für die Kirche geworden sind.“

Ratzinger sieht sich zwischen den „radikalen Reformern und ihren radikalen Verneinern“. Für ihn ist die Liturgie etwas „Lebendiges ... und daher auch Wachsendes und sich Erneuerndes“. Aber er besteht auch darauf, „dass das Wachstum ohne Wahrung der Identität nicht sein kann“ und dass eine Weiterentwicklung nur im „sorgenden Achten auf die inneren Baugesetzte dieses ,Organismus‘ möglich ist ...“.

Über die weiteren Teile des XI. Bandes kann hier nur noch Stichwortartiges angefügt werden: Der zweite Teil (B), überschrieben mit „Typos-Mysterium-Sakrament“, handelt von der sakramentalen Begründung christlicher Existenz und enthält grundlegende Ausführungen über den Begriff des Sakraments. Im dritten Teil (C) „die Feier der Eucharistie – Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens“ werden zahlreiche Einzelfragen behandelt: Bedeutung des Sonntags, Opferbegriff, die Struktur der eucharistischen Feier, Verwendung der Muttersprache, der Communio-Begriff, Eucharistie und Mission, das Gotteshaus und die christliche Gottesverehrung, die Frage der Zelebrationsrichtung wird noch einmal aufgenommen, abschließend folgen eucharistische Predigten und vier Betrachtungen zum Fronleichnamsfest.

Im vierten Teil (D) „Theologie der Kirchenmusik“ reicht die Bandbreite von sehr anspruchsvollen Grundsatzerörterungen bis zu sehr persönlich gehaltenen Einzelbeobachtungen, die sich zum Teil wohl auch der lebenslangen Beschäftigung mit kirchenmusikalischer Theorie und Praxis im Umgang mit seinem Bruder Georg, dem langjährigen Regensburger Domkapellmeister, verdanken. Im abschließenden fünften Teil (E) „Weiterführende Perspektiven“ wird die zurückhaltende Standortbestimmung „40 Jahre Liturgiekonstitution“ abgedruckt. Die Adventspredigt „Wecke deine Macht auf und komm“ sei jedem Prediger als Beispiel für eine vollendete Homilie empfohlen. Besonders gewinnbringend ist auch die Lektüre der zahlreichen Einzelaufsätze, die den Leser den Entstehungsprozess des Liturgiebuches nachvollziehen lassen.

Das gewaltige Themenspektrum dieses ersten Bandes der „Gesammelten Schriften“ macht ihn zu einem unersetzlichen Kompendium zur Theologie der Liturgie, dessen überaus verständliche Sprache Leser weit über die Theologenschaft hinaus zu faszinieren vermag. Zudem bietet der Band die Chance, dass die Rezeption von „Der Geist der Liturgie“ endlich der Bedeutung des Buches gerecht wird und auf allen kirchlichen Ebenen voranschreitet. Dass es zuletzt die Theozentrik ist, die den Papst dazu veranlasste, die Werkausgabe programmatisch mit der „Theologie der Liturgie“ zu eröffnen, zeigt dieses abschließende Zitat: „Gottvergessenheit ist die bedrängendste Gefahr unserer Zeit. Liturgie müsste ihr gegenüber die Gegenwart Gottes aufrichten. Was aber geschieht, wenn in der Liturgie selbst die Gottvergessenheit einzieht und wir dabei nur noch an uns selber denken? Bei aller liturgischen Reform und bei jeder liturgischen Feier müsste zuallererst der Primat Gottes im Blickfeld stehen.“

Den Band beschließen sehr zuverlässige und detaillierte bibliografische Nachweise, ein Schriftstellen- und ein Namenregister. Dem Dank des Heiligen Vaters an die Herausgeber für die immense Leistung der Erstellung dieses alle Erwartungen mehr als erfüllenden ersten Bandes ist nichts mehr hinzuzufügen: „Mein Dank gilt in erster Linie dem Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller, der das Projekt der gesammelten Schriften in die Hand genommen hat und die personellen wie institutionellen Voraussetzungen zu seiner Verwirklichung geschaffen hat. Ganz besonders danken möchte ich dann Prof. Dr. Rudolf Voderholzer, der Zeit und Kraft in die Sammlung und Sichtung meiner Schriften in ungewöhnlichem Maße investiert hat.“

[Joseph Ratzinger: Theologie der Liturgie. Die sakramentale Begründung christlicher Existenz. Joseph Ratzinger Gesammelte Schriften, Band 11. Herder Verlag Freiburg 2008, geb., 752 Seiten, ein Lesebändchen. Einzelpreis 50.- EUR, Subskriptionspreis bei Abnahme des Gesamtwerkes 45.- EUR; © Die Tagespost vom 11. Oktober 2008]