Am Weinstock bleiben!

Impuls zum 5. Sonntag der Osterzeit

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Von Msgr. Dr. Peter von Steinitz*

MÜNSTER, 4. Mai 2012 (ZENIT.org). - Der Herr liebt Vergleiche, die aus dem Landleben stammen. Am vergangenen Sonntag hörten wir das Gleichnis vom Hirten. Er selber ist der Gute Hirt, der sogar sein Leben hingibt für die Schafe.

Am heutigen 5. Ostersonntag vergleicht er sich und uns mit einem Weinstock. Das Bild ist außerordentlich sinnfällig. So wie die Reben ohne den Weinstock, an dem sie sich befinden, gar nicht denkbar sind, genauso können wir Christen ohne Christus nicht existieren.

Moment mal, könnten wir einwenden, das ist nicht überzeugend: Ich bin dem Namen nach Christ, aber ich lebe ganz gut ohne Christus. Ist das Gleichnis also falsch oder zumindest überzogen?

Weder noch, aber es hat sozusagen einen Geduldskoeffizienten. Wenn eine Rebe vom Weinstock abfällt und auf dem Boden liegt, dauert es nur ein paar Stunden, bis sie verdorrt. Wenn ein Mensch, der als Christ getauft ist, sich von Christus lossagt, dann ist das aufgrund der Güte Gottes nicht sofort sein Ende. Sein physisches Leben wird durch eine Trennung sowieso nicht tangiert. Er lebt vielleicht sogar eine Zeitlang recht gut, scheinbar womöglich entspannter. Aber dem Herrn geht es natürlich um das geistige Leben, das ja das ewige Leben sein soll. Und das geht tatsächlich langsam ein. Der Mensch betet nicht mehr, sein sittliches Leben verliert an Niveau, die Neigungen zum Bösen, die jeder Mensch als Folge der Erbsünde mit sich herumträgt, werden stärker.

Man sagt gern, dass ein Vergleich hinkt, dass er also vielleicht nicht ganz die Sache trifft. Das ist bei den Gleichnissen Jesu natürlich nicht der Fall, sie passen immer genau. Denken wir auch an jene Gleichnisse, mit denen Jesus das Himmelreich beschreibt. Das Himmelreich ist wie ein Schatz im Acker, wie eine kostbare Perle. Oder auch: mit dem Himmelreich ist es wie einem Hausvater, der morgens ausgeht, um Arbeiter für seinen Weinberg zu dingen. Und die Vergleiche „passen” nicht nur, sie sind auch oft viel deutlicher als eine direkte Beschreibung. Außerdem prägen sie sich gut dem Gedächtnis ein.

Allerdings – und das liegt in der Natur der Sache – das Gleichnis hat irgendwann ein Ende, man kann den Vergleich nicht unbegrenzt weiterführen. So ist es auch mit dem Gleichnis vom Weinstock. Die Gleichnisrede ist ganz klar: wer sich vom Weinstock Christi entfernt, der verliert die Verbindung zum lebensspendenden Stamm. Aber während die einmal abgefallene Rebe unmöglich wieder mit dem Weinstock verbunden werden kann, ist es beim „abgefallenen” Christen doch möglich, die Verbindung wieder herzustellen. Er kann sich bekehren, eine wirkliche Reue erwecken, wieder neu anfangen und dann sogar noch ein großer Heiliger werden. Das ist das, was der Herr möchte. Er möchte, dass wir “reiche Frucht” tragen. Auch hier wird das ursprüngliche Bild übertroffen. Ein wirklicher Weinstock kann nicht mehr als eine begrenzte Anzahl guter Reben hervorbringen. Ein Christ jedoch, der ganz innig mit Christus verbunden ist, kann unbeschreiblich viel Gutes tun, sehr viele Menschen zum Glauben führen und so Gott verherrlichen. Denken wir nur an die großen Heiligen, die wie der hl. Franz Xaver oder die sel. Mutter Teresa von Kalkutta unglaublich viele Menschen zu Christus und zum Guten geführt haben.

Was für den einzelnen Menschen gilt, das gilt – mit den üblichen Randunschärfen – auch für Gemeinschaften. Manchmal werden ganze Völker vom Weinstock der Wahrheit gewaltsam abgeschnitten. Im Jahre 1933 unser deutsches Volk, und schon vorher im Jahre 1917 das russische Volk. Beiden wurde von Staats wegen der Glaube an Christus weggenommen, mit den entsprechenden verheerenden Folgen. Aber beide Völker haben erleben dürfen, wie dieses Abschneiden wieder rückgängig gemacht werden kann. In dieser Woche denken wir am 8. Mai an die Beendigung des Krieges und damit des Nazi-Regimes im Jahre 1945.

Im Monat Mai richten wir den Blick auf Maria, die Mutter des Herrn, die seit jener bitteren Stunde unter dem Kreuz auch unsere Mutter ist. Sie möge uns immer wieder helfen, die Notwendigkeit der Verbindung zum wahren Weinstock für uns selbst und für die Gemeinschaft zu sehen und – notfalls wiederherzustellen.

Wenn das gelingt, werden wir auch das erleben, was Jesus in diesem Evangelium verheißt: „Wenn ihr in mir bleibt, und wenn meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: ihr werdet es erhalten” (Joh 15,8).

*Msgr. Dr. Peter von Steinitz, war bis 1980 als Architekt tätig; 1984 Priesterweihe durch den sel. Johannes Paul II.; 1987-2007 Pfarrer an St. Pantaleon, Köln; seit 2007 Seelsorger in Münster. Er ist Verfasser der katechetischen Romane: „Pantaleon der Arzt“ und „Leo - Allah mahabba“.