An die anderen denken: „Caritas in veritate“ behandelt vor allem Moralfragen

Von Carl Anderson*

| 2095 klicks

NEW HAVEN, 15. Juli 2009 (ZENIT.org).- Lange bevor es einen „linken“ oder einen „rechten Flügel“ gab, gab es das Evangelium. Und lange nachdem diese politischen Bezeichnungen in Vergessenheit geraten sein werden, wird das Evangelium noch immer Bestand haben. In diesem Licht ist es besonders wichtig, dass wir die neue Enzyklika Papst Benedikts XVI., Caritas in veritate („Die Liebe in der Wahrheit“), betrachten.


 
Man könnte das Denken des Papstes über die Wirtschaft folgendermaßen zusammenfassen: Jeder von uns muss die Frage Christi beantworten: „Du aber – was sagst du, wer bin ich?“ Wenn wir mit Petrus antworten: „Der Messias“, dann sollte dies uns direkt zur Mitte unseres Lebens führen. Unsere bedeutendste Wirklichkeit muss die Wahrheit unserer Beziehungen sein. So können wir verstehen, wie das ganze Gesetz und die Propheten in den beiden Geboten Jesu Christi zusammengefasst werden konnten, dass wir Gott ganz und gar lieben sollen und unsere Nächsten wie uns selbst. Deshalb sind wir imstande, von „caritas in veritate“, von der „Liebe in der Wahrheit“ zu sprechen.

Wenn wir Christus und diese beiden Gebote annehmen, müssen wir uns bewusst werden, dass die Ausübung unserer Freiheit nicht bedeuten kann, den größtmöglichen Reichtum anzuhäufen. In all unseren Handlungen müssen wir daher die Wirklichkeit der ersten zwei Worte des Vaterunsers reflektieren, die Papst Benedikt XVI. am Ende seiner Enzyklika zitiert, um auf die gemeinsame Menschenfamilie hinzuweisen, zu der wir gehören.

Schlussendlich sollten wir uns an fünf bedeutsame Fakten erinnern:

1. Wir sollten nicht fragen, wie diese Enzyklika unsere Weltanschauung bestätigt, sondern, wie sich unsere Weltanschauung als Antwort auf dieses Dokument verändern sollte.

Kommentatoren sollten nicht der Versuchung erliegen, die Enzyklika politisch zu analysieren, da die These des Papstes klar macht, dass die ethische Grundlage die Politik überschreiten muss.

2. Die Welt verdient eine Marktwirtschaft mit Gewissen, wie es die Ereignisse der Weltwirtschaft im vergangenen Jahr klar gezeigt haben. Weder der Marxismus, der Gott leugnet und die Aufgabe des Menschen vorherbestimmt, noch eine Marktwirtschaft, die individuelle Entscheidungen ausschließen oder ignorieren, können die Lösung für das Problem sein.

3. Anstatt sich auf rein technische Lösungen für die Wirtschaftskrise zu fokussieren, sollte die Grundlage unseres Systems auf dem Felsen der Moral gebaut werden anstatt auf dem Sand des Determinismus.

4. Des Weiteren ruft der Papst zu einer ökonomischen Wirklichkeit auf, die das Leben jeder Person respektiert, auch der kleinsten und hilflosesten.

5. Diese Enzyklika ist nicht bloß ein katholisches Dokument, sondern betrifft die gesamte Menschheit. Diejenigen, die im Wohlstand leben, sollten an ihre Verantwortung denken, ihrem Nächsten zu helfen. Wir können und sollten mehr tun.

Wir sind jedoch nicht die einzigen, die zum Teilen aufgerufen sind. So stellt der Papst auch in Frage, ob es denn gerecht sei, dass der „Präsident“ eines Landes, in dem die Menschen mit nur einem Dollar pro Tag überleben müssen, mit Millionen Dollar auf einem Schweizer Bankkonto in die Rente geht.

Ein Christ muss ein Mensch für andere sein. Aber natürlich nicht nur die Christen – alle Menschen sind berufen, so zu leben.

Zu lange haben viel zu viele Menschen so gehandelt, als wären sie nur sich selbst verpflichtet. Wir alle haben die Ergebnisse eines solchen Verhaltens gesehen und wissen, dass es ein sehr armes Model ist – ethisch und ökonomisch.

Nun suchen die Menschen nach einem moralischen Kompass, und sie wissen, dass Papst Benedikt XVI. ein solcher ist. Allerdings kann ein Kompass nur den Weg anzeigen; es liegt an uns, ihm zu folgen.

* Der Autor ist Präsident der US-amerikanischen katholischen Laienorganisation „Knights of Columbus“ („Kolumbus-Ritter") und Bestseller-Autor; Übersetzung von Florian Vorisek.