Am Feste der heiligen drei Könige

von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 235 klicks

Durch die Nacht drei Wandrer ziehn,
Um die Stirnen Purpurbinden,
Tiefgebräunt von heißen Winden
Und der langen Reise Mühn.
Durch der Palmen säuselnd Grün
Folgt der Diener Schar von weiten;
Von der Dromedare Seiten
Goldene Kleinode glühn,
Wie sie klirrend vorwärts schreiten,
Süße Wohlgerüche fliehn.

Finsternis hüllt schwarz und dicht
Was die Gegend mag enthalten;
Riesig drohen die Gestalten:
Wandrer, fürchtet ihr euch nicht?
Doch ob tausend Schleier flicht
Los' und leicht die Wolkenaue:
Siegreich durch das zarte Graue
Sich ein funkelnd Sternlein bricht.
Langsam wallt es durch das Blaue,
Und der Zug folgt seinem Licht.

Horch, die Diener flüstern leis:
„Will noch nicht die Stadt erscheinen
Mit den Tempeln und den Hainen,
Sie, der schweren Mühe Preis?
Ob die Wüste brannte heiß,
Ob die Nattern uns umschlangen,
Uns die Tiger nachgegangen,
Ob der Glutwind dörrt' den Schweiß:
Augen an den Gaben hangen
Für den König stark und weiß.“

Sonder Sorge, sonder Acht,
Wie drei stille Monde ziehen
Um des Sonnensternes Glühen,
Ziehn die Dreie durch die Nacht.
Wenn die Staublawine kracht,
Wenn mit grausig schönen Flecken
Sich der Wüste Blumen strecken,
Schaun sie still auf jene Macht,
Die sie sicher wird bedecken,
Die den Stern hat angefacht.

O ihr hohen heil'gen Drei!
In der Finsternis geboren
Hat euch kaum ein Strahl erkoren,
Und ihr folgt so fromm und treu!
Und du meine Seele, frei
Schwelgend in der Gnade Wogen,
Mit Gewalt ans Licht gezogen,
Suchst die Finsternis aufs Neu!
O wie hast du dich betrogen;
Tränen blieben dir und Reu!

Dennoch, Seele, fasse Mut!
Magst du nimmer gleich ergründen,
Wie du kannst Vergebung finden:
Gott ist über Alles gut!
Hast du in der Reue Flut
Dich gerettet aus der Menge,
Ob sie dir das Mark versenge
Siedend in geheimer Glut,
Läßt dich nimmer dem Gedränge,
Der dich warb mit seinem Blut.

Einen Strahl bin ich nicht werth,
Nicht den kleinsten Schein von oben.
Herr, ich will dich freudig loben,
Was dein Wille mir beschert!
Sei es Gram, der mich verzehrt,
Soll mein Liebstes ich verlieren,
Soll ich keine Tröstung spüren,
Sei mir kein Gebet erhört:
Kann es nur zu dir mich führen,
Dann willkommen Flamm' und Schwert!

***

Annette von Droste-Hülshoff, mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff, wurde am am 12. Januar 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff im Münsterland geboren. Schon im Kindesalter begann sie zu schreiben und versuchte sich in ersten Gedichten und Stammbuchversen. Gefördert wurde sie von ihrem Hauslehrer Anton Matthias Sprickmann, der sie von 1812 bis 1819 unterrichtete. 1825 unternahm Annette eine erste längere Reise, die sie an den Rhein führte, u.a. nach Bonn, wohin sie im Laufe ihres Lebens weitere Reisen unternehmen und so bedeutende Persönlichkeiten wie August Wilhelm Schlegel kennenlernen sollte. Die Dichterin stand per Briefwechsel mit vielen zeitgenössischen Intellektuellen in Kontakt. Besonders wichtig für ihr literarisches Schaffen waren ihre ausgedehnten und zahlreichen Reisen an den Bodensee; ab 1841 wohnte sie auf dem Schloss ihres Schwagers in Meersburg. Zwei Jahre später erwarb die Dichterin das „Fürstenhäusle“, das am Stadtrand von Meersburg in den Weinbergen liegt. Im künstlerischen Schaffen der Dichterin gilt der Winter 1841/42, den sie auf der Meersburg verbrachte, als ganz besonders fruchtbar. Es entstanden in dieser Zeit Gedichte wie „Am Bodensee“, „Das alte Schloß“ oder auch „Heidebilder“. Vor allem durch die Unterstützung und den Austausch mit Levin Schücking, der ein Sohn von Catharina Busch, einer Freundin Annettes, war, entstanden Hauptwerke wie die „Judenbuche“ (1842), „Der Knabe im Moor“ (1842) oder auch ein Gedichtband (1844). Bereits 1819 hatte Annette von Droste-Hülshoff mit einem Zyklus geistlicher Lieder begonnen, der den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres folgt und als Hauptwerk geistlicher Lyrik betrachtet wird. Der Zyklus, den die Dichterin vor dem Hintergrund einer gescheiterten Liebesbeziehung begonnen hatte, enstand im Laufe von 20 Jahren und wurde posthum nach dem Tod von Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 veröffentlicht.