An der Schwelle vom Alten zum Neuen Bund: Dritte Katechese von Kardinal Schönborn

Von Monika Stadlbauer

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WIEN, 10. Dezember 2007 (ZENIT.org).- In der dritten Katechese über die Göttliche Barmherzigkeit am 9. Dezember im Wiener Stephansdom vollzog Kardinal Schönborn den Schritt vom Alten zum Neuen Testament:


Worin besteht die Barmherzigkeit Jesu, und in welchem Verhältnis steht sie zum „gewöhnlichen“ Verhalten des Menschen?

Die hebräischen Termini „Rachamim“ und „Chesed“ bestimmen die alttestamentliche Rede über Gottes Barmherzigkeit. Sie drücken zentrale Dimensionen des Göttlichen Erbarmens aus. „Rachamim“ bezeichnet mit „Eingeweide“ oder „Mutterschoß“ eine zuinnerst liegende Mitte des menschlichen Leibes, „Chesed“ wiederum Treue und Zuwendung, ganz im Sinne des Bundesgedankens. Sowohl im Benedictus-Lobgesang des Zacharias an der Schwelle von Altem und Neuem Bund wie im Magnificat Mariens wird dieses Erbarmen gepriesen.

Die Etymologie macht klar: Gottes Barmherzigkeit ist verbindlich und personal: Sie macht den Menschen nicht zu einem Objekt göttlicher Hulderweise, sondern meint jeden einzelnen ur-personal in seinem Innern. Durch die barmherzige Liebe Gottes sei das aufstrahlende Licht – „oriens ex alto“ – in menschlichem Fleisch erschienen, so preist Zacharias die Ankunft Christi. Gott wollte sein Erbarmen so endgültig manifestieren, dass er es in Jesus inkarniert habe, so der Kardinal.

In der Folge beleuchtete der Wiener Erzbischof verschiedene Stellen aus dem Evangelium, um das Erbarmen Jesu mit dem Menschen deutlich herauszustellen. Zuerst fällt Jesu Betroffenheit dem menschlichen Leid gegenüber auf. Bei der Witwe, die den einzigen Sohn zu Grabe trägt; bei seinen hungrigen und erschöpften Zuhörern, die wie Schafe ohne Hirten sind; bei den Leprakranken und den Blinden: Jesus bleibt nicht neutral. Er wird im Innersten von Mitleid ergriffen. Stets wird der gleiche griechische Terminus gebraucht, um diese innere Bewegung deutlich zu machen. Jesus schaut nicht weg, er wendet sich zu und berührt.

Ist dieses Verhalten aber nicht ohnehin ein ur-menschliches? Keineswegs! Denn, so stellte der Kardinal heraus, schon Nietzsche habe in seinem „Antichrist“ in unmissverständlichen Worten die Barmherzigkeit der Christen als Gegenstück der nietzscheanischen „Menschenliebe“ dargestellt. Alles Missratene und Schwache solle untergehen, und wahre Menschenliebe sei es, dabei zu helfen, so die unzweideutigen und erschreckend aktuellen Worte des bereits von geistiger Umnachtung angegriffenen Philosophen zur aktiven Sterbehilfe, zu Selektion und Abtreibung. Ist Erbarmen mit Nietzsche also widernatürlich, ja widerlich?

Es gibt eine natürliche Basis für Erbarmen im Menschen. Die Neurophysiologie kennt die Spiegelneuronen, die im menschlichen Gegenüber ein unmittelbares Mitfühlen ermöglichen. Gefühle seien ja nicht rein subjektiv, sondern hätten auch ein objektives Maß, eine Entsprechung zur Wirklichkeit, die zeigen, wie tief die Barmherzigkeit in der menschlichen Natur eingesenkt sei, so Schönborn. Ja, es gebe das untrügliche Gefühl im Menschen, das feststellt, der barmherzige Samariter habe richtig gehandelt. Und selbst die Jurisdiktion kennt eine Beistandspflicht, was dies untermauert.

Der Marx’schen Kritik am scheinbar selektiven Erbarmen Gottes, das im Widerspruch zu einer eingeforderten Gerechtigkeit zu stehen scheint, kann entgegengesetzt werden, dass Christus sich eines jeden erbarmt, der ihn darum bittet. Eine Begegnung mit Jesus ist persönlich, sie geschieht am einzelnen. Nicht um die Menschheit geht es, sondern um „mich“. Das bedeutet jedoch nicht ein Vergessen der anderen. Die 99 Schafe, die kurze Zeit zurückgelassen werden, damit der Hirte das verlorene sucht, werden durch diesen Akt des Erbarmens nicht vernachlässigt, sondern im Gegenteil beruhigt: Auch Dir geschieht dasselbe, solltest du einmal in Not geraten.

Die Barmherzigkeit Jesu beschränkt sich jedoch nicht auf körperliche Heilung. Der Herr sieht eine große Menschenmenge, die ihm an den „einsamen“ Ort vorauseilt, an den er sich mit seinen Jüngern zurückziehen wollte, und hat Erbarmen mit ihnen, denn „sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben“. Unwissenheit, Unorientiertheit werden durch die Lehre Jesu beseitigt. Seine Lehre, sein Wort seien das erste Brot, das der Menschen brauche, betonte Kardinal Schönborn.

Dass das Erbarmen Jesu die natürlichen Gegebenheiten des Menschen übersteigt, wird am Beispiel der Apostel deutlich. Ihre „Barmherzigkeit“ ist eine ganz menschliche: Sie wollen die Leute wegschicken, damit sie sich etwas zu essen kaufen können. Tatsächlich aber wird deutlich, dass die Anweisung Jesu: „Gebt ihr ihnen zu essen“, eine glatte Überforderung ist.

Bisweilen erscheinen die Jünger barmherziger als Jesus, etwa im Fall der kanaanitischen Frau, die von Jesus mit gar nicht politisch korrekten Worten abgewiesen wird, doch sie lässt nicht locker: Herr, auch die Hunde bekommen von den Brotkrumen, die von den Tischen ihrer Herrn fallen... Auf diesen Beweis großen Glaubens hin erfüllt der Herr die Bitte der Frau, nicht jedoch auf das Drängen seiner Jünger, er möge doch endlich helfen, da die Frau hinter ihnen herschreie. Mit der Frau aus Kanaan geht Jesus einen steilen Weg. Darüber nachzudenken soll Aufgabe der nächsten Katechese am 13. Januar sein.