"Am Feste Mariä Lichtmeß"

von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Rom, (ZENIT.org) Britta Dörre | 292 klicks

Durch die Gassen geht Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und ihr Auge schaut auf ihn.
Wie die Englein ihn gesungen,
Ihn die Hirten angebetet,
Huldigten die grauen Weisen,
Läßt sie still vorüber ziehn.

Aber Joseph ihr zur Seiten
Ist in Sorgfalt ganz befangen;
Prüfend frägt er alle Steine,
Ob ihr Fuß zu kühn sich wagt;
Weiß nicht, was er wird erleben,
Aber wunderbare Dinge
Haben aus des Kindleins Augen
Sich ihm heimlich angesagt.

O Maria, Mutter Christi!
Soll ich denn zu dir mich wagen
Mit dem schuldgepreßten Herzen,
Mit dem trüben Sünderblick! –
Die du hast gleich mir gewandelt,
Hast gesiegt, wo ich gesunken,
Weh, vor deiner lichten Krone
Bebt mein scheues Fleh'n zurück.

Doch du neigst dein liebes Kindlein
Und es reicht die linden Hände.
O mein lieber Herr und Richter
Bist du mein Erlöser nur?
Ach, wie hab' ich mich gefürchtet,
Und nun bist du lauter Liebe!
Alle harten Worte schweigen
Und dahin ist ihre Spur.

Liebster Herr, du hast geschaffen
Meine arme kranke Seele,
Wie den Reiz, den vielgestalten,
Der auf breite Straßen führt;
Und du weißt, daß wie vor Andern
Frischer Hauch in meiner Seele,
So mich auch vor Andern glühend
Jede Erdenlust berührt.

Hast du mir in Macht und Güte
Meine Seele rein gegeben,
Herrlich, groß und wohlgerüstet
Wie ein königliches Schloß:
Und nun liegt es in Zerstörung,
Graunvoll in der öden Größe,
Wie ein knöchern Ungeheuer,
Wie ein todter Meerkoloß.

Und da ich nach vielen Tagen,
Sonder Glauben, voll der Liebe,
Angstvoll prüfte seine Mauern,
Siehe da! sie standen fest.
O mein Herr, willst du mich hören,
Auftun deine Gnadenschätze:
Sieh', ich will getreulich bauen
Meines Lebens trüben Rest!

Muß mein Haus gleich stehen eine
Öde warnende Ruine:
Ach, nur dort kann sich gestalten,
Was so rettungslos zerstört.
Kann ich nur ein Stüblein bauen,
Ausgeschmückt mit stillen Werken,
Wo ich, Herr, dich kann bewirten,
Wenn ich bei dir eingekehrt!

Aus den Hallen tritt Maria,
In dem Arm den Sohn, den lieben,
Hält ihn fest und hält ihn linde,
Und auf dem ihr Auge ruht.
O, sie hat das Glück getragen
Durch neun wonnevolle Monde;
Was verkündet jene Frommen,
Trug sie längst im glühnden Mut.

Aber Joseph stillen Schrittes
Tritt nicht mehr an ihre Seite,
Da das liebe, liebe Kindlein
Nun der Herr der ganzen Welt.
Doch wie höher steigt die Sonne,
Schleicht er leis' an ihre Schulter,
Und er zupft an ihrem Mantel,
Daß der Schleier niederfällt.

***

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848), mit vollem Namen Anna Elisabeth Franzisca Adolphine Wilhelmine Louise Maria von Droste-Hülshoff, wurde am am 12. Januar 1797 auf dem Wasserschloss Hülshoff im Münsterland geboren. Schon im Kindesalter begann sie zu schreiben und versuchte sich in ersten Gedichten und Stammbuchversen. Gefördert wurde sie von ihrem Hauslehrer Anton Matthias Sprickmann, der sie von 1812 bis 1819 unterrichtete. 1825 unternahm Annette eine erste längere Reise, die sie an den Rhein führte, u.a. nach Bonn, wohin sie im Laufe ihres Lebens weitere Reisen unternehmen und so bedeutende Persönlichkeiten wie August Wilhelm Schlegel kennenlernen sollte. Die Dichterin stand per Briefwechsel mit vielen zeitgenössischen Intellektuellen in Kontakt. Besonders wichtig für ihr literarisches Schaffen waren ihre ausgedehnten und zahlreichen Reisen an den Bodensee; ab 1841 wohnte sie auf dem Schloss ihres Schwagers in Meersburg. Zwei Jahre später erwarb die Dichterin das „Fürstenhäusle“, das am Stadtrand von Meersburg in den Weinbergen liegt. Im künstlerischen Schaffen der Dichterin gilt der Winter 1841/42, den sie auf der Meersburg verbrachte, als ganz besonders fruchtbar. Es entstanden Gedichte wie „Am Bodensee“, „Das alte Schloß“ oder auch „Haidebilder“. Vor allem durch die Unterstützung und den Austausch mit Levin Schücking, der ein Sohn von Catharina Busch, einer Freundin Annettes, war, entstanden Hauptwerke wie die „Judenbuche“ (1842) oder „Der Knabe im Moor“ (1842) sowie ein Gedichtband (1844). Bereits 1819 hatte Annette mit einem Zyklus geistlicher Lieder begonnen, der den Sonn- und Feiertagen des Kirchenjahres folgte und als Hauptwerk geistlicher Lyrik betrachtet wird. Der Zyklus, den die Dichterin vor dem Hintergrund einer gescheiterten Liebesbeziehung begonnen hatte, entstand im Laufe von 20 Jahren und wurde posthum nach dem Tod von Annette von Droste-Hülshoff am 24. Mai 1848 veröffentlicht.