An ihrer Stelle

Filmkritik

Berlin, (textezumfilm) Dr. José García | 655 klicks

Für die 18-jährige, aus einer orthodoxen chassidischen Gemeinde in Tel Aviv stammende Shira (Hadas Yaron) ist die Zeit gekommen, an ihre Hochzeit zu denken. Ehe aber sie prüfen kann, ob sie den von ihrer Familie vorgeschlagenen jungen Mann heiraten möchte, stirbt ihre ältere Schwester Esther (Renana Raz) bei der Geburt ihres Kindes. Ihre Mutter Rivka (Irit Sheleg) konfrontiert Shira mit dem Vorschlag, ihren verwitweten Schwager Yochay (Yiftach Klein) zu heiraten und für dessen Kind die Mutter-Stelle einzunehmen. Shira steht vor der schweren Entscheidung, auf ihr Herz zu hören und die Wünsche der Familie zu berücksichtigen.

Als erster Spielfilm, der in einer chassidischen Gemeinde gedreht wurde, gewährt Rama Burshteins „An ihrer Stelle“ („Fill the Void“) einen Einblick in eine fremde Kultur. Von der Kleidung – die verheirateten Frauen tragen eine Art Turban, der ihr gesamtes Haupthaar verdeckt, die Männer Schillerlocken und Gebetsriemen – über die Anrede „Frau“ zur eigenen Ehefrau bis hin zur strikten Trennung etwa zwischen einem Männer- und einem Frauentisch am Purimfest scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Shiras Familie ist wohlhabend, wovon nicht nur das Geldverteilen unter Gemeindemitgliedern, sondern auch die beeindruckende Bücherwand zeugt. Dennoch erzählt „An ihrer Stelle“ in seinem Kern eine universelle Geschichte – die einer jungen Frau, die in einer geschlossenen Welt mit festgelegten Konventionen ihren Weg finden, ihrem Herzen folgen muss. Das hervorragende Spiel der jungen Hadas Yaron als Shira, aber auch von Yiftach Klein als Yochay wird durch Asaf Sudrys sensible Kameraführung und durch eine großartige Musik mit hebräischen Chorälen bestens unterstützt.

Interview mit Regisseurin Rama Burshtein und Darstellerin Irit Sheleg

„An ihrer Stelle“ ist der erste Spielfilm, der in einer chassidischen Gemeinschaft angesiedelt ist. Was ist der Grund dafür, dass bislang dort keine Filme gedreht wurden? Gibt es in dieser orthodoxen Richtung des Judentums eine Abneigung gegen Filme?

Rama Burshtein: Es hat zwar schon Filme über die chassidische Welt gegeben. Es handelte sich jedoch um Außenansichten. Sie schauten von außerhalb in die chassidische Welt hinein. „An ihrer Stelle“ ist der erste Film, der eine Innenansicht bietet. Für mich war es wichtig, diesen Menschen eine eigene Stimme zu verleihen. Denn die orthodoxe jüdische Welt besitzt keine Freizeitkultur, wie wir sie im Westen kennen. Sie haben „wichtigere“ Dinge im Leben zu tun. Ich habe allerdings eine besondere Einstellung dazu, weil ich nicht immer religiös war. Schon vorher hatte ich auf einer ganz normalen Filmhochschule studiert, so dass ich nun beide Welten miteinander verbinden kann. 

Irit Sheleg: Es gibt auch orthodoxe Frauen, die Filme drehen. Aber sie sind nicht für die Außenwelt bestimmt, ja nicht einmal für die Männer. Die Männer lernen die Thora. Diese Filme werden für andere Frauen gedreht. Es handelt sich sozusagen um eine Subkultur – natürlich nicht im negativen Sinne. 

„An ihrer Stelle“ zeigt eine beinah verschlossene Welt. Fast die gesamte Handlung spielt sich in geschlossenen Räumen ab. Hat die chassidische Gemeinschaft keine Kontakte zur Außenwelt? Beispielsweise kann sich der Zuschauer fragen: Wo arbeitet Yochay?

Rama Burshtein: Shiras Familie ist eine auch für israelische Verhältnisse sehr wohlhabende Familie. Der eigentliche Ort des Filmes ist jedoch Shiras Herz, darauf konzentriert sich „An ihrer Stelle“. Wenn andere Dinge, etwa Yochays Arbeit, in den Blick genommen worden wären, hätte ich einen ganz anderen Film gedreht. Yochay wäre dann sicher in der Immobilienbranche tätig oder er würde mit Diamanten oder Gold handeln. Er ist sicher ein Geschäftsmann. 

Dadurch hat er aber auch Kontakte etwa zu Kollegen oder Geschäftsfreunden, die sicherlich nicht zur chassidischen Gemeinschaft gehören.

Rama Burshtein: Für mich war es sehr wichtig, dass der Film in einer sehr säkularen Stadt wie Tel Aviv spielt. In Tel Aviv, wo ich selbst wohne, nimmt sich diese Gemeinde wie eine Enklave aus. Um sie herum ist die Gesellschaft ganz anders. Aber der Film handelt von einem Konflikt, der sich im Innern dieser Gemeinschaft abspielt, ohne dass irgendetwas von außerhalb hineingebracht wird. 

Frau Sheleg: Was bedeutet für Sie als Schauspielerin, eine Frau aus einer solch geschlossenen Welt etwa mit ihrer deutlichen Trennung zwischen Frauen und Männern darzustellen?

Irit Sheleg: In der Tat war diese Welt für mich neu. Aber genau das ist die Herausforderung für einen Schauspieler. Für eine Schauspielerin ist es einfach, einen Text auswendig zu lernen. Schwieriger wird es, einen Weg in das Herz des Charakters zu finden, den man darstellen soll. Dabei hat mir Rama Burshtein sehr geholfen. 

Für einen westlichen Zuschauer wirkt die strikte Trennung zwischen Männern und Frauen sehr ungewohnt. 

Rama Burshtein: Im Judentum gibt es ein klares Bild von Mann und Frau. Vielleicht kann dies eine kleine Geschichte verdeutlichen: Ein nichtreligiöser Mann sagte zu einem Rabbiner: „Für Euch ist schon ein kleiner Finger einer Frau etwas Erregendes.“ Und der Rabbiner antwortete: „Das ist der Unterschied zwischen Euch und uns. Für uns ist etwas so Kleines wie ein Finger etwas ganz Besonderes, etwas Delikates. Wenn alles offen gezeigt wird, verliert es bald an Anziehungskraft“. Die Trennung der Geschlechter bewirkt einen größeren Respekt. Dadurch bekommen aber auch die Frauen eine größere Macht. Sie sind es, die durch ihre Stärke alles erhalten. 

Irit Sheleg: Wenn sich zum Beispiel in einem Film Männer und Frauen küssen, bleibt wenig Platz für die Vorstellungskraft. In „An ihrer Stelle“ gelingt es Rama Burshtein anzudeuten, was sich zwischen den Figuren abspielt, ohne es explizit zu zeigen. Als zum Beispiel Yochay anfängt zu weinen, bringt ihm Shira ein Taschentuch. Aber sie gibt es nicht ihm, sondern stellt es auf den Tisch. Dadurch spürt der Zuschauer in dieser Szene eine starke Spannung.

Frau Burshtein: Sie sagten vorher, dass es im chassidischen Judentum klare Bilder für Mann und Frau gibt. Haben sie auch unterschiedliche Aufgaben? Arbeiten beispielsweise chassidische Frauen nicht außerhalb der Familie?

Rama Burshtein: Doch, zum Beispiel ich (lacht). Im Film arbeitet Shira als Kindergärtnerin. Heute ist es kaum möglich, eine Familie zu ernähren, wenn nur der Mann eine Arbeitsstelle hat. In der jüdisch orthodoxen Welt brauchen die Frauen allerdings keine laute Stimme, um die Fäden in der Hand zu halten. Shiras Vater verteilt zwar Geld, aber den Schlüssel zum Tresor hat die Mutter. Und sie sagt auch, wieviel Geld verteilt werden darf. Von der Mutter kommt die Idee, dass Shira und Yochay heiraten sollen. Leise und behutsam tut sie alles, damit die Dinge ihren Lauf nehmen. Männer und Frauen haben zwar unterschiedliche Rollen. Die Frauen müssen sich aber nicht in den Vordergrund spielen, um ihre Macht auszuüben.

Die Geschichte von „An ihrer Stelle“ könnte sich überall abspielen. Welche Besonderheiten hat diese Handlung innerhalb einer chassidischen Gemeinschaft?

Rama Burshtein: Menschen aus verschiedenen Ländern haben mir nach dem Film gesagt: „In meiner Familie ist auch Ähnliches geschehen.“ Das Besondere an dieser Geschichte ist, dass eine 18-jährige Frau, die keine Vorbilder aus Filmen oder aus einem Roman von Jane Austen kennt, herausfinden soll, wie sie sich verhalten soll. Der Film zeigt, was sich in ihrem Herzen abspielt. Von ihr wird erwartet, dass sie ihren Schwager heiratet. Das kann sie tun. Aber sie fragt sich, ob sie ihn wirklich mag, ob sie diese Gefühle spürt. Sie muss in ihrer Unschuld herausfinden, was ihre Gefühle bedeuten.

Irit Sheleg: In einer anderen Kultur wäre es etwa so dargestellt werden, dass der Witwer und seine Schwägerin durch die gemeinsame Trauer zusammenfinden. Hier kommt alles schneller, weil das Judentum nur für die Eltern ein Jahr Trauer kennt. Für den eigenen Ehepartner oder für Geschwister dauert die Trauer einen Monat. Das Leben steht im Vordergrund, das Leben geht dann weiter, deshalb für Yochay schnell eine Frau gefunden werden muss. 

Shiras Mutter Rivka steckt auch in einem Konflikt. Auf der einen Seite möchte sie ihr Enkelkind nicht verlieren – etwa wenn Yochay nach Belgien heiratet. Deshalb hat sie ein großes Interesse daran, dass ihre Tochter den Schwager heiratet. Auf der anderen Seite möchte sie ihre Tochter nicht zu sehr drängen. Wie sehen Sie diese Figur, Frau Sheleg?

Irit Sheleg: Sie ist eine Frau, die gerne die Kontrolle behält. Sie hat einen großen Verlust erlitten, denn sie hat ihre Tochter verloren. Sie sieht ihre Verpflichtung nicht so sehr gegenüber Shira, sondern eher gegenüber ihrer verstorbenen Tochter und ihrem Enkelkind. Sie versucht, alles zu kontrollieren. Aber es kommt schließlich der Punkt, wo sie einsieht, dass sie loslassen muss, wo sie einsieht, dass sie nicht die Kontrolle über die Welt haben kann. Denn Gott ist derjenige, der alles lenkt. Sie hat alles nach ihrem Wunsch in die Wege geleitet, kann aber nicht bestimmen, wie es weitergehen soll. 

Hält also Rivka die ganze Familie zusammen?

Irit Sheleg: Nicht die Frau allein, es ist die Einheit aus Mann und Frau. Die Frau setzt zwar die Dinge in Gang, ist aber nicht die dominierende Person. Sie braucht den Mann und will ihn auch brauchen. Im Judentum arbeiten Mann und Frau zusammen. 

Sie sprachen von Jean Austen. Inwieweit spielt sie eine Rolle für ihren Film?

Rama Burshtein: Sie war zwar keine Inspiration für den Film. Aber viele Menschen, die „An ihrer Stelle“ gesehen haben, fanden eine gewisse Verbindung zu ihr. Wie die Romane von Jean Austen spielt mein Film in einer Welt mit festen Regeln, aus der die Figuren nicht ausbrechen möchten. Sie suchen vielmehr nach den Möglichkeiten, dort zu leben.

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Regie: Rama Burshtein
Darsteller: Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg, Chaim Sharir, Razia Israely, Hila Feldman, Renana Raz Land
Jahr: Israel 2012
Laufzeit:90 Minuten
Genre: Dramen
Publikum: ab 12 Jahren
Einschränkungen:--
im Kino:7/2013