"An welchem Tisch will ich mich ernähren? Am Tisch des Herrn?"

Papstpredigt zu Fronleichnam

Rom, (ZENIT.org) | 611 klicks

Wir übernehmen in einer Arbeitsübersetzung von Radio Vatikan die Predigt von Papst Franziskus bei der gestrigen Fronleichnamsmesse in der römischen Lateranbasilika.

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„Der Herr, dein Gott, … hat dich dann mit dem Manna gespeist, das du nicht kanntest“ (Dt 8,2).

Die Worte Moses beziehen sich auf die Geschichte Israels, bei der es um den Auszug aus Ägypten durch Gottes Hilfe geht, sowie um die Befreiung aus der Sklaverei und den 40 Jahren durch die Wüste geführten Weg bis hin zum Gelobten Land. Einmal in jenem Land angekommen, erreicht das auserwählte Volk eine gewisse Selbstständigkeit, einen gewissen Wohlstand. Sie laufen jedoch Gefahr, ihre traurige Vergangenheit zu vergessen, die sie dank Gottes Hilfe und seiner unbegrenzten Güte überwinden konnten. Die Heiligen Schriften rufen dazu auf, sich an den gesamten Weg durch die Wüste zu erinnern, an jene Zeiten des Hungers und des Mühsal. Moses lädt dazu ein, zurück zum Wesentlichen zu kehren, zur Erfahrung der uneingeschränkten Abhängigkeit von Gott, als das Überleben in seinen Händen lag, damit der Mensch versteht, dass „er nicht nur vom Brot allein, sondern… von dem lebt, was aus dem Munde des Herrn kommt“. (Dt 8,3)

Neben dem konkreten Hunger gibt es noch einen weiteren Hunger, den der Mensch in sich trägt, einen Hunger, der nicht mit den üblichen Speisen gesättigt werden kann. Es ist der Hunger nach Leben, der Hunger nach Liebe, der Hunger nach Ewigkeit. Und das Zeichen der Manna – sowie die gesamte Erfahrung des Exodus – trug in sich auch diese Dimension: es war ein Zeichen für eine Nahrung, die diesen tiefen Hunger des Menschen sättigt. Jesus schenkt uns diese Nahrung. Er selber ist das lebendige Brot, das der Welt das Leben schenkt (vgl. Jh 6,51). Sein Leib ist wahrlich eine Nahrung im Wesen des Brotes, sein Blut ist wahrlich ein Getränk im Wesen des Weins. Das ist nicht einfach Nahrung, um unsere Körper zu sättigen, wie Manna; der Leib Christi ist das Brot der Endzeiten, das Leben schenken kann und das Ewige Leben, weil dieses Brot aus Liebe besteht.

In der Eucharistie sehen wir die Liebe des Herrn für uns: eine so große Liebe, die uns durch sich selbst ernährt; eine kostenlose Liebe, die jeder hungernden und hilfsbedürftigen Person immer zur Verfügung steht, damit sie ihre Kräfte wiedererlangen kann. Die Erfahrung des Glaubens zu machen bedeutet, sich vom Herrn ernähren zu lassen und die eigene Existenz nicht auf materielle Dinge aufzubauen, sondern auf eine Wirklichkeit, die nicht bedrängt: Gottes Gaben, sein Wort und sein Leib.

Wenn wir uns umschauen, merken wir, dass es ganz viele Nahrungsangebote gibt, die nicht vom Herrn kommen und die uns scheinbar noch mehr zufriedenstellen. Einige ernähren sich von Geld, andere von Erfolg und von der Eitelkeit, andere wiederum von der Macht und vom Stolz. Doch die Nahrung, die uns wirklich ernährt und sättigt, ist nur jene, die uns der Herr gibt! Die Nahrung des Herrn ist anders als alles andere. Vielleicht erscheint uns das weniger schmackhaft als gewisse Speisen der Welt. Dann träumen wir von anderen Speisen, so wie das jüdische Volk in der Wüste, als es das Fleisch und die Zwiebeln vermisste, die es in Ägypten gegessen hatte; doch sie vergaßen dabei, dass sie dort als Sklaven am Tisch saßen. In jenen Augenblicken der Versuchungen hatten sie zwar eine Erinnerung, doch eine kranke Erinnerung, eine selektive Erinnerung.

Jeder von uns kann sich heute fragen: Und ich? Wo möchte ich essen? An welchem Tisch will ich mich ernähren? Am Tisch des Herrn? Oder träume ich von leckeren Speisen, aber in Gefangenschaft? Welche ist meine Erinnerung? Ist es jene, in der der Herr mich befreit oder jene, in der Knoblauch und Zwiebeln in der Gefangenschaft vorkommen? Mit welcher Erinnerung sättige ich meine Seele?

Der Vater sagt: „Ich habe dich mit Manna gespeist, das du nicht kanntest.“ Finden wir wieder die Erinnerung und lernen wir, das falsche Brot zu erkennen, das täuscht und korrumpiert, weil es eine Frucht des Egoismus, der Selbstgenügsamkeit und der Sünde ist.

In Kürze werden wir in der Prozession Jesus in der Realpräsenz der Eucharistie folgen. Die Hostie ist unser Manna, in welcher der Herr sich selbst für uns opfert. Ihm wenden wir uns zu voller Zuversicht: Jesus, beschütze uns vor den Versuchungen der weltlichen Speisen, die uns zu Sklaven verkommen lassen; reinige unsere Erinnerung, damit wir nicht in der Gefangenschaft des selektiven Egoismus und der Weltlichkeit bleiben, sondern eine lebendige Erinnerung deiner Präsenz in der Geschichte deines Volkes haben, eine Erinnerung, die sich an die Geste der befreienden Liebe erinnert. Amen.

(Quelle: Radio Vatikan, 19.6.2014)