American Hustle

Gut gespielte Gaunerkomödie über Korruption nach einer wahren Begebenheit

Rom, (textezumfilm) Dr. José García | 327 klicks

New York, April 1978. Irving Rosenfeld (Christian Bale) klebt sich sorgfältig sein Toupet auf das schüttere Haar. Rosenfeld bereitet sich auf eine FBI-Aktion vor, bei der seine Geliebte Sydney Prosser (Amy Adams) und FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. In einem noblen Hotel soll Camdens Bürgermeister Carmine Polito (Jeremy Renner) der Korruption überführt werden. Die Aktion geht allerdings wegen des übereifrigen FBI-Agenten in letzter Sekunde schief. Irving Rosenfeld soll den aus der Hotelsuite herausrennenden Bürgermeister zurückholen. Ehe der Zuschauer erfährt, wie es weitergeht, zeigt der Film jedoch zunächst in einer fünfzigminütigen Rückblende, wie es zu diesem Einsatz kam. Die Einblendung „Einiges hiervon ist wirklich geschehen“ spielt auf den sogenannten „Abscam“-Skandal an, bei dem sich in den späten siebziger Jahren zwei FBI-Beamten die Mitarbeit eines Trickbetrügers namens Melvin Weinberg sicherten. Sie gründeten eine von einem falschen arabischen Scheich angeführte Scheinfirma, um Politiker der Bestechung zu überführen. Nach der verdeckten Aktion wurden sechs US-Abgeordnete, ein Senator und auch der Bürgermeister von Camden, einer kleinen Industriestadt im US-Staat New Jersey, verurteilt.

Abwechselnd begleiten die Off-Stimmen von Irving Rosenfeld und Sydney Prosser die verschiedenen Etappen der Rückblende: Rosenfeld besitzt einige chemische Reinigungen. Das große Geld verdient er freilich im Hinterzimmer mit Kunstfälschungen und dubiosen Kreditgeschäften. Auf einer Party lernt er Sydney Prosser kennen. Sie haben nicht nur den gleichen Musikgeschmack – bald stellt sich heraus, dass Sydney in Sachen Betrügereien Irving in nichts nachsteht. Als britische Lady Edith „mit besten Beziehungen zu Londoner Banken“ wickelt sie die Kunden um den Finger. Die beiden werden nicht nur geschäftlich Partner, auch privat sind sie bald ein Liebespaar. Allerdings hat dies einen kleinen „Schönheitsfehler“: Irving ist mit der Neurotikerin Rosalyn (Jennifer Lawrence) verheiratet, die von Scheidung nichts wissen will. Außerdem hat Irving gerade Rosalyns Sohn adoptiert, den er wie sein eigenes Kind liebt. Nach einigen Erfolgen lässt aber der ehrgeizige FBI-Agent DiMaso Sydney alias Lady Edith und Irving auffliegen. Er schlägt den Trickbetrügern einen Deal vor: Um einer Gefängnisstrafe zu entgehen, sollen sie als Lockvögel für die politische Prominenz eingesetzt werden. Die beiden stimmen zu, haben allerdings eigene Pläne. Bei denen bleibt aber Irvings Ehefrau Rosalyn ein unberechenbares Risiko.

Zwar versucht der Regisseur Wiederholungen dadurch zu vermeiden, dass er mehrfach schnellgeschnittene Sequenzen einsetzt. An mehreren Stellen bevorzugt David O. Russell jedoch witzige Einfälle, die den Fortgang der Geschichte eher hemmen als voranbringen. Dennoch macht die 70er Jahre-Atmosphäre manches Holprige im Drehbuch wieder wett. Insbesondere die Kostüme – auch wenn hier Amy Adams mit ihren tiefen Ausschnitten eindeutig über die Stränge schlägt – und die Frisuren evozieren diese Zeit. Darin nimmt außerdem die Musik eine zentrale Stelle ein, die an vielen Stellen eine dramaturgische Rolle spielt, etwa wenn Irving und der Bürgermeister beim Zusammensingen von Tom Jones’ „Delilah“ ihre Freundschaft besiegeln.

Auf den ersten Blick nimmt sich „American Hustle“ wie ein Genrefilm in der Nachfolge des klassischen Trickbetrüger-Films „Der Clou“ (George Roy Hill, 1973) oder des moderneren „Catch Me If You Can“ (Steven Spielberg, 2002) aus. Gegenüber den korrupten Politikern übernehmen die kleinen Gauner den Part der „Guten“. Weil die Hauptfiguren dieser Genrefilme sehr menschliche Grundzüge verkörpern, sieht der Zuschauer gerne davon ab, dass es dabei um eigentlich unmoralisches Handeln geht, und lässt sich gerne auf ihre Seite ziehen. Darüber hinaus steht die eigentliche Gauner-Geschichte nur vordergründig im Mittelpunkt. In Wirklichkeit geht es David O. Russell darum, die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Figuren zu beleuchten und dadurch die Wünsche und Sehnsüchte der „conditio humana“ auszuloten. Unter diesem Aspekt kann „American Hustle“ als würdiger Nachfolger klassischer Hollywood-Komödien bezeichnet werden.

Wesentlichen Anteil daran haben die gut aufgelegten Darsteller. Neben Christian Bale und Bradley Cooper, die den Trickbetrüger beziehungsweise den ehrgeizigen Polizisten mit vollem physischem Einsatz darstellen, glänzen insbesondere Amy Adams mit einem Feuerwerk der Gefühle sowie Jennifer Lawrence in einer Rolle, die ihrer bisherigen Karriere völlig entgegensteht. Kein Wunder, dass die vier Protagonisten für den diesjährigen Oscar nominiert wurden – insgesamt erhielt „American Hustle“ in zehn Kategorien Nominierungen für den bedeutenden Filmpreis, womit David S. Russells Film zusammen mit Alfonso Cuaróns „Gravity“ das Feld der Oscar-Nominierten anführt. Erwähnenswert sind aber auch Jeremy Renner als Bürgermeister und Robert de Niro in einem Kurzauftritt, bei dem er sich endlich nach längerer Zeit wieder zurücknimmt. Besonders Christian Bale und Amy Adams stellen Charaktere dar, bei denen sich der Zuschauer über längere Strecken nicht sicher ist, ob sie schauspielern oder echte Gefühle äußern. Schließlich geht es bei „American Hustle“ auch um die Frage, was echt oder lediglich Fälschung ist.

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Filmische Qualität: Dreieinhalb Sterne
Regie: David O. Russell
Darsteller: Christian Bale, Amy Adams, Bradley Cooper, Jenifer Lawrence, Jeremy Renner, Jack Huston, Michael Peña, Louis C.K., Robert de Niro
Land, Jahr: USA 2013
Laufzeit: 138 Minuten
Genre: Komödien/Liebeskomödien
Publikum: ab 16 Jahren
Einschränkungen: S, X
im Kino: 2/2014

Dr. José García, geb. 1958, Magister Artium 1982, promovierte in Mittlerer und Neuerer Geschichte an der Universität Köln 1989. Filmkritiker für verschiedene Zeitungen. Autor der Filmbücher „Träume, Werte und Gefühle. Die wundersame Welt von Film und Kino“ und „Der Himmel über Hollywood. Was große Filme über den Menschen sagen“. Mitglied im Verband der deutschen Filmkritik, Mitarbeit an den Jurys für die Verleihung des „Preises der Deutschen Filmkritik“. José García lebt und arbeitet in Berlin.