An Elisabeth Maß nehmen

Bischof Wanke zum Abschluss des Elisabeth-Jahres

| 651 klicks

ERFURT, 24. November 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen das Geistliche Wort, das Bischof Joachim Wanke beim ökumenischen Gottesdienst am 18. November in der Georgenkirche zu Eisenach gehalten hat.



Der Hirte ermutigte die Gläubigen, die heilige Elisabeth von Thüringen, diese große Heilige der tätigen Nächstenliebe, nicht nur im Jubiläumsjahr zum Vorbild zu nehmen, sondern „über dieses Jahr hinaus auch“.

* * *



Nicht nur im Jubiläumsjahr:
Wie Elisabeth leben und lieben

Elisabeth feiern – das ist das eine. Das haben wir jetzt reichlich getan. An Elisabeth Maß nehmen und ihrem Beispiel entsprechend leben und lieben – das ist das andere. Und eben das ist die bleibende Herausforderung, auch nach diesem Gedenkjahr.

Dankbar bin ich zusammen mit Landesbischof Christoph Kähler für alles, was Elisabeth in diesem Jahr in unseren Kirchen und noch mehr: in den Herzen vieler Menschen bewegt hat. Aus meiner Sicht war das Gedenkjahr eine ansprechende und gelungene Geburtstagsfeier. Die beiden christlichen Kirchen haben Elisabeths Biographie als Zeugnis ihrer tiefen Christusfrömmigkeit gewürdigt. Wie Barmherzigkeit heute konkret Gestalt gewinnt und unsere Gesellschaft durchdringen kann, war Gegenstand des gemeinsamen Nachdenkens und vieler beispielhafter Initiativen. Es hat mich zudem sehr gefreut, dass auch über den kirchlichen Bereich hinaus Elisabeths Leben und Wirken so starke Beachtung und lebhaftes Interesse gefunden hat. Es war zu spüren: Diese Frau aus ferner Geschichte hat auch unserer Zeit etwas zu sagen.

Was bleibt von diesem Jahr? Jedes Heiligengedenken ist eine Erinnerung daran, dass der Ausgang des Kampfes zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Gottesreich und Menschenreich schon entschieden ist. Ich möchte es so ausdrücken: Die Heiligen sind die "signifikant Anderen", die notwendig sind, um uns diesen wichtigen Perspektivwechsel zu vermitteln, von dem das Evangelium spricht: Gottes Welt ist unaufhaltsam im Kommen.

Ich erinnere an eine Alltagserfahrung, die uns zeigen kann, warum manchmal andere uns helfen können, uns wieder zu besinnen, besonders dann, wenn wir uns hoffnungslos verrannt haben. Da gab es den Streit unter Freunden, unter Eheleuten. Da ist es gut, wenn ein Dritter mich beiseite nimmt und mir sagt: "Sieh das Ganze einmal aus einer anderen Perspektive an! Sieh das einmal – den letzten Streit – mit den Augen deiner Frau, mit den Augen deines Mannes! Mach deinen Gesichtskreis etwas weiter! Beleuchte dein Problem einmal von einem anderen Blickwinkel her!"

Nicht immer hilft das: Beratungsfachleute wissen davon ein Lied zu singen. Aber wenn überhaupt etwas helfen soll – in einer Verengung, in einer Lebensangst, in einer Beziehungsnot, dann ist mehr als ein Ratschlag, mehr als eine Ermahnung, mehr als ein psychologischer Trick vonnöten, um Änderung, um Umkehr zu bewirken. Da braucht es grundlegenden Perspektivwechsel!

Jesu Botschaft, sein eigenes Leben und Sterben ist letztlich das Aufreißen eines gigantischen Verblendungszusammenhanges. Sein Leben, Sterben und Auferstehen rufen uns zu: "Schau die ganze Wirklichkeit an! Schau sie mit meinen Augen an!" "Gottes Reich ist schon mitten unter euch angebrochen." "Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen". Der eigentliche Kampf um den Menschen ist von Gott schon gewonnen.

Haben wir als Getaufte und Gefirmte diese hoffnungsvolle Grundgestimmtheit? Könnte uns die heilige Elisabeth – könnten uns die Heiligen unserer Glaubensgeschichte nicht diese erlösende, mutmachende Perspektive vermitteln? Gottes Liebe bleibt siegreich. Wir selbst sind durch sie aus Sinnlosigkeit und ewigem Vergessen-Werden gerettet – und wir vergeben uns nichts, wenn wir diese Liebe weiterschenken – mit den kleinen Münzen, die wir eben zur Verfügung haben.

Ich sage es noch einmal mit den Worten der Heiligen Schrift: "Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben!" Dieses Lieben-Können ist harte Arbeit, ist täglicher Kampf! Das wissen wir, weil wir die heilige Elisabeth von Thüringen kennen. Wir wissen es noch mehr, weil wir ihn kennen, IHN, unseren Herrn und Heiland, der sich für uns klein und unscheinbar gemacht hat, damit wir groß sein können und etwas zu lachen haben: Christus der Herr, er, der "signifikant Andere", der alle Wirklichkeit in ein neues Licht taucht, in eine neue Perspektive.

Das ist Elisabeths Botschaft. Lasst uns aus dieser österlichen Perspektive ihrem Vorbild entsprechend leben – und lieben, auch über dieses Jahr hinaus. Amen.

[Vom Bistum Erfurt veröffentlichtes Original]