"Am Morgen einer neuen Zeit"

Predigt von Erzbischof Dr. Robert Zollitsch am Ostersonntag

Freiburg, (DBK PM) | 908 klicks

Predigt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Dr. Robert Zollitsch, am Ostersonntag im Münster Unserer Lieben Frau in Freiburg.

1. Ohne die revolutionäre Urerfahrung der Jüngerinnen und Jünger Jesu, ohne die Begegnung mit dem Auferstandenen „wüssten wir heute nichts von Jesus von Nazareth, es gäbe kein einziges schriftliches Zeugnis, das die Erinnerung an ihn festhielt. Mehr noch: Ohne dieses Zeugnis und die andauernde Erfahrung des Auferstandenen gäbe es kein Christentum“, so bringt es der Schweizer Kapuzinerpater Anton Rotzetter in seinem Buch „Am Morgen einer neuen Zeit“ (1)  auf den Punkt. Und diesen alles entscheidenden Morgen, der in der Weltgeschichte eine neue Zeit einläutete, feiern wir heute, heute an Ostern, am Hochfest der Auferstehung des Herrn. Ostern ist der Beginn einer neuen Zeit! Weil Gott endgültig das verschlossene Tor des Todes hin zum Leben geöffnet hat. Wer an diese Botschaft glaubt und sich darin fest macht, der lebt aus der Gewissheit, dass Gott wahrhaft den Tod besiegt hat; dass der Auferstandene unser Leben in neues Licht taucht und es verändern will; dass die Begegnung mit ihm Menschen hervorbringt, die an die Kraft des Guten glauben und so die Welt im Geist Jesu Christi gestalten.

2. Doch ein erster Blick in das heutige Evangelium zeigt uns Menschen, die diesen „Morgen einer neuen Zeit“ zunächst ganz anders erleben. Neu war ihre Situation deshalb, weil sie nun ohne ihren Meister waren; ohne den, auf den sie alle Hoffnung gesetzt hatten. Auf Scheitern, Misserfolg, Leiden und Tod waren sie nicht eingestellt. Sie hatten miterleben müssen, wie der Mann, den sie für den Messias, den Retter und Erlöser hielten, für den sie alles aufgegeben hatten, um ihm nachzufolgen, wie dieser Jesus gleich einem gemeinen Verbrecher am Kreuz endete und sterben musste. Ratlosigkeit, Trauer, Zweifel, ja Verzweiflung prägten diese morgendliche Stunde, die alles andere zu sein schien als eine Zeitenwende in der Weltgeschichte. 

3. Doch dann werden sie wider Erwarten und entgegen allen menschlichen Vorstellungen in eine Begegnung hineingezogen, die ihnen die Sprache verschlägt. Der Gescheiterte „drängt sich ihnen durch alle Mauern des Todes hindurch auf. Er setzt sich gegen das Unvermögen der Vernunft, des Glaubens, der Sprache durch und stellt ihr Leben auf eine völlig neue Grundlage“ (Anton Rotzetter). Liebe Schwestern, liebe Brüder, der Auferstandene nimmt seine Jüngerinnen und Jünger – obwohl er sich gegen ihren Unglauben hindurchkämpfen muss – hinein in den Morgen einer neuen Zeit. Und was bewirkt diese Begegnung? Aus Resignation wird Motivation und Mut. Verzweiflung wendet sich in eine Welle der Hoffnung und Zuversicht, die durch all die Jahrhunderte bis zu uns herüber reicht. Jesus Christus ist auferstanden und er lebt. Auch heute ist dieser Ostermorgen. Wir leben in dieser wahrhaft neuen Zeit. Nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern die Liebe und das Leben, die von Gott kommen! Das ist das tragende Fundament unseres Glaubens, der Grundstein der Kirche, die Basis für ein österliches Leben. 

4. Damit ist Ostern weit mehr als ein Frühlingserwachen oder ein Wirtschaftsaufschwung und schon gar nicht ein Hasenfest. Es geht ums Ganze, um unsere Art zu leben und die Weise unseres Zusammenlebens. Es geht nicht zuerst um eine Erinnerung an ein längst vergangenes Ereignis, sondern um unser Christsein – hier und heute inmitten einer säkularen Gesellschaft, inmitten eines Supermarkts an Religionen, Weltanschauungen und Meinungen. Nicht ohne Grund hat der Neutestamentler Gerhard Lohfink erst kürzlich ein Buch veröffentlicht, dessen Titel uns auf etwas Entscheidendes hinweist: „Gegen die Verharmlosung Jesu“. Im Vorwort hebt er hervor: „Die Verharmlosung Jesu findet zur Zeit auf vielen Feldern statt. Sie geschieht, wenn Jesus als ein etwas aus der Reihe tanzender Rabbi eingestuft wird oder wenn sich Christen so verhalten, als sei die Kirche eine Art Verein zur Bedienung religiöser Bedürfnisse. Wo anders könnte denn sichtbar werden, wer Jesus wirklich war, wenn nicht am Leben der Kirche und der Christen, die es wagen, sich nach dem Christus zu benennen?“ 

5. An uns, liebe Schwestern, liebe Brüder, liegt es, die Botschaft von Ostern nicht zu verharmlosen, sondern sie aufstrahlen zu lassen; „zu bezeugen und zu verkündigen“ (vgl. Apg 10,42), dass Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. Damit gibt es für den, der glaubt, keine ausweglose Situation mehr. In aller Verlassenheit und Einsamkeit, in allen Nöten und Zweifeln unseres Lebens ist er immer schon da: Jesus Christus, das Licht der Welt. Der Auferstandene kommt auf uns zu, auch wenn wir ihn – wie Maria – nicht sofort erkennen. Doch die Begegnung mit ihm verändert, sein Wort öffnet uns Auge und Herz. Dann machen wir die Erfahrung, was es heißt, dass mit seiner Auferstehung eine neue Zeit angebrochen ist. Wir blicken tiefer und schauen weiter. Das zeigt uns Johannes, der Jünger, den Jesus liebte, von dem es im Evangelium heißt: „Er sah und glaubte“. Er sieht nicht nur Äußerliches, nicht nur greifbare Fakten. Hinter den abgelegten Leinenbinden erblickt er den Auferstandenen, im leeren Grab entdeckt er die Spuren des neuen Lebens. 

6. Gefragt ist auch heute eine Änderung des Blickwinkels. Entscheidend ist, den österlichen Durchblick zu gewinnen und zu erkennen: Hinter und über allem Vordergründigen unseres Lebens gibt es eine tragende und befreiende Wahrheit, tut sich eine neue, größere Wirklichkeit auf. Zumeist beschäftigen wir uns mit dem, was uns vor Augen liegt. Oft nimmt uns sogar gefangen, was an täglichen Nachrichten auf uns einströmt. Dann sehen wir die Welt düsterer als sie ist. Der Mainzer Professor für Empirische Kommunikationsforschung, Hans Matthias Kepplinger, spricht von einer „Verdunkelung des publizistischen Ereignishorizontes“. Er meint, die Darstellung in den Medien kopple sich von der Realität zunehmend ab; eine kleine Nachrichtenwelle wird schnell zum Tsunami (2).  Der Blick der Öffentlichkeit fokussiert sich nicht auf Erreichtes und Gelungenes, sondern auf Misserfolg und Katastrophen. Manchmal laufen wir gerade auch in der Kirche Gefahr, nur den Mangel zu sehen und zu meinen, früher wäre alles besser und segensreicher gewesen. Aus dieser Scheuklappenmentaliät will uns Christus befreien. Er will unser Herz öffnen, hellhörig machen für die Anwesenheit des Auferstandenen in unserem Leben und Zusammenleben. Ihn heute zu entdecken, sein Wirken wahrzunehmen, setzt Kräfte frei und macht Mut. Dann wird auch in unserer Umgebung deutlich und spürbar: Wir leben in einer neuen Zeit!

7. Liebe Schwestern, liebe Brüder! Wenn schon „ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert“, wie wir in der heutigen Lesung gehört haben, um wie viel mehr muss der endgültige Sieg Jesu über den Tod unser Leben durchwirken? Ich bin mir sicher: was unsere Zeit, was unsere Gesellschaft braucht, sind Menschen, die die Liebe Gottes, die uns in allen Höhen und Tiefen unseres Lebens begleitet, erfahren haben und sie weitergeben. Hier kann Neues entstehen! Papst Benedikt XVI. hielt vor drei Jahren fest: „Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern.“ (3) Und er entfaltet, was es heißt, in der von Ostern geprägten neuen Zeit zu leben: „Als Christen werden uns dank des Heiligen Geistes, den wir in der Taufe empfangen haben, das Geschenk und die Aufgabe zuteil, als Kinder Gottes und als Brüder und Schwestern zu leben um gleichsam ‚Sauerteig‘ einer neuen Menschheit zu sein, die solidarisch und reich an Frieden und Hoffnung ist.“ (4) Geschwister werden wir, wenn wir einander in Demut und mit Nächstenliebe begegnen. Wenn wir einander wertschätzend in die Augen sehen, nicht von oben herab den anderen bevormunden. Wenn wir handeln, wie Jesus es uns vorgelebt hat.

Dann erleben wir auch heute die neue Zeit; dann wird aus Stillstand Bewegung; der Stein des Pessimismus wird weggerollt. Jesu Auferweckung aus dem Tod hat Geschichte gemacht und schreibt immer neue Geschichten in die Herzen der Menschen, die ihn suchen und finden. Die frohe Kunde vom Ostersieg Christi macht aus zweifelnden und suchenden Menschen Glaubende. „Da wandte sie sich um“ heißt es zweimal von Maria im heutigen Evangelium. Das ist die grundlegende Wende vom Leben zum Tod; der Perspektivenwechsel vom vermissten Leichnam zur Begegnung mit dem Auferstandenen; der erste Schritt weg vom Verlust hin zum Gewinn, von der Vergangenheit in die Gegenwart; der zündende Funke für eine bessere Welt. Und diese bessere Welt können wir mit Gottes Hilfe gemeinsam schaffen. Lassen wir uns von nichts und niemandem einreden, wir könnten ja doch nichts ändern. Vielmehr will uns unser neuer Heiliger Vater ermutigen, wenn er in der Predigt bei seiner Amtseinführung uns dazu aufruft, „die Schönheit der Schöpfung zu bewahren, wie es uns der heilige Franziskus von Assisi gezeigt hat: Achtung zu haben vor jedem Geschöpf Gottes und vor der Umwelt. Sich um alle zu kümmern, um jeden Einzelnen, mit Liebe, besonders um die Kinder, die alten Menschen, um die, welche schwächer sind und oft in unserem Herzen an den Rand gedrängt werden; in der Familie aufeinander zu achten: Die Eheleute behüten sich gegenseitig, als Eltern kümmern sie sich um die Kinder, und mit der Zeit werden auch die Kinder zu Hütern ihrer Eltern. Freundschaften in Aufrichtigkeit zu leben; in Vertrautheit, gegenseitiger Achtung und im Guten. Im Grunde ist alles der Obhut des Menschen anvertraut, und das ist eine Verantwortung, die alle betrifft.“ Liebe Schwestern, liebe Brüder, wer sich Zeit nimmt, um darüber nachzudenken, was ich allein in 100 Metern Umkreis meines Lebensmittelpunktes an Gutem tun kann, was ich durch meinen Einkauf an Möglichkeiten habe, für angemessene Löhne und eine gerechtere Welt zu sorgen, der spürt, wie sehr der Apostel Paulus mit seinem Bild vom Sauerteig, der alles durchwirkt, recht hat. 

8. Der österliche Zündfunke der Hoffnung will auch in unseren Herzen Feuer fangen, in jeder und jedem von uns. Die Auferstehung Jesu ist ein Geschehen, das uns unmittelbar betrifft. Sie ist ein Geschenk, das allen gemacht wird. Mitten in unserer Welt hat eine neue, lebensspendende Kraft ihr Werk begonnen, eine Botschaft, die seit zweitausend Jahren nicht mehr verstummt. Gott lässt sich nicht totschweigen, nicht herausdrängen aus dieser Welt, nicht einmauern und wegsperren, auch nicht dort, wo das Gebet aus unseren Häusern zu verschwinden droht; wo es Bestrebungen gibt, Sonn- und Feiertage zu Werktagen umzufunktionieren; wo der Religionsunterricht in ein Fach Ethik umgewandelt werden soll und wir Christen unseres Glaubens wegen mitleidig belächelt, benachteiligt oder gar verfolgt werden. 

9. Liebe Schwestern und Brüder in der Gemeinschaft des Glaubens! Wenn mit der Auferstehung Jesu Christi eine neue Zeit begonnen hat; wenn unsere Welt von Grund auf zum Guten und unser Leben radikal zum Heil gewandelt wurden, dann wird sich dies auch in unserem Alltag zeigen. Dann können wir nicht hier im Gottesdienst frohe Osterlieder singen und anschließend hinausgehen und so leben, als wäre nichts gewesen. Seine Auferstehung mündet in einen österlichen Lebensstil, in ein verändertes Verhalten, das deutlich macht, Egoismus, Hass und Gewalt können überwunden werden. Sie haben im Leben von uns Christen keinen Platz. Gerade das meint der Apostel Paulus, wenn er an die Gläubigen in Korinth schreibt: „Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid“ (1 Kor 5,7). Der Auferstandene motiviert uns, eine neue Gesellschaft zu gestalten, die aus Gottes Verheißung lebt; eine Welt, in der die neue Ordnung der Liebe und des Respekts gilt; eine Gemeinschaft, in der auch alte, kranke und schwache Menschen ihren Platz haben; eine Zukunft, in der Gott das Sagen hat, weil wir im Hören aufeinander und im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort unseren Weg in die Zukunft gehen. 

Liebe Schwestern, liebe Brüder! Verharmlosen wir Ostern nicht! Sondern nehmen wir das großartige und verändernde Potential der Botschaft von der Auferstehung wahr. Das ist allerdings nicht so leicht zu fassen. „Halte mich nicht fest“, sagt Jesus zu Maria. Auch wir möchten als Glaubende gern etwas in Händen halten, zum Vorzeigen für Andere und zur eigenen Vergewisserung. Nicht selten spüren wir: Er, unser Herr, ist da, aber doch nicht so greifbar, wie wir dies manchmal gerne möchten. Wir suchen nach einem greifbaren Halt in allem Wandel, nach verlässlicher Orientierung in Zeiten der Veränderung und einer Welt der Beschleunigung. Doch unser Glaube bleibt auch immer ein Stück Suche, Zeit des Fragens und Tastens, aber es ist ein aktives Suchen. Der Auferstandene ruft jeden einzelnen aus den Grenzen seines Denkens und Lebens heraus ins Neue und Weite. Das ist kein gemütlicher Osterspaziergang, sondern ein Aufbruch zu den Menschen, ein Aufbruch, der im Auftrag des Auferstandenen selbst gründet: „Geh zu meinen Brüdern, und sag ihnen: Ich geh hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu eurem Gott und zu meinem Gott“. Was mit der Auferstehung Jesu begonnen hat, können wir nicht für uns behalten. Alle dürfen erfahren, dass mit der Auferweckung Jesu eine neue Zeit begonnen hat. Alle dürfen wissen, dass der Herr uns zur unbesiegbaren Liebe führen will. Die christliche Hoffnung, die aus dem Sieg über den Tod geboren ist, kann uns niemand nehmen, ja, „diesen Osterglauben kann uns niemand rauben“. Amen.

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Schrifttexte: Apg 10,34a.37-43; 1 Kor 5,6b-8; Joh 20,1-18 

(1) Rotzetter, Anton: „Am Morgen einer neuen Zeit“, Herder, Freiburg 2002.
(2) Vgl. den Leitartikel „Vorsicht, gute Nachrichten“ in der ZEIT vom 21. März 2013, S. 37-38.
(3) CiV 19.
(4) Papst Benedikt XVI., Ansprache am Fest der Taufe des Herrn, 10. Januar 2010.